Grafschaft Bentheim
Die Grafschaft Bentheim ist eine historische Grafschaft, deren Hauptsitz auf der Burg Bentheim im heutigen Bad Bentheim lag.
Inhaltsverzeichnis |
Geschichte [Bearbeiten]
Urgeschichtlich zeugen zahlreiche Hügelgrabanlagen auf dem Gebiet der späteren Grafschaft Bentheim von der früheren Besiedlung der Gebiete, so z. B. die Hügelgräberheide Halle-Hesingen oder das Gräberfeld am Spöllberg.
Die Geschichte der historischen Grafschaft Bentheim lässt sich bis in das Jahr 1050 zurückverfolgen: Damals wurden Ortsnamen des Bentheimer Landes erstmals urkundlich erwähnt.[1] Die Burg Bentheim wurde im Jahr 1116 erstmals urkundlich erwähnt. Um 1120 wurde Graf Otto II. von Northeim als Besitzer der Burg erwähnt. Im 14. Jahrhundert waren die Grafen Otto, Christian und Bernhard von Bentheim zeitweise Dompröpste des Domkapitels Münster.
1421 erbte Eberwin I. von Götterswyk Bentheim und wurde 1425 auch Herr von Ottenstein, 1451 Herr von Steinfurt. Schon unter seiner Nachkommenschaft teilten sich die Herren zu Bentheim in die Linie Bentheim-Steinfurt und Bentheim. Nachdem durch Erbschaft weitere Herrschaften hinzugekommen waren (Gemen, Tecklenburg), fanden später noch weitere Erbteilungen in die Linien Bentheim-Tecklenburg, Bentheim-Limburg und Bentheim-Alpen statt. Die Grafschaft Bentheim gehörte als unmittelbare Reichsgrafschaft[2] zum Niederrheinisch-Westfälischen Reichskreis des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation (1500-1806).
Im 17. Jahrhundert begann mit dem Anlegen der Siedlung Alte Piccardie (heute Gemeinde Osterwald) durch Johan Picardt die Moorkolonisation in der Grafschaft Bentheim.
Im Laufe der jüngeren Geschichte hat sich die Zugehörigkeit der Grafschaft Bentheim oft verändert. Zunächst wurde die freie Reichsgrafschaft 1753 unter Graf Friedrich Karl an den König von Großbritannien und Kurfürsten von Braunschweig und Lüneburg auf 30 Jahre verpfändet. 1757, während des Siebenjährigen Krieges zwischen England und Frankreich, besetzte Graf Friedrich Karl sein ehemaliges Territorium mit seinem französischen Regiment und ließ sich wieder in den Besitz der Grafschaft setzen. Bereits 1758 jedoch besetzten hannoversche Truppen Bentheim und zwangen die Besatzer zum Abzug. Am 4. Dezember 1781 kündigte Friedrich Karl den Pfandschaftsvertrag, schaffte es jedoch nicht, die erforderliche Summe zu beschaffen. Die Regierung in Hannover erklärte daraufhin, dass der Vertrag sich am 1. Januar 1783 automatisch um weitere 30 Jahre verlängere.
In der Franzosenzeit wurde die Grafschaft 1804 zunächst Graf Ludwig Wilhelm von Bentheim-Steinfurt als Erbe Friedrich Karls übergeben. 1806 beraubte Napoleon Bonaparte durch die Rheinbundakte die Grafen aller Rechte und so gehörte Bentheim bis 1811 zum Département Ems des Großherzogtums Berg im von ihm begründetenen Rheinbund. Mit der Annexion des Königreichs der Niederlande durch Frankreich 1810 änderte sich die Zugehörigkeit abermals: Mit Wirkung vom 1. Januar 1811 gehörte die Grafschaft übergangsweise zum einen Teil (Distrikt Neuenhaus) zum Departement Ems-Occidental und zum anderen Teil (Bentheim als Teil des Distrikts Steinfurt) zum Departement Bouches-de-l’Yssel. Ab dem 27. April 1811 war die Grafschaft Teil des neuen Departments Lippe, das nach den weiteren französischen Annexionen als Teil der Hanseatischen Departements gebildet wurde.
Nach der Niederlage Napoleons fiel die Grafschaft Bentheim dann im Rahmen des Wiener Kongresses 1815 dem Königreich Hannover zu. Im Rahmen dessen wurde die Grafschaft bei der Gaußschen Landesaufnahme kartografiert und das zu dieser Zeit in der Grafschaft noch verwendete holländisches Geld durch die gemeinsame hannoversche Währung ersetzt. Mit Verlust der Unabhängigkeit des Königreichs Hannover kam auch die Grafschaft Bentheim 1866 nach dem Deutschen Krieg unter die Herrschaft des Königreichs Preußen. Von 1866 bis zur Reichsgründung 1871 war die Grafschaft Bentheim nunmehr Teil der Provinz Hannover des Königreichs Preußen im Norddeutschen Bund, ab 1871 im Deutschen Kaiserreich. Verwaltungsorganisatorisch gehörte die Grafschaft Bentheim zum Steuerkreis Lingen in der Landdrostei Osnabrück und war in die beiden Ämter Neuenhaus und Bentheim gegliedert,[3] die beide Standort eines Amtsgerichts waren (Neuenhaus seit 1860[4], Bad Bentheim seit 1857[5]).
Mit der preußischen Kreisreform 1885 wurde der neue Landkreis Grafschaft Bentheim im Regierungsbezirk Osnabrück gegründet, der aus den beiden vorherigen Ämtern Bentheim und Neuenhaus hervorgegegangen war.
Während des 19. Jahrhunderts wanderten auch zahlreiche Grafschafter in die Vereinigten Staaten aus und ließen sich z. B. in der Region um Holland (Michigan) nieder.[6][7]
Postgeschichtlich bestehen aufgrund der Beziehungen zur Herrschaft Steinfurt enge Verbindungen der Grafschaft Bentheim mit der Postgeschichte von Steinfurt.
Burg Bentheim [Bearbeiten]
Die Burg Bentheim ist eine frühmittelalterliche Höhenburg. Die Anfänge der Festung, welche auf den Resten einer germanischen Volksburg errichtet wurde, lassen sich historisch nicht genau belegen; erstmals urkundlich wurde die mächtige Burganlage der Grafen von Bentheim um 1050 im zweiten Essen-Werdener Heberegister erwähnt. Die Burg steht auf einem großen Felsen aus Bentheimer Sandstein hoch über der Stadt; dieser auch Bentheimer Höhenrücken genannte Berg ist der letzte Ausläufer des Teutoburger Waldes.
- Impressionen der Burg Bentheim
-
Die Burg gemalt von Jacob van Ruisdael (1653)
Grafen von Bentheim [Bearbeiten]
- Otto (1080–1150), Pfalzgraf bei Rhein, Graf von Bentheim, Graf von Rheineck (Wigeriche)
- Sophie von Rheineck, Erbin der Grafschaft Bentheim, dessen Tochter; ∞ Dietrich VI. (ca. 1110–1157), Graf von Holland
Gerulfinger [Bearbeiten]
- Otto I., deren Sohn, Graf von Bentheim, 1166/1208 bezeugt
- Balduin I., dessen Sohn, 1209 Graf von Bentheim
- Otto II., dessen Sohn, 1248 Graf von Bentheim, 1264 Graf von Tecklenburg
- Egbert I. († vor 1311), dessen (jüngerer) Sohn, Graf von Bentheim
- Johann († vor 1333), dessen Sohn, 1305 Graf von Bentheim
- Simon I. († 1344), dessen Sohn, 1333 Graf von Bentheim
- Otto III. († nach 1379), dessen Bruder, 1344 Graf von Bentheim, verzichtet um 1364
- Bernhard († 1421), dessen Bruder, 1364 Graf von Bentheim
- Hedwig, 1347/71 bezeugt, dessen Schwester; ∞ Everwin von Götterswick († 1378)
Herren und Grafen zu Bentheim [Bearbeiten]
- 1421–1454: Eberwin I. von Götterswyk
Erbteilung an seine Söhne Arnold (Steinfurt) und Bernhard (Bentheim)
Bentheim-Bentheim [Bearbeiten]
- 1454–1473: Bernhard von Bentheim
- 1473–1530: Eberwin von Bentheim, Statthalter von Friesland
Seine Tochter erbt Bentheim und heiratet Arnold III. von Bentheim-Steinfurt.
Bentheim-Steinfurt (bis 1606) [Bearbeiten]
- 1454–1466: Arnold II. von Bentheim-Steinfurt
- 1466–1498: (Graf) Eberwin II. von Bentheim-Steinfurt, Steinfurt wird 1495 Grafschaft
- 1498–1544: Graf Arnold III. zu Bentheim und Steinfurt (in der Grafschaft Bentheim benannt als Arnold I.), heiratet Marie Gräfin von Bentheim-Bentheim und vereinigt so die Grafschaften wieder
- 1544–1562: Graf Eberwin III. zu Bentheim und Steinfurt (1536–1562), heiratet Anna, Erbtochter der Grafschaft Tecklenburg
- 1562–1606: Graf Arnold IV. zu Bentheim und Steinfurt (1554–1606) (in der Grafschaft Bentheim benannt als Arnold II.), erbt Tecklenburg und Rheda, heiratet Magdalena von Neuenahr-Alpen, Erbin von Limburg, Alpen, Linnep, Wevelinghoven und Helpenstein sowie der Erbvogtei Köln.
Erbteilung an seine Söhne Adolf (Tecklenburg, Rheda), Arnold Jobst (Bentheim, Steinfurt und Wevelinghoven), Konrad Gumbrecht (Limburg) und Friedrich Ludolf (Alpen). Die Linien Limburg und Alpen sterben schnell wieder aus und fallen an Steinfurt zurück.
Häuser Bentheim und Steinfurt (bis 1918) [Bearbeiten]
Bentheim und Steinfurt (1606–1693) [Bearbeiten]
- 1606–1643: Graf Arnold Jobst zu Bentheim und Steinfurt
- 1643–1693: Graf Ernst Wilhelm zu Bentheim und Steinfurt
Erbteilung an seinen Sohn Ernst (Steinfurt) und seinen Neffen Arnold Moritz Wilhelm (Bentheim, s. u.)
Bentheim-Bentheim (1693–1819) [Bearbeiten]
- 1693–1701: Graf Arnold Moritz Wilhelm von Bentheim-Bentheim
- 1701–1731: Graf Hermann Friedrich von Bentheim-Bentheim
- 1731–1753: Graf Friedrich Karl von Bentheim-Bentheim, verpfändet Bentheim 1753 an Hannover
1819 fällt Bentheim von Hannover an die Linie Bentheim-Steinfurt.
Bentheim-Steinfurt (1693–1819) [Bearbeiten]
- 1693–1713: Graf Ernst von Bentheim-Steinfurt
- 1713–1733: Graf Karl Friedrich von Bentheim-Steinfurt
- 1733–1780: Graf Karl Paul Ernst von Bentheim-Steinfurt (1729–1780)
- 1780–1817: Graf Ludwig Wilhelm von Bentheim-Steinfurt, wird am 17. Januar 1817 zum Fürsten ernannt
- 1817–1819: Fürst Alexius zu Bentheim-Steinfurt (1781–1866), erhält 1819 das vorübergehend hannoversche Bentheim zugesprochen, seit dem wieder Haus zu Bentheim und Steinfurt
Bentheim und Steinfurt (1819–1918) [Bearbeiten]
- 1819–1866: Fürst Alexius zu Bentheim und Steinfurt (1781–1866)
- 1866–1890: Fürst Ludwig zu Bentheim und Steinfurt
- 1890–1918: Fürst Alexis zu Bentheim und Steinfurt (1845–1919)
Haus Bentheim-Tecklenburg (bis 1918) [Bearbeiten]
- 1606–1625: Graf Adolf von Bentheim zu Tecklenburg, Rheda und Hoya
- 1625–1674: Graf Moritz von Bentheim-Tecklenburg
- 1674–1701: Graf Johann Adolf von Bentheim-Tecklenburg, verliert 1696 durch einen Prozess Tecklenburg
- 1701–1710: Graf Friedrich Moritz von Bentheim-Tecklenburg
- 1710–1768: Graf Moritz Casimir I. von Bentheim-Tecklenburg
- 1768–1805: Graf Moritz Casimir II. von Bentheim-Tecklenburg
- 1805–1837: Graf Emil Friedrich von Bentheim-Tecklenburg (1765–1837), 20. August 1817 zum Fürst ernannt
- 1837–1872: Fürst Moritz Casimir I. von Bentheim-Tecklenburg zu Rheda und Hohenlimburg.
- 1872–1885: Fürst Franz von Bentheim-Tecklenburg
- 1885–1909: Fürst Gustav von Bentheim-Tecklenburg
- 1909–1918: Fürst Adolf von Bentheim-Tecklenburg (1889–1967)
-
Schloss Hohenlimburg bei Hagen, einst Residenz der Grafschaft Limburg
Oberhäupter des Hauses zu Bentheim und Steinfurt (ab 1918) [Bearbeiten]
- 1918–1919: Alexius II. Fürst zu Bentheim und Steinfurt
- 1919–1961: Victor Adolf Prinz zu Bentheim und Steinfurt
- seit 1961: Christian Prinz zu Bentheim und Steinfurt
Oberhäupter des Hauses Bentheim-Tecklenburg (ab 1918) [Bearbeiten]
- 1918–1967: Adolf Fürst von Bentheim-Tecklenburg
- seit 1969: Moritz Casimir Prinz von Bentheim-Tecklenburg
Literatur [Bearbeiten]
- Steffen Burkert (Hrsg.): Die Grafschaft Bentheim – Geschichte und Gegenwart eines Landkreises. Verlag Heimatverein Grafschaft Bentheim e. V., Bad Bentheim 2010.
- Ludwig Edel: Die Stadtrechte der Grafschaft Bentheim. Dissertation, Leipzig 1909.
- Ernst Finkemeyer: Verfassung, Verwaltung und Rechtspflege der Grafschaft Bentheim zur Zeit der hannoverschen Pfandschaft 1753-1804. Dissertation, Münster 1967.
- Hermann Grote: Stammtafeln. Hahn, Leipzig 1877.
- Stephanie Marra: Allianzen des Adels. Dynastisches Handeln im Grafenhaus Bentheim im 16. und 17. Jahrhundert. 1. Auflage, Böhlau, 2007, ISBN 9783412311056.
- Peter Veddeler: Die territoriale Entwicklung der Grafschaft Bentheim bis zum Ende des Mittelalters. (Studien und Vorarbeiten zum Historischen Atlas von Niedersachsen, H. 25), Göttingen 1970.
Weblinks [Bearbeiten]
- www.his-data.de: Eintrag zur Grafschaft Bentheim
- Die Grafschaft Bentheim in der Geschichte
- Heimatverein Grafschaft Bentheim
Einzelnachweise [Bearbeiten]
- ↑ Landkreis Grafschaft Bentheim (Hrsg.): Zahlen, Daten, Fakten 2011. Nordhorn/Bentheim, 2011, S. 7.
- ↑ vgl. Reichsmatrikel von 1521, in: Karl Zeumer (Hrsg.): Quellensammlung zur Geschichte der Deutschen Reichsverfassung in Mittelalter und Neuzeit, 2. vermehrte Auflage, Verlag von J.C.B. Mohr, Tübingen 1913, S. 316 (online bei Wikisource).
- ↑ Christian H. Ebhardt (Hrsg.): Gesetze, Verordnungen und Ausschreiben für das Königreich Hannover aus dem Zeitraume von 1813 bis 1839. Band 2, Hannover 1839, S. 39 und 42.
- ↑ Grafschafter Nachrichten vom 23. November 2006: Aus Amtsgericht wird Seniorenresidenz. Historisches Gebäude in Neuenhaus vollständig saniert – Krankenhausverein als Pächter.
- ↑ Grafschafter Nachrichten vom 16. Juli 2009: Scherben auf der Mauer sollten das Gefängnis sichern – Das alte Amtsgericht in Bad Bentheim war früher das neue – Zwei Wachtmeister für bis zu 30 Gefangene.
- ↑ Homepage des Projekts „German Immigrants“, abgerufen am 3. Januar 2012.
- ↑ vgl. auch grafschafter-geschichte: Aus der Grafschaft nach Amerika, abgerufen am 30. April 2012.
Hochstifter (Fürstbistümer): Utrecht (bis 1528) | Minden (bis 1648) | Verden (bis 1648) | Cambrai (bis 1678) | Lüttich | Münster | Osnabrück | Paderborn | Corvey (ab 1792)
Stifter (Fürstabteien): Stablo-Malmedy | Corvey (bis 1792) | Kornelimünster | Werden | Essen | Herford | Thorn | Echternach
Weltliche Fürstentümer: Jülich-Berg | Kleve | Geldern (bis 1548) | Minden (ab 1648) | Nassau-Dillenburg | Oldenburg (ab 1774) | Ostfriesland (seit 1667) | Lippe (seit 1789) | Moers (ab 1706) | Verden (ab 1648)
Grafschaften und Herrschaften: Bentheim | Manderscheid (bis 1546) | Bronkhorst (bis 1719) | Diepholz | Hoya | Lippe (Grafschaft 1528-1789) | Moers (bis 1541) | Nassau-Dillenburg (bis 1664) | Oldenburg (bis 1774) | Ostfriesland (bis 1667) | Pyrmont | Reichenstein | Rietberg | Salm-Reifferscheid | Sayn | Schaumburg (1647/48 geteilt in Schaumburg-Lippe und Hessen-Kassel) | Spiegelberg | Steinfurt | Tecklenburg | Virneburg | Wied | Winneburg und Beilstein | Anholt | Blankenheim und Gerolstein | Gemen | Gimborn | Gronsveld | Hallermund | Holzappel | Kerpen und Lommersum | Myllendonk | Reckheim | Schleiden | Utrecht? (bis 1548) | Wickrath | Wittem
Freie Reichsstädte: Aachen | Cambrai | Herford (bis 1547) | Köln | Dortmund