Grafschaft Rantzau

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Grafschaft Rantzau (offiziell Freie Reichsgrafschaft Rantzau) war ein reichsunmittelbares Territorium im südlichen Schleswig-Holstein, rund um die heutige Stadt Barmstedt. Die unter der Familie Rantzau 1650 begründete Herrschaft bestand nur 76 Jahre. Nach dem Mord am Reichsgrafen Christian Detlev zu Rantzau 1726 wurde die Grafschaft vom dänischen Königshaus konfisziert.

Die Barmstedter Schlossinsel war Residenz der Grafschaft Rantzau

Überblick[Bearbeiten]

Geschichtlicher Hintergrund[Bearbeiten]

Die Herzogtümer Schleswig und Holstein waren zu Beginn des 17. Jahrhunderts ein Flickenteppich verschiedener Verwaltungseinheiten, den sogenannten Ämtern und den Güterbezirken. Die Herrschaft über die Länder war weitgehend aufgeteilt auf das dänische Königshaus, sowie auf die Herzöge von Schleswig-Holstein-Gottorf und die abgeteilten Herren von Schleswig-Holstein-Sonderburg. Eine Besonderheit stellte die Grafschaft Holstein-Pinneberg im Südwesten Holsteins dar, die als Überbleibsel mittelalterlicher Besitzverhältnisse noch einer Linie der Grafen von Schauenburg und Holstein gehörte.[1][2] Diese Linie starb 1640 im Mannesstamm aus und die Grafschaft Pinneberg wurde in der Folge unter der dänischen Krone und dem Gottorfer Herzogtum aufgeteilt:[3] Drei Fünftel der Ländereien gingen in dänischen Besitz, zwei Fünftel – zu denen das Amt Barmstedt im Norden der Grafschaft gehörte – an das Haus Gottorf. Das Amt Barmstedt bildete die Grundlage für die spätere Reichsgrafschaft Rantzau.

Die weitverzweigte Familie Rantzau gehören zu den alteingesessenen Ritterfamilien in Schleswig und Holstein, den sogenannten Equites Originarii. Ihnen gehörten zeitweise mehr als siebzig Güter in den Herzogtümern und zahlreiche ihrer Mitglieder waren an der Landespolitik beteiligt. Zu einer der bedeutendsten Linien entwickelten sich der Breitenburger Familienzweig, der unter anderem mehrere königliche Statthalter stellte. 1627 folgte der damals zwölf Jahre alte Christian zu Rantzau seinem Vater Gerhard Rantzau als Herr über die Breitenburger Besitzungen. Er verbrachte die folgenden Jahre unter anderem als Junker am dänischen Hof. Als junger Mann stand Christian Rantzau öfter in Diensten des dänischen Königs und erlangte im Laufe der Zeit verschiedene Ämter und Würden. 1639 wurde er zum Amtmann von Rendsburg und 1643 zum Generalkriegskommissar ernannt. 1648 erfolgte in Anerkennung seiner Dienste die Aufnahme in den Elefanten-Orden und die Berufung zum königlichen Statthalter.[4] Christian Rantzau war dem Rang nach ein Landadliger aus der Schleswig-Holsteinischen Ritterschaft und erreichte bereits durch seine Ämter eine hohe gesellschaftliche Stellung. Er strebte jedoch auch nach einer Standeserhöhung, und um in den Rang eines Grafen erhoben werden zu können – ein Titel, der in Holstein seit dem Mittelalter nicht mehr vergeben wurde – benötigte er ein eigenes Territorium auf dem Boden des Heiligen Römischen Reiches. Sein Augenmerk richtete sich auf das Amt Barmstedt, das nur wenige Kilometer südlich seines Stammsitzes Breitenburg lag und sich im Besitz des Gottorfer Herzogs befand.

Die Freie Reichsgrafschaft[Bearbeiten]

Christian zu Rantzau (1614–1663), königlich dänischer Statthalter in Schleswig-Holstein, Begründer der Freien Reichsgrafschaft Rantzau
Schleswig-Holstein um 1650. Die Grafschaft Rantzau (grün) befand sich nordwestlich von Hamburg
Die Barmstedter Kirche wurde unter Reichsgraf Wilhelm-Adolf errichtet

1649 konnte Christian Rantzau den Gottorfer Herzog Friedrich III. zu einem Verkauf des Amtes Barmstedt bewegen.[3] Er hatte dafür die Unterstützung des dänischen Königs sicher, dem sein Statthalter als Besitzer des Amts Barmstedt allemal lieber war als die Gottorfer Herzöge. Die Kaufsumme betrug 201.000 Reichstaler und beinhaltete unter anderem auch die Abtretung des Rantzauer Stammsitzes bei Plön an das Herzogtum Schleswig-Holstein-Gottorf. Christian Rantzau nahm die Ländereien 1650 in Besitz und bestimmte die alte Wasserburg auf der Barmstedter Schlossinsel zur neuen Residenz. Im selben Jahr reiste er mit großem Gefolge nach Wien an den kaiserlichen Hof, wo er als Gesandter des dänischen Königreichs auftrat. Rantzau erreichte alsbald die Ernennung zum kaiserlichen Kammerherrn und konnte – unterstützt durch großzügige Subsidien – im Herbst des Jahres 1650 bei Kaiser Ferdinand III. seine Erhebung zum Reichsgrafen erwirken.[3][5] Das Amt Barmstedt wurde nun zur freien Reichsgrafschaft Rantzau, die unmittelbar dem Reich unterstand. Die Grafschaft zählte zum Niedersächsischen Reichskreis und erhielt unter anderem eigenes Münzrecht, die Hochgerichtsbarkeit und Sitz auf dem Reichstag.[6][3] 1662 erfolgte die Aufnahme in die Kammergerichtsmatrikel.[7] Weitere Privilegien waren die Rechte, Ritter und Doktoren zu ernennen, sowie die Erlaubnis, Juden aufzunehmen.

Der einstige Herrensitz in Barmstedt wurde neben den Schlössern von Breitenburg und Drage ab 1657 zur bescheidenen Residenz ausgebaut und das Dorf entwickelte sich kurzfristig zum Hauptort der kleinen Grafschaft. Christian Rantzau, der wegen seiner zahlreichen Ämter häufig auf Reisen war, hielt sich nur selten dort auf. 1655 konnte er das Rantzauer Stammgut zurück erwerben. Die Grafschaft erlebte nach dem Ende des sogenannten Polackenkriegs eine kurze wirtschaftliche Blütezeit. Nachdem Christian Rantzau 1663 starb, übernahm sein Sohn Detlev zu Rantzau das Erbe. Detlev Rantzau schloss 1669 mit dem dänischen König Friedrich III. einen Erbschaftsvertrag ab, nach dem die Grafschaft im Falle eines ausbleibenden männlichen Erben an das dänische Königreich fallen sollte. Doch schon unter Detlev Rantzaus Herrschaft traten erste Spannungen im Verhältnis zu Dänemark auf, die unter anderem durch einen Missbrauch des gräflichen Münzrechts ausgelöst wurden. Der Reichsgraf starb 1697 und wurde durch seinen Sohn Christian Detlev zu Rantzau beerbt. Der dritte Reichsgraf galt als streitsüchtig und despotisch.[8][9] Er schröpfte die kleine Grafschaft wirtschaftlich und geriet in zahlreiche Konflikte mit seinen Untertanen. Das Verhältnis zum dänischen Königreich verschlechterte sich zusehends, nachdem Christian Detlev die Zusage brach, die Tochter von Ulrik Fredrik Gyldenløve, des unehelichen Halbbruders von König Christian V., zu heiraten. Rantzau geriet in Gebietsstreitigkeiten mit dem König, der in Personalunion auch Herzog von Holstein war. Nachdem sich der Reichsgraf beim Kaiser über den Herzog beschwerte, entzog dieser ihm kurzum alle Ehrenämter.

Christian Detlev Rantzaus Ausbeutung der Grafschaft führte zu Aufständen, die er 1705 mit Hilfe des Gottorfer Herzogtums niederzuschlagen versuchte.[8] Der Gottorfer Regent Georg Heinrich von Görtz sendete Soldaten zur Hilfe, die den Unruhen zwar eine Ende setzten, aber die Grafschaft anschließend besetzt hielten.[3] Das Haus Gottorf bot an, den Besitz für den einstigen Kaufpreis von 201.000 Talern zu übernehmen, was der Reichsgraf aber ablehnte. Die daraus entstehenden Auseinandersetzungen hielten bis 1713 an. In diesem Jahr wurde das Gottorfer Herzogtum im Zuge des Großen Nordischen Krieges durch Dänemark zu einem Großteil besetzt und die Gottorfer Herzöge dadurch in ihrer Macht eingeschränkt. Die Streitigkeiten um die kleine Grafschaft wurden durch andere Konflikte abgelöst. Christian Rantzau reiste in dieser Zeit nach Berlin,[10] wo er 1715 nach Vorwürfen der Sodomie – der damals üblichen Bezeichnung für homosexuelle Handlungen – in Haft genommen wurde. In der Grafschaft wurde er durch seinen jüngeren Bruder Wilhelm Adolf zu Rantzau vertreten, dessen Regentschaft, im Gegensatz zur Herrschaft Christian Detlevs, als verhältnismäßig wohlwollend beschrieben wurde. Der Neubau der Barmstedter Heiligen-Geist-Kirche geht auf diese kurze Phase zurück.

Wilhelm Adolf versuchte, den preußischen König Friedrich Wilhelm I. zu einer dauerhaften Einkerkerung des Bruders zu bewegen, womit er allerdings keinen Erfolg hatte. Christian Detlev kehrte 1720 mit einem kleinen Söldnertrupp nach Barmstedt zurück und übernahm gewaltsam seinen alten Besitz.[7]

Ende der Grafschaft Rantzau[Bearbeiten]

1721 wurde Christian Detlev Rantzau während der Jagd in der Nähe des Barmstedter Schlosses aus dem Hinterhalt erschossen.[3] Als direkte Reaktion darauf ließ der dänische König die Besitzungen der reichsgräflichen Familie besetzen. Der wahre Täter konnte nie ermittelt werden, doch wurde Christian Detlevs jüngerer Bruder Wilhelm Adolf für die Tat verantwortlich gemacht. Seine mutmaßlichen Mitverschwörer wurden eingekerkert und gebrandmarkt, der angebliche Schütze, der Sohn des Elmshorner Kirchenvogts, 1725 hingerichtet. Wilhelm Adolf selbst wurde der Prozess gemacht und der Reichsgraf nach der Verurteilung 1726 in der norwegischen Festung Akershus gefangen gesetzt.[3] Er starb dort 1734.

Die Reichsgrafschaft unterstand noch unmittelbar dem Kaiser in Wien und der Prozess gegen den Reichsgrafen vor einem holsteinischen Gericht stellte für den dänischen König ein Risiko dar, zumal die dänische Krone laut des Erbschaftsvertrags von 1669 ohnehin die Rantzauer Grafschaft im Falle eines ausbleibenden Erben erhalten sollte. Der dänische König Friedrich IV. ging das Wagnis jedoch ein, denn er sah eine Möglichkeit, der Kleinstaaterei auf und im dänisch verwalteten Territorium – nach der Annexion Schleswig-Gottorfs 1721 – ein weiteres Ende zu setzen. Die Vollendung des sogenannten Gesamtstaats wurde letztlich eines der größten politischen Ziele des dänischen Reichs im 18. Jahrhundert und mit dem Vertrag von Zarskoje Selo 1773 weitgehend abgeschlossen.

Friedrich IV. zog die besetzte Grafschaft im Jahre der Verurteilung Wilhelm Adolfs offiziell ein.[11] Catharina Hedwig, die Schwester der beiden Brüder, konnte in einem kostspieligen Prozess die Güter von Breitenburg, Drage und Rantzau zurück erstreiten,[11] doch für die Verwaltung der einstigen Grafschaft Rantzau wurden dänische Beamte eingesetzt. Die sogenannten Administratoren nahmen ihren Sitz auf der Barmstedter Schlossinsel.[9]

Der Versuch von Kuno zu Rantzau-Breitenburg, im Zuge der politischen Veränderungen durch den Deutsch-Dänischen Krieg die Wiederherstellung des Familienfideikommisses zu erreichen, blieb erfolglos. Mit der Eingliederung der Provinz Schleswig-Holstein in den preußischen Staat wurde die dänische Administration beendet und die einstige Grafschaft 1867 dem Kreis Pinneberg zugeordnet.

Liste der Reichsgrafen[Bearbeiten]

Regierungszeit Name Bemerkungen
1650–1663 Christian zu Rantzau Begründer der Reichsgrafschaft
1663–1697 Detlev zu Rantzau Sohn von Christian zu Rantzau
1697–1721 Christian Detlev zu Rantzau Sohn von Detlev zu Rantzau, 1715 bis 1720 in der Grafschaft durch seinen Bruder Wilhelm Adolf vertreten, wurde 1721 ermordet
1721–1722/26 Wilhelm Adolf zu Rantzau Bruder von Christian Detlev, des Mordes beschuldigt

Topographie[Bearbeiten]

Orte der Grafschaft[Bearbeiten]

Das Gebiet der Grafschaft mit einer Fläche von circa 230 km² entsprach ungefähr dem nördlichen Drittel des heutigen Kreises Pinneberg. Zu dem Territorium gehörten Barmstedt und die nördlich der Krückau gelegenen Teile Elmshorns, sowie die umliegenden, heute zum Teil im Amt Rantzau aufgegangenen Gemeinden. Dazu zählten unter anderem Heede, Langeln, Hemdingen, Ellerhoop, Seeth-Ekholt, Kölln-Reisiek, Bullenkuhlen, Klein Offenseth und Sparrieshoop sowie Groß Offenseth, Westerhorn, Brande-Hörnerkirchen und Lutzhorn.

Die Güter Breitenburg und Drage gehörten zwar zum Besitz der Familie Rantzau, lagen aber nördlich außerhalb des Gebiets der Grafschaft im Herzogtum Holstein im heutigen Kreis Steinburg.

Der sogenannte Grafenstuhl in der Barmstedter Kirche

Die einstige Grafschaft Rantzau in der Gegenwart[Bearbeiten]

Obwohl sich die Grafschaft nur wenige Generationen im Besitz der Rantzau befand, ist die Region bis in die Gegenwart von dieser Zeit geprägt. Die um die Stadt Barmstedt gelegenen Gemeinden, die weitgehend der früheren Grafschaft entsprechen, werden heute vom Amt Rantzau aus verwaltet. Das Gebiet rund um die Barmstedter Schlossinsel, deren heutiger Baubestand aus der Zeit der dänischen Administration stammt, wird von der Bevölkerung schlicht Rantzau genannt, eine dort gelegene Straße, der Rantzauer See und der Rantzauer Forst tragen ebenfalls den Namen der gräflichen Familie.

Die Barmstedter Heiligengeistkirche wurde unter Wilhelm Adolf Rantzau als Nachfolgebau einer mittelalterlichen Kirche von 1717 bis 1718 neu errichtet. In ihr befindet sich mit dem sogenannten Grafenstuhl noch die Patronatsloge der Reichsgrafen. Auf der Schlossinsel wurde im ehemaligen Amtsgericht ein Museum der Grafschaft Rantzau eingerichtet. An den Mord an Reichsgraf Christian Detlev erinnert ein Gedenkstein am vermuteten Tatort im Wald nahe der Schlossinsel. Die Mitglieder der gräflichen Familie sind zum Teil in der Itzehoer Laurentiikirche bestattet.

Auf die Rantzauer Grafschaft geht außerdem der Jüdische Friedhof in Elmshorn zurück.

Weblinks[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Kuno zu Rantzau-Breitenburg: Der Raub der Grafschaft Rantzau und anderer zum Rantzau-Breitenburger Familien-Fideikommiß in Holstein gehörenden Güter durch die Könige von Dänemark. Ein öffentlicher Bericht zur Rettung der Wahrheit und des gewaltsam gebeugten Rechts der Rantzaus. Hamburg: Perthes, Besser & Mauke, 1865
  • Hans Dössel: Barmstedt, eine geschichtliche Schau. Husum-Verlag 1988
  • Richard Haupt: Barmstedt und Rantzau. Vollbehr & Riepen, ca. 1920

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hubertus Neuschäffer: Schleswig-Holsteins Schlösser und Herrenhäuser. Husum Verlag, 1992, Seite 24
  2. Karte Schleswig-Holsteins zu Beginn des 17. Jahrhunderts Die Grafschaft Holstein-Pinneberg, aus der die kleinere Grafschaft Rantzau hervorging, ist blau dargestellt
  3. a b c d e f g Hubertus Neuschäffer: Schleswig-Holsteins Schlösser und Herrenhäuser. Husum Verlag, 1992, Seite 25
  4. Hjördis Jahnecke: Die Breitenburg und ihre Gärten im Wandel der Jahrhunderte. Verlag Ludwig, 1999, Seite 72
  5. R. Haupt: Barmstedt und Rantzau. Vollbehr & Riepen, 1920, Seite 231
  6. R. Haupt: Barmstedt und Rantzau'. Vollbehr & Riepen, 1920', Seite 233
  7. a b R. Haupt: Barmstedt und Rantzau. Vollbehr & Riepen, 1920, Seite 232
  8. a b Hjördis Jahnecke: Die Breitenburg und ihre Gärten im Wandel der Jahrhunderte. Verlag Ludwig, 1999, Seite 89
  9. a b R. Haupt: Barmstedt und Rantzau. Vollbehr & Riepen, 1920, Seite 234
  10. Hjördis Jahnecke: Die Breitenburg und ihre Gärten im Wandel der Jahrhunderte. Verlag Ludwig, 1999, Seite 90
  11. a b Hjördis Jahnecke: Die Breitenburg und ihre Gärten im Wandel der Jahrhunderte. Verlag Ludwig, 1999, Seite 91