Gottesdienst und Praxis der Zeugen Jehovas

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Zusammenkünfte[Bearbeiten]

Schriftzug an der Fassade eines Königreichssaals der Zeugen Jehovas
Königreichssaal in Bochum-Weitmar (2007)
Zusammenkunft in einem Königreichssaal

Die Zusammenkünfte finden meist in eigenen Versammlungsstätten statt, die Königreichssaal genannt werden.

In den Zusammenkünften werden auf Grundlage der Bibel Ansprachen gehalten, deren Rahmen meist vorgegeben ist, Situationen aus dem Predigtdienst demonstriert, Interviews geführt und der Lehrstoff anhand von Fragen und Antworten gemeinsam besprochen. Zu Beginn und zum Abschluss der Zusammenkünfte und zwischen den zwei 30- bis 60-minütigen Programmteilen wird jeweils ein Lied gesungen. Am Anfang und am Ende wird gemeinsam gebetet.

Es finden wöchentlich fünf Zusammenkünfte an zwei Tagen statt, die insgesamt 3½ Stunden dauern (davon 30 Minuten Lied und Gebet).

  • Erster Tag:
  1. das „Versammlungsbibelstudium“ (30 Min.), bei dem eine Veröffentlichung von Jehovas Zeugen (ein Buch oder eine Broschüre) fortlaufend gemeinsam besprochen wird,
  2. die „Theokratische Predigtdienstschule“ (30 Min.), in der das Predigen in kurzen Ansprachen (5 bis 10 Minuten) und Rollenspielen geübt wird,
  3. die „Dienstzusammenkunft“ (30 Min.), in der verschiedene Aspekte des Predigtdienstes praxisbezogen behandelt werden.
  • Zweiter Tag:
  1. die „Zusammenkunft für die Öffentlichkeit“ (30 Min.), in der eine Ansprache (wöchentlich abwechselnde Redner aus benachbarten Versammlungen) erfolgt, in der die Glaubensansichten der Zeugen Jehovas speziell für Außenstehende verständlich dargelegt werden und
  2. das „Wachtturm-Studium“ (60 Min.), bei dem eine Lesung der Studienartikel aus der gleichnamigen Zeitschrift erfolgt und in Frage- und Antwort-Form mit Beteiligung der Anwesenden besprochen wird.

Zusätzlich wird die „Zusammenkunft für den Predigtdienst“ (15 Min.) wöchentlich, je nach Versammlung mitunter mehrmals abgehalten. Ihr Zweck besteht in der Vorbereitung für den anschließenden Predigtdienst der Anwesenden.

Die Zusammenkünfte werden von männlichen Zeugen Jehovas geleitet, da nur diese die Funktion eines Ältesten (siehe Organisation) übernehmen dürfen (1 Kor 14,33–40 ELB; 1 Tim 2,12 ELB). An bestimmten Programmteilen auf der Bühne sind auch Frauen beteiligt, nicht jedoch an der Vortragstätigkeit im Rahmen dieser Zusammenkünfte.

Dreimal im Jahr finden größere Tagungen statt, die abweichend zur Regel als „Kongresse“ bezeichnet werden:

  • eintägige Tagessonderkongresse mit üblichen Anwesendenzahlen von 500 bis 2000.
  • zweitägige Kreiskongresse ebenfalls mit üblichen Anwesendenzahlen von 500 bis 2000.
  • drei- oder viertägige Bezirkskongresse mit Anwesendenzahlen von mehreren Tausend bis zu einigen Zehntausend Besuchern. In unbestimmten Abständen werden diese Bezirkskongresse als internationale Sonderkongresse abgehalten, an denen bis zu mehrere tausend Delegierte aus verschiedenen Ländern teilnehmen, die das Programm dann in ihrer Landessprache verfolgen können.

Ein- und zweitägige Veranstaltungen finden normalerweise in eigenen, speziell hierfür erbauten Kongresssälen statt, dreitägige Kongresse meist in Fußballstadien oder Sporthallen.

Taufe[Bearbeiten]

Zeugen Jehovas praktizieren die Gläubigentaufe, ohne dafür eine Altersgrenze festzulegen, da die persönliche Entscheidung des Einzelnen vorausgesetzt wird. Der Religionssoziologe Rodney Stark und Prof. Laurence R. Iannaccone stellten fest, das sich nur relativ wenige unter 16-Jährige als Verkündiger qualifizieren. Der Stand als Verkündiger geht in der Regel der eigentlichen Taufe voraus.[1][2][3][4]

Damit jemand als Taufanwärter zugelassen wird, muss er bereits als „ungetaufter Verkündiger“ regelmäßig am Missionierungswerk teilgenommen haben, was seinerseits unter anderem erfordert, dass er bereits vorher sein Leben gemäß der Lehre der Zeugen Jehovas ausrichtet. Äußert ein ungetaufter Verkündiger den Wunsch, sich taufen zu lassen, werden mit ihm Gespräche geführt, die belegen sollen, dass ein ausreichendes Verständnis der Lehre sowie grundlegende Bibelkenntnis vorhanden ist, seine Bewerbung auf den eigenen freien Willen gegründet ist und er sich der Tragweite dieses Schrittes bewusst ist.[5]

Vor der eigentlichen Taufe werden öffentlich zwei Fragen gestellt, die jeder Taufanwärter mit „Ja“ beantworten muss, wenn er getauft werden möchte:

  1. Hast du auf der Grundlage des Opfers Jesu Christi deine Sünden bereut und dich Jehova hingegeben, um seinen Willen zu tun?
  2. Bist du dir darüber im klaren, dass du dich durch deine Hingabe und Taufe als ein Zeuge Jehovas zu erkennen gibst, der mit der vom Geist geleiteten Organisation Gottes verbunden ist?

Die Täuflinge werden vollständig im Wasser untergetaucht. Die Taufen werden üblicherweise bei größeren gottesdienstlichen Veranstaltungen wie bei den sogenannten „Kongressen“ vollzogen, wozu in der Vergangenheit auch öffentliche Bäder angemietet wurden. Während der Taufe wird keine Taufformel gesprochen. Daher erkennen andere christliche Konfessionen die Gültigkeit dieser Taufen nicht an. Umgekehrt erkennen die Zeugen Jehovas die Taufe anderer christlicher Richtungen ebenso nicht an.

Abendmahl[Bearbeiten]

Die einzige religiöse Feier der Zeugen Jehovas ist das Abendmahl des Herrn, das auch Gedächtnismahl oder Feier zum Gedenken an den Tod Christi genannt wird. Dieses Fest wird am 14. Nisan nach Sonnenuntergang begangen. Bei der Festsetzung des Tages dieser Feier orientieren sich Zeugen Jehovas am jüdischen Mondkalender, wie er ihrer Meinung nach in biblischer Zeit in Verwendung war, so dass der Tag der Abendmahlsfeier im heute fast überall gebräuchlichen gregorianischen Kalender kein festes Datum hat. 2011 fiel der Tag des Abendmahls auf den 17. April, 2012 fiel er auf den 5. April nach Sonnenuntergang.

Während der Feier wird eine Ansprache gehalten, die Sinn und Nutzen von Jesu Tod erklären soll. Danach werden die Symbole für das Blut und den Körper Jesu Christi (Rotwein und ungesäuertes Brot) durch die Reihen, von Anwesendem zu Anwesendem gereicht. Es ist jedem Anwesenden freigestellt, etwas von diesen Symbolen zu sich zu nehmen. Von dieser Möglichkeit machen weltweit jedoch nur wenige Gebrauch. Sie zeigen damit öffentlich an, dass sie sich zu der in der Offenbarung des Johannes erwähnten Gruppe von 144.000 Menschen (Offb 7,4 ELB) rechnen, welche nach Auslegung der Zeugen Jehovas dazu auserwählt ist, während der Millenniumsherrschaft als Mitregenten Jesu zu wirken (siehe auch: Zeugen Jehovas: Ewiges Leben). Nach Ansicht der Zeugen Jehovas würden die Mitglieder dieser Gruppe von 144.000 Menschen, der sogenannten „Klasse der Geistgesalbten“ mit „himmlischer Hoffnung“, seit den Ereignissen beim Pfingstfest im Jahr 33 (Apg 2,1–4 ELB) bis heute nach und nach berufen werden. Da die Mitgliederzahl der 144.000 Auserwählten von den Zeugen Jehovas als nahezu vollständig angesehen wird, gibt es heute in den meisten Versammlungen keine Teilnehmer am Abendmahl mehr.[Siehe 1]

Bei der Abendmahlfeier anwesende Personen, die nicht von den Symbolen (Wein und ungesäuertes Brot) nehmen, werden von den Zeugen Jehovas allgemein als Beobachter bezeichnet. Durch ihre lediglich beobachtende Anwesenheit am Abendmahl zeigen sie an, dass sie die Hoffnung auf irdisches Leben unter der Regierung Christi haben.

Evangelisation und Mission[Bearbeiten]

Darstellung eines Bibelkurses, von Jehovas Zeugen als „Heimbibelstudium“ bezeichnet

Besonders fallen Jehovas Zeugen durch ihre Evangelisation auf, die sie als Predigtdienst oder Predigtwerk (früher auch als „Felddienst“) bezeichnen. Dieses begründen sie hauptsächlich dadurch, dass es Jesus in Mt 28,19–20 ELB geboten habe, zudem seien sie dadurch an der Erfüllung der Prophezeiung aus Mt 24,14 ELB beteiligt. Außerdem habe sich Jesus Christus und alle seine Apostel ebenso durch ihr Predigen „von Haus zu Haus“ ausgezeichnet und man ahme dieses Beispiel nach.

Von jedem Zeugen Jehovas wird erwartet, mit anderen Menschen über seinen Glauben zu sprechen und über seine Tätigkeit monatlich einen sogenannten Predigtdienstbericht anzufertigen, der zum Sekretär der Versammlung gelangt. Die darin gemachten Angaben werden als vertraulich geführt. Bei den Zusammenkünften eingeübte Gesprächssituationen und Broschüren, die Gesprächseinleitungen und Antworten auf mögliche Einwände der aufgesuchten Menschen bieten, sollen die Zeugen Jehovas bei ihrem Predigtwerk unterstützen.

Jehovas Zeugen sprechen Menschen an Haustüren oder auf öffentlichen Plätzen an und hinterlassen bei Interesse kostenfrei Zeitschriften, Broschüren, Traktate oder bei besonderem Interesse Bücher und Bibeln. Die verschiedenen Publikationen der Zeugen Jehovas werden nach ihren eigenen Angaben derzeit in bis zu 540 Sprachen übersetzt.[6] Bei einem solchen Missionsgespräch besteht auch die Möglichkeit, dem Werk der Zeugen Jehovas Geld zu spenden. Vor 1991 gaben Zeugen Jehovas das Schrifttum für ihren missionarischen Einsatz zum Selbstkostenpreis weiter.

Stark und Iannaccone haben errechnet, dass etwa 3330 Stunden Predigtdienst nötig sind, um eine Bekehrung zu produzieren. Dabei sind die für die Zeugen Jehovas typischen “Cold Calls“ an der Haustür in den seltensten Fällen erfolgreich. Sie können aber zu Fortsetzungsgesprächen und zum Aufbau einer persönlichen Beziehung führen, die die Gelingensbedingung für eine Bekehrung ist.[7] Der britische Religionssoziologe James A. Beckford fand heraus, dass die meisten Neubekehrten in Großbritannien über ein Familienmitglied, einen Freund oder einen Arbeitskollegen zu den Zeugen Jehovas fanden.[8]

Ein durchschnittlicher aktiver Zeuge Jehovas investiert pro Monat etwa 17 Stunden seiner Freizeit in die Missionstätigkeit. Hinzu kommen noch mehrere Stunden pro Woche für Schulungen, Gottesdienste und freiwillige Arbeiten in der Gemeinde, da sämtliche Putz-, Küster- und Reparaturarbeiten in den Königreichsälen ehrenamtlich von den Mitgliedern erledigt werden.[9]

Seit einigen Jahren werden auch vermehrt Sonderaktionen durchgeführt, um Einladungen zu den jährlichen Kongressen und dem Gedächtnismahl sowie Traktate mit religiösem Inhalt zu verteilen. Zusätzlich zu diesen Sonderaktionen werden auch national begrenzte Sonderaktionen mit Flugblättern (eigene Bezeichnung: „Traktate“) durchgeführt. In diesen Traktaten wird gegebenenfalls auch auf staatliche Bemühungen aufmerksam gemacht, welche die Religionsfreiheit und Religionsausübung einschränken. Solche Sonderaktionen gab es in der Vergangenheit unter anderem in Russland, aber auch schon in Frankreich und Österreich.

