Gotische Sprache

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Gotisch (*Gutiska razda)

Gesprochen in

Dakien, Oium, Gallia Narbonensis, Hispanien
Sprecher (ausgestorben)
Linguistische
Klassifikation
Offizieller Status
Amtssprache von (ausgestorben)
Sprachcodes
ISO 639-1:

-

ISO 639-2:

got

ISO 639-3:

got

Die gotische Sprache (Eigenbezeichnung: *gutiska razda) ist die einzige überlieferte ostgermanische Sprache, die von den germanischen Goten gesprochen wurde. Sie ist dank der sogenannten Silberbibel oder Wulfilabibel, dem Codex Argenteus, gleichzeitig die älteste literarisch überlieferte germanische Schriftsprache.

Das Gotische unterscheidet sich von west- und nordgermanischen Sprachen vor allem durch den Erhalt der Endung -s für den Nominativ Maskulinum Singular: gotisch dags, gasts, sunus gegenüber althochdeutsch tag, gast, sunu oder altnordisch dagr, gestr, sunr (wo sich -s in -r gewandelt hat, siehe Rhotazismus). Außerdem liefert es die einzigen Belege einiger archaischer Formen (siehe: Grammatik, Verben, Archaismen, und vgl. gotisch gasts und lateinisch hostis).

Geschichte[Bearbeiten]

Im 4. Jahrhundert übersetzte der gotische Bischof Wulfila mit einer Gruppe von Übersetzern die Bibel ins Gotische. Neben der Wulfilabibel gibt es nur wenige andere gotische Sprachzeugnisse, etwa einige Runeninschriften, die Skeireins (Bibelauslegungen), ein Bruchstück eines Kalenders und ostgotische Urkundenunterschriften aus dem 6. Jahrhundert.

Nach dem Ende der gotischen Reiche (Ostgotenreich in Italien 493–555 und Westgotenreich in Gallien und Spanien 418–711) ging auch die gotische Sprache weitgehend verloren, wobei in Spanien bereits seit dem Übertritt der gotischen Herrenschicht (nur etwa zwei bis drei Prozent der Bevölkerung waren Goten) vom Arianismus zum Katholizismus und der damit einhergehenden Vermischung der verschiedenen Volksgruppen (Romanen, Goten, Sweben, romanisierte Kelten) unter König Rekkared I. (Regierungszeit von 586 bis 601) der Gebrauch der gotischen Sprache zugunsten der frühspanischen Umgangssprache zurückging.

Nur auf der Halbinsel Krim, bei dem dort zurückgebliebenen Teil der Ostgoten, den späteren Krimgoten, konnte sich das Krimgotische von der Einwanderung Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. bis um ca. 1800 halten, bevor es endgültig von der tatarischen Sprache verdrängt wurde. Umstritten ist die Verwandtschaft der gotischen Sprache mit skandinavischen Sprachen, die in der Regel mit der in der gotischen Stammes-Sage angegebenen Herkunft aus Südschweden (siehe Scandza) in Zusammenhang gebracht werden. Immerhin gibt es auffällige Ähnlichkeiten im Wortschatz des Schwedischen (insbesondere des auf Gotland gesprochenen Dialekts Gutamål) und des Gotischen, während das Gotische in morphologischer Hinsicht interessante Ähnlichkeiten zum Althochdeutschen zeigt.

Gotische Dokumente und Sprachdenkmäler[Bearbeiten]

Nur wenige gotische Schriften haben überlebt. Leider sind es nicht genug, um die gesamte Sprache zu rekonstruieren. Die meisten gotischen Texte sind Übersetzungen oder Glossen aus anderen Sprachen (hauptsächlich aus dem Griechischen), so dass davon ausgegangen werden kann, dass fremdsprachige Elemente diese Texte beeinflusst haben. Die Primärquellen des Gotischen sind:

Der Codex Argenteus[Bearbeiten]

Der Codex Argenteus - Silberbibel - (Uppsala), einschließliche des Speyer Fragments: insgesamt 188 Blätter.

