Großer Ameisenbär

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Großer Ameisenbär
Großer Ameisenbär (Myrmecophaga tridactyla)

Großer Ameisenbär (Myrmecophaga tridactyla)

Systematik
Überordnung: Nebengelenktiere (Xenarthra)
Ordnung: Zahnarme (Pilosa)
Unterordnung: Ameisenbären (Vermilingua)
Familie: Myrmecophagidae
Gattung: Myrmecophaga
Art: Großer Ameisenbär
Wissenschaftlicher Name der Gattung
Myrmecophaga
Linnaeus, 1758
Wissenschaftlicher Name der Art
Myrmecophaga tridactyla
Linnaeus, 1758

Der Große Ameisenbär (Myrmecophaga tridactyla) ist ein Säugetier aus der Ordnung der Zahnarmen. Gemeinsam mit den Tamanduas und dem Zwergameisenbären bildet er die Unterordnung der Ameisenbären (Vermilingua). Er ist deren größter Vertreter und kommt in Süd- und Mittelamerika vor, sein ursprüngliches Verbreitungsgebiet war aber wesentlich größer. Hauptsächlich ist der Große Ameisenbär bodenbewohnend und einzelgängerisch, wobei er recht große Territorien unterhält. Die Hauptnahrung besteht aus Ameisen und Termiten. Weibliche Tiere bringen pro Wurf ein Jungtier zur Welt, das bis zu einem Jahr gesäugt wird. Der Lebensraum umfasst verschiedene Landschaftstypen von Gras- und Savannenländern bis Wäldern. Aufgrund von Landschaftszerstörung und Bejagung gilt der Bestand des Großen Ameisenbären als gefährdet.

Beschreibung[Bearbeiten]

Habitus[Bearbeiten]

Großer Ameisenbär

Der Große Ameisenbär ist der weitaus größte Vertreter der Ameisenbären. Er erreicht eine Kopf-Rumpf-Länge von 100 bis 140 cm, der buschige Schwanz wird nochmals 60 bis 90 Zentimeter lang. Sein Gewicht kann 18 bis 52 kg, in Gefangenschaft sogar bis 60 Kilogramm betragen. Männliche Tiere sind durchschnittlich etwas größer als weibliche. Auffälligstes Kennzeichen ist die lange, dünne und rund geformte Schnauze, die eine stark verlängerte, bis zu 60 cm lange und mit klebrigem Speichel bedeckte Zunge beherbergt und zudem typisch für Ameisenbären zahnlos ist. Die Augen sind braun und sehr klein, ebenso die Ohren, die eine rundliche Gestalt aufweisen und maximal 6 cm lang werden, wobei sie nicht über den Kopf hinausragen. An der Basis des Nackens erhebt sich ein leichter Buckel, über den Halsrücken hinweg zieht sich eine Reihe borstiger, langer Haare, die eine Art Mähne bilden. Die Grundfärbung des langhaarigen Fells ist graubraun, an Brust und Schultern hat der Große Ameisenbär eine schwarzweiße Zeichnung. Die Vorderbeine sind weiß mit einem schwarzen Knöchelband, die Hinterbeine und der buschige Schwanz, der bis zu 30 cm lange Haare besitzt, weisen eine dunklere Tönung als der Körper auf. Die Vorderbeine sind äußerst kräftig ausgebildet, die Vorderfüße haben fünf Zehen, von denen die drei mittleren stark verlängert und mit großen, sichelförmig gestalteten, 10 bis 15 cm langen Krallen versehen sind (daher das Artepitheton tridactylus: dreizehig); die Hinterbeine haben fünf Zehen mit kurzen Krallen und sind maximal 18 cm lang.[1]

Schädel- und Skelettmerkmale[Bearbeiten]

Schädel des Großen Ameisenbären

Der Schädel wird insgesamt 21 cm lang und ist allgemein sehr schmal und langgestreckt. Markant ist das röhrenförmige Rostrum, welches sehr ausgedehnt ist. Dadurch erreicht das Nasenbein in etwa die gleiche Länge wie das Stirnbein. Des Weiteren ist das Jochbein nur rudimentär entwickelt. Der Unterkiefer ist sehr niedrig. Dieser niedrige Unterkieferkörper und das reduzierte Jochbein ermöglichen es dem Großen Ameisenbären, seitliche und rotierende Kaubewegungen auszuüben und zudem die Zunge zu kontrollieren, wenn diese ausgestreckt oder zurückgezogen wird. Zudem sind diese Bewegungen des Unterkiefers, die hauptsächlich durch den Musculus pterygoideus medialis und den Musculus temporalis hervorgerufen werden, eine Anpassung an die Ernährungsweise.[2] Typischerweise treten 16 Brust und nur zwei Lendenwirbel auf. Die xenarthrischen Gelenke (Nebengelenke) treten meist an den drei bis vier hintersten Brust- und den beiden Lendenwirbeln auf. Dabei sind beim Großen Ameisenbären zwei zusätzliche Nebengelenke ausgebildet, was die Wirbelsäule im hinteren Bereich verstärkt und möglicherweise zum Halten des Gewichtes beim Aufrichten des Körpers während des Fressens oder der Verteidigung dient.[3] Die Rippen besitzen an ihren hinteren Enden starke Verbreiterungen. Zusätzlich weisen vier oder fünf der mittleren Rippen deutliche Verlängerungen auf.[1]

Sinnesleistungen und Lautäußerungen[Bearbeiten]

Der Sehsinn des Großen Ameisenbären ist nur rudimentär ausgebildet, der Geruchssinn dagegen sehr gut. Dieser wird vor allem bei der Nahrungssuche eingesetzt. Ein Tier ist generell leise, manchmal gibt es ein leises Grunzen von sich, vor allem wenn es gestört wird. Einen langanhaltenden harrrr-Laut äußern manche Tiere bei einem Angriff auf einen Artgenossen.[1]

Verbreitung[Bearbeiten]

Verbreitungsgebiet (blau) des Großen Ameisenbären. In den roten Bereichen ist die Art möglicherweise inzwischen verschwunden.

Der Große Ameisenbär ist in Mittel- und Südamerika beheimatet, sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich vom südlichen Belize und Guatemala bis ins nördliche Argentinien. Möglicherweise ist er aber schon aus seinen nördlichsten Lebensräumen verschwunden, neuere Hinweise gibt es jedoch aus Honduras.[4] Auch im südlichen Teil Mittelamerikas, so im zentralen Panama, ist er teilweise schon verschwunden. In Südamerika tritt die Art überwiegend östlich der Anden auf, nur in Kolumbien und möglicherweise in Ecuador bewohnt sie auch die Tiefländer westlich der Anden, die Daten für Ecuador müssen aber erst noch bestätigt werden. Auch im Süden des Ausbreitungsgebietes gab es bereits deutliche Habitatverluste. In historischer Zeit war der Große Ameisenbär bis weit südlich des 31. Breitengrades der Südhalbkugel anzutreffen. Im nördlichen Uruguay, dem östlichen Paraguay und dem südöstlichen Brasilien ist er bereits ausgestorben. Die südlichste Verbreitungsgrenze stellt heute der nördliche Teil Argentiniens dar, wo sich die Ameisenbärenart in den letzten Jahren auch weiter nach Norden zurückgezogen hat.[5] Das gesamte heutige Verbreitungsgebiet wird mit 12,5 Millionen Quadratkilometern angegeben, das tatsächlich bewohnte Gebiet ist aber unbekannt.[1][6]

Der Große Ameisenbär bewohnt zahlreiche unterschiedliche Landschaften und kommt in Sümpfen, tropischen Regenwäldern, Trockenwäldern und am häufigsten in Savannen vor. So bewohnt er die Gran-Chaco-Regionen ebenso wie das Pantanal, die Cerrado-Gebiete[7] und das Amazonasbecken. In Zentralamerika gibt es mehrere Sichtungen aus Hochlandgebieten. Voraussetzung für die Anwesenheit des Großen Ameisenbären ist ein genügend großes Vorkommen von Ameisen und Termiten.[1][6] Die Dichte der Populationen ist abhängig von der Beschaffenheit der Landschaften. So liegt sie im Pantanal bei 0,15 Individuen je Quadratkilometer. Deutlich höher ist sie in Wäldern mit 0,41 Individuen, eher gering im Llanos mit 0,18 und in Überflutungsebenen mit 0,12 Individuen auf der gleichen Fläche. Für den Emas-Nationalpark wird eine Populationsdichte von 0,2 Individuen je Quadratkilometer angegeben.[8]

Lebensweise[Bearbeiten]

Territorialverhalten[Bearbeiten]

Ameisenbär Frontansicht

Als einziges Mitglied seiner Familie ist der Große Ameisenbär ein reiner Bodenbewohner. Normalerweise ist er tagaktiv, wobei er meist die frühen Morgenstunden nutzt, in stark von Menschen bewohnten Gebieten kann er jedoch auch nachtaktiv sein. Allerdings ist die Aktivitätszeit abhängig von der Jahreszeit, so dass er an heißen Tagen überwiegend in den kühlen Morgen- und Abendstunden auf Nahrungssuche geht, an kühlen Tagen aber eher tagsüber.[9] Zudem ist der Große Ameisenbär einzelgängerisch und territorial. Die Reviere sind in der Regel zwischen 5 und 25 km² groß, können aber im Extremfall bis zu 90 km² erreichen. Die Größe ist dabei abhängig von der Beschaffenheit des Habitats. So wurde im Pantanal eine Größe von 5,7 km² für männliche und bis zu 11,9 km² für weibliche Tiere festgestellt. Ob Weibchen generell größere Territorien besitzen, ist unklar, da im Emas-Nationalpark im Cerrado eine durchschnittliche Reviergröße von 9,8 km² für beide Geschlechter festgestellt wurde.[10] Die Grenzen der einzelnen Territorien können sich dabei überschneiden, allerdings halten die Tiere eher Abstand zueinander. Überschneidungen der Reviergrenzen finden sich häufiger bei Weibchen als bei Männchen.[1]

Die Reviere werden häufig markiert. Diese Markierungen erfolgen in der Regel an den Stämmen größerer Bäume durch Kratzen mit den langen Krallen der Vorderfüße. Dies dient gleichzeitig auch dem Schärfen der Krallen, da die Kratzspuren aber weit unterhalb der Verästelung des Stammes angebracht werden und deutlich sichtbar sind, dienen diese Experten zufolge auch zur visuellen Kommunikation. Eher selten markiert der Große Ameisenbär mit Urin.[11] Innerhalb des Reviers bewegt sich die Ameisenbärenart am Boden auf allen vieren fort, wobei die Krallen der Vorderfüße nach unten geklappt sind, so dass die Zehen stark gebeugt sind und das Gewicht von den Unterflächen der drei größeren Zehen getragen wird.[12] Meist läuft sie dabei eher langsam, kann aber auch in einen schnellen Sprint übergehen. Zudem ist der Große Ameisenbär ein guter Schwimmer. Begegnungen zwischen zwei oder mehreren Tieren verlaufen häufig sehr aggressiv, vor allem unter Männchen. Die Kämpfe, die teils ritualisiert sind, aber auch sehr blutig ausgehen können, werden dabei mit den Vorderfußkrallen ausgeführt.[13][14] Zur Ruhe zieht sich ein Tier in flache, überwiegend selbst angelegte Erdkuhlen in dichter Vegetation zurück, tiefere Erdbauten oder Höhlen gräbt der Große Ameisenbär trotz seiner kräftigen Krallen und seines körperlichen Vermögens nicht. Die Schlafposition ist dabei seitlich liegend mit der Schnauze vor den Vorderfüßen, wobei der dichte Schwanz den Körper bedeckt. Die Position des Schwanzes dient dabei einerseits dazu, nicht zu viel Körperwärme zu verlieren, andererseits aber auch der Tarnung.[15]

Ernährung[Bearbeiten]

Auf Futtersuche

Der Große Ameisenbär ist ein spezialisierter Insektenfresser, seine Hauptnahrung besteht aus Ameisen und Termiten, von denen er täglich bis zu 35.000 Tiere frisst, die er mittels seines guten Geruchssinnes aufspürt. Mit seinen starken Krallen bricht er die festen Termitenbauten auf und leckt deren Bewohner mit seiner langen, bis zu 40 cm aus dem Maul ragenden Zunge auf, wobei die Insekten aufgrund des schleimhautartigen Belages kleben bleiben. Allerdings kann der Große Ameisenbär nur kurze Zeit am jeweiligen Bau fressen, bevor die Termiten und Ameisen ihre Körpergifte gezielt und organisiert einsetzen, so dass die durchschnittliche Fressdauer rund 40 Sekunden beträgt, bevor er ein neues Nest sucht und später zurückkehrt, um die Kolonie erneut auszubeuten. Durch dieses Verhalten werden die einzelnen Nester nie vollständig ausgeräumt. Die röhrenförmig ausgebildete Schnauze begrenzt darüber hinaus das weitere Nahrungsspektrum, so dass die Ameisenbärenart stark von koloniebildenden Insekten abhängig ist. Dabei treten regional deutliche Unterschiede auf. So wurden anhand von Untersuchungen an Kotresten im brasilianischen Bundesstaat Amapá zu 100 % Ameisen, im Bundesstaat Ceará aber zu 100 % Termiten gefunden.[16] Weitere Analysen in Argentinien zeigen, dass der Große Ameisenbär dort häufig Termiten der Gattungen Nasutitermes und Cornitermes sowie Ameisengattungen wie Camponotus, Iridomyrmex oder Solenopsis bevorzugt, wobei ihr jeweiliger Anteil in der Nahrungsmenge jahreszeitlich schwankt. Im Pantanal werden hauptsächlich Ameisen konsumiert, so unter anderem Vertreter der Gattung Solenopsis, die rund 46 % der Gesamtmenge ausmachen, zu geringeren Anteilen aber auch Camponotus (12 %), Labidus (2 %) und Odontomachus (2 %). Termiten dagegen sind nur mit zwei Gattungen vertreten: Nasutitermes und Armitermes.[17] Daneben wurde aber auch beobachtet, wie der Große Ameisenbär Nester von Honigbienen plündert, unter anderem in einem 1,5 m hohen, verlassenen Termitenbau im Emas-Nationalpark.[18] Der Große Ameisenbär trinkt regelmäßig Wasser und gräbt in trockenen Jahreszeiten auch in kleinen Löchern danach.[1]

Fortpflanzung[Bearbeiten]

Jähriges Jungtier spielt mit Mutter

Die Paarungszeit ist die einzige Phase, in der mehrere Tiere zusammenkommen. Sie findet meist zwischen Juli und August statt. Nach etwa 183- bis 190-tägiger Tragzeit bringt das Weibchen ein einzelnes Jungtier zur Welt. In der Regel werden etwa doppelt so viele männliche wie weibliche Jungtiere geboren. Ein Jungtier wiegt 1,1 bis 1,6 kg, ist mit Schwanz etwa 53 cm lang und hat die Augen geschlossen; diese öffnen sich erst nach rund sechs Tagen. Häufig trägt das Muttertier das Junge, wenn es auf Nahrungssuche geht, was bis zu einem Alter von einem Jahr geschehen kann. Dabei liegt das Junge längs auf dem Rücken und ist so teils vom dichten Fell der Mutter verdeckt, andererseits verschmilzt seine Fellzeichnung mit der des Muttertieres. Am Boden ist das Jungtier in den ersten sechs Wochen nie weiter als einen Meter von der Mutter entfernt, der Abstand erhöht sich bis zum vierten Lebensmonat auf 20 Meter. In den ersten Monaten spielen Mutter und Junges häufig miteinander, was sich in Springen, Spielen mit Objekten oder den Krallen zeigt; auch gegenseitiges Lecken kommt häufig vor und kann bis zu eine Stunde andauern. Aufgrund der langen Schnauze saugt das Jungtier mit der Zunge, wobei es anfangs bis zu fast 20 % seiner aktiven Zeit mit der Aufnahme der Muttermilch verbringt. Ab dem dritten Lebensmonat nimmt es erstmals feste Nahrung zu sich, ab dem neunten Monat überwiegt dieser Nahrungsbestandteil. Die vollständige Entwöhnung erfolgt mit zehn bis zwölf Monaten, wobei der junge Ameisenbär dann rund 6,0 bis 6,5 kg wiegt und 105 cm lang ist. Die Geschlechtsreife erreichen diese Tiere mit zwei bis vier Jahren. In menschlicher Obhut wurde ein Großer Ameisenbär knapp 26 Jahre alt, das erreichte Durchschnittsalter liegt jedoch bei etwa 16 Jahren. Die Lebenserwartung in freier Wildbahn ist nicht bekannt.[19][1]

Beutegreifer und Feindverhalten[Bearbeiten]

Jaguare gehören zu den wenigen Fressfeinden

Die größten Fressfeinde stellen Jaguar und Puma dar, allerdings wird der Große Ameisenbär nicht allzu häufig von diesen großen Katzen erbeutet. Untersuchungen im Gran Chaco an 106 Kotresten des Jaguars und 95 des Pumas ergaben lediglich zwei beziehungsweise drei Hinweise auf das Erlegen des Großen Ameisenbären. Während einer Beobachtung von 10 Jaguaren, je fünf männliche und weibliche Tiere, von Oktober 2001 bis April 2004 im südlichen Pantanal konnten insgesamt 14 erbeutete Große Ameisenbären festgestellt werden, was lediglich 3,2 % aller erlegten Tiere in diesem Zeitraum ausmachte.[20] Weiterhin ist die Ameisenbärenart dort seltener, wo häufiger Hunde vorkommen. Ein bedrohtes Tier richtet sich auf seinen Hinterbeinen auf und verteidigt sich durch Schläge mit den Krallen der Vorderfüße.[1]

Parasiten[Bearbeiten]

Zu den äußeren Parasiten zählen vor allem verschiedene Arten der Zeckengattung Amblyomma, auch Milben wie Otodectes oder Edentalges kommen vor, selten dagegen Flöhe.[21] Als innere Parasiten sind hauptsächlich Fadenwürmer bekannt, darunter Aspidodera, Brevigraphidium oder Physaloptera. Weiterhin wurden Bandwürmer nachgewiesen, unter anderem Mathevotaenia. Mit Eimeria konnten auch Kokzidien als Parasiten festgestellt werden.[1]

Systematik[Bearbeiten]

Innere Systematik der rezenten Ameisenbären nach Delsuc et al. 2012[22]
 Vermilingua 

 Cyclopedidae 

 Cyclopes (Zwergameisenbär)


 Myrmecophagidae 
 Tamandua 

 Tamandua mexicana (Nördlicher Tamandua)


     

 Tamandua tetradactyla (Südlicher Tamandua)



     

 Myrmecophaga tridactyla (Großer Ameisenbär)





Der Große Ameisenbär ist die rezent einzige Art aus der monotypischen Gattung Myrmecophaga. Sie gehört wiederum zur Familie der Myrmecophagidae, denen auch die Tamanduas (Tamandua) zugerechnet werden, innerhalb der Unterordnung der Ameisenbären (Vermilingua). Neben den Myrmecophagidae werden nur die Cycopedidae mit dem Zwergameisenbär (Cyclopes didactylus) als deren einziges heute lebendes Mitglied zu dem Vermilingua gestellt. Die Myrmecophagidae und die Cyclopedidae trennten sich nach molekulargenetischen Untersuchungen im Mittleren Eozän vor rund 40 Millionen Jahren. Die Aufspaltung der Myrmecophagidae in Tamandua und Myrmecophaga begann laut denselben Untersuchungen zu Beginn des Oberen Miozäns vor 10 Millionen Jahren.[23][22]

Fossil ist Myrmecophaga erstmals im Pliozän fassbar,[12] zu den ältesten Funden gehören jene von Monte Hermoso aus der argentinischen Provinz Buenos Aires. Der aufgefundene dritte Mittelhandknochen gehört der ausgestorbenen Art Myrmecophaga caroloameghinoi an, welche ursprünglich in die eigene Gattung Nunezia verwiesen worden war.[24] Weitere alte Funde kamen aus El Breal de Orocual im Nordosten Venezuelas zum Vorschein, welche in den Übergang vom Pliozän zum Unteren Pleistozän zu stellen sind.[25] Funde aus Sonora im Nordwesten Mexikos zeigen, dass die Ameisenbärenart im Unteren Pleistozän im Zuge des Großen Amerikanischen Faunenaustausches bis weit nach Norden vordrang und später durch klimatische Veränderungen wieder auf ihr heutiges Verbreitungsgebiet zurückgedrängt wurde. Die südlichsten Funde stammen aus Uruguay. Allgemein ist der Große Ameisenbär recht häufig fossil aus dem Pleistozän überliefert.[26]

Heute werden drei Unterarten vom Großen Ameisenbär unterschieden:[1]

Benannt wurde die Art Myrmecophaga tridactyla im Jahr 1758 von Linnaeus, welcher unter den gleichen Gattungsnamen weiterhin den Zwergameisenbären (Cyclopes didactyla) und den Südlichen Tamandua (Tamandua tetradactyla) einordnete und diese anhand der Anzahl der krallenbewehrten Vorderfußzehen unterschied. Als Typuslokalität für den Großen Ameisenbären gab Linnaeus ‘‘America Meridionali’’ an. Der Gattungsname Myrmecophaga setzt sich aus den griechischen Wörtern μύρμηξ (mýrmēx, Genitiv: μύρμηκος mýrmēkos „Ameise“) und φαγεῖν (phageín „fressen“) zusammen und bezieht sich auf die hauptsächliche Ernährungsweise der Tiere.[1]

Bedrohung und Schutz[Bearbeiten]

Großer Ameisenbär im Pantanal, Brasilien

Aufgrund seiner Größe ist der Große Ameisenbär ein häufiges Jagdziel, und sein Fleisch wird teilweise als Nahrungsressource genutzt. Allerdings ist diese Tradition unter indigenen Völkern sehr unterschiedlich. Laut einer Untersuchung erlegte die damals rund 800 Personen umfassenden Volksgruppe der Waimiri Atroari im zentralen Amazonastiefland innerhalb eines Jahres (1993–1994) insgesamt drei Große Ameisenbären. Das Gesamtgewicht umfasste 90 Kilogramm, was rund 0,2 Prozent der gesamten über das Jahr erlegten Biomasse der Waimiri Atroari ausmachte.[27] Die Chamacoco aus Paraguay wiederum verzehren aus religiösen Gründen kein Fleisch des Großen Ameisenbären, während die Bewohner Nicaraguas das Fleisch aufgrund des Geschmacks meiden. Manchmal wird jedoch ein Großer Ameisenbär auch von Jägern oder deren Hunden getötet.[28] In der Regel meiden die Tiere Begegnungen mit Menschen, was aufgrund des schlechten Sehsinns und Gehörs aber nicht immer möglich ist. Ein bedrängtes Tier verteidigt sich mit seinen langen, scharfen Krallen, was in Einzelfällen auch für Menschen tödlich endete.[29]

Häufig ist die Ameisenbärenart allerdings Opfer von Verkehrsunfällen, vor allem in Offenland, da die Augen in der Nacht keinen Widerschein geben. Bedeutend ist auch der Einfluss von Feuer, das vor allem in Grasländern die einzelnen Populationen deutlich variieren lässt. Hauptfaktor für den Rückgang des Bestands ist aber die Zerstörung der Landschaften durch die Ausbreitung menschlicher Siedlungen und landwirtschaftlich genutzter Flächen, was vor allem für die mittelamerikanischen Populationen eine große Bedrohung ist.

Experten gehen für den Gesamtbestand von einem Rückgang von rund 30 Prozent seit 1996 aus. Die IUCN listet den Großen Ameisenbären als „gefährdet“ (vulnerable), regional bestehen aber noch höhere Warnstufen.[30] Große Ameisenbären kommen in zahlreichen geschützten Gebieten vor, so unter anderem im Emas-Nationalpark und im Serra-da-Canastra-Nationalpark in Brasilien. Zudem gibt es ein internationales Zuchtprogramm in zoologischen Einrichtungen. Der Zoo Dortmund, wo über 50 Geburten verzeichnet werden konnten, führt das internationale Zuchtbuch.[31] Zu den weiteren Schutzmaßnahmen gehören auch Untersuchungen zur Einflussnahme von Wald- und Buschbränden auf die Bestandsentwicklung des Großen Ameisenbären und die Erarbeitung wirksamer Maßnahmen zum Brandschutz und zur Kontrolle natürlicher oder vom Menschen verursachter Buschbrände.[1][6]

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e f g h i j k l m Paul Smith: Giant Anteater Myrmecophaga tridactyla Linnaeus, 1758. Fauna of Paraguay 2, 2007, S. 1–18
  2. Hideki Endo, Nobuharu Niizawa, Teruyuki Komiya, Shinichiro Kawada, Junpei Kimura, Takuya Itou, Hiroshi Koie und Takeo Sakai: Three-Dimensional CT Examination of the Mastication System in the Giant Anteater. Zoological Science 24, 2007, S. 1005–1011
  3. Hideki Endo, Teruyuki Komiya, Shinichiro Kawada, Akiko Hayashida, Junpei Kimura, Takuya Itou, Hiroshi Koie und Takeo Sakai: Three-Dimensional Reconstruction of the Xenarthrous Process of the Thoracic and Lumber Vertebrae in the Giant Anteater. Mammal Study 34 (1), 2009, S. 1–6
  4. Hector Orlando Portillo Reyes, Wilfredo Antonio Matamoros und Sheri L. Glowinski: Distribution and Conservation Status of the Giant Anteater (Myrmecophaga tridactyla) in Honduras. The Southwestern Naturalist 55 (1), 2010, S. 118–120
  5. Guillermo Pérez Jimeno und Lucía Llarín Amaya: Contribución al Conocimiento de la Distribución del oso Hormiguero Gigante (Myrmecophaga tridactyla) en Argentina. Edentata 8-10, 2009, S. 8–12
  6. a b c Flávia Miranda und I. M. Medri: Myremecophaga tridactyla. Edentata 11 (2), 2010, S. 103–104
  7. James Sanderson und Leandro Silveira: Observations of Xenarthra in the Brazilian Cerrado and Guyana. Edentata 5, 2003, S. 40–44
  8. Arnaud Léonard Jean Desbiez undÍsis Meri Medri: Density and Habitat Use by Giant Anteaters (Myrmecophaga tridactyla) and Southern Tamanduas (Tamandua tetradactyla) in the Pantanal Wetland, Brazil. Edentata 11 (1), 2010, S. 4–10
  9. Constança de Sampaio, Paiva Camilo-Alves und Guilherme de Miranda Mourão: Responses of a Specialized Insectivorous Mammal (Myrmecophaga tridactyla) to Variation in Ambient Temperature. Biotropica 38 (1), 2006, S. 52–56
  10. Rosane G. Collevatti, Kelly C. E. Leite, Guilherme H. B. de Miranda und Flavio H. G. Rodrigues: Evidence of high inbreeding in a population of the endangered giant anteater, Myrmecophaga tridactyla (Myrmecophagidae), from Emas National Park, Brazil. Genetics and Molecular Biology 30 (1), 2007, S. 112–120
  11. Fernanda G. Braga, Raphael E. F. Santos und Antonio C. Batista: Marking behavior of the giant anteater Myrmecophaga tridactyla (Mammalia: Myrmecophagidae) in Southern Brazil. Zoologia 27 (1), 2010, S. 7–12
  12. a b Sue D. Hirschfeld: A new fossil anteater (Edentata, Mammalia) from Colombia, S.A. and evolution of the Vermilingua. Journal of Paleontology 50 (3), 1976, S. 419–432
  13. Fabiana L. Rocha und Guilherme Mourão: An Agonistic Encounter Between Two Giant Anteaters (Myrmecophaga tridactyla). Edentata 7, 2006, S. 50–51
  14. Kolja Kreutz, Frauke Fischer und K. Eduard Linsenmair: Observations of Intraspecific Aggression in Giant Anteaters (Myrmecophaga tridactyla). Edentata 8-10, 2009, S. 6–7
  15. Ísis Meri Medri und Guilherme Mourão: A Brief Note on the Sleeping Habits of the Giant Anteater Myrmecophaga tridactyla (Xenarthra, Myrmecophagidae). Revista Brasileira de Zoologia 22, 2005, S. 1213-1215
  16. Kent H. Redford: Dietary specialization and variation in two mammalian myrmecophages (variation in mammalian myrmecophagy). Revista Chilena de Historia Natural 59, 1986, S. 201–208
  17. Ísis Meri Medri, Guilherme de Miranda Mourão und Ana Yoshi Harada: Dieta de Tamanduá-Bandeira (Myrmecophaga tridactyla) no Pantanal da Nhecolândia, Brasil. Edentata 5, 2003, S. 29–34
  18. Guilherme Henrique Braga de Miranda, Flávio Henrique Guimarães Rodrigues, Ísis Meri Medri und Fernanda Vinci dos Santos: Giant Anteater Mymecophaga tridactyla Beehive Foraging at Emas National Park, Brazil. Edentata 5, 2003, S. 55
  19. Sara de Valle Jerez und Monique Halloy: El Oso Hormiguero Myrmecophaga tridactyla: Crecimiento e Independización de una Cria. Mastozoologia Neotropical 10, 2003, S. 323–330
  20. Sandra M. C. Cavalcanti und Eric M. Gese: Kill rates and predation patterns of jaguars (Panthera onca) in the southern Pantanal, Brazil. Journal of Mammalogy 91 (3), 2010, S. 722–736
  21. Adrian G. Mutlow, Michael W. Dryden und Patricia A. Payne: Flea (Pulex simulans) infestation in captive Giant anteater (Myrmecophaga tridactyla). Journal of Zoo and Wildlife Medicine 37 (3), 2006, S. 427–429
  22. a b Frédéric Delsuc, Mariella Superina, Marie-Ka Tilak, Emmanuel J. P. Douzery und Alexandre Hassanin: Molecular phylogenetics unveils the ancient evolutionary origins of the enigmatic fairy armadillos. Molecular Phylogenetics and Evolution 62, 2012, 673–680
  23. Frédéric Delsuc, Sergio F Vizcaíno und Emmanuel JP Douzery: Influence of Tertiary paleoenvironmental changes on the diversification of South American mammals: a relaxed molecular clock study within xenarthrans. BMC Evolutionary Biology 4 (11), 2004, S. 1–13
  24. H. Gregory McDonald, Sergio F. Vizcaíno und M. Susana Bargo: Skeletal anatomy and the fossil history of the Vermilingua. In: Sergio F. Vizcaíno und W. J. Loughry (Hrsg.): The Biology of the Xenarthra. University Press of Florida, 2008, S 64–78
  25. Ascanio D. Rincón, Gilberto E. Parra, Francisco J. Prevosti, Maria teresa Alberdi und Christopher J. Bell: A preliminary assessment of the Mammalian fauna from the Pliocene-Pleistocene El Breal de Orocual locality, Monagas state, Venezuela. In: L. B. Albright III (Hrsg.): Papers on Geology, Vertebrate Paleontology, and Biostratigraphy in Honor of Michael O. Woodburne. Museum of Northern Arizona Bulletin 65, 2009, S. 593–620
  26. Christopher A. Shaw und H. Gregory McDonald: First Record of Giant Anteater (Xenarthra, Myrmecophagidae) in North America. Science 236, 1987, S. 186–188
  27. Roselis Remor de Souza-Mazurek, Temehe Pedrinho, Xinymy Feliciano, Waraié Hilário, Sanapyty Gerôncio und Ewepe Marcelo: Subsistence hunting among the Waimiri Atroari Indians in central Amazonia, Brazil. Biodiversity and Conservation 9:, 2000, S. 579–596
  28. Jeremy M. Koster: Giant Anteaters (Myrmecophaga tridactyla) Killed By Hunters With Dogs In the Bosawas Biosphere Reserve, Nicaragua. The Southwestern Naturalist 53 (3), 2008, S. 414–416
  29. Vidal Haddad Jr., Guilherme C. Reckziegel, Domingos G. Neto und Fábio L. Pimentel: Human Death Caused by a Giant Anteater (Myrmecophaga trydactila) in Brazil. Wilderness & Environmental Medicine 2014 ([1])
  30. Flávia Miranda und Ísis Meri Medri: Myrmecophaga tridactyla. In: IUCN 2012. IUCN Red List of Threatened Species. Version 2012.2. ([2]), zuletzt abgerufen am 29. Juni 2013
  31. Großer Ameisenbär. In: Zoo Dortmund. Abgerufen am 12. August 2013.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Großer Ameisenbär – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • Myrmecophaga tridactyla in der Roten Liste gefährdeter Arten der IUCN 2008. Eingestellt von: G. Porini u. a., 2008. Abgerufen am 29. Juni 2013