Graduale

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Als Graduale (eigentlich Responsorium Graduale) bezeichnet man in der römisch-katholischen Liturgie sowohl einen Zwischengesang als auch ein liturgisches Buch.

Das Graduale in der Liturgie[Bearbeiten]

Als Graduale werden Psalmabschnitte oder biblische Verse zwischen der alttestamentlichen Lesung und der Epistel in der Messe bezeichnet; wenn die alttestamentliche Lesung entfällt, ist der Platz des Graduales zwischen vorhergehender Epistel und nachfolgendem Alleluia. Sie werden solistisch vorgetragen und durch ein sog. Responsum von der Schola (oder auch Gemeinde) gerahmt. Die Bezeichnung rührt her vom Ort der Ausführung des Gesanges (lat. gradus, „Stufe“), den Stufen zum Altar. In der Praxis hat sich daraus das Singen vom Ambo her entwickelt.

Das Graduale im Gregorianischen Choral[Bearbeiten]

Das Graduale ist ein Teil des gregorianischen Mess-Propriums. Es gehört zur Gattung des Responsoriums und besteht ursprünglich aus folgenden Teilen:

  • dem vom Kantor vorgesungenen Responsum,
  • dem von der Schola wiederholten Responsum,
  • einem Solo-Vers (typischerweise ein Psalm-Vers)
  • und der Wiederholung des Responsums durch die Schola.

Im Verlauf des Mittelalters etablierte sich dann allerdings eine davon etwas abweichende Form:

  • Der Kantor intonierte die ersten ein bis zwei Worte des Responsums, bevor die Schola mit einstimmte;
  • danach sang der Kantor den Solo-Vers nicht mehr komplett, denn der letzte Teil des Verses wurde von der Schola übernommen;
  • die Wiederholung des Responsums entfiel in den meisten Fällen.

Die Melodik der Gradualien sind insgesamt melismenreicher und damit auch anspruchsvoller in ihrer Komposition als etwa Introitus und Communio. Der Solovers hat dabei typischerweise einen höheren Tonumfang als das Responsum. Nicht alle Gradualien haben eigene Melodien. Gerade unter den Gradualien im 2. Modus gibt es weitreichende Übereinstimmungen.[1] In der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten wird das Graduale typischerweise durch ein zusätzliches Alleluia ersetzt.

Mehrstimmige Vertonungen[Bearbeiten]

Aus dem 12. und 13. Jahrhundert gibt es zahlreiche mehrstimmige Vertonungen der solistischen Teile von Gradualien; das sind in dieser Zeit die ersten ein bis zwei Worte des Responsums und der größte Teil des Verses. Diese Vertonungen gehören zur Gattung des Organums, unter ihnen befinden sich auch die berühmten vierstimmigen Organa „Viderunt omnes“ und „Sederunt principes“ von Perotin. Die ursprüngliche gregorianische Melodie bleibt dabei in der Unterstimme, wenn auch in lang ausgehaltenen Noten, zu der die ein bis drei bewegteren Oberstimmen hinzutreten.

Auch aus späterer Zeit gibt es noch mehrstimmige Vertonungen der Graduale-Texte, wenn sie in ihrer Bedeutung auch hinter der Vertonung des Mess-Ordinariums zurücktreten. Solche Vertonungen können sich der Form der Motette, aber auch konzertanter Formen bedienen, es gibt mit der Gradual- oder Epistel-Sonate aber auch reine Instrumentalstücke an Stelle des Graduales. Eine bekannte historische Gradual-Komposition ist das Locus iste von Anton Bruckner, eine Vertonung des Graduale zur Kirchweih.

Liturgisches Buch[Bearbeiten]

Dieselbe Bezeichnung wird auch für das Choralbuch verwendet, in dem die Messgesänge des Proprium MissaeIntroitus, Graduale, Hallelujaruf, Tractus, Sequenz, Offertorium und Communio – aufgezeichnet sind. Daneben enthält das Graduale das Ordinarium und andere Gesänge wie die Allerheiligenlitanei, Hymnen und Prozessionsgesänge.

Gesänge zum Ordinarium sind auch in einem eigenen Buch zusammengefasst, dem Kyriale.

Aus dem Frühmittelalter sind einige Graduale-Handschriften mit Neumen überliefert; sie gehören zu den wichtigsten Zeugnissen zur Erforschung des Gregorianischen Chorals. Diese frühen Handschriften hatten noch ein eher kleines Format; spätmittelalterliche Graduale-Handschriften sind dagegen häufig sehr große Bücher, da sie dazu gedacht sind, dass aus ihnen eine größere Gruppe von Sängern singen soll. Der Inhalt der Graduale-Handschriften wurde vor allem im Spätmittelalter oft zusammen mit den Texten für die Messe im Missale vereinigt, doch schrieb man weiterhin separate Gradualien auch nach der Erfindung des Buchdruckes noch lange per Hand.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Erich Joseph Thiel: Ein kleines Lexikon zur Handschriftenkunde. In: Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel. Frankfurter Ausgabe. Bd. 23, 1967, ISSN 0940-0044, S. 2379–2395, Nr. 83, besonders S. 2387.
  • Virgil Fiala, Wolfgang Irtenkauf: Versuch einer liturgischen Nomenklatur. In: Clemens Köttelwesch (Hrsg.): Zur Katalogisierung mittelalterlicher und neuerer Handschriften (= Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie. Sonderheft 1, ISSN 0514-6364). Klostermann, Frankfurt am Main 1963, S. 105–137, besonders S. 111.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Dies sind insbesondere (alle Seitenzahlen beziehen sich auf das Graduale Triplex): Tollite portas S. 25, A summo caelo S. 27, In sole posuit S. 30, Domine Deus virtutum S. 32, Excita, Domine S. 33, Hodie scietis S. 38, Tecum principium S. 42, Angelis suis S. 72, Ab occultis S. 101, Ne avertas S. 155, Haec dies quam fecit Dominus S. 196, Domine, refugium factus es S. 347, In omnem terram S. 427, Nimis honorati sunt S. 428, Exultabunt sancti S. 455, Justus ut palma florebit S. 510, Dispersit, dedit pauperibus S. 520, und Requiem aeternam S. 670.