Es handelt sich um die größte Dokumentation des Gotischen in diesem Codex, die vom arianischen Bischof Ulfilas (Wulfila, 311–382) verfasst wurde. Er war Anführer einer westgotischen christlichen Gemeinde in der römischen Provinz Moesia (Mösien, dem heutigen Bulgarien/Rumänien). Er veranlasste eine Übersetzung der griechischen Bibel in die gotische Sprache. Dreiviertel des Neuen Testaments und einige Fragmente des alten Testaments sind davon erhalten.

Die Codices Ambrosianus und Taurinensis[Bearbeiten]

Der Codex Ambrosianus (Mailand) und the Codex Taurinensis (Turin): Fünf Teile, insgesamt 193 Blätter

Es handelt sich um das besterhaltene Manuskript einer Wulfilabibel aus dem 6. Jahrhundert (von den nördlichen Ostgoten überliefert) aus dem heutigen Italien. Diese Codex enthält einen langen Auszug aus den vier Evangelien. Da es sich um eine Übersetzung aus dem Griechischen handelt, ist es voller entlehnter griechischer Wörter und Ausdrücke. Die Syntax ist sehr eng an die griechische angelehnt. Der Codex Ambrosianus enthält verstreute Passagen aus dem Neuen Testament (einschließlich einiger Teile der Evangelien und Episteln), aus dem Alten Testament (Nehemiah) sowie einige Kommentare, bekannt als Skeireins. Es ist daher wahrscheinlich, dass der Text etwas von Schreibern beim Kopieren verändert wurde.

Weitere Codices[Bearbeiten]

Es handelt sich um Fragmente der Wulfilabibel.

  • Codex Gissensis (Gießen): 1 Blatt, Lukasfragment 23–24. Es wurde in Ägypten 1907 gefunden, aber durch eine Wassereinbruch

1945 zerstört.

  • Codex Carolinus (Wolfenbüttel): 4 Blätter, Fragmente der Römerbriefe 11–15.
  • Codex Vaticanus Latinus 5750: 3 Blätter, Seiten 57/58, 59/60 und 61/62 des Skeireins.

Andere Quellen[Bearbeiten]

  • Ein Sammlung unterschiedlicher alter Dokumente: Alphabete, Kalender, Glossen aus verschiedenen Manuskripten und ein paar Runeninschriften (zwischen 3 und 13), die dem Gotischen zugeordnet werden oder nahe stehen sollen. Einige Wissenschaftler bezweifeln jedoch, dass diese Inschriften Gotisch sind.[1]
  • Ein kleines Wörterbuch mit 80 Wörtern und ein Lied ohne Übersetzung, vom Flamen Ogier Ghiselin de Busbecq gesammelt, existiert ebenfalls. Er war der Habsburgische Gesandte am Hof des Ottomanischen Herrschers in Istanbul von 1555 is 1562. Er interessierte sich für Sprachen und fand zwei Sprecher des Krimgotischen und führte einige Begriffe in seiner Briefsammlung auf. Die Begriffe sind 1000 Jähre älter als die Bibel Wulfilas und repräsentieren daher nicht das Gotische. Busbecqs Material enthält viele Rätsel und seine Aufzeichnungen sind daher schwer zu interpretieren.

Lautlehre[Bearbeiten]

Das Gotische kennt fünf kurze[2] und sieben lange Vokale:[3]

  Vorne Hinten
ungerundet gerundet ungerundet gerundet
kurz lang kurz lang kurz lang kurz lang
Geschlossen <i> [i] <ei> [i:] <w> [y] 1 <w> [y:] 1     <u> [u] <u> [u:]
Halbgeschlossen   <e> [e:]           <o> [o:]
Halboffen <ai> [ɛ] 2 <ai> [ɛ:]         <au> [ɔ] 2 <au> [ɔ:]
Offen         <a> [a] <a> [a:] 3    
  • 1 Nur = υ, οι in griechischen Lehnwörtern (swnagoge = συναγωγή, Lwstrws = Λύστροις).
  • 2 Vor /r, h, ʍ/ (taíhun „Zehn“, waúrd „Wort“),[4] in der Reduplikationssilbe (saíslep „schlief“)[5] und in griechischen und lateinischen Lehnwörtern (apaústaúlus = ἀπόστολος, laíktjo = lectio).
  • 3 Nur aus Ersatzdehnung (brāhta < *branhtē „brachte“).