Zeugen Jehovas betreiben seit 1943 auch ein weltweites Missionarswerk, zu dem sie jährlich unter anderem in den USA Missionare in der „Gileadschule“ ausbilden. Missionare setzen 130 bis 140 Stunden im Monat für das Predigtwerk ein und führen das Predigtwerk in anderen Ländern durch, wo ein Bedarf an Verkündigern besteht.

Sonderpioniere haben ein Stundenziel von 130 bis 140 Stunden im Monat und dienen im Inland in Versammlungen, wo ein Bedarf für Verkündiger besteht. Glaubensbrüder, die Sonderpioniere sind, können zu „Reisenden Aufsehern“ ausgebildet werden. Diese bereisen nach einem festgelegten Plan einen Kreis, der allgemein 20 Versammlungen umfasst, und bilden das Verbindungsglied zwischen den örtlichen Ältestenschaften und dem Organisationsbüro des jeweiligen Landes.

Die Bethelmitarbeiter arbeiten in Vollzeit für den Orden der Sondervollzeitdiener. Durch ihr Vollzeitengagement wird ihnen kein Stundenziel zugewiesen, da sie auch Aufgaben für die Gemeinden wahrnehmen. Missionare, Sonderpioniere sowie die Bethel-Mitarbeiter werden kostenfrei verpflegt und erhalten für persönliche Bedürfnisse ein Taschengeld.

Behandlung von Verstößen gegen Glaubens- und Verhaltensmaßstäben[Bearbeiten]

Bei Jehovas Zeugen wird die Exkommunikation als „Gemeinschaftsentzug“ bezeichnet und soll als Meidung praktiziert werden. Nach ihrer Ansicht belegen unter anderem die Bibeltexte aus 1 Kor 5,11-13 ELB und 2 Joh 1,8-11 ELB, dass der Gemeinschaftsentzug schon bei den Urchristen üblich war. Diese Sanktion trifft Mitglieder, die die Wachtturm-Gesellschaft nicht loyal als Autorität anerkennen und dies öffentlich kundtun (Abtrünnigkeit) oder sich eines schweren Fehlverhaltens gegen die Verhaltensgrundsätze der Zeugen Jehovas schuldig gemacht haben und reuelos dieses Fehlverhalten nicht korrigieren.[10] Meist verlassen die Betroffenen vor ihrem Ausschluss von sich aus die Gemeinschaft.[11] Ein Gemeinschaftsentzug oder eine Wiederaufnahme in die Gemeinschaft wird in der Dienstzusammenkunft der Versammlungen bekannt gegeben, in denen die betreffende Person enge Kontakte pflegt und gut bekannt ist. Diese Bekanntmachungen beinhalten keinerlei Einzelheiten über den Grund der getroffenen Maßnahme[12]

Gemeinschaftsentzug bedeutet in der Praxis, dass soziale Kontakte mit dem Ausgeschlossen nicht mehr gestattet sind. Eine Ausnahme bilden enge Familienangehörige. Sollte ein ausgeschlossener Angehöriger im Haushalt leben, wird in der Literatur darauf hingewiesen, dass man weiterhin verpflichtet sei, für seine Hausgemeinschaft zu sorgen, allerdings solle keine „geistige Gemeinschaft“, im Sinne von gemeinsamer Anbetung, mehr mit ihm gepflegt werden.[13][14] Sollte er dagegen nicht im Haushalt leben, wird empfohlen, den Kontakt auf das Nötigste zu beschränken.[13]

Wird der Ältestenschaft einer Versammlung ein schweres Fehlverhalten gegen die Glaubensgrundsätze der Zeugen Jehovas bekannt, wie zum Beispiel Ehebruch, Betrug, Spiritismus, Verleumdung, Abtrünnigkeit etc., so kann sie ein Rechtskomitee, bestehend aus mindestens drei Ältesten der betreffenden Versammlung, einberufen. Das Rechtskomitee bespricht zunächst mit der betreffenden Person, ob die gemachten Vorwürfe überhaupt zutreffend sind. Wird das Fehlverhalten zugegeben oder wird diese Person durch eindeutige Beweise überführt, so wird ihr konkret dargelegt, inwiefern durch ihr Verhalten Grundsätze verletzt wurden. Zeigt die betreffende Person, dass sie ihr Verhalten bereut und es korrigieren wird, so wird sie „still zurechtgewiesen“, was bedeutet, dass weder das Fehlverhalten noch irgendwelche Inhalte des Gespräches jemandem bekannt gemacht werden. Zeigt der Betreffende jedoch keine Reue, zum Beispiel indem er dies vor dem Rechtskomitee deutlich sagt oder sein Verhalten nicht korrigiert, wird ihm, nachdem er eine Woche Zeit für eine Berufung hatte, die Gemeinschaft entzogen. Ausschlaggebend für einen Gemeinschaftsentzug ist nicht die Schwere des Vergehens, sondern alleine das Fehlen jeder Reue. Der Betreffende kann verlangen, ein anderes Komitee einzuberufen, wenn er trifftige Gründe anführen kann, die Fehler aufzeigen. Dieses Komitee kann auch aus Ältesten anderer Versammlungen bestehen, denen die betreffende Person nicht persönlich bekannt ist, falls die betreffende Person angibt, persönliche Ressentiments hätten womöglich zum Gemeinschaftsentzug geführt. Nach dieser Berufung besteht als letzte, dritte Instanz ein Berufungskomitee, eingesetzt vom zuständigen Zweigbüro.

Ausgeschlossene können die Zusammenkünfte im Königreichssaal besuchen, jedoch ohne sich aktiv, etwa durch Wortmeldungen, daran zu beteiligen. Ausgeschlossene haben die Möglichkeit, durch schriftlichen Antrag wieder in die Gemeinschaft zurückzukehren, falls sie das an ihnen gerügte Verhalten aufrichtig bereuen und es korrigiert haben. Etwa ein Drittel machen von dieser Möglichkeit Gebrauch.[15] Die Rückkehr ist selbst nach schwersten Vergehungen, die möglicherweise auch von einem staatlichen Gericht als Verbrechen verurteilt wurden, möglich. Allein ausschlaggebend sei die aufrichtige Reue der betreffenden Person.

Nach der Wiederaufnahme kann ein Rückkehrer wieder normal am Versammlungsgeschehen teilnehmen und nach einem angemessenen Zeitraum sogar ein Dienstamt (Ältester, Dienstamtgehilfe) bekleiden, wenn er ansonsten die biblischen Erfordernisse nach 1.Timotheus 3:1-5 erfüllt. Mitunter werden für eine begrenzte Zeit eine Reihe von Auflagen erteilt, bevor er ohne Einschränkungen am Versammlungsgeschehen teilnehmen darf.

Verhältnis zum Staat[Bearbeiten]

Zeugen Jehovas wenden ihr Verständnis der Bibel auf die Art der Unterordnung unter die Macht des Staates an, indem sie sich nicht an politischen Veränderungen (ob nun gewaltsame Revolutionen, friedliche Demonstrationen oder aber auch bloße Teilnahme an Wahlen oder Parteitagen) beteiligen. Sie betrachten die staatlichen Organe als von Gott geduldet und mit Autorität ausgestattet (vgl. Röm 13,1–7 ELB). Im Allgemeinen halten sie sich deswegen an die staatlichen Gesetze. In vielen Ländern sind sie von staatlicher Seite als Religion anerkannt.

Es kann aber durchaus zu Konflikten zwischen staatlichen Forderungen und den Forderungen ihres Glaubens führen, da sie in der Bibel lesen: Du sollst Gott mehr gehorchen als den Menschen (Apg 5,29 ELB). So sind sie vor allem dafür bekannt geworden, dass sie sich strikt weigern, Militärdienst zu leisten (→ Kriegsdienstverweigerung der Zeugen Jehovas). Darüber hinaus lehnen sie alle Handlungen ab, die ihrer Meinung nach einer Verehrung des Staates oder seiner Repräsentanten gleichkommen. Bekannte Beispiele hierfür sind die Ablehnung des Fahnengrußes, des Singens der Nationalhymne oder des Hitlergrußes unter dem Nationalsozialismus.

Bis zur Veröffentlichung eines Artikels im Wachtturm vom 1. Mai 1996 betrachteten sie den Zivildienst als eine unpassende Einschränkung ihrer religiösen Freiheit und eine Form der politischen Betätigung. Nach dem Verständnis der Zeugen Jehovas darf heute Zivildienst geleistet werden.

