Grigori Jakowlewitsch Perelman

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Grigori Jakowlewitsch Perelman 1993

Grigori Jakowlewitsch Perelman (russisch Григорий Яковлевич Перельман, wiss. Transliteration Grigorij Jakovlevič Perel'man; * 13. Juni 1966 in Leningrad) ist ein russischer Mathematiker und Experte auf den mathematischen Teilgebieten der Topologie und Differentialgeometrie, insbesondere auf dem Gebiet des Ricci-Flusses.

2002 veröffentlichte er seinen Beweis der Poincaré-Vermutung. Diese gehört zu den im Jahr 2000 festgesetzten Millennium-Problemen, den sieben größten ungelösten Problemen der Mathematik, von denen bislang nur die Poincaré-Vermutung gelöst wurde.

Leben[Bearbeiten]

Perelman ist der Sohn jüdischer Eltern, sein Vater war Elektroingenieur, seine Mutter Mathematiklehrerin.[1] Seine mathematische Ausbildung begann im Herbst 1976 am mathematischen Club im Leningrader Pionierpalast. Mit 14 Jahren besuchte er die Mathematische Fachschule Nummer 239 in Leningrad.[2] 1982 gewann er als Schüler eine Goldmedaille bei der Internationalen Mathematik-Olympiade (mit perfekter Punktzahl) und wurde deshalb ohne Aufnahmeprüfung zum Studium zugelassen. So war er von der Benachteiligung jüdischer Studienkandidaten bei der Benotung der Aufnahmetests, die es auch noch Ende der Breschnew-Zeit und während der Andropow-Zeit gab, nicht betroffen.[3] Nach dem Studium war er am Steklow-Institut für Mathematik in Leningrad bei Juri Dmitrijewitsch Burago tätig. Perelman promovierte um 1990 an der Fakultät für Mathematik und Mechanik an der Petersburger Universität über Sattelflächen in Euklidischen Räumen, das heißt, er erlangte nach russischen Bezeichnungen den Kandidatenstatus (C.Sc.), was einer westeuropäischen Promotion entspricht. Sein Doktorvater war Burago, da dieser aber Schwierigkeiten aufgrund der jüdischen Herkunft von Perelman vorhersah – in den 1970er und 1980er Jahren bestanden bei der Zulassung zur Promotion insbesondere am Steklow-Institut in dieser Hinsicht noch Beschränkungen – schob man das Akademiemitglied Alexander Danilowitsch Alexandrow als offiziellen Betreuer vor.[4]

Als Post-Doktorand wurde Perelman von Michail Gromow vom Institut des Hautes Études Scientifiques gefördert[5] und dorthin eingeladen. 1992 war er in den USA an der State University of New York at Stony Brook und am Courant Institute of Mathematical Sciences of New York University bei Jeff Cheeger. 1993/94 war er als Miller Research Fellow an der University of California, Berkeley und ging dann trotz Angeboten der Princeton University und Stanford University 1995 ans Steklow-Institut in Sankt Petersburg zurück. Nach Ludwig Faddejew[6] ließ man ihn, da man seine Fähigkeiten kannte, dort weitgehend ungestört arbeiten, obwohl er kaum publizierte und sich weigerte, seine Habilitation (in Russland Doktor genannt) zu verteidigen. Er hatte als einziger führender Wissenschaftler am Institut „nur“ einen Kandidatenstatus. Bis zum Herbst 2002 war Perelman hauptsächlich für seine Arbeit in Differentialgeometrie bekannt. Allerdings hatte er sich mit seinem früheren Chef Burago überworfen und sich der Abteilung von Olga Ladyschenskaja und ihres Nachfolgers Seregin angeschlossen. 2005 kam es zu einem Konflikt mit der Verwaltung des Steklow-Instituts, der sich darüber entspann, dass nicht ausgegebene Forschungsgelder an die Mitarbeiter ausgezahlt wurden, womit Perelman nicht einverstanden war. Im Dezember 2005 verließ er das Steklow-Institut, wobei er dem Direktor Kisljakow mitteilte, dass er von der Mathematik enttäuscht sei und etwas anderes ausprobieren wolle.[7]

Den EMS-Preis der Europäischen Mathematischen Gesellschaft, den er 1996 zugesprochen bekam, lehnte er ab. Die Fields-Medaille der Internationalen Mathematischen Union, die er 2006 zugesprochen bekam, lehnte er ab. Auch das Preisgeld von einer Million Dollar des Clay Mathematics Institute, welches er 2010 zugesprochen bekam, lehnte er ab.

Nachdem er eine Zeit lang in der Datsche eines Freundes völlig isoliert forschte, wohnt er nun wieder am Stadtrand von St. Petersburg bei seiner Mutter. Seit er seine Stellung beim Steklow-Institut 2005 gekündigt hat, ist Perelman ohne feste Anstellung. 2011 wurde er von Faddejew mit Unterstützung des Steklow-Instituts für die Aufnahme in die Russische Akademie der Wissenschaften vorgeschlagen.[8]

Perelman spielt Geige und ist auch ein begeisterter Tischtennisspieler. Seine jüngere Schwester Elena ist ebenfalls Mathematikerin. Sie promovierte am Weizmann-Institut und arbeitet am Karolinska-Institut in Stockholm als Biostatistikerin.

