Grauen
Das Grauen (seltener: der Graus) ist ein Substantiv der gehobenen Umgangssprache für ein gesteigertes Gefühl der Angst oder des Entsetzens, das meist mit der Wahrnehmung des Unheimlichen oder Übernatürlichen verknüpft ist. Es rührt sprachgeschichtlich vom mhd. grûwen, „Schauder“ her, welcher Begriff auch als Synonym verwendet wird.
Das zugehörige reflexive Verb ist sich grauen. In der Alltagssprache ist ein „Das ist ja grauenhaft!“ oder „Dem graut's vor gar nichts“ geläufig, um ein spezielles Befremden auszudrücken. Sich „zu graulen“ oder „zu gruseln“ ist eine regelmäßige Erfahrung kindlicher Erlebniswelt.
Wo das Grauen nicht zur bloßen Metapher verblasst ist und vollgültigen Ausdruck findet, ist es typischerweise mit körperlichen Reaktionen verbunden. Diese reichen von der so genannten Gänsehaut bis zum Ausdruck extremen Entsetzens, wo dem Betroffenen regelrecht „die Haare zu Berge stehen“.
Abgeleitet davon sind die Wörter Grausamkeit und Gräuel.
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Kulturelle Aspekte [Bearbeiten]
Grauen ist eine Reaktion auf Unheimliches. Es kommt nicht nur in archaischen Kulturen vor, die dem Unheil magische oder religiöse Bedeutung zumessen (vgl. Tabu), sondern auch in der ‚Wissenschaftlichen Zivilisation‘. Mit der Ausbreitung des wissenschaftlichen Weltbildes machte jedoch jemandes Eingeständnis, etwas sei ihm unheimlich, ihn im Alltagsleben zunehmend lächerlich: Derartige Regungen galten zumal im Zuge der Aufklärung zunehmend als abergläubig, infantil oder altweiberisch. Dass aber das Grauen und die Lust daran nicht verschwunden ist, lässt sich daraus erschließen, dass das Kino dem Thema ein besonderes Genre, den Horrorfilm, gestiftet hat (zum Teil wird es hier dann kömödienhaft oder als „Grusical“ angestrengt entschärft). Zu den Klischees dieser Filme gehört eben auch der ungläubige, aufgeklärte Spötter, der eines Besseren belehrt wird.
Wissenschaftliche Aspekte [Bearbeiten]
Mit den kulturellen und psychologischen Aspekten des Themas befassen sich Ethnologie, Kultursoziologie und Psychoanalyse. Freud etwa widmete dem Unheimlichen eine eigene Studie, in der er im Hinweis auf den Gegensinn der Urworte auf die verborgene Einheit des Unheimlichen mit dem Heimlichen hinwies: Das Grauen vor dem Unheimlichen ist hier die Angst vor dem verdrängten Heimlichen als dem ehemals Wohlvertrauten. In der Religionsphänomenologie Rudolf Ottos ist das Grauen wie das verwandte Schaudern als mysterium tremendum ein Aspekt der numinosen Erfahrung des Göttlichen oder Dämonischen. Volkskunde und Thanatosoziologie untersuchen Bräuche, die nach wie vor das Grauen vor Toten einzudämmen versuchen.
Dichtung [Bearbeiten]
In Dichtung und Dichtungstheorie spielten Grauen und Schaudern als starke Emotion immer eine mehr oder weniger prominente Rolle. In der mündlichen Tradition dürften Gespenster und Gruselgeschichten so alt sein, wie die Lust am Fabulieren überhaupt. Besondere Beachtung verdient hier das Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen der Brüder Grimm mit dem wiederholten Ausspruch eines Menschen; der sich nicht grauen kann, wie sonst alle: „Ach, wenn mir’s nur gruselte!“
In der Poetik des Aristoteles ist das Schaudern (Phobos) neben dem Mitleid oder Jammer (Eleos) zentrales Moment der tragischen Erfahrung des Publikums, das bei diesem eine Katharsis herbeiführen soll. Die Tragödie als Gattung zielt in dieser klassischen Definition immer auch auf die Erregung des Schauders, der zugleich als ästhetisches Vergnügen betrachtet wird.[1]
Goethe gebraucht als Schlusszeile des Ersten Teils seines „Faust“ das Wort „Grauen“ hochemphatisch, mit Gretchens Aufschrei: „Heinrich! Mir grauts vor dir!“ Im Zweiten Teil taucht das Motiv wieder auf. Im Ersten Akt, Szene Finstere Galerie, ruft Faust vor dem Gang zu den Müttern aus:
- Doch im Erstarren such' ich nicht mein Heil,
Das Schaudern ist der Menschheit bestes Teil;
Wie auch die Welt ihm das Gefühl verteure,
Ergriffen, fühlt er tief das Ungeheure.
Schiller benutzt das Wort als nachdrücklichen Schlusspunkt, wenn sein Taucher alle Welt davor warnt, sich von der Freude abzuwenden:
- [ ... ] es freue sich,
Wer da atmet im rosichten Licht!
Da unten aber ists fürchterlich,
Und der Mensch versuche die Götter nicht,
Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,
Was sie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen.
Die Schwarze Romantik etablierte im Gegenzug zu dieser klassischen Aversion gegen das Dunkle und Nächtige mit der Gothic Novel und dem Schauerroman auch die anspruchsvolle epische Form der Literatur zur Erzeugung des Grauens. Virtuosen dieses Genres der Horrorliteratur sind etwa Edgar Allan Poe oder in der Gegenwart Stephen King.
Andere Künste [Bearbeiten]
Beispiele sind hier in der Musik die sinfonische Dichtung Eine Nacht auf dem kahlen Berge von Modest Mussorgski, in der Malerei Der Nachtmahr von Johann Heinrich Füssli (siehe oben).
Andere Wortbedeutungen [Bearbeiten]
Als intransitives Verb bedeutet „grauen“, die graue Farbe anzunehmen (der Morgen graute bereits), vgl. „ergrauen“ (sein Haar ergraute früh) und ist von grau (ahd. grâwên, mhd. grâwen) abgeleitet.
Siehe auch [Bearbeiten]
Literatur [Bearbeiten]
- Rudolf Otto: Das Heilige: Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen. Trewendt & Granier, Breslau 1917; Nachdruck: Beck, München 2004, ISBN 3-406-51091-4. Das Heilige online auf archive.org
- Sigmund Freud: Das Unheimliche (1919). In: Gesammelte Werke. Bd. XII, Frankfurt am Main 1999, S. 227–278.
- J. C. L. König: Herstellung des Grauens. Peter Lang, Frankfurt am Main 2005
Weblinks [Bearbeiten]
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Wiktionary: Grauen – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen - Diverse linguistische Artikel zum Stichwort auf dwds.de
- Aaron Smuts: Horror, Draft 2009 (engl.) (einführende philosophische Begriffs- und Funktionsanalyse)
Nachweise [Bearbeiten]
- ↑ Vgl. Poetik, Kap. 4.: Denn von Dingen, die wir in der Wirklichkeit nur ungern erblicken, sehen wir mit Freude möglichst getreue Abbildungen, z.B. Darstellungen von äußerst unansehnlichen Tieren und von Leichen.