Gregor Gysi

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Gregor Gysi 2013 bei der Wahlanhörung des Deutschen Olympischen Sportbundes

Gregor Florian Gysi (* 16. Januar 1948 in Berlin) ist ein deutscher Rechtsanwalt und Politiker (Die Linke).

Er ist seit 2005 Fraktionsvorsitzender der Linksfraktion im Bundestag. Mit dem Amtsantritt des dritten Kabinetts Merkel am 17. Dezember 2013 ist Gysi Oppositionsführer im Deutschen Bundestag.

Zuvor war er von 1998 bis 2000 Vorsitzender der PDS-Bundestagsfraktion, von 1990 bis 1998 Vorsitzender der Bundestagsgruppe der PDS und von 1989 bis 1993 Vorsitzender der SED-PDS beziehungsweise PDS. 2002 war er Bürgermeister und Senator für Wirtschaft, Arbeit und Frauen des Landes Berlin.

Ausbildung[Bearbeiten]

Von 1954 bis 1962 besuchte Gregor Gysi die Polytechnische Oberschule, von 1962 bis 1966 die Erweiterte Oberschule „Heinrich Hertz“ (ab 1965 Schule mit mathematischem Schwerpunkt) in Berlin-Adlershof. Hier erwarb er 1966 sein Abitur und legte gleichzeitig den Lehrabschluss zum Facharbeiter für Rinderzucht (im VEG Blankenfelde) ab.[1]

Gysi absolvierte ein Studium der Rechtswissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin, welches er 1970 als Diplom-Jurist beendete.[1]

Juristische Karriere[Bearbeiten]

Ab 1971 war Gysi einer der wenigen freien Rechtsanwälte in der DDR. In dieser Funktion verteidigte er auch Systemkritiker und Ausreisewillige, darunter bekannte Personen wie Robert Havemann, Rudolf Bahro, Jürgen Fuchs, Bärbel Bohley und Ulrike Poppe. 1976 erfolgte seine Promotion zum Dr. jur. mit der Arbeit Zur Vervollkommnung des sozialistischen Rechtes im Rechtsverwirklichungsprozeß.[2]

Von 1988 bis 1989 war er Vorsitzender des Kollegiums der Rechtsanwälte in Ost-Berlin und gleichzeitig Vorsitzender der 15 Kollegien der Rechtsanwälte in der DDR. Am 12. September 1989 war er zusammen mit dem Ost-Berliner Rechtsanwalt Wolfgang Vogel in Prag, um die DDR-Flüchtlinge in der deutschen Botschaft zur Rückkehr in die DDR aufzufordern. Im Herbst 1989, vor der politischen Wende in der DDR, setzte Gysi sich als Anwalt für die Zulassung des oppositionellen Neuen Forums ein.

Von August 2002 bis zu seiner Wiederwahl als Abgeordneter des Bundestages im Jahre 2005 war er wieder als Rechtsanwalt tätig.

Politische Karriere[Bearbeiten]

Gysi spricht bei der Berliner Alexanderplatz-Demonstration am 4. November 1989
Gregor Gysi, Mitglied des Arbeitsausschusses der SED, vor Beginn des SED-Sonderparteitages in der Dynamo-Sporthalle in Berlin im Gespräch mit Delegierten

Seit 1967 war Gysi Mitglied der SED. Als er 1989 in den Blickpunkt der Öffentlichkeit trat, arbeitete er an einem Reisegesetz mit. Am 4. November 1989 sprach Gysi vor 500.000 Menschen auf der Massenkundgebung auf dem Berliner Alexanderplatz und forderte ein neues Wahlrecht sowie ein Verfassungsgericht. Seine Eloquenz und rhetorische Begabung ließen ihn schnell zu einem der Medienstars des Herbstes werden. Ab dem 3. Dezember 1989 gehörte er dem Arbeitsausschuss zur Vorbereitung des außerordentlichen Parteitages der SED an und zum Vorsitzenden eines parteiinternen Untersuchungsausschusses.

