Gothiscandza

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Gothiscandza[1][2] bezeichnet laut Jordanes, einem spätantiken römisch-gotischen Gelehrten und Geschichtsschreiber des 6. Jahrhunderts, das Ursprungsgebiet der Goten. Dieses wurde in der älteren Forschung in Skandinavien lokalisiert; dagegen spricht nach neueren Erkenntnissen der mangelnde archäologische Befund für eine Einwanderung aus dem Norden. Die neuere Forschung geht von einer Ethnogenese im Weichseldelta aus.[3]

Aus dem Namen Gothiscandza soll sich nach Meinung diverser mittelalterlicher Geschichtsschreiber die späteren Bezeichnungen der Stadt Danzig ableiten, wie etwa „Gyddanyzc“[4] in der Chronik des Johannes Canaparius über den 997 erschlagenen Bischof Adalbert von Prag, der viele Preußen in Gyddanczyc taufte, aber dann als Spion verdächtigt wurde, denn er war vom Polenherzog Boleslaw I., der kurz zuvor das Gebiet der Pommern erobert hatte, zum Preußenland geschickt worden.

Die Goten sollen nach der Stammeslegende (Origo gentis) von der Insel Scandza (Skandinavien) stammen, von der sie ihr König Berig auf drei Schiffen nach 'Gothiscandza' führte, wo sie sich für fünf Generationen niederließen, nachdem sie die Rugier und Vandalen verdrängt bzw. vernichtet hatten. Sie zogen dann mit dem König Filimer zum Schwarzen Meer.

Diese Herkunftsgeschichte wird in der modernen Forschung weitgehend als unhaltbar abgelehnt. Im Gebiet der Weichselmündung bzw. der Danziger Bucht wird zwar durch die Braunswalde-Willenberg- und die Oxhöft-Kultur die Präsenz von Gruppen bestätigt, die zu den Vorläufern der Goten im 1. und 2. Jh. nach Chr. gezählt werden. Doch wird heute meistens angenommen, dass die Goten „vor Ort“ entstanden. Eine Einwanderung aus Skandinavien ist jedenfalls archäologisch nicht nachweisbar,[5] zumal heute bekannt ist, dass Jordanes oft wenig zuverlässig in seiner Schilderung war.[6] Ab 238 n. Chr. sind die Goten an der Donaumündung nachgewiesen, wo sie in das Blickfeld der römischen Geschichtsschreiber traten (Dexippos).

Literatur[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Jordanes, Getica IV/25: Ex hac igitur Scandza insula quasi officina gentium aut certe velut vagina nationum cum rege suo nomine Berig Gothi quondam memorantur egressi: qui ut primum e navibus exientes terras attigerunt, ilico nomen loci dederunt. Nam odieque illic, ut fertur, Gothiscandza vocatur. [1]
  2. Jordanes, Getica XVII/94: Abhinc ergo, ut dicebamus, post longam obsidionem accepto praemio ditatus Geta recessit ad propria. Quem cernens Gepidarum natio subito ubique vincentem praedisque ditatum, invidia ductus arma in parentibus movit. Quomodo vero Getae Gepidasque sint parentes si quaeris, paucis absolvam. Meminisse debes me in initio de Scandzae insulae gremio Gothos dixisse egressos cum Berich rege suo, tribus tantum navibus vectos ad ripam Oceani citerioris, id est Gothiscandza. [2]
  3. Artikel Goten. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). Bd 12. Berlin-New York 1998, S. 402–443, hier S. 428ff.
  4. Ipse vero (Adalbertus) adiit primo urbem Gyddanyzc, quam ducis (Poloniorum Bolizlavi) latissima regna dirimentum maris confinina tangunt. Kazimierz Lucyan Ignacy Römer: Beiträge zur Beantwortung der Frage nach der Nationalität des Nicolaus Copernicus, 1872 [3] www.archive.org PDF
  5. Art. Goten. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Bd. 12 (1998), S. 412.
  6. Arne Søby Christensen: Cassiodorus, Jordanes and the History of the Goths. Studies in a Migration Myth. Kopenhagen 2002.