Von den germanischen Diphthongen ist nur noch [iu] <iu> erhalten. Einige Forscher nehmen an, dass die germanischen Diphthonge ai und au in Wulfilas Sprache immer noch als [ai] bzw. [au] ausgesprochen wurden; eine andere Ansicht ist, dass sie monophthongiert worden waren. In den gotischen Namen schreiben die lateinischen Schriftsteller dafür einen Monophthong ab dem 4. Jahrhundert (Austrogoti > Ostrogoti). Allerdings schreibt die Historia Augusta (ca. 360(?), also wahrscheinlich zur Zeit Wulfilas) Austrogothi; die o für au sind alle jünger. Ob noch im 6. Jahrhundert bei Jordanes Gapt, dessen p vielleicht wie [w] ausgesprochen wurde, für Gaut stehen könnte, ist ungewiss. Auch ai ist zumindest bis 400 erhalten (Gainas, Radagaisus). Der Ring von Pietroassa hat hailag. Das während der Wandalenherrschaft in Afrika, also ca. 430–530, entstandene Gedicht De conviviis barbaris der Anthologia Latina hat eils, also ebenfalls Diphthong. Die Wiedergabe griechischer Wörter im Bibelgotisch spricht hingegen für eine monophthongische Aussprache (z. B. Pawlus); e und o sind also immer lang, auch wenn sie nicht durch Akzente gekennzeichnet sind. Langes „i“ wird durch ei dargestellt.

Die Konsonanten sind:

  Labiale Dentale Alveolare Palatale Velare Labiovelare Laryngale
stimmlos stimmhaft stimmlos stimmhaft stimmlos stimmhaft stimmlos stimmhaft stimmlos stimmhaft stimmlos stimmhaft stimmlos
Verschlusslaute <p> [p⁽ʰ⁾]
<b> [b̥] 1
 
<b> [b] 2
  <t> [t⁽ʰ⁾]
<d> [d̥] 1
 
<d> [d] 2
   
?<ddj> [ɟ] 3
<k> [k⁽ʰ⁾]
<g> [g̊] 1
 
<g> [g] 2
<q> [kʷ⁽ʰ⁾]
<g> [g̊ʷ] 1
 
<gw> [gʷ] 3,4,5
 
Reibelaute <f> [ɸ, f] <b> [β] 3 <þ> [θ] <d> [ð] 3 <s> [s] <z> [z] 3   <g> [x] 4
<h> [x] 5
<g> [ɣ] 3    
Approximanten         <j> [j]   <ƕ> [ʍ] <w> [w] <h> [h]
Nasale <m> [m]   <n> [n]   <g, n> [ŋ] 6    
Laterale     <l> [l]        
Vibranten     <r> [r]        
  • 1 Im Auslaut nach einem Nasal.
  • 2 Im Anlaut und nach einem Nasal.
  • 3 Im Inlaut.
  • 4 Im Auslaut oder vor einem stimmlosen Konsonanten.
  • 5 Vor einem Konsonanten.
  • 6 Vor velaren Okklusiven.

Lautlich (phonologisch) hat sich vom Urgermanischen zum Gotischen weniger verändert als zu den übrigen altgermanischen Sprachen. Dies hängt sehr wahrscheinlich auch damit zusammen, dass die Überlieferung des Gotischen – mit Ausnahme der altnordischen Runeninschriften – fast dreihundert Jahre vor der Überlieferung der anderen germanischen Sprachen einsetzt.

Die folgenden Lautgesetze werden angewandt:

  • germ. e > got. i (auch im Diphthong eu > iu)
  • i und u werden vor r, h, ƕ zu [ɛ] bzw. [ɔ] geöffnet.
  • Auslautverhärtung: b, d, g, z werden im absoluten Auslaut und vor s zu f, þ, h (g), s
  • Verschärfung: ww, jj > ggw (triggws „treu“), ddj (-waddjus „Wand“)

Grammatik[Bearbeiten]

Hauptartikel: Gotische Grammatik

Im Gotischen gibt es dieselben vier Fälle (Kasus) wie im Deutschen: Nominativ zur Bezeichnung des Subjektes, Genitiv, Dativ und Akkusativ zur Bezeichnung des direkten Objektes (vgl. Patiens). Ein Instrumental ist (anders als im Althochdeutschen) nur bei einigen Pronomen erhalten. In den Substantivklassen, die im Nominativ Singular die Endung -s haben, ist der Vokativ identisch mit dem Akkusativ.
Darüber hinaus existieren zwei Zeiten (Tempora) (Vergangenheit und Nicht-Vergangenheit) und drei Numeri (Singular, Dual, Plural). Der Dual existiert nur bei Personalpronomina und Verben.