Auf dem Sonderparteitag am 9. Dezember 1989 wurde Gysi mit 95,3 Prozent der Delegiertenstimmen zum Vorsitzenden der SED gewählt. Am 16. Dezember 1989 sprach er sich auf dem Sonderparteitag der SED-PDS für eine Zusammenarbeit beider deutscher Staaten bei voller Wahrung ihrer Souveränität aus. Im Winter 1989/90 war Gysi als Parteivorsitzender der damaligen SED-PDS daran beteiligt, dass die Partei nicht aufgelöst wurde und das Parteivermögen sowie Arbeitsplätze innerhalb der Partei erhalten blieben. Den Parteivorsitz der PDS hatte Gysi bis zum 31. Januar 1993 inne. Danach wirkte er zunächst als stellvertretender Parteivorsitzender, dann als Mitglied im Parteivorstand weiter mit, bis er im Januar 1997 endgültig aus dem Parteivorstand ausschied.

Am 23. Dezember 2005 wurde er auch Mitglied der WASG, ebenso wie Oskar Lafontaine auch Mitglied in der Linkspartei.PDS wurde. Damit machten beide demonstrativ von der Möglichkeit einer Doppelmitgliedschaft in der Linkspartei und in der WASG Gebrauch. Seit dem 16. Juni 2007 ist Gysi Mitglied der Partei Die Linke.

Gysi ist Mitglied der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Vorwürfe wegen Verschleierung des SED-Vermögens[Bearbeiten]

Auf dem Sonderparteitag der SED vom 8./9. und 16./17. Dezember 1989 unterstützte Gregor Gysi den Fortbestand der SED unter neuem Namen („SED-PDS“) unter anderem mit dem Argument, eine Auflösung und Neugründung würde juristische Auseinandersetzungen um das Parteivermögen nach sich ziehen und sei eine ernste wirtschaftliche Bedrohung für die Partei.[3] Später wurde ihm seitens der Unabhängigen Kommission zur Überprüfung des Vermögens der Parteien und Massenorganisationen der DDR vorgeworfen, er sei aktiv an der Verschleierung des SED-Parteienvermögens beteiligt gewesen und habe im Putnik-Deal versucht, mit Hilfe der KPdSU SED-Gelder ins Ausland zu verschieben, um sie vor dem Zugriff staatlicher Stellen zu sichern.[4]

Der Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages 1998 zum Verbleib des SED-Parteienvermögens gab an, dass Gysi bei seiner Befragung geschwiegen und damit zusammen mit weiteren PDS-Funktionären dessen Arbeit behindert habe.[4]

Öffentliche Ämter[Bearbeiten]

1990–2002[Bearbeiten]

Von März bis Oktober 1990 war Gysi Abgeordneter der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR, dort Fraktionsvorsitzender der PDS. Als solcher wurde er am 3. Oktober 1990 Mitglied des Deutschen Bundestages, aus dem er am 1. Februar 2002 ausschied, um das Amt des Wirtschaftssenators in Berlin anzutreten. Er war von 1990 bis 1998 Vorsitzender der PDS-Bundestagsgruppe, dann bis zum 2. Oktober 2000 Vorsitzender der PDS-Bundestagsfraktion.

Abgeordnetenhaus von Berlin, Bonusmeilen-Affäre[Bearbeiten]

Von 2001 bis 2002 war er Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin. Am 17. Januar 2002 wurde Gysi Bürgermeister und Senator für Wirtschaft, Arbeit und Frauen des Landes Berlin in dem vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit geführten Senat. Am 31. Juli 2002 trat er im Rahmen der Bonusmeilen-Affäre von allen Ämtern zurück.[5]

Seit 2005[Bearbeiten]

Bundestagswahl 2005[Bearbeiten]

Für die Bundestagswahl 2005 kehrte er als Spitzenkandidat der Linkspartei zurück. Er war Direktkandidat für den Wahlkreis 85 Treptow-Köpenick und führte die Landesliste der Linkspartei Berlin an. Bei der Wahl konnte er sich gegen seinen Konkurrenten Siegfried Scheffler von der SPD durchsetzen und zog mit 40,4 Prozent der abgegebenen Erststimmen direkt in den Bundestag ein. Gemeinsam mit Oskar Lafontaine wurde er zum Fraktionsvorsitzender der Linksfraktion gewählt.

Bundestagswahl 2009[Bearbeiten]

Auch bei der Bundestagswahl 2009 trat er als Spitzenkandidat der Berliner Landesliste an. Sein Erststimmen-Ergebnis in seinem Wahlkreis Berlin-Treptow-Köpenick konnte er jedoch auf 44,4 Prozent verbessern und zog somit erneut per Direktmandat in den Bundestag ein. Nach dem Verzicht Oskar Lafontaines wurde Gysi am 9. Oktober 2009 mit 94,7 Prozent zum alleinigen Fraktionsvorsitzenden der Bundestagsfraktion der Linken bestimmt und 2011 mit 81,3 Prozent im Amt bestätigt.

Bundestagswahl 2013[Bearbeiten]

Gregor Gysi am Abend der Bundestagswahl 2013

Bei der Bundestagswahl 2013 gelang es Gysi – wiederum Spitzenkandidat der Berliner Landesliste – trotz leichter Einbußen von 2,6 Prozent sein Direktmandat mit 42,2 Prozent erneut zu verteidigen.[6] Wie schon 2011 wies er Sahra Wagenknechts Ambitionen auf eine Doppelspitze in der Fraktion erfolgreich zurück und wurde am 9. Oktober 2013 auf einer Fraktionsklausur im brandenburgischen Bersteland erneut zum alleinigen Fraktionsvorsitzenden gewählt. Aufgrund der regierenden Großen Koalition ist er damit Oppositionsführer.[7]

Beobachtung durch den Verfassungsschutz[Bearbeiten]

Im Januar 2012 wurde bekannt, dass Gregor Gysi als einer von 27 Bundestagsabgeordneten der Linken unter Beobachtung durch das Bundesamt für Verfassungsschutz steht,[8] was von Politikern aller Fraktionen kritisiert wurde.[9]

Nachdem diese Überwachung Anfang 2014 eingestellt worden war,[10] stellte das Verwaltungsgericht Köln in einem Anerkenntnisurteil im September 2014 fest, dass die Personenakte Gysis zu vernichten sei.[11]

Siehe auch: Beobachtung der Partei Die Linke durch den Verfassungsschutz.

Vorwürfe der inoffiziellen Mitarbeit bei der Stasi[Bearbeiten]

Bericht des Immunitätsauschusses 1998[Bearbeiten]

Laut Abschlussbericht des Immunitätsausschusses des Deutschen Bundestages soll Gysi zwischen 1975 und 1986 für das Ministerium für Staatssicherheit der DDR unter verschiedenen Decknamen, dabei hauptsächlich als IM Notar gearbeitet haben, nachdem in einer früheren Version des Abschlussberichtes noch davon die Rede war, dass ein solcher Nachweis aufgrund der vorhandenen Unterlagen nicht erfolgen kann.[12]

Im Abschlussbericht[13] heißt es unter anderem, Gysi habe

„[…] seine herausgehobene berufliche Stellung als einer der wenigen Rechtsanwälte in der DDR genutzt, um als Anwalt auch international bekannter Oppositioneller die politische Ordnung der DDR vor seinen Mandanten zu schützen. Um dieses Ziel zu erreichen, hat er sich in die Strategien des MfS einbinden lassen, selbst an der operativen Bearbeitung von Oppositionellen teilgenommen und wichtige Informationen an das MfS weitergegeben. Auf diese Erkenntnisse war der Staatssicherheitsdienst zur Vorbereitung seiner Zersetzungsstrategien dringend angewiesen. Das Ziel dieser Tätigkeit unter Einbindung von Dr. Gysi war die möglichst wirksame Unterdrückung der demokratischen Opposition in der DDR […]“

Gregor Gysi bezog zu diesen Aussagen im Abschlussbericht wie folgt Stellung:[12]

„[…] Die Gerichte kamen regelmäßig nach wesentlich weitergehenden Untersuchungsmöglichkeiten [d. h. als denen des Ausschusses] zu der Auffassung, dass es einen Nachweis für eine inoffizielle Zusammenarbeit zwischen mir und dem MfS der ehemaligen DDR nicht gibt. […] Insgesamt ist es dem Ausschuss nicht gelungen, die Vorwürfe zu belegen, die er gegen mich erhebt. Ein solcher Nachweis kann auch nicht gelingen, weil ich zu keinem Zeitpunkt inoffiziell mit dem MfS zusammengearbeitet habe. […]“

Die Feststellungen des Immunitätsausschusses hatten aber keine Auswirkungen auf Gysis Arbeit als Abgeordneter, der im Abschlussbericht selbst der Beschuldigung widersprach und auf „wesentliche Mängel und Fehler“ im Verfahren hinwies. Die PDS und die FDP stimmten dem Papier nicht zu.

