Gottlieb Hering

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Dieser Artikel befasst sich mit dem Lagerkommandanten des Vernichtungslagers Belzec Gottlieb Hering. Zum sächsischen Komponisten siehe Carl Gottlieb Hering (1766–1853).

Gottlieb Hering (* 2. Juni 1887 in Warmbronn, Gemeinde Leonberg; † 9. Oktober 1945 in Stetten im Remstal) war ein deutscher Polizeibeamter, der an der „Aktion T4“ und der „Aktion Reinhardt“ beteiligt war, unter anderem als Lagerkommandant des Vernichtungslagers Belzec.

Leben[Bearbeiten]

Nach dem Abschluss seiner Schulzeit war Hering als Landarbeiter im Kreis Leonberg beschäftigt. Von 1907 bis 1909 leistete er seinen dreijährigen Militärdienst im Ulanen-Regiment 20 in Ulm ab und verpflichtete sich anschließend freiwillig für weitere drei Jahre. Danach trat er 1912 in Heilbronn in den Polizeidienst ein. Im Jahr 1914 heiratete er, aus der Ehe ging ein Sohn hervor. Im Ersten Weltkrieg wurde Hering 1915 in die Maschinengewehr-Kompanie des Grenadier-Regiments 123 einberufen und war bis zum Waffenstillstand 1918 an der Westfront in Nordfrankreich im Einsatz. Zuletzt bekleidete er den Rang eines Feldwebels. Für seine Kriegsverdienste wurde er mit dem Eisernen Kreuz Erster Klasse ausgezeichnet.

Polizeidienst[Bearbeiten]

Nach dem Krieg nahm Hering seine bei der Schutzpolizei in Heilbronn begonnene Polizeitätigkeit wieder auf. 1919 begann er bei der Kriminalpolizei als Kriminalwachtmeister in Göppingen und stieg bis 1929 bis zum Kriminaloberkommissar auf. In der Periode der Weimarer Republik zeichnete sich Hering, der seit 1920 SPD-Mitglied war, als Verfechter von drastischen Aktionen gegen Mitglieder der NSDAP, SA und SS aus. Deswegen wurde er auch als „Nazi-Fresser“ tituliert.

Das brachte ihn nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten 1933 in erhebliche Schwierigkeiten, da Göppinger NSDAP-Mitglieder vehement seine Entlassung aus dem Polizeidienst forderten. Ein Kollege, das NSDAP-Mitglied Christian Wirth, den er bereits seit 1912 aus dienstlichen Zusammenhängen kannte, setzte sich trotz heftiger Proteste lokaler SA- und SS-Leute für Hering ein. So konnte er, nun beim Polizeipräsidium in Stuttgart, im Polizeidienst verbleiben. Im Mai 1933 trat er der NSDAP bei. 1934 wurde Hering mit der Leitung der Kriminalpolizei Göppingen betraut und setzte dann seine Karriere ab 1939 in Stuttgart-Schwenningen fort. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde er mit anderen hochrangigen Polizeiführern im Dezember 1939 nach Gotenhafen (Gdynia) berufen mit dem Auftrag, Volksdeutsche aus der sowjetischen Interessensphäre in die „neuen deutschen Ostgebiete“ umzusiedeln.

Aktion T4 und Aktion Reinhardt[Bearbeiten]

Nach Beendigung des Auftrages in Gotenhafen übte er von Ende 1940 bis Mitte 1942 unterschiedliche Funktionen im Rahmen der Aktion T4 aus. Hering arbeitete unter anderem in den Sonderstandesämtern der „Euthanasie“-Anstalten Bernburg und Hadamar und leitete das Sonderstandesamt in Sonnenstein, wo er die Morde an behinderten Menschen falsch beurkundete.

Nach seiner Versetzung zur Führerschule der Sittenpolizei und des Sicherheitsdienstes (SD) nach Prag im Juni 1942 kam Hering im Zuge der Aktion Reinhardt Anfang Juli 1942 in das Vernichtungslager Belzec. Hier löste er zum 1. August 1942 Christian Wirth als Lagerkommandanten ab, der zum Inspekteur der Vernichtungslager der „Aktion Reinhardt“ ernannt worden war. Zwischen Juli und Oktober 1942 erreichten die Transporte mit zur Vergasung bestimmten jüdischen Opfern ihren Höhepunkt. Aufgrund der inhumanen Transportbedingungen starben zahlreiche Menschen schon während der Fahrt. Auf Anweisung Herings wurden diejenigen, die zu schwach waren, um in die Gaskammer zu gehen, in den Lagerabschnitt II gebracht und mit einem Genickschuss ermordet.

Bis zum Dezember 1942 war Hering Lagerkommandant von Belzec, danach kümmerte er sich um die Abwicklung des Lagers und überwachte die Verbrennung der Leichen aus den Massengräbern. Auf drei bis vier Scheiterhaufen, die von November 1942 bis zum März 1943 dauerhaft in Betrieb waren, wurden mehr als 400.000 Leichen verbrannt. Nach Beendigung der Leichenverbrennungen verließ Hering Belzec und beauftragte das verbliebene Lagerpersonal mit der Verwischung aller Spuren. Den jüdischen Kapos der verbliebenen 300 Häftlinge des Sonderkommandos für die Leichenverbrennung versprach Hering, dass sie nach der Abwicklung des Lagers bei guter Verpflegung nach Lublin gebracht würden. Stattdessen erreichte der Transport mit diesen letzten Belzec-Insassen am 30. Juni 1943 das Vernichtungslager Sobibor, wo alle Häftlinge dieses Sonderkommandos erschossen wurden. Für das Niederbrennen zweier Dörfer in der Umgebung von Belzec und die Erschießung von 46 Einwohnern wurde Hering am 30. Januar 1943 vor einem SS- und Polizeigericht angeklagt, aber aufgrund seiner „Verdienste“ freigesprochen.

Im Frühjahr 1943 wurde Hering Kommandant des Arbeitslagers Poniatowa, in dem jüdische Häftlinge interniert waren. Mit ihm kamen auch andere Mitglieder des Lagerpersonals von Belzec nach Poniatowa. Die Grausamkeiten in diesem Lager erreichten ihren Höhepunkt in der Aktion Erntefest, bei der in diesem Lager mindestens 14.000 Häftlinge durch Erschießungen ermordet wurden. Nach dieser „Aktion“ wurde das Lager abgewickelt und Hering überwachte wiederum die Leichenverbrennung der getöteten Häftlinge. Zudem befasste er sich zusätzlich ab Mitte Oktober 1943, im Rahmen der Beendigung der Aktion Reinhardt, mit der Abwicklung des Vernichtungslagers Sobibor. Hering wurde wegen seiner „Verdienste“ von Heinrich Himmler als einer der fähigsten Männer der „Aktion Reinhardt“ bezeichnet. Seine fehlende Mitgliedschaft in der SS führte jedoch zu Schwierigkeiten, als er mit anderen Beteiligten der „Aktion Reinhardt“ zur Beförderung vorgeschlagen wurde. Bei der Prüfung der Voraussetzungen für eine Beförderung wurde offenkundig, dass Hering bereits 1939 bei der Tauglichkeitsprüfung für die SS-Mitgliedschaft als ungeeignet abgelehnt worden war. Dennoch wurde er 1943 auf Betreiben von Odilo Globocnik direkt zum SS-Hauptsturmführer ernannt, ohne je Mitglied der SS gewesen zu sein.

Operationszone Adriatisches Küstenland[Bearbeiten]

Nach Beendigung der „Aktion Reinhardt“ wurde Hering gegen Ende des Jahres 1943, wie auch der Großteil des Personals der „Aktion Reinhardt“, in den adriatischen Küstenraum nach Triest versetzt. Unter Christian Wirth, der jetzt unter Odilo Globocnik Inspektor der „Sonderabteilung Einsatz R“ des SS- und Polizeiapparats in der Operationszone Adriatisches Küstenland war, leitete Hering die „Einheit R I“ in Triest. Diese Sonderabteilung, bestehend aus zunächst drei Einheiten, R I (Triest), R II (Fiume) und R III (Udine), diente der „Judenvernichtung“, der Konfiszierung jüdischen Vermögens und der Partisanenbekämpfung. Nach dem Tode Wirths im Mai 1944 leitete Hering kurzzeitig die Sonderabteilung, bis im Juli 1944 Dietrich Allers Wirths Nachfolge auf diesem Posten antrat und Hering auf seinen Posten nach Triest zurückkehrte, wo er in der Zwischenzeit von Josef Oberhauser vertreten worden war. Als Kommandeur der Einheit R I war Hering auch Lagerkommandant des KZ Risiera di San Sabba in einem Vorort von Triest. In diesem Konzentrationslager, einer ehemaligen Reismühle, wurden bis zu 5.000 jüdische Häftlinge und Partisanen ermordet. Am 11. April 1945 heiratete Hering in zweiter Ehe das BDM-Mädel Helene Riegraf, die er bereits in Hadamar kennengelernt und mit nach Triest genommen hatte. Angesichts des nahenden Kriegsendes zogen sich Ende April 1945 die Einheiten der „Sonderabteilung Einsatz R“ aus Norditalien zurück und Hering gelangte wieder nach Deutschland.

Nach Kriegsende[Bearbeiten]

Nach Kriegsende soll Hering wieder kurzzeitig die Kriminalpolizei in Heilbronn geleitet haben. Er starb infolge einer Erkrankung unter ungeklärten Umständen im Warteraum des Katharinen-Hospitals in Stetten im Remstal.

Literatur[Bearbeiten]

  • Ernst Klee: „Euthanasie“ im NS-Staat. Die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1983, ISBN 3-10-039303-1
  • Ernst Klee: Was sie taten – Was sie wurden. Frankfurt am Main 1986, ISBN 3-596-24364-5
  • Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich: Wer war was vor und nach 1945. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2005. ISBN 3-596-16048-0
  • Fritz Bauer Institut (Hrsg.): Arisierung im Nationalsozialismus – Jahrbuch 2000 zur Geschichte und Wirkung des Holocaust. Campus-Verlag, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-593-36494-8
  • Michael Wedekind: Nationalsozialistische Besatzungs- und Annexionspolitik in Norditalien 1943 bis 1945: Die Operationszonen "Alpenvorland" und "Adriatisches Küstenland". (Militärgeschichtliche Studien 38), Hrg. vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt, R. Oldenbourg Verlag, München 2003, ISBN 3-486-56650-4
  • Informationsmaterial des Bildungswerks Stanislaw Hantz e.V.: Belzec, Reader - basiert auf einem bisher unveröffentlichten Manuskript des Historikers und Leiters der Gedenkstätte Belzec Robert Kuwalek
  • Israel Gutman (Hrsg.): Enzyklopädie des Holocaust - Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden, Piper Verlag, München/Zürich 1998, 3 Bände, ISBN 3-492-22700-7

Weblinks[Bearbeiten]