Personalpronomen[Bearbeiten]

Die Deklination der Personalpronomina im Gotischen:

Numerus Person Genus Nominativ Akkusativ Genitiv Dativ
Singular 1.   ik mik meina mis
2.   þu þuk þeina þus
3. Maskulinum is ina ize imma
Femininum si ija izos izái
Neutrum ita ita is imma
Dual 1.   wit ugkis *ugkara ugkis
2.   *jut igqis igqara igqis
Plural 1.   weis uns (unsis) unsara unsis (uns)
2.   jus izwis izwara izwis
3. Maskulinum eis ins ize im
Femininum ijos ijos izo im
Neutrum ija ija ize im

Der Stern (*) bezeichnet erschlossene, nicht belegte Formen.

Syntax[Bearbeiten]

In der Bibelübersetzung ist die Satzstellung häufig an das griechische Vorbild angeglichen, was zeigt, dass die Satzstellung offenbar keinen allzu festen Regeln unterworfen war wie etwa im Englischen. Wie in allen germanischen Sprachen werden die Elemente, die als (Adjektiv-)Attribut fungieren, vorangestellt: sa alþa wulfs „der alte Wolf“. Der bestimmte Artikel sa, sô, þata ist noch nicht (wie im Altgriechischen) zum bloßen Formwort degradiert, einen unbestimmten Artikel gibt es nicht. Das Personalpronomen als Subjekt ist nicht immer obligatorisch. Entscheidungsfragen können durch die (enklitische) Partikel -u gebildet werden: niu qimis þu? „kommst du nicht?“; wird eine Verneinung als Antwort erwartet, benutzt man ibai: ibai qimis „du kommst nicht, oder?“.

Substantive[Bearbeiten]

Gotische Substantive lassen sich in etwa ein Dutzend verschiedener Klassen einteilen, von denen die meisten im Neuhochdeutschen nicht mehr existieren. Ein Deklinationsbeispiel anhand des Substantives sunus „Sohn“ (u-Stamm):

            Singular     Plural               Singular          Plural
 Nominativ  sunus        sunjus               „(der) Sohn – (die) Söhne“
 Genitiv    sunaus       suniwê               „(des) Sohnes – (der) Söhne“
 Dativ      sunau        sunum                „(dem) Sohne – (den) Söhnen“
 Akkusativ  sunu         sununs               „(den) Sohn – (die) Söhne“
 Vokativ    sun(a)u!     (sunjus!)            „(oh) Sohn! – (ihr) Söhne!“

Die gotischen Substantivklassen („Stämme“)[Bearbeiten]

 Klasse         Unterteilungen         Geschlecht            Beispiel
 
   Vokalische Stämme:
 a-Klasse       a, ja, wa              Maskulin, Neutrum     dags „Tag“, hlaifs „Brot“
 ô-Klasse       ô, jô, wô              Feminin               giba „Gabe“
 i-Klasse       –                      Maskulin, Feminin     gasts „Gast“
 u-Klasse       –                      alle                  sunus „Sohn“
 
   Konsonantische Stämme:
 n-Klasse       an-Stämme              Maskulin, Neutrum     hraba „Rabe“ (m.), hairtô „Herz“ (n.)
                ôn-Stämme              Feminin               tungo „Zunge“
                în-Stämme              Feminin               managei „Menge“
 r-Klasse       –                      Maskulin, Feminin     broþar „Bruder“
 nd-Klasse      –                      alle                  nasjands „Retter“
 Wurzelflektierende Stämme             alle                  baurgs „Burg, Stadt“

