Das Parfum
Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders ist der Titel einer 1985 erschienenen längeren Erzählung von Patrick Süskind. Das Buch basiert wesentlich auf Annahmen über den Geruchssinn und die emotionale Bedeutung von Düften, Gerüchen und deren Nachahmung in Form von Parfüm. Das Buch stand von 1985 an über 316 Wochen ununterbrochen in den (Spiegel)-Bestsellerlisten.
Unter dem Titel Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders wurde die Geschichte im Jahre 2006 verfilmt. Regie führte der Deutsche Tom Tykwer, die Hauptrolle des Grenouille übernahm der Brite Ben Whishaw.
Inhaltsverzeichnis |
[Bearbeiten] Inhalt
Die Geschichte handelt von Jean-Baptiste Grenouille (frz.: Frosch), der mit einem ausgeprägten Geruchssinn, aber ohne menschlichen Eigengeruch auf die Welt kommt. Als Waise ist der Protagonist in seiner Kindheit vielen Demütigungen ausgesetzt, gegen die er sich mit einem starken Überlebenswillen wappnet. Als junger Mann beschließt er, das beste Parfum der Welt zu kreieren. Trotz der unwiderstehlichen Anziehungskraft, die seine Kreation auf andere ausübt, merkt Grenouille, dass er letzten Endes doch einsam und ohne wahre Liebe bleibt, da ihm der fremde Duft nur als Maske dient, hinter der sich ein leeres Leben verbirgt.
[Bearbeiten] Grenouilles Jugend
Am 17. Juli 1738 wird Grenouille von einer jungen Fischhändlerin unter einem Schlachttisch auf dem Pariser Fischmarkt, dem seinerzeit schmutzigsten und stinkendsten Ort von Paris, zur Welt gebracht. Da die Mutter bereits viermal, unbeobachtet und ungeahndet, ihre Neugeborenen kurzerhand getötet hat, beabsichtigt sie, dieses bewährte Verfahren auch bei Grenouille anzuwenden und auch ihr fünftes Kind mitsamt den Fischresten in der Seine zu entsorgen. Grenouille stößt allerdings einen derart durchdringenden Schrei aus, dass Passanten auf ihn aufmerksam werden und er dadurch entdeckt und gerettet wird. Seine Mutter aber wird wegen mehrfachen Kindsmords zum Tode verurteilt und enthauptet.
Bereits als Säugling verfügt Grenouille über die Gabe, Gerüche jeglicher Art in sich aufzunehmen und in seinem Gedächtnis zu speichern. Er selbst hingegen besitzt seltsamerweise keinen eigenen Körpergeruch. Er wird von Amme zu Amme weitergereicht, denn niemand will das Baby aufnehmen, das „nicht riecht, wie Kinder zu riechen haben“ und das seine Ersatzmütter „leergepumpt hat bis auf die Knochen“. Die Amme Jeanne Bussie behauptet sogar, er sei vom Teufel besessen, und gibt ihn wieder an die Kirche, ihren Auftraggeber, zurück. Pater Terrier nimmt ihn zunächst wohlwollend entgegen, beschließt aber noch am selben Tag, „dieses unerträgliche Kind“, das ihn wie ein „Animal“ zu beschnuppern scheint, in ein Waisenhaus „weit nach Osten“ zu geben, zu einer Madame Gaillard. Nachdem er den Säugling losgeworden ist, „entschläft“ Terrier erleichtert und zufrieden.
Da Madame Gaillard, die ihren Lebensunterhalt durch das Aufziehen von Waisenkindern bestreitet, bereits als Kind ihren Geruchssinn verloren hat, kann sie Grenouilles fehlenden Eigengeruch nicht bemerken. Trotz ihres miserablen Essens und ihrer mangelnden Liebe wächst Grenouille bei dieser gefühllosen, „abgestorbenen Frau“ gut heran, obwohl er schon als Baby den anderen Waisenkindern mehr als unheimlich ist und diese mehrmals, wenn auch vergeblich, ihn auf die eine oder andere Weise umzubringen versuchen. Allerdings ist seine Entwicklung teilweise verzögert. Erst spät beginnt er mit dem Laufen und dem Sprechen, erlangt aber schon früh eine erstaunliche Differenziertheit im Ausdruck von allem, was mit Gerüchen verbunden ist. Mit abstrakten Begriffen wie z. B. „Gott“ hingegen kann er noch als Jugendlicher nichts anfangen. Grenouille spürt, im Gegensatz zu seiner Umwelt, die ihn für schwachsinnig hält, dass er über eine ganz besondere Gabe verfügt, die ihn von allen anderen unterscheidet, und beschließt, so viele Gerüche wie nur möglich in sich aufzunehmen und zu speichern.
Im Alter von acht Jahren wird Grenouille von Madame Gaillard an einen Gerber verkauft, da für Grenouille keine Zahlungen der Kirche mehr kommen und da er inzwischen auch seiner Pflegemutter wegen seines angeblichen „zweiten Gesichts“ suspekt vorkommt: Aufgrund seines präzisen Riechorgans „sieht“ er, wo Madame Gaillard ihr Geld versteckt hat, wo eine Raupe im Kohlkopf steckt oder wie viele Personen sich hinter einer Mauer befinden. Ja er weiß sogar vorauszusagen, wann ein Gewitter oder ein Besuch eintreffen wird.
Dank seiner angeborenen Zähigkeit und Widerstandsfähigkeit – derentwegen er vom Erzähler oft auch als „Zeck“ bezeichnet wird – überlebt Grenouille die unmenschlich harte Arbeit beim Gerber Grimal. In seiner knappen Freizeit erkundet der Junge neugierig die Gerüche der Großstadt. Als er am 1. September 1753 während des Thronjubiläums des Königs wieder einmal die Gassen durchschnuppert, wird er plötzlich von einem ihm völlig unbekannten, atemberaubenden Duft angezogen. Fasziniert folgt er ihm und findet in einem kleinen Hinterhof schließlich „die Quelle“ des Duftes: ein junges rothaariges Mädchen, das frische Mirabellen putzt. Das erste Mal in seinem Leben traut er seiner Nase nicht, weil er nicht glauben kann, dass solch ein betörender Geruch von einem Menschen ausgehen kann, denn die menschliche Spezies war seiner feinen Nase bisher nur als stinkend aufgefallen. In der Absicht, diesen ungewöhnlichen Duft festzuhalten, nähert er sich dem Mädchen heimlich von hinten, ergreift ihren Hals mit beiden Händen und drückt immer fester zu, bis er das sprachlose Opfer schließlich erwürgt. Verzweifelt muss er feststellen, dass sich mit ihrem Tod auch ihr Duft verflüchtigt. In diesem Augenblick entsteht Grenouilles Wunsch, Gerüche für immer lebendig erhalten zu können, und er erkennt, dass er eine Konservierungsmethode finden muss. Als er eines Abends von Grimal beauftragt wird, eine Lieferung Lederhäute an den Parfümeur Baldini zu überbringen, sieht er seine Chance gekommen und demonstriert Baldini auf eindrucksvolle Weise seine geniale Fähigkeit, durch bloße Intuition Düfte synthetisch zu erzeugen. Daraufhin kauft Baldini dem Gerber Grimal seinen neuen Lehrling ab. Nachdem der Gerber in seiner Euphorie zu viel Alkohol getrunken hat, stürzt er in die Seine und ertrinkt.
Von nun an entwickelt Grenouille für Baldini immer neue, exzellentere Parfüms und macht Baldini zu einem reichen Mann, ohne dass bekannt wird, dass es Grenouille ist, der die Parfüms kreiert. Im Gegenzug macht dieser Grenouille mit den Geheimnissen der Parfümierkunst vertraut und lehrt ihn verschiedene traditionelle Verfahren und Techniken zur Herstellung von Aromen. Doch als Grenouille, im Glauben, er wisse nun, wie man Düfte konserviert, versucht, auch den Geruch von Materialien wie Eisen oder Glas einzufangen, versagt die bekannte Technik der Destillation. Diese Erfahrung trifft ihn hart. Er erkrankt an den Pocken, und selbst der von Baldini herbeigerufene beste Arzt von Paris erklärt ihn bereits für verloren. Als Grenouille jedoch, auf dem Sterbebett liegend, erfährt, dass er im fernen Grasse noch andere Duftgewinnungsverfahren als das Destillieren erlernen könne, gesundet er, beseelt vom Gedanken, seine Lieblingsdüfte doch noch konservieren zu können, binnen kürzester Zeit. Nachdem ihm Baldini im Frühjahr 1756 endlich den lang ersehnten Gesellenbrief ausgehändigt hat, verlässt Grenouille Paris in Richtung Süden und macht sich auf zur Hauptstadt der Duftkreationen. Noch in der Nacht nach seiner Abreise bricht das Haus Baldinis auf der Pont au Change in sich zusammen und stürzt mitsamt seinem Besitzer in den Fluss.
[Bearbeiten] Gesellenzeit, Zwischenstopp
Je weiter Grenouille aufs Land hinaus kommt, desto mehr ekelt ihn der Menschengeruch. Schließlich findet er Unterschlupf auf einem Vulkanberg, dem Plomb du Cantal, in einer Höhle, wo ihm der Menschengeruch am entferntesten scheint. Sieben Jahre vegetiert er an diesem Ort und berauscht sich an den Düften, die er fest in seinem inneren „Palast der Düfte“ verschlossen hat. Dabei genießt er auch die Machtposition, die er in diesen Fantasien – anders als im realen Leben – innehat. Er schwingt sich in die Position Gottes auf, dabei auf die Schöpfungsgeschichte der Genesis anspielend: „Und der Große Grenouille sah, dass es gut war.“ Eines Tages erwacht er aus einem Albtraum, in dem er sich selbst in seinem Duft ersticken sieht. Erst jetzt wird ihm bewusst, dass er keinen Eigengeruch hat, und er wird fast wahnsinnig bei dieser Vorstellung. So macht er sich noch am selben Tag auf den Weg in bewohntes Gebiet.
Als er eine Stadt erreicht, behauptet er, sieben Jahre von Räubern in einem Erdloch als Gefangener gehalten worden zu sein. Der Forscher Marquis de la Taillade-Espinasse diagnostiziert eine „Erdgasvergiftung“ und will seine „Fluidum-Letale-Theorie“, wonach die Erde schädliche Gase ausstoße, welche alles Lebende schädigen würden, an Grenouille beweisen, da dieser in der Höhle mehrere Jahre völlig vom schädigenden Element Erde umschlossen war. Er macht mit Grenouille eine „Revitalisierungskur“. Dieser täuscht einen Ohnmachtsanfall vor, der angeblich vom Parfüm des Marquis ausgelöst wurde. Der „erdnahe“ Veilchenduft sei schädlich für ihn, behauptet Grenouille. Daraufhin soll er ein besseres Parfüm mischen, was ihm erlaubt, mit primitiven Mitteln wie altem Käse und Katzenkot auch für sich einen gewöhnlichen Menschenduft zu imitieren. Bald stellt er fest, dass dieses Parfüm ihm zu Akzeptanz in der Gesellschaft verhilft. Er erkennt damit die Manipulierbarkeit der Menschen. Aber er will nicht nur beachtet werden, er will Macht über die Menschen haben. Grenouille will nur den einen Duft. Der Marquis de la Taillade-Espinasse geht wie fast alle, die intensiveren Kontakt mit Grenouille gehabt haben, kurze Zeit darauf kläglich zu Grunde.
[Bearbeiten] Fortbildungszeit in Grasse und die Mädchenmorde
Im dritten Teil der Geschichte macht Grenouille sich auf den Weg nach Grasse, seinem eigentlichen Ziel. Bei Madame Arnulfi und ihrem Gesellen lernt er zwei neue Verfahren der Duftgewinnung kennen, die Enfleurage und Mazeration. Auf seinem ersten Spaziergang durch die Stadt wittert er einen wunderbaren Duft, ähnlich dem des Mädchens, das er in Paris ermordet hat. Da er jedoch zugleich riecht, dass Laure, die Quelle jenes Geruchs, noch am Anfang ihrer Entwicklung zur Frau steht, nimmt er sich vor, wiederzukommen, wenn sie „gereift“ ist und ihr Duft sich vervollkommnet hat.
Nach einiger Zeit gibt es Aufregung in der Stadt. Ein Frauenmörder treibt sein Unwesen und hinterlässt seine Opfer nackt und mit geschorenen Köpfen. Alle Mädchen sind von „exquisiter Schönheit“. Nach 24 Morden tritt für einige Zeit Ruhe ein. Antoine Richis aber, ein reicher Kaufmann, durchschaut das System der Morde und erkennt, dass seine hübsche Tochter Laure die Nächste sein wird. Hals über Kopf flieht er mit der Schönen. Grenouille jedoch nimmt ihre Witterung auf, spürt sie in einem abgelegenen Gasthof auf, tötet Laure und bringt ihren Duft, wie zuvor den der anderen Mädchen, mit Hilfe seiner neu erlernten technischen Mittel an sich.
[Bearbeiten] Das Gerichtsverfahren und Grenouilles Ende
Grenouille kann aufgrund von Zeugenaussagen und den Spuren der Morde in der Parfümeurswerkstatt identifiziert werden. Als Motiv gibt er an, die Mädchen „gebraucht“ zu haben, mehr bringt man auch durch Folter nicht aus ihm heraus. Am 15. April 1766 wird Grenouille zum Tode verurteilt. Am Hinrichtungstag, dem 17. April 1766, warten Zehntausende gespannt auf das Spektakel. Doch als Grenouille auftritt, wird er plötzlich von allen geliebt und verehrt, vergessen ist, dass die Zuschauer eigentlich gekommen sind, um Zeugen seines Sterbens zu werden. Der Grund für den Wandel ist das aus den Düften der Jungfrauen hergestellte Parfüm, welches ihn wie eine göttliche Aura umgibt. Doch wird er nicht nur geliebt wie ein Gott, seine Göttlichkeit kommt auch in der Macht zum Ausdruck, die er über die Menschen hat: Die 10.000 Anwesenden feiern – berauscht vom Duft des göttlichen Parfums – eine ausschweifende Sex-Orgie. Da sich alle Anwesenden an diesem Spektakel beteiligen, gibt es nach dem Ende des kollektiven Rausches niemanden, der sich dieses Tages erinnern möchte. Grenouille wird begnadigt und Antoine Richis, der Vater von Laure, will Grenouille als seinen Sohn adoptieren, da er den Geruch Laures an Grenouille bemerkt und ihn für Laures Bruder hält. Anstelle von Grenouille wird Dominique Druot, der Ehemann und ehemalige Geselle der Madame Arnulfi, verhaftet und hingerichtet, da in seinem Haus Kleidung und Haare der vielen Opfer gefunden wurden.
Aber die Erfahrung der Macht hat Grenouille nicht glücklich gemacht, denn er bemerkt, dass nicht er, sondern sein Parfum geliebt wird. Er erkennt, dass sein Hass und sein Ekel nicht erwidert werden (nur das würde ihn nachhaltig befriedigen), und beschließt, nach Paris zurückzukehren. Am 25. Juni 1766 gegen elf Uhr abends betritt Grenouille Paris durch die Porte d’Orléans und begibt sich zu einer Gruppe von Bettlern, Mördern und Ausgestoßenen, die am Fischmarkt (seinem Geburtsort) neben dem Cimetière des Innocents (Friedhof der Unschuldigen) vor einem Lagerfeuer sitzen. Wegen seines fehlenden Eigengeruchs kann er sich ihnen unauffällig nähern. Nachdem er sich das Parfüm absichtlich überdosiert aufgetragen hat, ist dessen Wirkung auf die Anwesenden so überwältigend, dass sie ihn für einen Engel halten, jeder ein Stück von ihm besitzen will und sie ihn in einem Rauschzustand schließlich zerreißen und essen.
[Bearbeiten] Kuriosum
In der Hardcover-Ausgabe des Buches von 1985 endet das 3. Kapitel damit, dass Pater Terrier „einschlief“ (letztes Wort des Kapitels), während er in der Taschenbuch-Ausgabe von 1994 (der aktuell – 2011 – noch ausgelieferten Fassung) „entschlief“, also tot ist.
[Bearbeiten] Interpretation
Patrick Süskind führt den Leser der Erzählung in zwei Welten gleichzeitig ein: Einerseits in die von der Aufklärung geprägte Welt Frankreichs im 18. Jahrhundert, in der die Menschen weitgehend dem Muster „Sehen – Beurteilen – Handeln“ folgen. Ihr Leitbild ist der Homo oeconomicus. So bestehen z.B. Ammen auf einem „rentablen Stillen“ und lehnen Kinder mit zu großem Durst ab. Diesen Menschen kommt die Sprache entgegen, die wesentlich von visuellen und akustischen Eindrücken geprägt ist und in der z.B. abstrakte Erkenntnisse als „Einsichten“ bezeichnet werden. Mit Ausnahme Grenouilles gehören alle handelnden Figuren dieser Welt an. Die Aufgeklärten unter ihnen bewerten Grenouille zwar nicht als „Teufel“, wohl aber als „schwachsinnig“ (5. Kapitel) oder als „geisteskrank“ (48. Kapitel), da er sich nicht an christlich geprägten Moralvorstellungen und frühkapitalistischen Vorstellungen von Nützlichkeit orientiert.
Andererseits wird der Leser mit einer Welt konfrontiert, wo die Bedeutung von Optik und Akustik zugunsten der Olfaktorik relativiert wird und Moral keine Rolle mehr spielt. Dies ist die Welt Grenouilles, die für ihn die erste Welt überlagert und an die er optimal angepasst ist. Laut Erzähler gibt es eine „Überzeugungskraft des Duftes“, die man nicht abwehren könne und die in uns hineingehe „wie die Atemluft in die Lungen, sie erfüllt uns, füllt uns vollkommen aus, es gibt kein Mittel gegen sie“ (15. Kapitel), denn der Duft gehe „direkt ans Herz“ (32. Kapitel). Durch den Ausgang der Geschichte beglaubigt der Erzähler diese Auffassung. Zum Manipulator, der Gerüche in Aromen zu verwandeln und wirksam in Szene zu setzen vermag, kann Grenouille nur dadurch werden, dass er der Einzige ist, dem dieser Zusammenhang von Düften und Macht bewusst ist und der dementsprechend das perfekte Parfum zu kreieren versteht. Insofern ist er ein „Genie“, dem zu folgen der Erzähler (nicht nur sprachlich) Mühe hat.[1]
Bereits durch den Untertitel Geschichte eines Mörders und dadurch, dass der Erzähler Grenouille mehrfach im Verlauf der Geschichte als „Scheusal“ bezeichnet, wird klar, dass der Leser im Protagonisten einen voll schuldfähigen, heimtückisch vorgehenden Verbrecher sehen soll. Da dessen Opfer ausschließlich junge Frauen[2] sind, die er obendrein nackt am Tatort zurücklässt, liegt es nahe, Grenouille als typischen Sexualmörder zu betrachten. Die Erwartung des Lesers, „Kriminalistisches mit der Aura des Erotischen“[3] geliefert zu bekommen, wird allerdings enttäuscht: Nur zwei Morde, der erste und der letzte, werden genauer beschrieben, und nichts deutet bei den in Grasse und Umgebung begangenen Morden auf einen sexuell besessenen Lustmörder hin, da ja alle Opfer nicht nur Jungfrauen sind, sondern auch bleiben. Dem Täter geht es eben nicht darum, deren „Blüte zu zerstören“, nicht um „De-Floration“ im sexuellen Sinne, im Gegenteil, gerade ihre penibel konservierte Jungfräulichkeit ist es, die als Ingredienz des angestrebten Parfums unerlässlich ist. Erst durch die Sublimierung der Sexualität, erst durch die Präzision und Behutsamkeit eines Künstlers, nicht aber durch die blinde Gewalt und Leidenschaft eines Lustmörders gelingt es, ein olfaktorisches Meisterwerk zu schaffen.
Bei Grenouilles erstem Mord jedoch und auch in der Höhlenszene ist der Zusammenhang zwischen Riechen und sexueller Erregung noch deutlich erkennbar. Dort wird sein Duftrausch mit dem Attribut „orgastisch“ bezeichnet und es kommt sogar zu einer „Eruption“[4], sodass Grenouilles Riechexzesse einer Form von Selbstbefriedigung ähneln und seine Nase zum Sexualorgan zu werden scheint. Da das Riechen hier also durchaus eine sexuelle Komponente hat, ist Grenouille tatsächlich auch Sexualtäter.
Seine Aussage unter der Folter und vor den Richtern, er habe die jungen Frauen „gebraucht“, ist aber wohl eher dahingehend zu verstehen, dass er sie für seinen Plan benötigte, ein Parfum herzustellen, mit dem er die Gesellschaft beherrschen kann, unter deren Demütigungen er Zeit seines Lebens gelitten hat. Das absolute Parfüm ermöglicht absolute Verfügbarkeit über die Welt, deren Aneignung und Einverleibung. Die abgrenzenden Strukturen, die Trennung der Dinge voneinander, die Individualisierung werden durch Grenouilles olfaktorisches Raffinement rückgängig gemacht: die Duftstoffe sind vermischbar, kombinierbar, sie durchdringen sich, verschmelzen mit ihrem Schöpfer.[5] Das Ziel seiner Morde ist also einerseits Grenouilles Machtstreben, für das er „über Leichen geht“, andererseits das Bedürfnis danach, endlich bedingungslos von jedermann anerkannt, ja vergöttert zu werden – eine Sehnsucht, für die er sich letztlich selbst zu opfern und buchstäblich zu „vernichten“ bereit ist. So erzeugt der Erzähler, nur scheinbar vom Autor Süskind unbeabsichtigt, bei vielen Lesern ein gewisses Mitgefühl für das „Scheusal“ Grenouille: „Denn eigentlich wollte der von den Menschen verstoßene Sonderling nur eines, und zwar, dass die Menschen, die ihn meiden und hassen, endlich lieben und akzeptieren.“[6]
[Bearbeiten] Anspielungen
- Der fehlende Eigengeruch ist möglicherweise eine Anspielung auf Adelbert von Chamissos Märchenerzählung Peter Schlemihls wundersame Geschichte, in der die Titelfigur seinen Schatten an den Teufel verkauft und dann ebenfalls nicht geachtet, sondern gemieden wird.
- Als Grenouille vom Marquis de la Taillade-Espinasse dem (überwiegend wissenschaftlichen) Publikum vorgestellt wird, geschieht dies in ähnlicher Art, wie seinerzeit der Elefantenmensch Joseph Merrick einem ähnlichen Publikum vorgestellt wurde.
- Im letzten Abschnitt des 26. Kapitels heißt es: „(...)mit weitausgespannten Flügeln von der goldenen Wolke herab über das nächtliche Land seiner Seele nach Haus in sein Herz“, was Assoziationen zu den Zeilen „Und meine Seele spannte / weit ihre Flügel aus / flog durch die stillen Lande / als flöge sie nach Haus“ aus Joseph von Eichendorffs Gedicht „Mondnacht“ erlaubt.
- Der erste Satz der Geschichte erinnert an den Anfang von Heinrich von Kleists Novelle „Michael Kohlhaas“.
- Richis, der Vater von Laure, dem letzten Mädchenopfer Grenouilles, scheint dem Père Goriot aus Balzacs gleichnamigem Roman nachempfunden. Wie Süskinds Figur ist auch dieser äußerst besorgt um seine Tochter und versucht, sie von dem Unheil in der Welt fern zu halten.
- Das Schlussmotiv des Zum-Fressen-gern-Habens ähnelt dem Rabelais' in „Gargantua und Pantagruel“. Dort rächt sich ein Student an seiner ihn abweisenden Angebeteten, indem er ihr eine zu Paste verarbeitete Gebärmutter einer Hündin aufs Kleid appliziert, worauf sie vor versammeltem Volk von Hunden zerrissen wird.
- Im zweiten Teil, Kapitel 26, „Ja! Dies war sein Reich! Das einzigartige Grenouillereich! Von ihm, dem einzigartigen Grenouille erschaffen und beherrscht, von ihm verwüstet, wann es ihm gefiel, und wieder aufgerichtet, von ihm ins Unermeßliche erweitert und mit dem Flammenschwert verteidigt gegen jeden Eindringling.[...]“ kopiert und karikiert Süskind biblische Genesis-Motive.
[Bearbeiten] Veröffentlichte Ausgaben
Die Geschichte erschien 1985 im Diogenes Verlag (ISBN 3-257-22800-7). Die Buchausgabe zeigt auf der Titelseite einen Ausschnitt aus dem Gemälde Jupiter und Antiope von Antoine Watteau. Die nackte Achsel der schlafenden Antiope dient als Sinnbild der duftenden Verführung.
Der Text wurde in 47 Sprachen übersetzt. Die weltweite Auflage beträgt 20 Millionen Exemplare, dabei entfielen allein auf die deutschsprachige Ausgabe 5,5 Millionen.[7] Die meisten Exemplare verwenden das gleiche Umschlagbild[8] – über das Buch wurde Watteaus Antiope entsprechend weltweit bekannt. Ausnahmen sind die US-amerikanische Taschenbuchausgabe, die dem Verbot unterlag, eine weibliche Brustwarze darzustellen, sowie eine Bertelsmann-Lizenzausgabe (siehe nebenstehendes Bild). Aufgrund des Verkaufserfolges, es stand neun Jahre lang in der Bestsellerliste des Magazins Der Spiegel, war das Buch in der BRD ungewöhnlich lange (fast zehn Jahre) nur als Hardcover erhältlich. In der DDR erschien das Buch bereits 1989 als Taschenbuch vom Verlag Volk und Welt Berlin in der Reihe Roman-Zeitung, Heft 6.
Im deutschsprachigen Raum ist die Geschichte von Diogenes bereits zweimal als Hörbuch veröffentlicht worden. In beiden Fällen handelt es sich um ungekürzte Lesungen, die auf jeweils acht CDs erschienen sind. Im Jahr 1995 war Gert Westphal der Sprecher, im Jahr 2006 las Hans Korte die Geschichte.
Ausgaben:
- Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders. Diogenes, Zürich 1985 ISBN 3257228007
- Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders. Lizenzausgabe des Bertelsmann-Verlags 1986
- Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders. Einmalige Sonderauflage mit 1738 Exemplaren in Leder gebunden, nummeriert und vom Autor signiert, Diogenes, Zürich 1988.
- Das Parfum. Litraton, Hamburg 1995 [Audiobook mit 8 Cassetten].
- Das Parfum. Litraton, Hamburg 1995 [Audiobook mit 8 CDs].
lieferbare Ausgaben:
- Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders. Diogenes, Zürich 2006 [Hardcover Leinen], ISBN 978-3-257-06540-4.
- Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders. Diogenes, Zürich 1993 [Taschenbuch], ISBN 978-3-257-22800-7.
- Das Parfum. Litraton, Hamburg 2006 [8 CDs], ISBN 978-3-257-80037-1.
- Das Parfum. Hamburg: Litraton 2008 [1 MP3-CD]. ISBN 978-3-257-80233-7
Übersetzungen (Auswahl):
- Perfume. The Story of a Murderer. Translated by John E. Woods. New York: Knopf 1986.
- Perfume. The Story of a Murderer. Speaker: Sean Barrett. London: Viking Penguin 1996 [Audiobook mit 6 Cassetten].
- Le Parfum. Histoire d'un meurtrier. Traduit de l'allemand par Bernard Lortholary. Paris (?): Fayard 1986.
[Bearbeiten] Rezeption
[Bearbeiten] Parodie
Bereits ein halbes Jahr nach Erscheinen des Originals brachte Dieter Heckenschütz eine Parodie auf die Geschichte heraus. Dort wird der Autor Patrick Süskind zu Patricius Sauerbier, der Titel Das Parfum zu Das Soufflé, der Untertitel zur Geschichte eines Gourmands und der Protagonist Jean-Baptiste Grenouille zu Rainer Maria Canaille. Letzterer wird nicht etwa auf dem Pariser Fischmarkt geboren, sondern vom Hofkoch der Marie-Antoinette in der Gulasch-Küche des Schlosses Versailles im Gehackten gefunden. Nachdem drei seiner Ammen beim Stillen an Auszehrung gestorben sind, entsteht der beängstigende Verdacht, dass Canaille vom Siebeck besessen sei, wofür es untrügliche Indizien gebe: seine ungeheure Verfressenheit. Eine weit verbreitete Eigenschaft, zu der sich alsbald weitere gesellen ...[9]
[Bearbeiten] Film
Der sehr medienscheue Autor Patrick Süskind zögerte lange, die Filmrechte für Das Parfum zu verkaufen. Im Jahr 2006 wurde Patrick Süskinds Geschichte für die Leinwand adaptiert. Für die Regie wurde der Deutsche Tom Tykwer verpflichtet, in der Hauptrolle des Grenouille agiert der eher unbekannte Brite Ben Whishaw. In weiteren Rollen sind u. a. Dustin Hoffman, Alan Rickman, Rachel Hurd-Wood und Karoline Herfurth zu sehen.
Der Film erhielt mehrere Auszeichnungen:
- 2006 – Bambi in der Kategorie Bester Film national an Bernd Eichinger, Tom Tykwer und Ben Whishaw
- 2006 – Box Office Germany Award in Platin für 5 Mio. Kinobesucher in 50 Tagen
- 2007 – Bayerischer Filmpreis für Uli Hanisch in der Kategorie „Beste Ausstattung“ sowie in der Kategorie „Beste Regie“
- Deutscher Filmpreis – „Bester Spielfilm“ in Silber, Beste Kamera/Bildgestaltung, Bester Schnitt, Bestes Szenenbild, Bestes Kostümbild, Beste Tongestaltung
[Bearbeiten] Weitere
- Die Thematik des Titels wird in Helmut Dietls Film Rossini – oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief (1997) aufgegriffen, bei dem Süskind auch als Co-Autor beteiligt war.
- Das Lied „Scentless Apprentice“ (engl. geruchloser Lehrling) der Grungeband Nirvana basiert zum Teil auf diesem Roman.
[Bearbeiten] Adaption
- Im Juni 2006 erschien der Roman „Schwimm nicht mit Jean-Baptiste“ von Michael Ohl, in dem ein „Parfüm-Besessener“ der Frage nachgeht: Was wäre, wenn die Romangestalt Jean-Baptiste überhaupt nicht von dem scheuen Autor (der keine Interviews gibt und nichts mehr veröffentlicht) erfunden ist? (ISBN 3-8334-5178-5) [10]
[Bearbeiten] Einzelnachweise
- ↑ Letzteres belegt u.a. der Beginn des 6. Kapitels, wo der Erzähler seine eigene Formulierung korrigieren muss, da sie sich auf die Welt der optischen, nicht der olfaktorischen Wahrnehmung bezieht.
- ↑ Mädchen sind sie, nach dem Sprachgebrauch des 21. Jahrhunderts, insofern nicht mehr, als zu ihrer Attraktivität die voll entwickelte Geschlechtsreife gehört.
- ↑ Maria Cecilia Barbetta: Poetik des Neo-Phantastischen. Patrick Süskinds Roman „Das Parfum“. Würzburg. 2002. S. 110-113
- ↑ Der Begriff erinnert hier durchaus an eine „Ejakulation“.
- ↑ Joachim Pfeiffer: Vom Größenwahn zum Totalitarismus. Die Konstruktion des Genies in Patrick Süskinds Roman „Das Parfum“. Freiburg. 1999
- ↑ Susanne Dobrez: Patrick Süskind “Das Parfum”: Faktoren, die den Roman zum Bestseller werden ließen. Wien. 2008. S. 53f. (Diplomarbeit)
- ↑ Vor 25 Jahren erschien Patrick Süskinds Das Parfum auf der Webseite des Diogenes Verlag.
- ↑ Abbildungen vieler Covers bei LibraryThing
- ↑ Patricius Sauerbier: Das Soufflé. Geschichte eines Gourmands. Die Parodie von Dieter Heckenschütz. München: Goldmann (1986). Klappentext. ISBN 3-442-08447-4
- ↑ Ohl, Michael: Schwimm nicht mit Jean-Baptiste – Info zum Buch
[Bearbeiten] Literatur
- Das Parfum, wieviel Realität steckt in dem Roman und Kinofilm? Eine Abhandlung hierüber befindet sich in dem Buch: Lust und Liebe - alles nur Chemie? von Gabriele und Rolf Froböse, Wiley-VCH Verlag, Weinheim, ISBN 3527308237
- Andreas Blödorn/Christine Hummel (Hg.): Psychogramme der Postmoderne - Neue Untersuchungen zum Werk Patrick Süskinds. (Kleine Reihe: Literatur - Kultur - Sprache, Bd. 5), WVT, Trier 2008, ISBN 978-3-86821-005-7.
- Norbert Berger: Patrick Süskind. Das Parfum. Unterrichtshilfe mit Kopiervorlagen für die Sekundarstufe 2. Auer-Verlag, Donauwörth 2005, ISBN 3-403-04350-9
- Jan-Oliver Decker: Platz 4. Patrick Süskind: Das Parfum. In: Christoph Jürgensen (Hg.): Die Lieblingsbücher der Deutschen. Verlag Ludwig, Kiel 2006, S. 286-317, ISBN 3-937719-34-2
- Wolfgang Delseit, Ralf Drost: Erläuterungen und Dokumente zu: Patrick Süskind: Das Parfum. Stuttgart, Reclam 2000 ISBN 978-3-15-016018-3
- Alexander Kissler und Carsten S. Leimbach: Alles über Patrick Süskinds „Das Parfum“. Der Film - Das Buch - Der Autor. Heyne, München 2006, ISBN 3-453-81089-9
- Bernd Matzkowski: Patrick Süskind: Das Parfum. Königs Erläuterungen und Materialien (Bd. 386). Hollfeld, C. Bange Verlag 2001, ISBN 978-3-8044-1716-8
- Oliver Mittelbach: Auf den Spuren von Patrick Süskinds „Das Parfum“. Ein Reiseführer zu den Romanschauplätzen. Mit Infos zum Film. Essen 2006 (books&friends), ISBN 3-9810996-0-5
- Judith Ryan: Pastiche und Postmoderne. Patrick Süskinds Roman „Das Parfum“. In: Lützeler, Paul Michael (Hg.): Spätmoderne und Postmoderne. Beiträge zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Frankfurt 1991 (Fischer TB), S. 91-103. Internet http://www.bbs-holzminden.de/dwnld_f_sch/parfum/luetzelr.pdf.
- Rainer Scherf: Der verführte Leser. Eine Interpretation von Patrick Süskinds „Das Parfum“. Tectum-Verlag, Marburg 2006, ISBN 978-3-8288-9124-1
[Bearbeiten] Weblinks
- Umfangreiche Linkliste zum Werk auf dem Hamburger Bildungsserver
- Universität Wuppertal: Pressestimmen zum Parfum
- ParfumFan.de Eine Fan-Seite zum Roman und zum Film
- Universität Kiel: Vorlesung zu Das Parfum (Postmoderne). 2010
- Andreas Pfister: Der Autor in der Postmoderne. Dissertation 2005. S. 99-124
Roman
Das Parfum
Novellen
Die Taube | Die Geschichte von Herrn Sommer
Kurzgeschichten und Essays
Drei Geschichten | Über Liebe und Tod
Drama
Der Kontrabass
Drehbücher
Der ganz normale Wahnsinn | Monaco Franze – Der ewige Stenz | Kir Royal (Fernsehserie) | Rossini – oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief | Vom Suchen und Finden der Liebe