Die Zeugen beteiligen sich nicht an politischen Wahlen, weil sie die Worte Jesu, „kein Teil der Welt“ (Joh 17,16 ELB) zu sein, als Aufforderung zu einem politisch passiven Verhalten verstehen. Aus ähnlichem Grund bekleiden sie keine politischen Ämter (in Joh 6,15 ELB flieht Jesus vor einer Menge, die ihn zum König machen möchte). Außerdem betrachten sie die Theokratie als der Demokratie überlegen. Dies spiegelt sich auch in ihrer Kirchenordnung wider, die eine hierarchische Ernennung von Funktionsträgern statt demokratischer Wahlen vorsieht.

Ausbildung und Beruf[Bearbeiten]

Die Literatur der Zeugen Jehovas weist auf die Widersprüche und Interessenkonflikte hin, welche zwischen einer Hochschulausbildung und dem Leben als Zeuge Jehovas bestehen können. In den Veröffentlichungen der Zeugen Jehovas wird vor dem vermeintlich unmoralischen Lebenswandel vieler Studenten gewarnt, mit der Begründung, dass sich etliche Hochschulen seit den 60er Jahren zu Brutstätten der Gesetzlosigkeit und der Unmoral entwickelt hätten. Gemäß einer Empfehlung des monatlich erscheinenden internen Mitteilungsblattes Unser Königreichsdienst vom April 1999 wird angeraten, dass Bildungsfragen mit den Eltern, den Versammlungsältesten, dem Kreisaufseher oder mit erfolgreichen Pionieren besprochen werden sollten. Die letzte Entscheidung über die berufliche Zukunft ist aber dem Einzelnen überlassen.[16] Bei allen Überlegungen solle für das Bestreben im Vordergrund stehen, Jehova in größtmöglichem Umfang, unter anderem durch das christliche Predigtwerk, zu dienen. Aus diesen Gründen entscheiden sich viele Zeugen Jehovas gegen eine Hochschulausbildung.[17]

Ehe und Familie[Bearbeiten]

Die Ehe wird als heilig angesehen. Eine Scheidung oder Trennung ist der Gewissensentscheidung des einzelnen anheimgestellt. Allerdings ist nach Ansicht der Zeugen Jehovas ein Fall von Ehebruch die einzige biblische Grundlage für eine Scheidung, nach der jemand wieder frei ist zu heiraten.[18][19][20] Die Literatur der Zeugen Jehovas weist darauf hin, dass der Mann das Haupt der Familie ist und sich die Frau ihm unterzuordnen hat. Diese Lehre wird unter anderem mit 1 Kor 11,3 ELB begründet. Allerdings rechtfertige diese Stellung des Mannes keinen Machtmissbrauch, z. B. durch tyrannisches Verhalten. Er habe seine Familie liebevoll zu führen.[21] Nach demselben Prinzip sollen sich Kinder ihren Eltern unterordnen. Vorehelicher Geschlechtsverkehr, Polygamie, das Zusammenleben ohne Trauschein und die Ausübung von homosexuellen Handlungen gelten als Sünden und können zum Gemeinschaftsentzug führen. Von Eheschließungen mit Personen, die keine Zeugen Jehovas sind, wird abgeraten.

Siehe auch[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. 2013: 19.241.252 Anwesende, 13.204 Teilnehmer

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Gerhard Besier und Erwin Scheuch: Die neuen Inquisitoren. Religionsfreiheit und Glaubensneid. Band 2, Edition Interfrom, Zürich 1999, ISBN 978-3720152785, S. 268.
  2.  S. Murken und S. Namini, C. Zwingmann & H. Moosbrugger: Religiosität: Messverfahren und Studien zur Gesundheit und Lebensbewältigung. Neue Beiträge zur Religionspsychologie. Waxmann, Münster 2004, ISBN 978-3830914280, S. 307.
  3.  Rodney Stark und Laurence Iannaccone: Why the Jehova's Wittnesses Grow so Rapidly. A Theoretical Application. In: Journal of Contemporary Religion. Band 12, Nr. 2, 1997, S. 139 (Online).
  4. Vergl.  Statut StRG 1. In: Amtsblatt von Jehovas Zeugen in Deutschland. 27. Mai 2009, S. S. 7, Par. 14, Abs. 2.
  5.  Statut (StRG). In: Amtsblatt von Jehovas Zeugen in Deutschland. Nr. 2, 27. Mai 2009, S. 1 ff. § 14 Absatz 1–3 (In der Neufassung, Online).
  6.  Wachtturm Bibel- und Traktatgesellschaft der Zeugen Jehovas e. V. (Hrsg.): In: Der Wachtturm. Selters/Taunus 1. März 2011, S. 7.
  7.  Rodney Stark und Laurence Iannaccone: Why the Jehova's Wittnesses Grow so Rapidly. A Theoretical Application. In: Journal of Contemporary Religion. Band 12, Nr. 2, 1997, S. 148 und 152 (Online).
  8.  James A. Beckford, John Wiley & Sons Inc (Hrsg.): The Trumpet of Prophecy: A Sociological Study of Jehovah's Witnesses. New York Januar 1976, ISBN 978-0470061381.
  9.  Rodney Stark und Laurence Iannaccone: Why the Jehova's Wittnesses Grow so Rapidly. A Theoretical Application. In: Journal of Contemporary Religion. Band 12, Nr. 2, 1997, S. 136 f. und 148 (Online).
  10.  Wachtturm Bibel- und Traktatgesellschaft der Zeugen Jehovas e. V. (Hrsg.): In: Studienausgabe des Wachtturms. 15. Juli 2011, S. 15ff (Hier findet sich eine Stellungnahme).
  11.  Rodney Stark und Laurence Iannaccone: Why the Jehova's Wittnesses Grow so Rapidly. A Theoretical Application. In: Journal of Contemporary Religion. Band 12, Nr. 2, 1997, S. 136 (Online).
  12.  Statut (StRG). In: Amtsblatt von Jehovas Zeugen in Deutschland. Nr. 2, 27. Mai 2009, S. 1 ff. §§ 15, 16 (In der Neufassung, Online).
  13. a b  Wachtturm Bibel- und Traktatgesellschaft der Zeugen Jehovas e. V (Hrsg.): Wenn einem Verwandten die Gemeinschaft entzogen wird. In: Der Wachtturm. 15. Dezember 1981, S. 27 Abs. 9 bis S. 30 Abs.26.
  14.  Wachtturm Bibel- und Traktatgesellschaft der Zeugen Jehovas e. V (Hrsg.): Sich nicht aus der Bahn werfen lassen, wenn sich ein Kind von Jehova abwendet. In: Der Wachtturm. 15. Januar 2007, S. 20.
  15.  Gerhard Besier und Renate-Maria Besier: Zeugen Jehovas/Wachtturm-Gesellschaft: Eine „vormoderne“ religiöse Gemeinschaft in der „modernen“ Gesellschaft? Gutachtliche Stellungnahme. In: Gerhard Besier und Erwin Scheuch (Hrsg.): Die neuen Inquisitoren. Religionsfreiheit und Glaubensneid. Band 2, Edition Interfrom, Zürich 1999, ISBN 978-3720152785, S. 112.
  16.  Wachtturm Bibel- und Traktatgesellschaft der Zeugen Jehovas e. V. (Hrsg.): Fragen junger Leute. 1989, S. 179.
  17.  Wachtturm Bibel- und Traktatgesellschaft der Zeugen Jehovas e. V. (Hrsg.): Fragen junger Leute – Praktische Antworten. 1989, S. 178.
  18.  Wachtturm Bibel- und Traktatgesellschaft der Zeugen Jehovas e. V. (Hrsg.): Fragen von Lesern - Wie ernst sollten Christen eine Verlobung nehmen?. In: Der Wachtturm. 15. August 1999, S. 31.
  19.  Wachtturm Bibel- und Traktatgesellschaft der Zeugen Jehovas e. V. (Hrsg.): Wenn der Ehefrieden in Gefahr ist. In: Der Wachtturm. 1. November 1988, S. 31.
  20. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatWarum wird die Ehe als heilig angesehen? In: Offizielle Website der Zeugen Jehovas. Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania, 8. Mai 2004, abgerufen am 2. August 2009.
  21. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatMann und Frau: Eine würdige Rolle für beide. In: Offizielle Website der Zeugen Jehovas. Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania, 15. Januar 2007, abgerufen am 2. August 2009.