Die Deklination der einzelnen Klassen ist weder einheitlich noch frei von Unregelmäßigkeiten, zusätzlich gibt es noch Unterklassen (z. B. die ja- und wa-Stämme) – einige Klassen umfassen sogar nur eine Handvoll Substantive (z. B. gibt es nur einen neutralen u-Stamm: faihu „das Vieh“). Deshalb wird hier nur die Deklination der regelmäßigen Substantive in den häufigsten Klassen beschrieben (von oben nach unten: Nominativ – Genitiv – Dativ – Akkusativ, links Singular, rechts Plural):

 a-Stämme                o-Stämme               i-Stämme                an-Stämme maskulin
 
 hlaifs *   hlaibos      giba      gibos        gasts*      gasteis     hraba     hrabans
 hlaibis    hlaibe       gibos     gibo         gastis      gaste       hrabins   hrabane
 hlaiba     hlaibam      gibai     gibom        gasta       gastim      hrabin    hrabam
 hlaif *    hlaibans     (= Nominativ)          gast*       gastins     hraban    (= Nominativ)
 
 * Vor -s und am Wortende tritt „Auslautverhärtung“ ein: b>f, d>þ, g>h.
 
 „Brot“     „Brote“      „Gabe“    „Gaben“      „Gast“      „Gäste“     „Rabe“    „Raben“

Verben[Bearbeiten]

Fast alle gotischen Verben werden nach dem urindogermanischen Prinzip der sogenannten „thematischen“ Konjugation flektiert, das heißt, sie setzen einen sogenannten Themavokal zwischen Wurzel und Flexionssuffix ein. Die für das Indogermanische rekonstruierten Themavokale sind *e und *o, im Gotischen sind sie weiterentwickelt zu i und u. Die andere, „athematische“ Konjugation, bei der Suffixe direkt an die Wurzel angefügt werden, existiert im Gotischen nur noch beim Verb wisan „sein“ sowie bei einigen Klassen der schwach deklinierten Verben (z. B. behält das Verb salbôn „salben“ seinen Stamm salbô- stets unverändert bei, es treten keine Themavokale hinzu wie z. B. bei baíran (s. u.)). Das athematische Verb wisan zeigt im Indikativ Präsens wie in allen indogermanischen Sprachen viele Unregelmäßigkeiten aufgrund des Wechsels von Normal- und Schwundstufe:

Präsens Indikativ: ik im, þu is, is ist; wis si(j)um, jus si(j)uþ, eis sind

Wie in allen germanischen Sprachen gibt es zwei Gruppen von Verben, die als „stark“ bzw. „schwach“ bezeichnet werden. Schwache Verben bilden das Präteritum durch das Suffix -da/-ta, starke durch Ablaut:

schwach: salbôn – salbôda – salbôdedun – salboþs, „salben – ich/er salbte – sie salbten – gesalbt“
stark: qiman – qam – qemun – qumans, „kommen – ich/er kam – sie kamen – gekommen“

Archaismen[Bearbeiten]

Das Gotische hat einige archaische Elemente aus urindogermanischer Zeit bewahrt: Zum einen zwei Dualformen („wir beide“ und „ihr beide“), zum anderen ein synthetisches (Medio-)Passiv im Präsens:

Dual Indikativ:
baíros „wir beide tragen“, sôkjôs „wir beide suchen“
báirats „ihr beide tragt“, sôkjats „ihr beide sucht“
Dual Optativ:
baíraiwa „wir beide trügen“, salbôwa „wir beide salbten“
baíraits „ihr beide traget“, salbôts „ihr beide salbet“
Dual Imperativ:
baírats! „ihr beide sollt tragen!“, salbôts! „ihr beide sollt salben!“
Dual Präteritum:
Indikativ: bêru, bêruts / salbôdêdu, salbôdêduts
Optativ: bêrweiwa, bereits / salbôdeiwa, salbôdeits
Passiv Indikativ:
1. und 3. Person Singular: baírada / salbôda „werde|wird getragen / gesalbt“
2. Person Singular: baíraza / salbôza „wirst getragen / gesalbt“
im ganzen Plural: baíranda / salbônda „werden|werdet getragen / gesalbt“
Passiv Optativ:
1. und 3. Person Singular: baíraidau / habaidau „würde getragen / gehabt“
2. Person Singular: baíraidau / habaizau „werdest getragen / gehabt“
im ganzen Plural: baíraindau / habaindau „werden|werdet getragen / gehabt“

Anmerkungen: Die ich-Form ist im Passiv durch die 3. Person Singular ersetzt worden. Im Plural ersetzt die 3. Person die wir- und ihr-Form. Im Folgenden wird auf die Dual- und Passivformen nicht weiter eingegangen.

Starke Verben[Bearbeiten]

Präsens Indikativ:
baíra, baíris, baíriþ; baíram, baíriþ, baírand
Präsens Optativ:
baírau, baírais, baírai; baíraima, baíraiþ, baíraina
Präsens Imperativ:
-, baír!, baíradau!; (baíram!), (baíriþ!), baírandau!
Präteritum Indikativ:
bar, bart, bar; bêrum, bêruþ, bêrun
Präteritum Optativ:
bêrjau, bêreis, bêri; bêreima, bêreiþ, bêreina
Infinitiv:
baíran „tragen“
Partizip Präsens:
baírands „tragend“
Partizip Perfekt Passiv:
baúrans „getragen“

Schwache Verben[Bearbeiten]

Die schwachen Verben werden in vier Gruppen eingeteilt, getrennt durch den Themavokal:

Gruppe 1a: nasjan „retten“ (kurze Wurzelsilbe)
Gruppe 1b: sôkjan „suchen“ (lange Wurzelsilbe)
Gruppe 2: salbôn „salben“ (ô-Klasse)
Gruppe 3: haban „haben“ (ei-Klasse)
Gruppe 4: fullnan „voll werden“ (na-Klasse)
Präsens Indikativ:
nasja, nasjis, nasjiþ; nasjam, nasjiþ, nasjand
Präsens Optativ:
nasjau, nasjais, nasjai; nasjaima, nasjaiþ, nasjaina
Präsens Imperativ:
-, nasei!, nasjadau!; (nasjam!), (nasjiþ), nasjandau!
Präteritum Indikativ:
nasida, nasidês, nasida; nasidêdum, nasidêduþ, nasidêdun
Präteritum Optativ:
nasidêdjau, nasidêdeis, nasidêdi; nasidêdeima, nasidêdeiþ, nasidêdeina
Partizip Präsens:
nasjands „rettend“
Partizip Perfekt Passiv:
nasiþs „gerettet“
Gruppe 1b hat ei statt ji: sôkeis „suchst“, sôkida „suchte“
Gruppe 2 hat immer ô: salbô „salbe“, salbôda „salbte“
Gruppe 4 geht wie Gruppe 1a: fullna „werde voll“, fulln! „werde voll!“, aber Präteritum: fullnô-da „wurde voll“
Gruppe 3 hat:
  • ai statt ji: habais „hast“, habaiþ „hat/habt“,
  • ai statt jai: habai „(er) habe“
  • ai statt ei: habai! „habe!“
  • ai statt i: habaîda „hatte“
  • sonst a(u): haba; habam – habau; habaima – habandau!

Sprachbeispiel[Bearbeiten]

Gotisch:

  • Atta unsar, þu in himinam, weihnai namo þein. Qimai þiudinassus þeins. Waírþai wilja þeins, swe in himina jah ana aírþai.
    Hlaif unsarana þana sinteinan gif uns himma daga. Jah aflet uns þatei skulans sijaima, swaswe jah weis afletam þaim skulam unsaraim. Jah ni briggais uns in fraistubnjai, ak lausei uns af þamma ubilin.
    Unte þeina ist þiudangardi jah mahts jah wulþus in aiwins.

Wörtliche Übersetzung:

  • Vater unser, du in {den} Himmeln, erweihe {sich der} Name dein. Komme [König-]Reich dein. Werde Wille dein, wie in {dem} Himmel und auf Erden.
    Laib unseren den täglichen gib uns {an} diesem Tage. Und ablass uns, dass {wir} Schuldner seien, so-wie auch wir ablassen den Schuldnern unseren. Und nicht bringest uns in Versuchung, sondern löse uns ab dem Üblen.
    Denn dein ist {das} [König-]Reich und {die} Macht und {die} Herrlichkeit in Ewigkeiten.
    Aussprache:   þ  wie englisches stimmloses th,
                  h  vor Konsonant/am Wortende wie „ch“ in ‚ach‘,
                  ai wie langes, offenes „ä“
                  ei wie langes, geschlossenes „i“,
                  au wie langes, offenes „o“,
                  iu etwa wie „iw“

Siehe auch: Codex Argenteus, Gotisches Alphabet, Wulfilabibel

Literatur[Bearbeiten]

  • Wilhelm Braune (Begr.), Frank Heidermanns (Bearb.): Gotische Grammatik. (= Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. Hauptreihe A, Bd. 1). 20. Auflage. Max Niemeyer, Tübingen 2004, ISBN 3-484-10852-5, ISBN 3-484-10850-9.
  • Fausto Cercignani: The Development of the Gothic Short/Lax Subsystem. In: Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung, 93/2, 1979, S. 272–278.
  • Fausto Cercignani: The Reduplicating Syllable and Internal Open Juncture in Gothic. In: Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung, 93/1, 1979, S. 126–132.
  • Fausto Cercignani: The Enfants Terribles of Gothic “Breaking”: hiri, aiþþau, etc. In: The Journal of Indo-European Studies, 12/3-4, 1984, S. 315–344.
  • Fausto Cercignani: The Development of the Gothic Vocalic System. In: Germanic Dialects: Linguistic and Philological Investigations, edited by Bela Brogyanyi and Thomas Krömmelbein, Benjamins, Amsterdam/Philadelphia 1986, S. 121–151.
  • Wolfram Euler, Konrad Badenheuer: Sprache und Herkunft der Germanen – Abriss des Protogermanischen vor der Ersten Lautverschiebung. London/Hamburg 2009, ISBN 978-3-9812110-1-6 (244 S.).
  • Ernst Kieckers: Handbuch der vergleichenden gotischen Grammatik. 2. Aufl., Max Hueber, München 1960.
  • Wolfgang Krause: Handbuch des Gotischen. München 1968.
  • Geoffrey Kovari: Studien zum germanischen Artikel. Entstehung und Verwendung des Artikels im Gotischen. Wiener Arbeiten zur germanischen Altertumskunde und Philologie 26, zugleich: Dissertation, Universität Wien. Halosar, Wien 1984 (224 S.) [Geoffrey Kovari ist der damalige Adoptivname für Gottfried Fischer].
  • Fernand Mossé: Manuel de la langue gotique. Paris 1942.
  • Christian Tobias Petersen: Gotica Minora. (urspr. Hanau) 2001 u. ö.
  • Ernst Schulze: Gothisches Wörterbuch nebst Flexionslehere. Züllichau 1867 (Digitalisat)
  • Wilhelm Streitberg: Gotisches Elementarbuch. Heidelberg 1900 u. ö.
  • Wilhelm Streitberg: Band 1: Der gotische Text und seine griechische Vorlage, mit Einleitung, Lesarten und Quellennachweisen sowie den kleineren Denkmälern als Anhang, mit einem Nachtrag von Piergiuseppe Scardigli. 7. Auflage. Band 2: Gotisch-Griechisch-Deutsches Wörterbuch (um zwei neue Wörter ergänzt von Piergiuseppe Scardigli). 6. Auflage. Heidelberg 2000, ISBN 3-8253-0745-X, ISBN 3-8253-0746-8.
  • Elfriede Stutz: Gotische Literaturdenkmäler. Stuttgart 1966.
  • Joseph Wright: Grammar of the Gothic Language. 2. Auflage. Clarendon Press, Oxford 1958.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikipedia auf Gotisch
 Wikibooks: Gotisch – Lern- und Lehrmaterialien
 Wikisource: Gotische Sprache – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Braune/Ebbinghaus, Gotische Grammatik, Tübingen 1981
  2. Über die kurzen Vokale siehe auch Fausto Cercignani: The Development of the Gothic Short/Lax Subsystem. In Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung, 93/2, 1979, S. 272–278.
  3. Siehe auch Fausto Cercignani: The Development of the Gothic Vocalic System. In Germanic Dialects: Linguistic and Philological Investigations, hrsg. von Bela Brogyanyi und Thomas Krömmelbein, Benjamins, Amsterdam/Philadelphia 1986, S. 121–151.
  4. Siehe auch Fausto Cercignani: The Enfants Terribles of Gothic “Breaking”: hiri, aiþþau, etc. In: The Journal of Indo-European Studies, 12/3–4, 1984, S. 315–344.
  5. Siehe auch Fausto Cercignani: The Reduplicating Syllable and Internal Open Juncture in Gothic. In Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung, 93/1, 1979, S. 126–132.