Gothaer Waggonfabrik

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Firmenemblem (1912-1920)

Die Gothaer Waggonfabrik war ein bedeutendes Metallbauunternehmen für den Flugzeug- und Straßenbahnwagenbau in Gotha.

Geschichte[Bearbeiten]

1883–1918[Bearbeiten]

Die Wurzeln der Gothaer Waggonfabrik liegen in einer 1883 vom Schlosser und späteren Fabrikanten Fritz Bothmann gegründeten Schlosserei. 1892 trat der Kaufmann Louis Glück in das Unternehmen ein, die sich nun Fritz Bothmann & Glück Maschinenfabrik & Carussellbau-Anstalt bezeichnete. Ein Schwerpunkt war anfangs der Karussellbau, dann aber die Herstellung von Eisenbahnwaggons, vor allem Güterwagen. In der breiten Öffentlichkeit wurde durch die Fabrikation von Straßenbahnwagen, die 1898 begann und bis 1913 eine Stückzahl von 57 erreichte, bekannt. In diesem Jahr wurde die Rechtsform in eine Aktiengesellschaft mit dem neuen Namen Gothaer Waggonfabrik vormals Fritz Bothmann & Glück AG umgewandelt. Nach weiteren sieben Jahren schieden die Firmengründer 1905 aus. 1910 folgte dann die Umbenennung in Gothaer Waggonfabrik AG. Das Firmengelände mit einer Größe von 110.000 Quadratmetern befand sich am Gothaer Ostbahnhof. Dort arbeiteten rund 900 Beschäftigte.

Zeppelin-Luftschiffhafen[Bearbeiten]

Doppeldecker Gotha LD-5

Carl Eduard, der letzte regierende Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha, war ein begeisterter Förderer der Luftschifffahrt. 1909 veranlasste er die Planungen für einen Luftschiffhafen am Stadtrand von Gotha. Am 7. Juni 1909 wurde der Gothaer Luftfahrtverein gegründet, er organisierte den Aufbau der ersten Luftschiffhalle in der Töpflebener Flur. Der Luftschiffhafen wurde am 9. Juli 1910 mit der Eröffnung der Carl-Eduard-Luftschiffhalle feierlich eingeweiht, die auch von Militärluftschiffen genutzt werden durfte. In den Folgejahren trafen zahlreiche Luftschiffe „auf der Durchreise“ in Gotha ein.[1] Mit der Thüringer Flugwoche im Frühjahr 1911 erschienen erstmals mehrere Flugzeugpioniere in Gotha und zeigten ihr Können. Der Herzog veranlasste daraufhin in Absprache mit dem preußischen Kriegsministerium die Gründung einer Fliegerschule in Gotha. Im März 1914 befahl die Heeresverwaltung auf einem Grundstück neben der Waggonbaufabrik die Militärfliegerkaserne Gotha mit eigenem Flugplatz zu errichten, diese wurde am 18. Februar 1915 in Dienst gestellt.[2]

Zeppelin-Versuchsbau-GmbH Gotha-Ost[Bearbeiten]

Die Betriebsleitung des Zeppelinwerkes Friedrichshafen sah sich aus Platzgründen gezwungen, Bereiche ihrer Entwicklungsabteilung auszulagern. Die Wahl fiel, auch wegen des bereits vorhandenen Luftschiffhafens, auf die Gothaer Waggonbaufabrik, wo man Maschinen, Werkshallen und erfahrene Metallbauer übernehmen konnte. Die Leitung dieser Außenstelle sollte ein Mitarbeiter von Claude Dornier, der Gothaer Ingenieur Adolf Rohrbach, übernehmen, der bereits an der Konstruktion seines „Riesenflugzeugs“ arbeitete.[2]

Flugzeugbau[Bearbeiten]

