Große Hufeisennase

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Große Hufeisennase
Große Hufeisennase (Rhinolophus ferrumequinum)

Große Hufeisennase (Rhinolophus ferrumequinum)

Systematik
Überordnung: Laurasiatheria
Ordnung: Fledertiere (Chiroptera)
Unterordnung: Fledermäuse (Microchiroptera)
Familie: Hufeisennasen (Rhinolophidae)
Gattung: Hufeisennasen (Rhinolophus)
Art: Große Hufeisennase
Wissenschaftlicher Name
Rhinolophus ferrumequinum
(Schreber, 1774)

Die Große Hufeisennase (Rhinolophus ferrumequinum), eine Fledermausart, ist mit einer Länge von maximal sieben Zentimetern (ohne Schwanz) und einer Flügelspannweite von bis zu 40 Zentimetern die größte europäische Hufeisennasenart. Das Gewicht beträgt 17 bis 30 g (34 g[1]). Oberseitig besitzt sie ein graubraunes, leicht rötlich getöntes Fell, unterseits geht dies in ein Grauweiß über. Besonders durch ihre Größe und die Ausprägung des „Sattels“ auf der Nase ist diese Art leicht und eindeutig identifizierbar.

Verbreitung[Bearbeiten]

Ihre Verbreitungsgebiete liegen vor allem in Nordafrika, Süd- und Westeuropa (hier liegen die nördlichsten Verbreitungsgebiete bis zum 50. Breitengrad) und Süd-England (bis zum 51. Breitengrad).[1] In Deutschland sind nur zwei Orte in der Oberpfalz und nahe Trier bekannt, an denen die Art vorkommt, in Luxemburg gibt es eine weitere Wochenstube nahe der deutschen Grenze. Im Vorderrheintal der schweizerischen Alpen liegt die letzte große Wochenstubenkolonie in Mitteleuropa, wo im Sommer etwa 150 erwachsene Tiere zur Fortpflanzung zusammenkommen.

Die Tiere brauchen wärmere Gebiete mit lockerem Bewuchs und stehenden oder fließenden Gewässern. Die höchste bekannte Wochenstube liegt in einer Höhe von 968 m ü. A. in Österreich.

Lebensraum[Bearbeiten]

Sommerquartiere sind warme zugluftfreie Dachböden, Kirchtürme, Ruinen und Höhlen. Die Ein- und Ausflugsöffnungen müssen so groß sein, dass sie von den Tieren frei durchflogen werden können.

Von Anfang Oktober bis Ende April werden frostsichere, zugluftfreie und ausreichend feuchte (mind. 95 % relative Luftfeuchte) Bergwerksstollen, Felshöhlen und unterirdische Gewölbe als Winterquartier bezogen. Die bevorzugte Umgebungstemperatur beträgt 7 bis 10 Grad Celsius, die Mindesttemperatur 4 Grad, die Höchsttemperatur 12 Grad.

Die Tiere sind sehr standorttreu. Die Winter- und Sommerquartiere liegen nie weiter als 50 km voneinander entfernt.

Partnerwahl und Fortpflanzung[Bearbeiten]

Die Paarung erfolgt bei Großen Hufeisennasen im Frühjahr und im Herbst. Hierzu schwärmen die Weibchen aus und suchen die in Höhlen gelegenen Kolonien der Männchen auf, mit denen sie sich dann paaren. Danach verlassen sie die Männchen und bilden nur aus Weibchen bestehende Kolonien, um die Jungen zur Welt zu bringen und aufzuziehen.

Die Paarungszeit beginnt im Spätsommer. Die Tragzeit beträgt etwa 75 Tage. Im Juli wird je Weibchen ein Jungtier mit einem Gewicht von 5 bis 6 g[1] geboren, das nach drei bis vier Wochen flugfähig, nach sieben bis acht Wochen selbstständig und nach zwei bis drei Jahren geschlechtsreif wird.

Eine Besonderheit der Großen Hufeisennase stellt die Partnerwahl dar, hier liegt eine besondere Form der Polygynie vor, also eine Gesellschaftsform, in der sich ein Männchen mit mehreren Weibchen paart. Bei dieser besonderen Form der Polygynie paart sich das Männchen mit allen Weibchen einer Familie (intra-lineage polygyny). Entdeckt wurde dieses Verhalten 2005 von Forschern der Universität von London bei der Analyse der Verwandtschaftsverhältnisse in einer Kolonie. Hierzu nahmen sie DNA-Proben von Müttern und ihren Jungtieren und führten einen Vaterschaftstest mit den Männchen aus den Höhlen im Umkreis von etwa 30 Kilometern um die Kolonie der Weibchen durch. Die Analyse zeigte, dass sich die Tiere nicht nur immer wieder mit demselben Partner paaren, also überaus treu sind, sondern dass sich dieses Männchen auch mit den weiblichen Nachkommen des ursprünglichen Weibchens paart, wodurch der Verwandtschaftsgrad in der Kolonie ansteigt, so dass sie von der gegenseitigen Hilfe untereinander insgesamt in Bezug auf ihre Fitness stärker profitieren und somit einen evolutionären Vorteil haben. Ungeklärt ist bislang die Frage, wie es den Weibchen und ihren Töchtern gelingt, immer wieder dasselbe Männchen zu identifizieren.