Werk[Bearbeiten]

Perelman machte schon vor seiner Arbeit über die Poincaré-Vermutung durch Arbeiten in der Differentialgeometrie auf sich aufmerksam. Diese Arbeiten brachten ihm auch den Preis für junge Mathematiker der Europäischen Mathematischen Gesellschaft (EMS-Preis) 1996 ein.[9]

Perelman entwickelte die Theorie der Alexandrov-Räume (mit nach unten beschränkter Krümmung) inklusive einer Strukturtheorie und eines Stabilitätssatzes.[10] Alexandrov-Räume sind nach seinem Lehrer A. D. Alexandrov benannt und sind flexibler als Riemannsche Mannigfaltigkeiten.[11] Mit seinem Lehrer Burago und Michail Leonidowitsch Gromow veröffentlichte er auch einen Übersichtsartikel über diese Räume.[12]

1994 gab er einen neuen kurzen und eleganten Beweis des Seelen-Theorems (Soul Theorem), das zuerst von Jeff Cheeger und Detlef Gromoll 1972 bewiesen worden war.[13]

1994 war er Referent beim ICM in Zürich (Spaces with curvature bounded below).

Die Poincaré-Vermutung und Fields-Medaille[Bearbeiten]

Hauptartikel: Poincaré-Vermutung

Im November 2002 veröffentlichte er auf dem Dokumentenserver für Vorabdrucke arXiv den ersten Artikel zu einer Reihe, die beabsichtigte, die Geometrisierungsvermutung von William Thurston zu beweisen. In diesem Beweis ist die Poincaré-Vermutung als Spezialfall enthalten. Perelman verschickte außerdem den Beweis in E-Mails an bekannte Mathematiker. Er hatte schon in seiner Zeit in den USA von der Möglichkeit erfahren, die Geometrisierungsvermutung und die Poincaré-Vermutung über die Theorie der Ricci-Flüsse von Richard Hamilton vom Anfang der 1980er Jahre zu beweisen. Hamilton selbst arbeitete daran und hatte in den USA Kontakt zu Perelman. Perelman arbeitete nach seiner Rückkehr nach Russland sieben Jahre in relativer Isolation an dem Beweis und bot nach eigenen Worten während dieser Zeit auch einmal Hamilton eine Kooperation an, was dieser aber nicht beantwortete.[14] Im April 2003 hielt Perelman in Princeton, Stony Brook und an der Columbia University (wo Hamilton unter den Zuhörern war) Vorträge über seine Arbeit. Danach überließ er es anderen, die Richtigkeit zu überprüfen, und beteiligte sich nicht weiter daran.

Die Arbeit Perelmans wurde lange Zeit (2003–2006) von der mathematischen Fachwelt überprüft. Inzwischen haben drei Teams von Experten den Beweis geprüft (Tian Gang und John Morgan, Huai-Dong Cao und Xi-Ping Zhu, Bruce Kleiner und John Lott) und sich nach intensiver Auseinandersetzung mit dem Beweis positiv zu dessen Korrektheit geäußert. Auch Richard Hamilton überprüfte die Korrektheit unabhängig mit Tom Ilmanen und Gerhard Huisken. Der Beweis von Perelman enthielt zwar ein paar Ungenauigkeiten und kleine Fehler, die sich aber im Rahmen der Überprüfung des Beweises beheben ließen und keine wesentlichen Probleme darstellten.

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Fields-Medaille

Perelman erhielt für den Beweis 2006 die Fields-Medaille, was allgemein viel mehr gilt als „nur“ die offizielle Anerkennung des Beweises: Die Medaille kommt in der Mathematik in der Bewertung einem Nobelpreis gleich. Trotzdem lehnte er ab, wie bereits den EMS-Preis. Er war damit der erste Preisträger der höchsten Mathematikauszeichnung, der den Empfang ablehnte.[15] Vergleichbares ereignete sich bislang nur mit Alexander Grothendieck, dem 1966 die Fields-Medaille zugesprochen worden war. Im Gegensatz zu Perelman akzeptierte Grothendieck die Auszeichnung, wenngleich er aus politischen Gründen ablehnte, zu der offiziellen Verleihung nach Moskau zu reisen. Vor der Verleihung hatte im Sommer 2006 sogar der Präsident der Internationalen Mathematischen Union (IMU), der Brite John M. Ball, vergeblich in Sankt Petersburg versucht, Perelman zur Annahme des Preises zu überreden.

Bald nach seiner Ablehnung der Fields Medaille gab er im Juni 2006 das erste Mal ein Interview, in dem er ausführlich auf die Vorgeschichte einging und sich darüber beklagte, andere Mathematiker würden fälschlicherweise Anteile am Beweis der Poincare-Vermutung für sich reklamieren. Er meinte damit die erste vollständige Veröffentlichung des Beweises durch Cao und Zhu, zweier Protegés von Shing-Tung Yau, der darüber auf der Stringtheorie-Konferenz in Peking im Juni 2006 vortrug und dabei die Vorarbeiten von Richard Hamilton, mit dem Yau selbst langjährig über Ricci-Flüsse zusammenarbeitete, und die Unvollständigkeit von Perelmans Veröffentlichungen hervorhob. Die Veröffentlichung von Cao und Zhu erweckte außerdem in ihrem Titel einen ähnlichen Eindruck.[16] Das Interview mit Perelman war Teil eines Artikels von Sylvia Nasar (Bestsellerautorin eines Buches über John Forbes Nash) und David Gruber Manifold Destiny im The New Yorker vom 28. August 2006.[17] Darin kündigte Perelman gleichzeitig seinen Rückzug aus der Mathematik an. Yau sah sich später in dem Artikel unfair dargestellt und bestritt Perelmans Priorität in Zweifel gezogen zu haben[18][19], wobei er von Hamilton unterstützt wurde.

Bereits im Jahr 2000 hatte das Clay Mathematics Institute die Poincaré-Vermutung unter die sieben bedeutendsten ungelösten mathematischen Probleme gezählt und für die Lösung (unter der Bedingung ihrer Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift[20]) einen Preis von einer Million US-Dollar ausgelobt. Perelman, der seine Arbeit im Internet publizierte, zeigte bisher weder Interesse daran, seinen Beweis in einer Fachzeitschrift zu veröffentlichen, noch daran, den Preis für sich zu beanspruchen. Das Clay-Institut in Cambridge, Massachusetts, USA, das auch die Überprüfung des Beweises durch Tiang und Morgan sowie ein weiteres Team finanzierte, sprach Perelman trotzdem nach eingehenden Prüfungen am 18. März 2010 das Preisgeld für die erste Lösung eines der sieben Millenniums-Probleme zu. Dieser lehnte jedoch erneut die Auszeichnung ab. Er begründete diese Entscheidung damit, dass Richard Hamilton einen gleichwertigen Beitrag zur Lösung des Problems geleistet habe.[21]

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Biographie von Perelman, englisch
  2. Masha Gessen: Der Beweis des Jahrhunderts: Die faszinierende Geschichte des Mathematikers Grigori Perelman. Kapitel 3, Suhrkamp, ISBN 978-3518423707.
  3. Deutschlandfunk: Der weiße Rabe vom 11.Mai 2008
  4. Masha Gessen Perfect Rigor, Kapitel 6
  5. Gessen, loc. cit.
  6. Ludwig Faddejew im Interview 2007 russisch
  7. Masha Gessen: Perfect Rigor. Kapitel 10
  8. Grigori Perelman to become academician against his will, Pravda, 15. September 2011
  9. Laudatio zum EMS-Preis, Notices AMS 1997, pdf Datei
  10. Perelman: Alexandrov’s spaces with curvature bounded below II, Preprint, University of California 1991 (nicht publiziert); Spaces with curvature bounded below, Proc. ICM, Zürich 1994; Elements of Morse theory on Alexandrov spaces. In: St. Petersburg Mathematical Journal. Band 5, 1994, S. 205
  11. Sie sind definiert als vollständige Längenräume mit nach unten beschränkter Krümmung und endlicher (Hausdorff-)Dimension. Längenraum bedeutet dabei, dass der Abstand zweier Punkte durch das Infimum der Längen der Kurven gegeben ist, die diese Punkte verbinden.
  12. Perelman, Y. Burago, M. Gromov: Alexandrov spaces with curvature bounded from below. In: Uspekhi Math. Nauka. Band 47, 1992, S. 3–51, bzw. Russian Mathematical Surveys
  13. Perelman: Proof of the soul conjecture of Cheeger and Gromoll. In: Journal Differential Geometry. Band 40, 1994, S. 209–212
  14. Sylvia Nasar, David Gruber: Manifold Destiny. In: The New Yorker. 28. August 2006
  15. Einsiedler verschmäht Mathe-Medaille auf Spiegel-Online vom 22. August 2006. Abgerufen am 17. Juni 2009
  16. A Complete Proof of the Poincaré and Geometrization Conjectures - application of the Hamilton-Perelman theory of the Ricci flow
  17. Nasar, Gruber Manifold Destiny, The New Yorker, 28. August 2006
  18. Webseite von Yau mit Dokumenten dazu
  19. Dennis Overbye The emperor of Math, New York Times, 17. Oktober 2006
  20. George Szpiro: Genialer Einsiedler. In: Neue Zürcher Zeitung. 23. Juli 2006, abgerufen am 5. November 2013.
  21. Handelsblatt: Auszeichnung abgelehnt: Mathe-Genie verzichtet auf eine Million Dollar, 1. Juli 2010

Weblinks[Bearbeiten]

Englische Weblinks: