Gravuren auf Megalithen der Bretagne

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Multiple Bögen ('Schildidole') auf Tragsteinen in Gavrinis (Kopien aus Bougon); die rechtwinkeligen Trennlinien gehören zu den frühesten ihrer Art in der Kunst.

Die Gravuren auf Megalithen der Bretagne (auch als Ganggrabkunst bezeichnet) sind − wie die Großsteinmonumente selbst − Quellen der prähistorischen Kultur- und Geistesgeschichte. Die Gravierungen befinden sich auf den Trag- und Decksteinen von Dolmen sowie − allerdings seltener − auf Alignements und Menhiren.

Regionale Verteilung[Bearbeiten]

Zwischen 4500 und 2000 v. Chr. lag der Höhepunkt der jungsteinzeitlichen Megalith-Kultur mit ihrem eindrucksvollen Totenkult. Insgesamt etwa 5000 Menhire und 1000 Dolmen sind über die gesamte Bretagne verstreut. Damit hält die Bretagne den Weltrekord an megalithischen Baudenkmälern, Die meisten Megalithanlagen Europas (mit Ausnahmen im atlantischen Bereich) verfügen über keinerlei Dekor. Doch im Süden der Bretagne und hier vor allem im Gebiet des Golf von Morbihan finden sich einige Anlagen mit einer großen Ornamentvielfalt: Hier sind in erster Linie die Dolmen von Gavrinis, Les Pierres-Plates und Mané Lud zu nennen, dann aber auch Kermario II, Kermarquer, Mané-er-Hroek, Mané Rutual, der Menhir von Kermaillard und der Tumulus auf der Île Longue.

Im Norden der Bretagne sind vor allem das Dekor in mehreren Ganganlagen von Barnenez Dolmen H sowie in den Dolmen La Maison des Feins, Prajou-Menhir und Crec'h Quillé hervorzuheben.

Grundsätzlich ist festzustellen, dass das Formenspektrum in den beiden Regionen deutlich unterschieden werden kann − so tauchen die im Süden häufiger anzutreffenden konzentrischen Halb-Kreise, 'Schildidole' und 'Axtpflüge im Norden der Bretagne nicht, oder nur in völlig veränderter Form auf. Ausgangspunkt dürfte die älteste Gravierung einer Megalithanlage überhaupt, die des Dolmens H von Barnenez gewesen sein, der Beile, Bogen und Wellen/Schlangensymbole zeigt. Das künstlerische Formenrepertoire sowie die mit großer Wahrscheinlichkeit vorhandene Symbolik waren somit zum überwiegenden Teil regional begrenzt.

Petroglyphen von Barnenez - Dolmen A + H (Rechteck mit Fransen = Schild oder Göttin(?) / Hörner oder Wellen(?) / Axt und Steinbeil / Wellen(?) / Bogen)

Deutungen[Bearbeiten]

Während einige Darstellungen auf den Megalithen der Bretagne für den heutigen Betrachter recht klar zu sein scheinen (Äxte, Bögen), sind die meisten Formen nur schwer bis gar nicht zu deuten (Rechtecke, konzentrische Halbkreise, Krummstäbe, 'Schildidole' etc.).

Von Yannick Rolando stammt folgender Versuch zur Einordnung und Deutung der Gravierungen:

  • Schildförmige Bildzeichen sollen verschiedene Formen der Magna Mater darstellen. Mit oder ohne Kopf, mit Brüsten, oder Armen, manchmal konzentrisch vervielfältigt.
  • Beilförmige Bildzeichen sollen gestielte und ungestielte Äxte, darstellen. Ungeschäftete Äxte treten beinahe immer paarweise auf.
  • Krummstabförmige Bildzeichen bedeuten Báculos.
  • Kammförmige Bildzeichen sollen (diese Deutung ist besonders umstritten) tote heilige Tiere sein, deren Beine in die Luft gestreckt sind.
  • Andere Bildzeichen werden als Sonne, mit oder ohne Strahlen gedeutet. Es kann sich auch um Augen handeln, da auf spanischer Keramik häufig (allerdings viel später) nur die Augen der Magna Mater dargestellt wurden.

Der französische Megalithforscher Serge Cassen interpretiert Formen, die lange Zeit als sogenannte 'Axtpflüge' gedeutet wurden, nunmehr als 'blasende Wale' (vgl. Mané Lud).

Dolmengöttin[Bearbeiten]

Les Pierres Plates, 'Schildidol'

Besonders stark abstrahierte Zeichen sind Darstellungen der Muttergottheit oder einer Schlange, die wiederum ein Synonym der Gottheit sein soll. Manchmal werden auch Schilde (Les Pierres-Plates) als weibliche Formen interpretiert, in anderen Fällen sind es brustähnliche Reliefs und "Halsketten". Dieses Motiv ist findet sich in den Anlagen von Crec'h Quillé bei Saint-Quay-Perros, Kerguntuil bei Trégastel, Prajou-Menhir bei Trébeurden und Mougau-Bihan bei Commana.

Extrem unterschiedlich sind die Deutungen im Falle Ritzung in der Allée coudée (geknickt) von Luffang, Gemeinde Crach. Während S. von Cles-Reden und Y. Rolando in der Zeichnung das Symbol der Dolmengöttin erkennen, deutet Werner Hülle sie als stilisierten Tintenfisch und meint, dass dieses Motiv schon im Rahmen der mesolithischen ostspanischen Felsbilder nachweisbar sei und vor allem in der bronzezeitlichen mykenischen Kultur gleichartig stilisierte Motive aufträten, z. B. auf Vasen und auf dem Boden des Megarons auf der Burg von Tiryns (Peloponnes).

Quellen[Bearbeiten]

Bei der Suche nach den Quellen dieser Kunst ist festzustellen, dass die bretonischen Hierogramme sehr wahrscheinlich in Beziehung zur Iberischen Halbinsel stehen. Bei einigen Darstellungen der sogenannten 'Muttergöttin', evtl. auch bei den 'blasenden Walen' (vgl. Mané Lud und Dombate) sind Verwandtschaften deutlich erkennbar (vgl. Weblinks).

Zusammenfassung[Bearbeiten]

Beim derzeitigen Stand der Wissenschaft müssen Deutungen umstritten bleiben, zumal die Symbolik in der Bretagne regionale Unterschiede aufweist und Zeugnis einer langen Bildtradition ist. Zu den ältesten Symbolen gehören die naturalistischen Darstellungen der Axt (auch kombiniert mit dem 'Axtpflug' – Hache-Carrure), der Dolch und multiple Bögen (Gavrinis), marmiteartige Darstellungen mit einem Rostrum in der Scheitelregion (Mané-er-Hroek) und gehörnte Tiere (Table des marchands). Bei den Deutungen der abstrakten Symbole widersprechen sich Werner Hülle, Herbert Glöckner (der die Sonderstellung der Bretagne einräumt[1]), die z.B. auch mittel- und nordeuropäische und andere Gravierungen der Megalithkultur heranziehen, und Yannick Rolando.

Literatur[Bearbeiten]

  • Herbert Glöckner: Dokumente zur Religion aus megalithischer Zeit. Zur Entwicklung aus der Kultur der westlichen Großsteingräber. Lang, Frankfurt am Main u. a. 1988, ISBN 3-8204-9953-9, (Europäische Hochschulschriften 3, 356).
  • Werner Hülle: Steinmale der Bretagne. 2. Auflage. Dreves, Harburg/Rosengarten 1989, ISBN 3-924-532-00-1.
  • Yannick Rolando: La Préhistoire du Morbihan. Le Vannetais Littoral. 3e édition. Société polymathique, Vannes 1971.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. „Von den (...) angeführten Formen und Zeichnungen heben sich die der Bretagne in eindrucksvoller Weise ab.“ Glöckner, S. 210

Weblinks[Bearbeiten]