Gysi legte erneut Klage gegen die Feststellung ein. Gregor Gysi bekannte sich zur Kooperation mit der Staatsanwaltschaft und dem Zentralkomitee der SED „im Interesse und mit Wissen seiner Klienten“ und ging mehrmals, bisher (2013) erfolgreich, gerichtlich gegen die Verbreitung der Behauptung, er wäre IM Gregor / IM Notar gewesen, vor. 1998 untersagte das Landgericht Hamburg dem Magazin Der Spiegel, weiterhin zu behaupten, Gregor Gysi habe für die Stasi-Spionageabteilung gearbeitet und dort den Decknamen IM Notar geführt, weil der Spiegel seine Behauptungen nicht habe beweisen können.

Klage gegen Aktenveröffentlichungen 2008[Bearbeiten]

Nachdem das ZDF am 27. Mai 2008 ein Interview mit Marianne Birthler ausgestrahlt hatte, in dem sie Gysi eine Stasi-Tätigkeit vorwarf, ging Gysi mit einem Unterlassungsbegehren gegen den Sender vor.[14]

Gregor Gysi, 2007

Im Mai 2008 unterlag Gysi vor dem Berliner Verwaltungsgericht mit einer Klage gegen die Veröffentlichung mehrerer Protokolle über Robert Havemann und den – laut diesen Berichten – zur DDR-Führung „negativ eingestellt[en]“ Thomas Klingenstein, geb. Erwin. In einem der Protokolle ist die Rede von einer Autofahrt eines „IM“ mit „Erwin“. Das Protokoll wird von der BStU und von Klingenstein selbst auf die Rückfahrt von einem Besuch bei Havemann am 3. Oktober 1979 bezogen. („Der IM nahm ‚Erwin‘ mit in die Stadt und erfuhr zur Person folgendes …“).

Die Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen, Marianne Birthler, erklärte hierzu, es gäbe in ihrem Haus keine Zweifel daran, dass der IM nach Aktenlage „nur Gregor Gysi gewesen sein“ könne.[15] Der ARD sagte sie, es gebe Erkenntnisse, dass Gysi „wissentlich und willentlich“ die Stasi unterrichtet habe. Klingenstein erklärte, er sei mit niemandem außer Gysi auf der Rückfahrt zusammen gewesen, der Text könne sich daher nur auf Gysi beziehen.

Die erfolglose Klage richtete sich ferner gegen die Freigabe von Protokollen, ausweislich derer DDR-Staatschef Erich Honecker Gysi über dessen Vater ausrichten ließ, dieser solle im Rahmen der „juristisch konsequente[n] Verteidigung“ Havemanns als dessen Rechtsanwalt „ein Vertrauensverhältnis zu Havemann her[zu]stellen mit dem Ziel, dass dieser seine Außenpropaganda einstellt“. Dem liegt ein Tonbandbericht in Ich-Form über ein Gespräch bei, das Gysi 1979 mit Havemann führte. („Ich schlug ihm noch einmal vor, jegliche Veröffentlichungen im Westen zu unterlassen und sich allein auf die DDR zu beschränken.“) Die zunächst mit seiner anwaltlichen Schweigepflicht begründete Berufung zog Gysi später zurück.[16]

Gysis öffentliche Auftritte 2008[Bearbeiten]

Gysi bestreitet nach wie vor, als IM tätig gewesen zu sein: Er sei erstmals 1980 von der Stasi wegen der Möglichkeit einer inoffiziellen Mitarbeit überprüft[17] und 1986 abschließend „zur Aufklärung und Bekämpfung politischer Untergrundtätigkeit nicht geeignet“ befunden worden.[18] „Im September 1980 legte die Stasi einen Vorlauf an, um zu prüfen, ob ich als IM infrage käme. Wozu einen solchen Vorlauf im Jahr 1980, wenn ich angeblich 1979 bereits IM war?“[19] Eine „inhaltliche Weitergabe des Gesprächs mit Thomas Erwin, allerdings nicht an die Stasi, sondern an das ZK der SED“, schließt Gysi aber nicht mehr aus.[20] Er habe außerdem „erhebliche Verbesserungen für Havemann wie die Aufhebung des Hausarrestes oder die Verhinderung weiterer Anklagen erreicht“.

Havemanns Sohn Florian hat Gysi in der Angelegenheit ausdrücklich verteidigt. Am 28. Mai 2008 erklärte er in einem Interview: „Unabhängig von der Frage, ob Herr Gysi IM war, was ich nicht beurteilen kann, hat er im Sinne unseres Vaters gehandelt.“[21] Hingegen stellt Havemanns Frau Katja anhand der Stasi-Unterlagen Gysis Rolle ins andere Licht – und spricht dabei auch über ihre Gewissheit, dass er sich eindeutig hinter IM Gregor und IM Notar verbirgt.[22]

Gysi hinterfragte die Glaubwürdigkeit der Akten: Die Bundesbeauftragte habe in einem anderen Fall erklärt, „dass sie die Diskrepanzen zwischen dem Akteninhalt und tatsächlichen Begebenheiten nicht untersuchen dürfe. Die Behörde sei auch nicht befugt, Unterlagen zu bewerten und auch nicht, Wahrheitsfeststellungen zu treffen.“[18]

Deutscher Bundestag 2008[Bearbeiten]

Am 28. Mai 2008 befasste sich der Bundestag auf Verlangen von CDU/CSU und SPD in der Aktuellen Stunde mit dem „Bericht aus den Unterlagen der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, über vertrauliche Gespräche, die Gregor Gysi 1979/80 als DDR-Rechtsanwalt mit Mandanten geführt hat“. In der Debatte forderten Abgeordnete der CDU, SPD, Grüne und FDP sowohl Konsequenzen in Form einer Entschuldigung bei den Opfern als auch den Ämterverzicht Gysis.[23][24]

Lafontaines Angriff[Bearbeiten]

Der Vorsitzende der Linksfraktion, Oskar Lafontaine forderte als Konsequenz aus den Äußerungen von Marianne Birthler deren Entlassung.[25] Birthler bekräftigte dagegen, dass die Aktenlage zweifelsfrei zeige, dass Gysi wissentlich und willentlich Informationen an die Stasi geliefert hätte. Dies sei gemäß Stasi-Unterlagengesetz entscheidend, als Stasi-Spitzel zu gelten, unabhängig davon, ob eine Verpflichtungserklärung existiere oder nicht.[26]

ZDF-Beitrag verboten[Bearbeiten]

Gegen den entsprechenden ZDF-Beitrag setzte sich Gysi beim Landgericht Hamburg mit einer einstweiligen Verfügung auf Unterlassung und Gegendarstellung zur Wehr. Nachdem das Hamburger Landgericht in erster Instanz gegen Gysi entschied,[27] hob das Hanseatische Oberlandesgericht den Entscheid der Vorinstanz auf. Begründet wurde dies mit einer unzulässigen Verdachtsberichterstattung und unzureichenden Recherchen im Vorfeld. Gegen dieses Urteil wurden durch das ZDF Rechtsmittel eingelegt. Am 4. September 2009 fällte das Landgericht Hamburg im Hauptsacheverfahren das Urteil, das dem ZDF untersagt, durch die im „heute-journal“ vom 22. Mai 2008 erfolgte Berichterstattung den Verdacht zu erwecken, Gysi habe „wissentlich und willentlich an die Stasi berichtet“.[28] Damit hat das Landgericht Hamburg kein grundsätzliches Verbreitungsverbot im Hinblick auf die streitige Äußerung von Frau Birthler verhängt, sondern den Verbotstenor ausschließlich auf die konkrete Darstellungsform in der Sendung „heute-journal“ vom 22. Mai 2008 beschränkt.[29] Im Berufungsverfahren zum weitergehenden Antrag Gysis auf einstweilige Verfügung bestätigte das Oberlandesgericht Hamburg am 8. September 2009 sein Urteil, in welchem dem ZDF überhaupt verboten wird, die Äußerungen Birthlers bestätigend zu verbreiten.[30][31] In der darauf folgenden Berufungsverhandlung wurde im Urteil vom 23. März 2010 vom OLG Hamburg dieses Verbot bestätigt und eine Revision nicht zugelassen.[32] Eine Beschwerde des ZDF gegen die Nichtzulassung dieser Revision wurde am 20. September 2011 vom Bundesgerichtshof zurückgewiesen.[33]

Ausweitung der Ermittlungen 2013[Bearbeiten]

Wegen neuer Hinweise hat die Staatsanwaltschaft Hamburg ihre Ermittlungen gegen Gysi ausgeweitet. Ermittelt wird wegen einer möglicherweise falschen eidesstattlichen Versicherung. Gysi hatte erklärt, „zu keinem Zeitpunkt über Mandanten oder sonst jemanden wissentlich und willentlich an die Staatssicherheit berichtet zu haben“.[34][35]

Fortsetzung der ARD/NDR-Dokumentation[Bearbeiten]

Der Rechtsstreit um den ersten Film Die Akte Gysi, der im Januar 2011 in der ARD ausgestrahlt wurde, endete mit einem Vergleich, in dem sich der NDR verpflichtete, ihn nicht mehr zu zeigen. Die NDR-Autoren Hans-Jürgen Börner und Silke König setzten ihre Recherchen fort und legen weitere Einzelheiten zu Gysis DDR-Vergangenheit vor – auch (u.a.) zu Gysis Rolle in Fällen von Rudolf Bahro, Robert Havemann, Thomas Klingenstein, Rolf Henrich – ihren zweiten Film Gysi und die Stasi strahlte die ARD im Dezember 2013 aus.[22][35][36][37]

Herkunft, Familie und Privates[Bearbeiten]

Gysis Großvater Gottfried Lessing, ein in Russland lebender Hütteningenieur, heiratete die deutsch-russische Adelige Tatjana von Schwanebach. Dieser Ehe entstammten zwei Kinder: Gregor Gysis Mutter Irene (1912–2007)[38] und Gottfried Lessing (1914–1979), der zweite Ehemann der späteren Literaturnobelpreisträgerin Doris Lessing.[39][40] Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde die Familie aufgrund ihrer deutschen Herkunft nach Deutschland ausgewiesen.

Klaus Gysi (1912–1999), Gregor Gysis Vater, war Verleger, trat 1931 der KPD bei und arbeitete nach dem Zweiten Weltkrieg in der DDR als Botschafter, Kulturminister und Staatssekretär für Kirchenfragen. Er arbeitete auch für die Stasi als IM Kurt. Irene Gysi (geborene Lessing), Gregor Gysis Mutter, stammt aus einer Kaufmannsfamilie aus Sankt Petersburg. Irene war im Kulturministerium der DDR für den Austausch mit dem Ausland zuständig und leitete später die ostdeutsche Filiale des Internationalen Theaterinstituts. Das Paar hielt sich während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland auf, war im Auftrag der KPD im Widerstand gegen den Nationalsozialismus und heiratete 1945; die Ehe wurde nach 14 Jahren geschieden.

Die Schauspielerin Gabriele Gysi (*1946), Gysis Schwester, lebt seit 1985 in der BRD.

Gysis erste Ehe endete mit einer Trennung Anfang der 1970er Jahre. Gysi war seit 1996 in zweiter Ehe mit der Rechtsanwältin und Politikerin Andrea Gysi verheiratet, von der er seit November 2010 getrennt lebte und 2013 geschieden wurde.[41] Er hat drei Kinder; einen Sohn aus erster Ehe, einen Adoptivsohn und eine Tochter aus zweiter Ehe.[42][43]

Nachdem Gregor Gysi im Jahr 2004 bereits zwei Herzinfarkte erlitten hatte, musste er sich im November 2004 wegen eines Gehirnaneurysmas einer Operation unterziehen. Infolge dieses Eingriffs erlitt er einen dritten Herzinfarkt.

Gysi bezeichnet sich als nicht gläubig und ist konfessionsfrei.[44]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Gysi wurde vom Verband der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS) zum besten Redner des Wahlkampfs für die Bundestagswahl 2013 gekürt.[45]

Schriften[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Dokumentarfilme[Bearbeiten]

Dokumentarfilme von Hans-Jürgen Börner und Silke König:[22][35][36][37]

  • Die Akte Gysi, NDR 2010/11, 45 Minuten, Erstausstrahlung ARD 20. Januar 2011, 23:30 Uhr
  • Gysi und die Stasi, NDR 2013, 45 Minuten, Erstausstrahlung ARD 16. Dezember 2013, 23:55 Uhr

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Gregor Gysi – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Biographie: Gregor Gysi, geb. 1948. Stiftung Haus der Geschichte des Bundesrepublik Deutschland, abgerufen am 20. November 2013.
  2. Permalink Deutsche Nationalbibliothek,
    Permalink GVK – Gemeinsamer Verbundkatalog sowie
    Permalink Universitätsbibliothek Potsdam.
  3. Vgl. Lothar Hornbogen/Detlef Nakath/Gerd-Rüdiger Stephan: Außerordentlicher Parteitag der SED/PDS. Berlin 1999, S. 51, 61f.
  4. a b Deutscher Bundestag: Bericht des 2. Untersuchungsausschusses 1998 (PDF; 52,9 MB), 28. Mai 1998, S. 201–208, 359.
  5. Severin Weiland: „Miles & More“-Affäre: Berlins Wirtschaftssenator Gysi tritt zurück. In: Spiegel Online. 31. Juli 2002.
  6. Amtliches Wahlkreisergebnis 2013 für Berlin-Treptow - Köpenick
  7. Cordula Eubel, Hans Monath: Führungsstreit bei der Linken. Sahra Wagenknecht wird „erste Stellvertreterin“ von Gregor Gysi. In: Der Tagesspiegel. 10. Oktober 2013.
  8. Johannes Korge: Geheimdienst: Verfassungsschutz beobachtet 27 Linken-Abgeordnete. In: Spiegel Online. 22. Januar 2012.
  9. Überwachung von Abgeordneten "unerträglich". In: tagesschau.de. 22. Januar 2012, archiviert vom Original am 16. Januar 2013, abgerufen am 26. Oktober 2013.
  10. Verfassungsschutz reagiert auf Urteil, Linken-Abgeordnete ohne Beobachtung Tagesschau.de, abgerufen am 5. September 2014
  11. Gysi-Akten müssen gelöscht werden - Tagesschau – Website, 5. September 2014. Abgerufen am 5. September 2014.
  12. a b Deutscher Bundestag: Bericht des Ausschusses für Wahlprüfung, Immunität und Geschäftsordnung (1. Ausschuss) (PDF; 2,5 MB), 29. Mai 1998.
  13. Plenarprotokoll 14/198. Deutscher Bundestag, 8. November 2001, S. 111 (PDF; 2,7 MB).
  14. Gysi gewinnt Verfahren gegen ZDF. In: Junge Freiheit. 27. September 2011.
  15. Mechthild Küpper: Hat Gregor Gysi der Stasi zugearbeitet? – Havemanns „Postbote zum ZK“. In: FAZ. 28. Mai 2008.
  16. Peter Wensierski:DDR-Vergangenheit: Stasi-Akten bringen Gysi in Bedrängnis. In: Spiegel Online. 20. Mai 2008.
  17. Presseerklärung von Gregor Gysi vom 22. Mai 2008 (Version vom 31. Mai 2008 im Internet Archive)
  18. a b Rede Gregor Gysis vor dem Deutschen Bundestag (im Rahmen der aktuellen Stunde zu ihm selbst) am 28. Mai 2008 (Version vom 11. Dezember 2008 im Internet Archive)
  19. Esther Geisslinger, Veit Medick: Gysi wehrt sich gegen IM-Verdacht, taz, 22. Mai 2008.
  20. ARD, Bericht vom Parteitag der Linkspartei (Die ursprüngliche Seite ist nicht mehr abrufbar.)[1] [2] Vorlage:Toter Link/www.tagesschau.de → Erläuterung 25. Mai 2008.
  21. Florian Havemann zur „Mitteldeutschen Zeitung“, zitiert in: Aktuelle Stunde zum Fall Gysi: „Brauchte keine Kontakte zur Staatssicherheit“, FAZ, 29. Mai 2008.
  22. a b c Hans-Jürgen Börner und Silke König: Geschichte im Ersten: Gysi und die Stasi – Ein Politiker im Zwielicht – in der ARD-Mediathek, NDR 2013, 45 Minuten, Erstausstrahlung vom 16. Dezember 2013, 23:55 Uhr im Ersten – Katja Havemann zu Gysi als IM Gregor und IM Notar ab ca. 20. Minute (aus der, zunächst, „verbotenen“ Doku Die Akte Gysi 2010/11)
  23. Plenarprotokoll 16/162. Deutscher Bundestag, 28. Mai 2008, S. 17093–17106, abgerufen am 19. März 2010 (PDF, 0,9 MB).
  24. Severin Weiland, Peter Wensierski: Stasi-Vorwürfe gegen Gysi: Der Mann im Schatten. In: Spiegel Online. 28. Mai 2008.
  25. Pressemitteilung der Bundestagsfraktion „Die Linke“ vom 28. Mai 2008 (Version vom 31. Mai 2008 im Internet Archive)
  26. Birthler über Gysi: Stasi-Spitzel wurde man auch ohne Verpflichtungserklärung. Interview von Severin Weiland und Peter Wensierski. In: Spiegel Online. 2. Juni 2008.
  27. ZDF erringt vor Gericht wichtigen Erfolg für die Freiheit der Berichterstattung. heute.de, 2. Juli 2008, abgerufen am 18. Dezember 2012.
  28. openjur.de Landgericht Hamburg Urteil, Az. 324 O 836/08, 4. September 2009
  29. Pressemitteilung des ZDF: Gysi vs ZDF, 4. September 2009
  30. openjur.de: Hanseatisches Oberlandesgericht Hamburg: Entscheidung Az. 7 U 25/09, 8. September 2009
  31. OLG Hamburg verbietet ZDF Stasi-Behauptungen über Gregor Gysi. OLG Hamburg verbietet ZDF Stasi-Behauptungen über Gregor Gysi. 8. September 2009, abgerufen am 18. Dezember 2012.
  32. telemedicus.info: OLG Hamburg: Berichterstattung über mögliche Stasi-Tätigkeit, 23. März 2010
  33. Pressemitteilung der Bundestagsfraktion „Die Linke“: Auch Bundesgerichtshof gibt Gysi gegen ZDF Recht, 27. September 2011
  34. Neue Hinweise auf Stasi-Kontakte. Staatsanwaltschaft weitet Ermittlungen gegen Gysi aus. In: Focus. 20. Oktober 2013.
  35. a b c Peter Wensierski: ARD-Doku über den Linke-Politiker und die Stasi: Der andere Gysi. In: Spiegel Online. 16. Dezember 2013.
  36. a b Sven Felix Kellerhoff, Uwe Müller: Für Gregor Gysi wird es eng – DDR-Regimekritiker werfen dem Linksfraktionschef seine Stasi-Kontakte vor, Die Welt 16. Dezember 2013
  37. a b Sven Felix Kellerhoff, Uwe Müller: Stasi-Vorwürfe: Ermittlungen gegen Gysi stehen vor dem Abschluss, Die Welt 16. Dezember 2013
  38. David Ensikat: Nachrufe: Irene Olga Lydia Gysi (Geb. 1912). In: Der Tagesspiegel. 21. Juni 2007
  39. Tilmann Lahme: Gregor Gysi: Doris Lessings deutscher Neffe. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 12. Oktober 2007
  40. Jens König: Irene Lessing, die behütete Tochter aus reichem Haus: Gregors russische Wurzeln. In: Berliner Kurier. 1. August 2005
  41. „Gysi und Wagenknecht: Getrennter Paarlauf“, tagesspiegel.de vom 3. September 2013
  42. Fraktion DIE LINKE. im Bundestag: Abgeordnete: Dr. Gregor Gysi (aufgerufen am 30. Januar 2012)
  43. Nach 14 Jahren: Gregor Gysi trennt sich von seiner Frau. In: Express. 24. November 2010
  44. Konstantin Kamp: Frage zum Thema Familie. In: Abgeordnetenwatch.de. aufgerufen am 27. März 2011
  45. Verband der Redenschreiber deutscher Sprache
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