Gotha G IV, strategischer Bomber

Nachdem die Bedürfnisse des Deutschen Heeres an Flugzeugen wachsen, wird 1913 eine „Abteilung Flugzeugbau“ geschaffen. Als erstes Flugzeug wird unter der Bezeichnung LE 1 ein Nachbau der Etrich Taube gefertigt. In der bereits 1912 geschaffenen eigenen Entwicklungsabteilung werden in rascher Folge eigene Entwicklungen erstellt. Der nächste Flugzeugtyp ist unter der Bezeichnung LE 2 die Gotha-Taube, die 1914 über den englischen Kanal nach Dover fliegt. Ein- und Doppeldecker zu Schulzwecken sowie Seeflugzeuge gehören anfangs zur Produktpalette. Für die Erprobung der Seeflugzeuge wird eine eigene Abteilung in Rostock-Warnemünde aufgebaut. Ab 1915 werden die Großflugzeuge Gotha G.I gebaut. Der von den Halberstädter Flugzeugwerken kommende Konstrukteur Hans Burkhard konstruiert die Typen Gotha G.II bis G.V. Die zweimotorigen Bomber aus der Residenzstadt des gebürtigen Engländers Herzog Carl Eduard werden durch ihre Einsätze gegen England als The GOTHAS (Die Gothas) bekannt und sind mit ein Grund zur 1917 erfolgten Umbenennung des in Großbritannien regierenden Königsgeschlechts derer von Coburg und Gotha in Haus Windsor. Die Gotha G.IV konnte 500 kg Bomben bei einer Reichweite von 800 km tragen und als erster Bomber Angriffe über den Ärmelkanal hinweg auf London durchführen. Das Bombenflugzeug Gotha G.V hatte mit einer Bombenlast von 1000 kg bereits eine Reichweite von 840 km. Leistungsfähigere Weiterentwicklungen des Chefkonstrukteurs und Technischen Leiters Karl Rösner, die Gotha G.VII und Gotha G.VIII (als Lizenzbau bei Siemens-Schuckert gefertigt), erreichen bis Ende des Ersten Weltkrieges 1918 eine Stückzahl von 355. Von 1913 bis 1918 steigt die Zahl der Beschäftigten in der Abteilung Flugzeugbau der Gothaer Waggonfabrik von 130 auf 1250. Gemäß Versailler Vertrag muss 1920 die Flugzeugfertigung eingestellt und demontiert werden.

Erklärung Kürzel: LE - Landeindecker, LD - Landdoppeldecker, G - Großflugzeug, WD - Wasserdoppeldecker.

Flugzeugbau im Ersten Weltkrieg
Flugzeugtyp Verwendung Gebaut Konstrukteur
LE 1 Schulflugzeug 10 Etrich,Rumpler
LE 2 Aufklärer 31 F. Böhnisch; H. Bartl
LE 3 Aufklärer 58 Karl Grulich; H. Bartl
LE 4 Aufklärer 1 Karl Rösner
LD-4 Aufklärer 20 H. Schmieder
LD-5 Kavallerieflugzeug 13 Hans Burkhard
LD-7 Aufklärer 18 H. Burkhard
G-I Fernaufklärer 18 O. Ursinus; H. Burkhard
G-II Fernaufklärer und Bomber 13 H. Burkhard
G-III Bomber 25 H. Burkhard
G-IV Bomber 52 H. Burkhard
G-V /G-Va Langstreckenbomber 145 H. Burkhard
G-Vb Langstreckenbomber 80 H. Burkhard
WD-1 Aufklärer 6 K. Rösner
WD-2 Fernaufkläer 27 K. Rösner
WD-7 Torpedo-Übungsflugzeug 8 K. Rösner; A. Klaube
WD-9 Fernkampfflugzeug (Marine) 9 K. Rösner; A. Klaube
WD-11 Torpedoflugzeug 17 K. Rösner; A. Klaube
WD-13 Aufklärer 18 K. Rösner; Hartwig
WD-14 Fernaufklärer; Minenleger; Torpedoflugzeug 66 K. Rösner; A. Klaube
Siehe auch: Gotha B-Typen

1919–1945[Bearbeiten]

Traditionszug (56/82/101), Typ T1 der Gothaer Waggonfabrik, gebaut 1929, aufgenommen Januar 2006.

Die Produktion der 1920er Jahre besteht wieder aus Güterwagen, Straßenbahnwagen (zwischen 1923 und 1944 insgesamt 152 Stück) aber auch Triebwagen und Lastwagen-Anhänger. 1921 wird das Unternehmen durch Ankauf der Fahrzeugwerke Eisenach auch Autoproduzent. Durch die Fusion mit der Cyklon Maschinenfabrik GmbH, Berlin-Tempelhof wird dieser Geschäftsbereich ausgebaut, allerdings schon 1928 müssen die beiden Werke wieder verkauft werden, um eine Zahlungsunfähigkeit abzuwenden. Die Fahrzeugfabrik Eisenach wird an die Bayerische Motoren Werke AG veräußert, die damit ihren Grundstein in der Automobilproduktion legt. Im Waggonbau werden unter anderem 1929 Wagen für die Baureihe CII der U-Bahn Berlin geliefert. Ab 1931 gehört die Gothaer Waggonfabrik AG mehrheitlich der Maschinenbaufirma Orenstein & Koppel AG in Berlin, die auch die Dessauer Waggonfabrik AG übernimmt.

Aktie von 1937

Flugzeugbau[Bearbeiten]

Nach Plänen von Albert Kalkert (1902–-1977) beginnt 1933 in Gotha im Zuge der Aufrüstung wieder der Flugzeugbau. Das Unternehmen wird in zunehmendem Maße Lizenznehmer und Zulieferbetrieb anderer Hersteller (Heinkel He 45, Messerschmitt Bf 110), aber auch eine Reihe von Eigenkonstruktionen wird entwickelt.

Eine der ersten Entwicklungen ist der Doppeldecker Gotha Go 145, ein einmotoriges Schul- und Übungsflugzeug, zum großen Teil in Holzbauweise erstellt, eine wichtige Anfängerschulmaschine der Luftwaffe, von der 1182 Exemplare gefertigt werden. Die Go 146, ein zweimotoriges Reise- und Kurierflugzeug wird ab 1935 in geringer Stückzahl gebaut.

Mustermaschinen, die in einigen Exemplaren gebaut werden, sind die Gotha Go 147, ein einmotoriges, schwanzloses Flugzeug, die Go 149, ein einmotoriger Kabineneinsitzer, die Gotha Go 150, ein zweimotoriges und zweisitziges Sport- und Reiseflugzeug, das 1939 mit 8048 m einen anerkannten Höhenrekord aufstellt sowie die Go 241, ein zweimotoriges und viersitziges Sport- und Reiseflugzeug.

Nach Kriegsbeginn 1939 werden in Gotha schwerpunktmäßig Lastensegler entwickelt und gefertigt. Dipl.-Ing. Kalkert konstruiert den Lastensegler Gotha Go 242. Dieser wird in den drei Baureihen A bis C, die sich hauptsächlich im Fahrwerk unterscheiden, mit ungefähr 1500 Exemplaren gefertigt. Die Schulterdecker, zum großen Teil in Holzbauweise erstellt, können neben zwei Mann Besatzung 23 voll ausgerüstete Soldaten transportieren. Die Gotha Go 244 ist eine Variante des Go 242 mit zwei Motoren, von der aber nur 42 Maschinen gebaut werden. Weitere Entwicklungen mit Mustermaschinen sind die Lastensegler Gotha Go 345 und Kalkert Ka 430.

1415 Zwangsarbeiter werden im Zweiten Weltkrieg in der Fabrik beschäftigt. Im Jahr 1944 wird das Werk durch einen Luftangriff zu ungefähr 80 % zerstört, trotzdem beginnt in Friedrichroda bei Kriegsende die Vorserienfertigung des revolutionären Nurflügel-Strahljägers Ho 229 (Ho IX) der Gebrüder Horten.

Bemerkung: Angegebene Produktionszahlen stammen aus unterschiedlichen Quellen und können daher differieren.

Flugzeugproduktion - Zweiter Weltkrieg
Flugzeugtyp Verwendung Gebaut Konstrukteur
Go 145 A/B Mehrzweck-Schulflugzeug 1182 A.Kalkert
Go 146 Reiseflugzeug 7 A.Kalkert
Go 150 Privat-Reiseflugzeug 201 A.Kalkert
DFS 230 Lastensegler 1477 H.Jacobs
Go 242 A/B Lastensegler 1214 A.Kalkert
Go 244 B/C motorisierter Lastensegler 169 A.Kalkert; Hünerjäger
Ka 430 Lastensegler 12 A.Kalkert
Go(Ho) 229 Nurflügel-Strahljäger 3 R.+W.Horten
He 45 Aufklärer, Bomber ? Heinkel (Lizenz)
Fw 58 Aufklärer ca. 122 Focke-Wulf (Lizenz)
Bf 110 "Zerstörer", Nachtjäger ca. 2516 Messerschmitt (Lizenz)

1946–1990[Bearbeiten]

Flugzeugbau[Bearbeiten]

Die Gothaer Waggonfabrik AG wird 1946 in eine Sowjetische Aktiengesellschaft (SAG) umgewandelt, aber nach Abschluss der Demontage bereits 1947 unter deutsche Verwaltung gestellt. 1949 erfolgt die Verstaatlichung der Gothaer Waggonfabrik AG als VEB Waggonbau Gotha, die zur Vereinigung Volkseigener Betriebe Lokomotiv- und Waggonbau (VVB LOWA) gehört. Ab 1953 werden nochmals Segelflugzeugtypen aus der Vorkriegszeit gebaut: 329 Schulgleiter vom Typ SG 38 und 68 Schul- und Übungseinsitzer vom Typ Baby IIb. Entwickelt wird auch bis 1960 das zweisitzige Schul- und Übungssegelflugzeug Go 530 (FES 530/II) „Lehrmeister“. Damit ist aber der Flugzeugbau beendet, die Produktion konzentriert sich wieder auf den Bau von Güterwagen und Straßenbahnwagen.

Eisenbahn- und Straßenbahnbau[Bearbeiten]

Straßenbahnwagen Typ T2 aus Gothaer Fabrikation, Baujahr 1938, heute im Museumsbetrieb in Erfurt
Gotha T 59E in Dresden 1998
Gotha Т-57+В-57 in Jewpatorija 2008

Nach der Auflösung der VVB LOWA 1954 ist die Waggonfabrik als einziger Straßenbahnwagenproduzent der DDR übrig und stellt unter anderem Triebwagen vom Typ Gotha und LOWA her. Unter dem Namen Gothawagen sind die dreifenstrigen zweiachsigen Wagen des Standardtyps ET 57/EB 57 und dessen Nachfolgetypen bekannt. Die Großraumwagen und Gelenkwagen mit schwebendem Mittelteil werden meist als Gotha-Großraumwagen und Gotha-Gelenkwagen bezeichnet. Nach dem Zweiten Weltkrieg werden bis zur Produktionseinstellung 1967 fast 3000 Straßenbahnwagen hergestellt. Zum Produktionsprofil gehörte dennoch weiter die Produktion von Spezial-Güterwagen z.B. für Braunkohletransporte, Kühlwagen mit und ohne eigene Kühlaggregate, Kühlcontainer. Auch eine Produktionsreihe von Straßen-Schwerlast(Tieflader)-Anhängern wurde noch bis in die 60er Jahre aufrechterhalten.

Kühlanlagen und PKW-Teile[Bearbeiten]

1967 wird das Werk in VEB Luft- und Kältetechnik Gotha umbenannt. Man baut Lüfter, Kühlanlagen und Wasseraufbereiter, ab 1983 Fahrgestelle für den Pkw Wartburg.

ab 1991[Bearbeiten]

Anhängerbau[Bearbeiten]

Nach der Wiedervereinigung 1990 und der Privatisierung begann die Zusammenarbeit mit der Schmitz Anhänger Fahrzeugbau GmbH, bis das Unternehmen schließlich 1997 von der Schmitz-Gruppe, Bereich Fahrzeugbau, vollständig übernommen wurde und seitdem als Schmitz-Gotha Fahrzeugwerke GmbH Auflieger für Lastkraftwagen fertigt. Im Geschäftsjahr 2007/2008 beschäftigte das Unternehmen rund 360 Mitarbeiter sowie 260 Leiharbeiter.

Gittermasten und Auslegerverlängerungen[Bearbeiten]

Als zweites Unternehmen wurde 1997 die Gothaer Fahrzeugtechnik GmbH abgespalten. Das Unternehmen fertigt vor allem Gittermaste und Auslegerverlängerungen für Mobil- und Raupenkräne, aber auch Mulden für Baufahrzeuge sowie Schweißbaugruppen aus hochfestem Feinkornstahl und bildet Schweißer in einer schweißtechnischen Kursstätte gemäß DVS - Richtlinien aus. Im Geschäftsjahr 2007/2008 beschäftigte die Gothaer Fahrzeugtechnik rund 400 Mitarbeiter.

Literatur[Bearbeiten]

  • Heiko Stasjulevics "Gotha, die Fliegerstadt" 2001. ISBN 3-934748-69-4
  • Schriftenreihe des URANIA Kultur und Bildungsvereins Gotha e.V. zur Firmengeschichte der Stadt Gotha Heft 13
    "Gothaer Waggonfabrik vorm. Fritz Bothmann & Glück Actien-Gesellschaft"
  • Flugzeuge der Gothaer Waggonfabrik AG, Werkschroniken Bd. 9, Luftfahrt-Verlag Walter Zuerl

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Der erste Besuch eines Luftschiffes, es war die Parsival, erfolgte am Abend des 14. November 1909. Der Anflug in einem aufziehenden Schneesturm zwang die Besatzung zur Notlandung und nachfolgenden Demontage des Fluggerätes.
  2. a b  Heiko Stasjulevics: Gotha - die Fliegerstadt. In: Gothaer Kultur- und Fremdenverkehrsbetrieb (Hrsg.): Das Gothaer Museumsheft zur Regionalgeschichte. Gotha 1992, ISSN 0863-2412, S. 64-78.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Gothaer Waggonfabrik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien