Mährerreich

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Großmähren)
Wechseln zu: Navigation, Suche
Karte Mährerreich Mojmír I.png
Ungefähre Grenzen Mährens unter Fürst Mojmir I.
Karte Mährerreich Rastislav.png
Ungefähre Grenzen Mährens unter Fürst Rastislav
Karte Mährerreich Svatopluk I.png
Ungefähre Grenzen Mährens unter Fürst Svatopluk I.

Das Mährerreich (lateinisch: regnum Marahensium, altslawisch: Моравьска область, wiss. Transliteration Moravьska oblastь), kurz Mähren (lateinisch: Moravia, altslawisch: Morava, arabisch: M.ráwa.t),[1] in der Fachliteratur häufig auch Großmähren oder Altmähren genannt, war das frühmittelalterliche Staatsgebilde der Mährer, dessen Kerngebiet sich in der historischen Region Mähren und der heutigen Slowakei befand. Seine Machtzentren bildeten die Städte Mikulčice, Staré Město und Nitra.[2] Das Mährerreich, welches das erste bedeutende slawische Staatswesen darstellte,[3] bestand in unterschiedlicher Ausdehnung vom 9. Jahrhundert und Anfang des 10. Jahrhunderts und wurde in dieser Zeit von der Mojmiriden-Dynastie regiert.

Von großer kultureller Bedeutung war das Mährerreich im Zusammenhang mit dem Wirken der byzantinischen Gelehrten und Priester Kyrill und Method, welche 863 in Mähren als erstem slawischen Land die von ihnen auf Basis der glagolitischen Schrift kodifizierte altslawische Sprache als Liturgiesprache einführten. Diese breitete sich dann vom Mährerreich ausgehend ab 886 auch im Bulgarischen Reich, der Kiewer Rus, Serbien und Kroatien aus, wo daraus das spätere Kyrillisch entstand.

Das Mährerreich wird heute insbesondere von der Slowakei, aber auch von Tschechien (da Mähren 1019 zu Böhmen kam), als eine Art früher Vorläuferstaat angesehen. Die Slowakei bezieht sich in der Präambel ihrer Verfassung explizit auf das „geistige Erbe von Kyrill und Method und das historische Vermächtnis des Großmährischen Reiches“.[4]

Begriff[Bearbeiten]

Im Bezug auf die korrekte Bezeichnung des frühmittelalterlichen mährischen Staates herrscht unter Historikern Uneinigkeit. Der in der gegenwärtigen Geschichtsschreibung am weitesten verbreitete, in zeitgenössischen Quellen des 9. Jahrhunderts jedoch unbekannte Begriff „Großmähren“ bzw. „Großmährisches Reich“ wurde von der griechischen Bezeichnung ἡ μεγάλη Μοραβία des byzantinischen Kaisers Konstantin VII. abgeleitet, welcher diese Mitte des 10. Jahrhunderts in seinem Werk De Administrando Imperio verwendete. Kaiser Konstantin verwendete diesen Begriff jedoch weder im Bezug auf die damalige Größe des mährischen Staates noch für dessen Macht. In der Geschichtsschreibung hat sich der Begriff jedoch genau in diesem Verständnis eingebürgert. Neuere historische Arbeiten kritisieren die Übersetzung des ἡ μεγάλη Μοραβία mit „Großmähren“ als eine Fehlinterpretation, welche oft von modernem Nationalismus gefärbt sei. Die Bezeichnung Kaiser Konstantins VII. wird als „das hinter den Grenzen des Reiches liegende Mähren“ übersetzt.[5]

In der tschechischen Geschichtsschreibung bezeichnet der Historiker Dušan Třeštík den mährischen Staat mehrheitlich als „Mähren“ (Morava), seltener „Großmähren“ (Velká Morava).[6] Der tschechische Historiker Lubomír E. Havlík verwendet mehrheitlich die Bezeichnungen „Mähren“ und „Mährerreich“ (tschechisch: Moravská ríše)[7] Der tschechische Historiker Martin Wihoda verwendet in seiner 2010 zur frühmittelalterlichen mährischen Geschichte erschienenen Monographie fast ausschließlich die Bezeichnung „Altmähren“ (Stará Morava).[8] Britische und amerikanische Historiker wie Paul M. Barford, Eric J. Goldberg und Alexis P. Vlasto verwenden in ihren Arbeiten ausschließlich die Bezeichnung „Mähren“ (Moravia).[9] Alle diese Begriffe sind auch in der deutschsprachigen Geschichtsschreibung in Gebrauch.[10] Die slowakische Historiographie hält unterdessen an der traditionellen Bezeichnung „Großmähren“ (slowakisch: Veľká Morava) fest.[11] Der österreichische Historiker Herwig Wolfram bezeichnet den mährischen Staat des 9. Jahrhunderts in Abgrenzung zur historischen Region Mähren als „Moravien“.[12] Der rumänische Historiker Victor Spinei bezeichnet den Staat der Mojmiriden wiederum als „Mährisches Knesentum“.[13] Der Begriff „Mährerreich“ wird vom verstorbenen führenden Experten der mährischen Geschichte, dem Historiker Lubomír E. Havlík, als die korrekte Bezeichnung für das mährische Staatsgebilde angesehen – als „Ergebnis einer Expansion der Mährer, der sich formierenden frühmittelalterlichen mährischen Nation“.[14]

Die zeitgenössischen lateinischen Quellen erwähnen den mährischen Staat als das „Mährerreich“ (Regnum Marahensium, Regnum Marahaorum, Regnum Marauorum, Regnum Margorum), die „Mährerreiche“ (pl. Regna Marahensium), „Mährisches Land“ (terra Maraouorum) oder einfach als „Mähren“ (Marawa, Marauia, Maraha). Daneben sind noch die Bezeichnungen „Reich des Rastislav“ (Regnum Rastizi) und „Reich des Svatopluk“ (Regnum Zwentibaldi) überliefert. In den Aufzeichnungen arabischer Händler wird das Land als „Mähren“ (M.ráwa.t) bezeichnet. Die altslawischen Quellen sprechen von dem „Mährischen Land“ (Moravьska země), den „Mährischen Ländern“ (pl. Moravьskyję strany), dem „Mährischen Gebiet“ (Moravьska oblastь), den „oberen Mähren“ (pl. vyšnęję Moravy) oder nur von „Mähren“ (Morava, Marava, Murava).[15]

In der slowakischen Geschichtsschreibung versuchen manche nationalistische Historiker (z.B. Milan Stanislav Ďurica) das Mährerreich als einen slowakischen Staat darzustellen und verwenden die Bezeichnung „Slowakisches Reich“ (slowakisch: Slovenská ríša).[16] Diese Interpretation wird jedoch vom Historischen Institut der Slowakischen Akademie der Wissenschaften entschieden abgelehnt.[17]

Geschichte[Bearbeiten]

Entstehung[Bearbeiten]

Grundstein der mährischen Burganlage in Mikulčice
Die mährische Burg Devín in der heutigen Slowakei

Wann genau sich der slawische Stamm der Mährer bildete, ist unbekannt. Der tschechische Historiker Dušan Třeštík vermutet, dass sich die Mährer wahrscheinlich gemeinsam mit den anderen slawischen Stämmen an der Wende des 6. Jahrhunderts zum 7. Jahrhundert formierten.[18] Schriftliche Zeugnisse über die Slawen nördlich der Donau, in der historischen Region Mähren und der Slowakei, beginnen erst im Jahr 822, allerdings lässt sich deren Geschichte schon im 8. Jahrhundert anhand bedeutender archäologischer Quellen zurückverfolgen. Zu dieser Zeit kristallisierten sich entlang des Flusses March (slawisch: Morava) mehrere Zentren hervor, so die Burganlagen in Mikulčice, Staré Město und Olomouc, die das weitreichende Gebiet Mährens beherrschten. Auf dem Gebiet der heutigen Slowakei gab es mit Ausnahme der Zentren an der March im 8. Jahrhundert noch keine weiteren Burganlagen.[19] Diese entstanden erst zur Wende des 8. zum 9. Jahrhundert, nachdem die heutige Westslowakei ausgehend von den Zentren an der March vom Einfluss der Awaren befreit wurde. Zu den bedeutendsten Burganlagen auf slowakischem Gebiet gehörten Devín und Nitra.[20] Im Jahr 796 wurde das Gebiet der Mährer dem Bistum Passau unterstellt, um das Jahr 800 erfolgte der Bau der ersten christlichen Kirchen.[21] Irgendwann zwischen 817 und 822 erkannten die Mährer die Souveränität des bayerisch-fränkischen Königs Ludwigs des Deutschen über ihr Gebiet an, in Folge dessen ihre Boten 822 am Landtag in Frankfurt teilnahmen.[22]

Das genaue Datum der mährischen Staats- bzw. Reichsgründung ist umstritten, Dušan Třeštík geht davon aus, dass der mährische Staatswerdungsprozess ca. 790 einsetzte und um etwa 831 unter dem mährischen Fürst Mojmir I. abgeschlossen war. Nachdem er die Mährer unter seiner Herrschaft vereint hatte, setzte Mojmir 831 eine christliche Massentaufe der mährischen Führungsschicht durch und ging ab 833, als er den profränkischen mährischen Lokalfürsten Pribina aus Nitra vertrieb, auf Konfrontationskurs zum Fränkischen Reich.[23] In der früheren Geschichtsschreibung galt traditionell das Jahr 833 als das eigentliche Gründungsdatum „Großmährens“. Im slowakischen Standardwerk zum Thema Nitrianske kniežatstvo vertritt der Historiker Ján Steinhübel die These, auf dem Gebiet der heutigen Slowakei und Teilen Nordungarns hätte in den Jahren 805 bis 833 ein unabhängiges Fürstentum Nitra bestanden, das erst 833 von Mojmir I. an dessen Mährerreich angegliedert worden sei. Durch den Zusammenschluss dieser beiden Staatsgebilde sei dann der neue „großmährische“ Staat entstanden. Diese Behauptung wird jedoch von führenden tschechischen und britischen Historikern abgelehnt,[24] zumal Steinhübel seine These weder mit schriftlichen noch archäologischen Quellen belegt.[25]

Im August 846 zog Ludwig der Deutsche mit einem fränkischen Heer gegen das Mährerreich, setzte Mojmir ab und installierte dessen Neffen Rastislav als neuen mährischen Herrscher, von dem sich Ludwig eine größere Vasallentreue erhoffte. Die genauen Hintergründe, die zur Absetzung Mojmirs I. führten, sind unter Historikern umstritten. Der Historiker Eric J. Goldberg vertritt die Auffassung, Mojmir sei aufgrund seiner Politik hin zu einem souveränen christlich-slawischen Königreich eine ernste Bedrohung für König Ludwig geworden und wurde deshalb abgesetzt. Dem hält Dušan Třeštík entgegen, dass die Formulierung in den Primärquellen zu allgemein sei und Ludwig die Mährer wohl eher als Teil einer Gesamtoffensive gegen die angrenzenden Slawen attackierte.[26]

Blüte[Bearbeiten]

Ikone Fürst Rastislavs als Heiligen der orthodoxen Kirche
Fresko der Slawenapostel Kyrill und Method

In den frühen 850er Jahren begann Rastislav eine zunehmend vom Ostfrankenreich unabhängige Politik zu führen. Im Jahr 855 zog Ludwig der Deutsche mit einem fränkischen Heer gegen die Mährer, wurde aber bei Rastislavs Festung von diesem besiegt. In der Folge konnte Rastislav die Tributzahlungen an das Ostfrankenreich vorübergehend einstellen und verjagte den gesamten bayerischen Klerus aus seinem Land. Von geschichtlicher Bedeutung wurde Rastislavs Bemühen, mit Hilfe von Byzanz und der Ostkirche sein Land aus dem fränkischen Einflussbereich zu entziehen. Nachdem Papst Nikolaus I. Rastislavs Bitte, slawischsprachige Priester zum Aufbau einer eigenen mährischen Kirchenorganisation zu entsenden, nicht entsprach, wandte sich Rastislav im Jahr 862 an den byzantinischen Kaiser Michael III.

Dieser entsprach den Forderungen des mährischen Fürsten und entsandte die byzantinischen Priester und Gelehrten Kyrill und Method, die 863 im Mährerreich ankamen.[27] Die von Kyrill mit Hilfe des glagolitischen Alphabets geschaffene altslawische Sprache wurde im Mährerreich als erstem slawischem Land als Liturgiesprache eingeführt. Im Jahr 864 griff Ludwig der Deutsche das Mährerreich an und zwang Rastislav bei der Devín zur Kapitulation. Die vertriebenen bayerischen Geistlichen konnten zwar nun nach Mähren zurückkehren, das Wirken Kyrills und Methods sowie der slawischen Liturgie blieb aber weiterhin bestehen. Kyrill und Method gingen 867 nach Rom, um dort ihre slawische Liturgiesprache durch den Papst gegenüber dem bayerischen Klerus legitimieren zu lassen. Im selben Jahr erhob Papst Hadrian II. die slawische Liturgiesprache als mit dem Lateinischen, dem Griechischen und dem Hebräischen gleichberechtigt.[28] Zwei Jahr später starb Kyrill in Rom, sein Bruder Method wurde 870 zum mährischen Erzbischof[29] (des Mährerreiches und des Plattensee-Fürstentums[30]) ernannt, konnte aber erst 873 nach einer dreijährigen Inhaftierung in Bayern nach Mähren zurückkehren.

Reiterstatue von Fürst Svatopluk I. auf der Burg Bratislava
Der päpstliche Brief Industriae tuae an Svatopluk aus dem Jahr 880

Im Mährerreich war es währenddessen zu einem Machtwechsel gekommen. Nachdem Ludwig der Deutsche bei einem weiteren Angriff auf Mähren 869 erneut von Rastislav geschlagen wurde, nutzte er dessen Mitregenten und Neffen Svatopluk I., um Rastislav 870 abzusetzen und das Mährerreich zu besetzen. Nachdem 871 auch Svatopluk von den Ostfranken des Verrats beschuldigt und als mährischer Herrscher abgesetzt und verschleppt wurde, brach unter Führung des mährischen Fürsten Slavomir ein erfolgreicher antifränkischer Aufstand aus, in dessen Folge Svatopluk entlassen wurde und sich erneut als Fürst des Mährerreiches durchsetzen konnte.[31]

Svatopluk vernichtete noch 871 das fränkische Besatzungsheer und schloss 874 mit Ludwig dem Deutschen ein Friedensabkommen, das ihm unter Beibehaltung der Treue gegenüber den Franken und der Abführung von Tributzahlungen eine weitgehende Handlungsfreiheit ermöglichte. Nach dem Abkommen begann Svatopluk mit einer zügigen Ausdehnung des Mährerreiches durch Eroberungskriege und Heiratspolitik. In der Zeitspanne von 874 bis 884 konnte Svatopluk so Wislanien, Pannonien, das hintere Theißland, Schlesien, Böhmen und die Lausitz dem Mährerreich einverleiben.[32] Das so geschaffene slawische Großreich umfasste etwa 350.000 km² mit ungefähr einer Million Einwohnern.[33] Die Angriffe des neuen ostfränkischen Königs Arnulf von Kärnten und das von diesem nach Mitteleuropa gerufene nomadische Reitervolk der Magyaren in den Jahren 892 bis 893 wehrte Svatopluk erfolgreich ab.[34] In der Kirchenpolitik verfolgte Svatopluk eine am Vatikan orientierte Linie und bat diesen 880, das Mährerreich direkt unter die Schutzherrschaft des Heiligen Stuhls zu unterstellen. Im selben Jahr entsprach der Papst mit seinem Schreiben „Industriae tuae“ Svatopluks Ersuchen und erkannte damit das Mährerreich als unabhängigen Staat an.[35] Nach dem Tod Erzbischof Methods 885 verbat Svatopluk auf Wunsch von Papst Stephan V. die unter Rastislav eingeführte altslawische Liturgie und ersetzte sie wieder durch die lateinische. 886 folgte dann eine Massenvertreibung der mährischen Priester, die an der slawischen Liturgie festhalten wollten.[36]

Niedergang[Bearbeiten]

Kirche in Kopčany – das einzige erhaltene Gebäude aus der Zeit des Mährerreiches
Mährischer Schmuck aus dem 9. Jhdt., Armreifen mit byzantinischem Doppelkreuz
Landnahme der Magyaren im Karpatenbecken

Im Jahr 894 starb Fürst Svatopluk I., sein Nachfolger auf dem mährischen Thron wurde sein ältester Sohn Mojmir II. Dieser sah sich sofort einer Reihe erster Probleme gegenüber, so der Loslösung eroberter Territorien, dem Druck des Ostfrankenreiches, der stetig steigenden magyarischen Gefahr sowie innerstaatlichen Konflikten. Laut Dušan Třeštík gelang es Mojmir II. jedoch von Beginn an diese geschickt zu bewältigen. Noch im Todesjahr seines Vaters schloss er einen Friedensvertrag mit dem ostfränkischen König Arnulf von Kärnten, um seine Machtübernahme im Mährerreich gesichert antreten zu können.[37] Nachdem 893 der fürs Mährerreich zuständige Bischof Wiching zu König Arnulf übergelaufen war, verfügten die Mährer über keinen anerkannten Bischof. In einem 898/899 an den Papst gerichteten Brief ersuchte Mojmir II. diesen um die Erneuerung des mährischen Erzbistums. Der Papst entsprach der Bitte Mojmirs II. und entsandte den Erzbischof Johannes und die Bischöfe Benedikt und Daniel nach Mähren.[38]

Im Jahr 895 sagten sich die Böhmen vom Mährerreich los, worauf Mojmir II. einen vergeblichen Rückeroberungsfeldzug gegen sie führte. Im Jahr 896 siedelten sich mit Erlaubnis der Mährer die Magyaren im hinteren Theißland an und unternahmen mit den Mährern gemeinsame Plünderungszüge gegen die Franken. 897 erklärten sich auch die Sorben für vom Mährerreich unabhängig. Im Mährerreich selbst kam es unterdessen 899 zu einem Bürgerkrieg zwischen Mojmir II. und seinem wahrscheinlich in Nitra residierenden Bruder Svatopluk II., während welchem die bayerische Armee den besiegten Svatopluk II. befreite und nach Bayern brachte. Im Jahr 900 besetzten die Magyaren nach einem Feldzug in Italien das fränkische Pannonien, um sich definitiv im Karpatenbecken niederzulassen.[39]

Laut dem tschechischen Historiker Martin Wihoda zwang das zunehmende Selbstvertrauen der Magyaren die Mährer zum Handeln. Zu Beginn des Jahres 901 schloss Mojmir II. einen Friedensvertrag mit den Bayern und wehrte mit deren Hilfe 902 einen magyarischen Angriff aus dem von diesen beherrschtem Pannonien ab. Die mit dem beiderseitigen Friedensschluss aufgekommene Stabilität im mittleren Donaugebiet begünstigte in den nächsten Jahren auch den bayerisch-mährischen Handel, wie ihn die Raffelstettener Zollordnung nachweist. Im Jahr 904 wurde jedoch der magyarische Fürst Kurszán bei einer Festtafel in Bayern ermordet, woraufhin sich die Rache der Magyaren nicht nur gegen die Bayern, sondern auch gegen das mit diesen Verbündete Reich Mojmirs II. richtete.[40] Dušan Třeštík vermutet, dass das mährische Heer 905-906 in einer einzigen Schlacht bei Nitra von den Magyaren vernichtet wurde, in deren Verlauf auch Mojmir II. starb. Infolge dieser Katastrophe soll das Mährerreich archäologischen Quellen zufolge in Chaos und heidnischen Aufständen versunken sein. Die vernichtende Niederlage der Bayern bei der Schlacht von Pressburg im Jahr 907, bei welcher diese nochmals versuchten die alten Verhältnisse wieder herzustellen, bedeutete den endgültigen Fall des Mährerreiches.[41]

Da die Sachsengeschichte im Jahr 906 von einem Sieg der Mährer über die Magyaren berichtet, äußern manche Historiker die Vermutung, das Mährerreich habe auch nach 906 bzw. 907 fortbestanden. So vertritt etwa Lubomír E. Havlík die These, das Mährerreich sei erst zwischen 924-926 von den Magyaren zu Tributzahlungen genötigt worden, die mährischen Kirchenorganisation habe überdauert und die alten Herrscherschichten wären erst 1055 vom böhmischen Herzog Spytihněv II. beseitigt worden.[42] Havlík argumentiert damit, spätere schriftliche Quellen für 910 vier in Mähren siedelnde Bischöfe erwähnen, der mährische Erzbischof Johannes (Jan) sein Amt bis 925 innegehabt haben soll und in Salzburg von 925–927 ein gewisser Mojmir und von 925–931 ein gewisser Svatopluk auf Dokumenten als Zeugen geführt werden. Dabei soll es sich um Angehörige der Mojmiriden-Dynastie gehandelt haben, die in Folge eines magyarischen Angriffs auf das mährische Gebiet 924–925 ins Exil geflüchtet waren.[43] Darüber hinaus sagte ein magyarischer Kriegsgefangener noch 942 in Spanien aus, dass sich nördlich des Siedlungsgebietes der Magyaren eine Stadt/ein Land Namens „Morava“ (Mähren) befindet.[44]

Lokalisierungsfrage[Bearbeiten]

Die geographische Lage des mährischen Kerngebietes wurde lange Zeit unumstritten im Süden der historischen Region Mähren und der angrenzenden Slowakei entlang des Flusses March (slawisch: Morava) lokalisiert. Erst in den letzten drei Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts tauchten Hypothesen auf, laut denen sich das Mährerreich in südslawischem Gebiet entlang des in Serbien liegenden Flusses Morava erstreckt haben soll (so z.B. Imre Boba 1971). Der deutsche Historiker Martin Eggers verlegte die Lage des mährischen Kerngebietes dann in den 1990er Jahren entlang des Flusses Theiß. Auf den von Boba und Eggers angenommenen neuen Kernterritorien fehlen jedoch vollkommen die im traditionellen Mähren zahlreich vorhandenen archäologischen Funde aus dem 9. Jahrhundert, unter anderem in den Städten Staré Město und Mikulčice. Auch viele militärische Ereignisse, wie z.B. die Vertreibung des Fürsten Pribina aus Nitra oder der Krieg mit einem Fürsten von Krakau und der Anschluss Böhmens durch Svatopluk I., lassen sich eher aus dem traditionellen Mähren heraus vermuten. Darüber hinaus wird das Mährerreich auf einer Landkarte König Alfred des Großen (871–901) als Maroara klar auf dem traditionellen westslawischen Territorium in geographischem Kontakt mit Böhmen lokalisiert.[45]

Literatur[Bearbeiten]

Tschechisch

  • Lubomír E. Havlík: Svatopluk Veliký, král Moravanů a Slovanů [Svatopluk der Große, König der Mährer und Slawen]. Jota, Brno 1994, ISBN 80-85617-19-6.
  • Lubomír E. Havlík: Kronika o Velké Moravě [Chronik über Großmähren]. Jota, o.O. 2013, ISBN 978-80-8561-706-1.
  • Dušan Třeštík: Počátky Přemyslovců. Vstup Čechů do dějin (530–935) [Die Anfänge der Přemysliden. Der Eintritt der Tschechen in die Geschichte (530–935)]. Nakladatelství Lidové noviny, o.O. 2008, ISBN 978-80-7106-138-0.
  • Dušan Třeštík: Vznik Velké Moravy. Moravané, Čechové a střední Evropa v letech 791–871 [Die Entstehung Großmährens. Mährer, Tschechen und Mitteleuropa in den Jahren 791–871]. Nakladatelství Lidové noviny, o.O. 2010, ISBN 978-80-7422-049-4. (Standardwerk)
  • Martin Wihoda: Morava v době knížecí 906–1197 [Mähren im Zeitalter der Fürstenherrschaft 906–1197]. Nakladatelství Lidové noviny, Prag 2010, ISBN 978-80-7106-563-0

Slowakisch

  • Tatiana Štefanovičová: Osudy starých Slovanov [Schicksale der alten Slawen]. Osveta, Martin 1989.
  • Ján Steinhübel: Nitrianske kniežatstvo. Počiatky stredovekého Slovenska [Das Fürstentum Nitra. Die Anfänge der mittelalterlichen Slowakei]. Rak, Bratislava 2004, ISBN 80-224-0812-3. (Standardwerk)

Englisch

  • Paul M. Barford: The Early Slavs: Culture and Society in Early Medieval Eastern Europe. Cornell University Press, Ithaca/New York 2001, ISBN 0-8014-3977-9
  • Nora Berend, Przemysław Urbańczyk, Przemysław Wiszewski: The Slavs and the Carpathian Basin in the Ninth Century: 'Great Moravia'. In: Central Europe in the High Middle Ages: Bohemia, Hungary and Poland, c.900–c.1300. Cambridge University Press, 2013, S. 56-60.
  • Eric J. Goldberg: Struggle for Empire: Kingship and Conflict under Louis the German, 817-876. Cornell University Press, Ithaca/London 2006, ISBN 978-0-8014-3890-5. (online)
  • Ivo Štefan: Great Moravia, Statehood and Archaeology. The ‘Decline and Fall’ of One Early Medieval Polity. In: Jiří Macháček, Šimon Ungermann: Frühgeschichtliche Zentralorte in Mitteleuropa. Habelt-Verlag, Bonn 2011, ISBN 978-3-7749-3730-7, S. 333-354.
  • Alexis P. Vlasto: The Entry of the Slavs into Christendom. An Introduction of the Mediaval History of the Slavs. Cambridge University Press, London/New York 1970, ISBN 0-521-07459-2. (online)

Deutsch

  • František Graus: Die Nationenbildung der Westslawen im Mittelalter. Jan Thorbecke Verlag, Sigmaringen 1980, ISBN 3-7995-6103-X
  • Radoslav Večerka: Anmerkungen zu so genannten Moravismen im Altkirchenslavischen. In: Irina Podtergera: Schnittpunkt Slavistik: Ost und West im wissenschaftlichen Dialog. S.
  • Herwig Wolfram (Hrsg.): Salzburg, Bayern, Österreich: Die Conversio Bagoariorum et Carantanorum und die Quellen ihrer Zeit. Oldenbourg Verlag, 1995.

Literatur zur Lokalisierungsdebatte und alternative Theorien

  • Henrik Birnbaum: Zum (hoffentlich) letztenmal über den weitgereisten Method und die Lage Altmährens. In: Byzantinoslavica. Prag 57.1996, S. 188–193. ISSN 0007-7712
  • Charles R. Bowlus: Franks, Moravians and Magyars: The Struggle for the Middle Danube, 788–907. University of Pennsylvania Press, 1995, ISBN 0-8122-3276-3.
  • Martin Eggers: Das „Großmährische Reich“ Realität oder Fiktion? Eine Neuinterpretation der Quellen zur Geschichte des mittleren Donauraumes im 9. Jahrhundert. Monographien zur Geschichte des Mittelalters. Bd 40. Stuttgart 1995. ISBN 3-7772-9502-7

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Großmähren – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Havlík: Kronika o Velké Moravě, S. 354.
  2. Havlík: Kronika o Velké Moravě, S. 177-178.
  3. Großmähren und die Slawen an Elbe und Ostsee. In: Wolfgang Hermann Fritze et al: Frühzeit zwischen Ostsee und Donau: Ausgewählte Beiträge zum geschichtlichen Werden im östlichen Mitteleuropa vom 6. bis zum 13. Jahrhundert. Duncker & Humblot, 1982, S. 109.
  4. Verfassung der Slowakischen Republik vom 1. September 1992. Abgerufen am 30. Juli 2013, 19:08.
  5. Třeštík: Počátky Přemyslovců, S. 263, Goldberg: Struggle for Empire, S. 138, Karl Kaus/Péter Tomka: Hunnen + Awaren: Reitervölker aus dem Osten, Amt der Burgenländischen Landesregierung, 1996, S. 447, Thomas Winkelbauer: Kontakte und Konflikte: Böhmen, Mähren und Österreich: Aspekte eines Jahrtausends gemeinsamer Geschichte. Waldviertler Heimatbund, 1993, S. 31.
  6. siehe Třeštík: Počátky Přemyslovců; Třeštík: Vznik Velké Moravy
  7. siehe Havlík: Svatopluk Veliký.
  8. siehe Wihoda: Morava v době knížecí
  9. siehe Barford: The Early Slavs, Goltberg: Struggle for Empire und Vlasto: The Entry of the Slavs.
  10. zu „Mährerreich“ siehe Alois Schmid, Katharina Weigand: Bayern nach Jahr und Tag: 24 Tage aus der bayerischen Geschichte, S. 72, siehe auch die Arbeiten von Walter Pohl: Die Awaren: Ein Steppenvolk in Mitteleuropa 567–822 n. Chr., C.H.Beck Verlag, 2002, S. 261, Alois Niederstätte: Geschichte Österreichs. W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-17-019193-8, S. 21, Rudolf Schieffer: Die Zeit des karolingischen Großreichs 714–887. Klett-Cotta, 2005, S. 152, zu „Altmähren“ und „Altmährisches Reich“ siehe Brather: Archäologie der westlichen Slawen, S. 68, František Graus: Die Nationenbildung der Westslawen im Mittelalter. Jan Thorbecke Verlag, Sigmaringen 1980, ISBN 3-7995-6103-X, Thomas Winkelbauer: Kontakte und Konflikte: Böhmen, Mähren und Österreich : Aspekte eines Jahrtausends gemeinsamer Geschichte. 1993, S. 31.
  11. siehe dazu das Standardwerk von Ján Steinhübel: Nitrianské kniežatstvo.
  12. Wolfram: Salzburg, Bayern, Österreich, S. 87–100.
  13. Victor Spinei: The Great Migrations in the East and South of Europe from the Ninth to the Thirteenth Century. Center for Transylvanian Studies, 2003, S. 37.
  14. Havlík: Svatopluk Veliký, S. 45.
  15. Havlík: Kronika o Velké Moravě, S. 354–355.
  16. siehe Milan S. Ďurica: Dejiny Slovenska, S. 44–45.
  17. Frank Hadler: Das Großmährische Reich: tschechoslowakischer oder slowakischer Ur-Staat? Deutungskämpfe im 20. Jahrhundert. In: Dietmar Willoweit, Hans Lemberg (Hrsg.): Reiche und Territorien in Ostmitteleuropa: Historische Beziehungen und politische Herrschaftslegitimation. Oldenbourg Verlag, 2006, S. 360.
  18. Třeštík: Počátky Přemyslovců, S. 270.
  19. Třeštík: Vznik Velké Moravy, S. 107.
  20. Třeštík: Vznik Velké Moravy, S. 109 u. 112.
  21. Třeštík: Počátky Přemyslovců, S. 268.
  22. Třeštík: Vznik Velké Moravy, S. 125.
  23. Třeštík: Vznik Velké Moravy, S. 107, Třeštík: Počátky Přemyslovců, S. 271, Goldberg: Struggle for Empire, S. 138.
  24. Havlík: Kronika o Velké Moravě, S. 103, Třeštík: Vznik Velké Moravy, S. 131, Třeštík: Počiatky Přemyslovců, S. 271; Vlasto: The Entry Slavs, S. 24.
  25. Rezession zu Steinhübels Arbeit von Beata Pinterová, In: Südost-Forschungen 67, Bratislava 2008, S. 17. (PDF; 483 kB)
  26. Goldberg: Struggle for the Empire, S. 138, Třeštík: Vznik Velké Moravy, S. 147-155, Třeštík: Počátky Přemyslovců, S. 272.
  27. Hoensch: Geschichte Böhmens, S. 36.
  28. Kováč: Dejiny Slovenska, S. 30.
  29. Havlík: Svatopluk Veliký, S. 27.
  30. Havlík: Svatopluk Veliký, S. 8.
  31. Třeštík: Vznik Velké Moravy, S. 199-200.
  32. Třeštík: Počiatky Přemyslovců, S. 280-281.
  33. Havlík: Kronika o Velké Moravě, S. 363, Steinhübel: Nitrianske kniežatstvo, S. ?
  34. Třeštík: Počiatky Přemyslovců, S. 280-282.
  35. Havlík: Svatopluk Veliký, S. 91-93.
  36. Třeštík: Počiatky Přemyslovců, S. 284.
  37. Třeštík: Počátky Přemyslovců, S. 285.
  38. Vlasto: The Entry of the Slavs, S. 83.
  39. Třeštík: Počátky Přemyslovců, S. 285.
  40. Wihoda: Morava v době knížecí, S. 87.
  41. Třeštík: Počátky Přemyslovců, S. 286-287.
  42. Wihoda: Morava v době knížecí, S. 87-89.
  43. Havlík: Kronika o Velké Moravě, S. 303-308.
  44. Havlík: Kronika o Velké Moravě, S. 309.
  45. Večerka: Anmerkungen zu sogenannten Moravismen, S. S. 405-406.