Jagd und Ernährung[Bearbeiten]

Der relativ langsame und niedrige Jagdflug, mit zahlreichen Richtungsänderungen und Gleitflugphasen beginnt erst bei völliger Dunkelheit. Diese Art ist, wie alle Hufeisennasen zum Rüttelflug fähig. Pro Nacht dauert die Nahrungssuche etwa drei Stunden und wird auf zwei Flüge aufgeteilt. Die Beute besteht vor allem aus Käfern und Nachtschmetterlingen, die nicht nur im Flug gefangen werden, sondern auch von Pflanzen und vom Boden aufgenommen werden. Die Nahrung wird auf bestimmten Fraßplätzen verzehrt.

Zur Lokalisierung der Beute nutzt die Große Hufeisennase, wie alle Hufeisennasen, ein körpereigenes Ultraschall-System. Sie stoßen dabei über Klicklaute, die je nach Art entweder mit dem Kehlkopf (Larynx) oder der Zunge erzeugt werden, ein Geräusch aus, das es ermöglicht, über Schallwellen Objekte auf bis zu 300m wahrzunehmen. Die reflektierten akustischen Signale kann das Gehirn der Hufeisennasen in Bilder umwandeln und ermöglicht somit das Sehen im Dunkeln.[2] Über diese Methode können die Hufeisennasen auch die Größe von Beutetieren erkennen. Das wiederum ermöglicht ihnen eine zielgerichtete und ökonomische Auswahl der Beute. Mit dem Ultraschall-System können die Hufeisennasen bei minimalen (Jagd)-Aufwand einen maximalen Energiegewinn erzielen.[3]

Alter[Bearbeiten]

Durch Beringung wurde ein Alter von 30,5 Jahren für die Große Hufeisennase nachgewiesen. Sie gehört damit zu den Arten unter den europäischen Fledermäusen, die das höchste Alter erreichen. In der Schweiz wurde 1999 ein Kleines Mausohr (Myotis blythii) entdeckt, das 1966 als Jungtier beringt worden war. In Sibirien wurde ein Braunes Langohr (Plecotus auritus) entdeckt, das ein Alter von 38 Jahren erreicht hat.

Bestand[Bearbeiten]

Der Bestand ist in Mitteleuropa seit Mitte des 20. Jahrhunderts stark zurückgegangen. Als Gründe für den Bestandsrückgang werden Pestizideinsatz (vor allem Lindan und DDT) und den damit einhergehendem Verlust des Nahrungsangebot, sowie Quartierverluste genannt. Die Art wird in Deutschland auf der Roten Liste als „vom Aussterben bedroht“ geführt. Die IUCN stuft die Große Hufeisennase auf Grund des großen Verbreitungsgebietes als nicht gefährdet ("least concern") ein.[4][5]

Literatur[Bearbeiten]

  • Wilfried Schober, Eckhard Grimmberger: Die Fledermäuse Europas – Kennen, bestimmen, schützen. 2. aktualisierte Auflage, Franckh-Kosmos Verlags-GmbH, Stuttgart 1998. ISBN 3-440-07597-4
  • Christian Dietz, Otto von Helversen, Dietmar Nill: Handbuch der Fledermäuse Europas und Nordwestafrikas. Biologie, Kennzeichen, Gefährdung, (1. Auflage), Franckh-Kosmos Verlags-GmbH, Stuttgart 2007. ISBN 978-3-440-09693-2
Einzelnachweise
  1. a b c Klaus Richarz. Fledermäuse beobachten, erkennen und schützen. Franckh-Kosmos, Stuttgart 2004 ISBN 978-3-440-09691-8 S. 102
  2. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,673717,00.html
  3. http://rspb.royalsocietypublishing.org/content/early/2011/03/01/rspb.2010.2793
  4. Rhinolophus ferrumequinum in der Roten Liste gefährdeter Arten der IUCN 2014.2. Eingestellt von: S. Aulagnier et al., 2008. Abgerufen am 17. August 2014
  5. C. Dietz et al. S. 181

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Große Hufeisennase – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien