Gracia Nasi

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Gracia Nasi (geboren 1510 in Portugal; gestorben 1569 bei Konstantinopel; christlicher Taufname: Beatrice de Luna Miques) war eine jüdisch-sephardische Frau der Renaissance, sie leitete die Bank „House of Mendes/Nasi“, war Diplomatin und Philanthropin, und als solche gilt sie als eine Retterin ihres Volkes.

Die Trostschrift des Samuel Usque Consolação ás Tribulações de Israel (Trost für die Leiden Israels), hier das Titelblatt der Erstausgabe von 1553, enthält eine Lobrede auf Dona Gracia: „Die wesenhafte Frömmigkeit Mirjams, die ihr Leben aufs Spiel setzte, um ihre Brüder zu retten, die große Umsicht Deboras, die ihre Volk anführte, die grenzenlose Tugend und große Heiligkeit Esters, die denen half, die verfolgt waren, und die vielgepriesene Stärke der äußerst keuschen und großmütigen Judit.“

Biografie[Bearbeiten]

Gracia Nasi wurde im Schatten der Inquisition geboren als Tochter einer wohlhabenden marranischen Familie.

1528 heiratete sie in der Kathedrale von Lissabon Francisco Mendes (so sein christlicher Name, sein jüdischer Name war Semah Bemvisto - oder Benveniste), der ebenfalls aus einer wohlhabenden, marranischen Familie stammte. Die Mendes-Familie besaß ein großes Bankhaus mit Verbindungen bis Frankreich und Flandern. Nach der christlichen Hochzeit für die Öffentlichkeit heiratete das Paar auch nach jüdischem Ritus, inklusive Ketubba.

Als sie 1536, mit 27 Jahren, Witwe wurde, zog sie nach Antwerpen zu ihrem Schwager Diogo Mendes (Meir Benviste). Nach seinem Tod 1542 erbte sie das Vermögen der Familie Mendes und erwies sich als ausgezeichnete und mutige Geschäftsfrau. 1544 verließ sie Antwerpen und reiste mehrere Jahre mit ihrer Tochter, ihrer Schwester, ihrer Schwiegertochter und ihrem Schwiegersohn durch ganz Europa. Die Familie lebte ab 1544 aufgrund eines Freibriefs (salvacondotto) des Rates der Zehn in Venedig. In Ferrara, wohin sie nach Vermögensstreitigkeiten und Gerichtshändeln mit ihrer Schwester und der Republik heimlich übergesiedelt war, war sie als Mäzenin tätig und gab unter anderem 1550 die erste Übersetzung der Bibel ins Spanische bei Abraham Usque in Auftrag, die Ferrara-Bibel, die 1553 bei Abraham Usque in Ferrara gedruckt wurde. Von dieser Übersetzung wurden zwei Ausgaben gedruckt: eine für Christen, die andere für Juden.

1553 ließen sich Gracia Nasi und ihr Neffe Joseph Nasi im Osmanischen Reich nieder. Unter den Sultanen Bayezid II., Selim I. und Süleyman I. wurde den jüdischen Flüchtlingen nicht nur Asyl geboten, sondern auch religiöse und ökonomische Entwicklungsmöglichkeiten und Freiheiten eingeräumt. Gracia Nasi konnte mit Schiffen, die in ihrem Auftrag eigens gebaut worden waren, ihren Handel mit Venedig und Italien weiterführen. Gracia wurde dafür bekannt, Juden vor der Verfolgung durch die Inquisition in Sicherheit gebracht zu haben. Im Jahr 1558 oder 1559, als Joseph wegen seiner tatkräftigen Unterstützung Süleymans im Kampf um die Thronfolge die Herrschaft über ein Gebiet am See von Tiberias verliehen worden war, erwarb Gracia ein Anwesen in der Stadt Tiberias im heutigen Israel und gründete eine jüdische Siedlung und Jeschiwa, die jedoch nur kurze Zeit bestanden.

Gedenkstein für Dona Gracia in Tiberias.

Literatur[Bearbeiten]

  • Cecil Roth: Dona Gracia of the House of Nasi. The Jewish Publication Society of America, Philadelphia PA 1948.
  • Bea Stadtler: The story of Dona Gracia Mendes. United Synagogue Commission on Jewish Education, New York NY 1969, ISBN 0-8381-0734-6.
  • Gad Nassi, Rebecca Touegg: Doña Gracia Nasi. Women's International Zionist Organisation - Education Department, Tel Aviv 1990.
  • Riccardo Calimani: Joao Micas, Giovanni Miches, Juan Miguez, Joseph Nasi, duca di Nasso: quattro nomi e molte identità per un stesso uomo. In: Calimani: Storia del ghetto di Venezia. Milano 1995. S. 103-109.
  • Andrée Aelion Brooks: The Woman Who Defied Kings. The Life and Time of Doña Gracia Nasi, a Jewish Leader during the Renaissance. Paragon House, St. Paul MI 2002, ISBN 1-557-78805-7, (umfangreiche, neu recherchierte Biographie über Gracia Nasi).
  • Renée Levine Melammed: Heretics or Daughters of Israel? The Crypto-Jewish Women of Castile. New edition. Oxford University Press, New York NY u. a. 2002, ISBN 0-19-515167-4.

Belletristische Darstellungen[Bearbeiten]

  • Catherine Clément: La Señora. Roman. Calmann-Lévy, Paris 1992, ISBN 2-7021-2062-8, (deutsch: Die Senyora. Roman aus dem Europa des 16. Jahrhunderts. Rowohlt-Verlag, Reinbek 1995, ISBN 3-499-13546-9).
  • Naomi Ragen: The Ghost of Hannah Mendes. Simon & Schuster, New York u. a. 1998, ISBN 0-684-83393-X, (Roman, verwebt die Geschichte der historischen Heldin mit der Frauen-Familiengeschichte einer sephardischen Familie).
  • Marianna D. Birnbaum: The Long Journey of Gracia Mendes. Central European University Press, Budapest u. a. 2003, ISBN 963-924167-9, (Roman, schildert die marranische Kultur in West-Europa und im muslimischen Orient).
  • Peter Prange: Die Gottessucherin. Roman. Droemer Knaur, München 2009, ISBN 978-3-426-19751-6.

Weblinks[Bearbeiten]