Groteske

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Er erläutert sowohl den Begriff „das Groteske“ als substantiviertes Adjektiv für eine seltsam-fantastische Eigenschaft sowie „die Groteske“ als Gattungsbegriff für bestimmte Werke der Bildenden Kunst, Literatur und Musik. Für andere Bedeutungen siehe Groteske (Begriffsklärung).

Das Groteske (von italienisch grottesco zu grotta ‚Höhle‘) bezeichnet bildkünstlerische und literarische Darstellungsweisen, in denen Gegensätze wie Grauen und Komik, Lächerlichkeit und Bedrohung, Zierlichkeit und Monstrosität in eine Einheit gebracht werden. Entstanden als Bezeichnung für bestimmte antike und daraus abgeleitete neuzeitliche Ornamentformen, wird der Begriff inzwischen in vielen Kunstgattungen und auch für alltäglichere Ausdrucksmittel angewendet. Zu unterscheiden ist dabei einerseits das Groteske, eine ästhetische Eigenschaft, ein Stilmittel und andererseits die Groteske, ein künstlerisches Genre und nur auf ganz bestimmte Gruppen von Ornamenten, Erzählungen oder Musikstücken anwendbarer Gattungsbegriff.

Bildende Kunst[Bearbeiten]

Ornamentgeschichte: Die Groteske[Bearbeiten]

In der Kunstgeschichte versteht man unter der Groteske (auch: Grotteske) eine Ornamentform aus feingliedrigem, leicht und luftig angeordnetem Rankenwerk, das neben pflanzlichen Formen auch phantastische Mischwesen, Vasenmotive, architektonische Elemente und anderes einbeziehen kann.

Der (erstmals für 1502 nachgewiesene) Begriff entstand in der Renaissance, bald nachdem man gegen 1479 in der Domus aurea des Kaisers Nero ornamental ausgemalte Säle der römischen Antike entdeckt hatte, deren Eigenart sich mit der Beschreibung von Wanddekorationen im 7. Buch der Architectura des Vitruv deckte. Weil diese in verschütteten, also vermeintlich unterirdischen Räumen gefunden worden waren, bezeichnete man sie mit dem von grotta (it.: Höhle) abgeleiteten Adjektiv grottesco (it.: höhlenmäßig, wild, phantastisch), das seitdem nicht nur auf solche antiken Wanddekorationen, sondern auch auf ihre neuzeitlichen Ableitungen und dann darüber hinaus auf andere verzerrt-übersteigerte Schilderungen in der bildenden Kunst und Literatur angewandt wurde.

In frühen Nachahmungen der antiken Fresken (gegen 1500, Ghirlandaio, Pinturicchio) sind die Motive noch dicht zusammengeschoben und zeigen durch Akanthusranken einen eher schweren Duktus. Dagegen malte ab 1515 Giovanni da Udine aus der Werkstatt Raffaels in den Loggien des Vatikan lockerer komponierte Girlanden und Gehänge, die als prominenteste und vorbildhafteste Beispiele für die Groteskenmalerei der Renaissance gelten. Wandmalereien in der Villa Madama (Rom, 1518/27), der Villa d’Este (Rom, 1560/72), der Villa Farnese (Carracci) (Rom 1579/1600) schließen sich an, bis diese Ornamente in Italien mit dem Ende des Manierismus nach 1600 aus der Mode kommen. Nördlich der Alpen hingegen werden sie, durch Ornamentstiche vermittelt, weiterentwickelt und abgewandelt.

Die Kupferstecher Hans Sebald Beham, Daniel Hopfer und Peter Flötner sind süddeutsche Vertreter eines römisch inspirierten Ornamentstils. Kandelaber sind hier ein beliebtes Hauptmotiv. Der Norden dagegen entwickelte erst mit dem sog. Florisstil, dann dem Beschlagwerk, dem Roll-, dem Schweif- und Ohrmuschelwerk ganz eigenständige Varianten der Groteske. Sie gingen von der Kupferstichproduktion in den niederländischen Verlagszentren aus und zeigten nachhaltige Wirkungen auch in der norddeutschen Architektur von der Mitte des 16. bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts.

Eine noch kontinuierlichere Entwicklung ist in der französischen Kunst zu beobachten: Die Grotesken-Stiche von Du Derceau, (1550/66) richteten sich noch nach italienischen Vorbildern. Geschweifte Bänder und schwingende Ranken sind für Étienne Delaunes Blätter (1560/80) typisch. Im 17. Jahrhundert werden die Ranken schwerer und vegetabilischer, die Abwandlung und Vermischung mit anderen Ornamentmotiven (z. B. der Arabeske) bringt hier eine begriffliche Unschärfe mit sich. Mit dem Bandelwerk (1680-1720) und der Rocaille (1730-1800) im 18. Jahrhundert wird das französische Ornament wieder elegant und leicht, auch nähert sich der bildliche Kontext des Rokoko-Muschelwerks der Idee der Grotte wieder an. Während der antikische Bedeutungshintergrund und Begriffsumfang der Groteske im engeren Sinn hier verlassen wurde, greift in den Jahrzehnten um 1800 der Klassizismus bewußt wieder auf ursprüngliche Groteskenelemente, deren römisch-imperiale Herkunft sehr wohl wahrgenommen wurde, zurück. England und Norddeutschland nehmen ebenfalls schon früh (ab 1760/70) diese "pompejanischen" Motive auf.

Im Historismus, und besonders seit der Wiener Weltausstellung 1873 verstärkt sich der Rückgriff auf die Renaissance und wiederbelebt noch einmal die Verwendung von Grotesken-Ornamenten im Kunsthandwerk (Möbel, Metall, Fayencen, Wanddekoration), in der Buchkunst und Architektur.

Stilmittel: Das Groteske in der bildenden Kunst[Bearbeiten]

Groteske Anteile als künstlerische Gestaltungsmittel finden sich in der Antike zu mythologischen Themen, im Spät-Mittelalter als Buchschmuck in den Drolerien der Randleisten (Cicero: De amicitia Bibliotheca Palatina). Spätere Beispiele für groteske Bildelemente enthalten die Werke von Hieronymus Bosch, Francisco de Goya und George Grosz.

Literaturgeschichte[Bearbeiten]

In Epochen, in denen der Glaube an eine heile Welt verloren schien, etwa in der Romantik, spielte sie eine besondere Rolle. Eine groteske Figur sollte gleichzeitig Abscheu und Mitleid erregen. Herausragende Beispiele sind der Glöckner von Notre-Dame, Frankensteins Monster, das Phantom der Oper sowie Gollum. Bekannte Verfasser von Grotesken sind etwa Hermann Harry Schmitz, E. T. A. Hoffmann, Fritz von Herzmanovsky-Orlando, Oskar Panizza und Lewis Carroll (Alice im Wunderland), oder in der Zeit nach 1945 z. B. Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch, Edgar Hilsenrath, Ror Wolf oder Eugen Egner.

Franz Kafka wird heutzutage oft als der „Meister der Groteske" bezeichnet, da die Groteske seine bevorzugte Gattung darstellt und da das Groteske seinen außerordentlich eigenen Erzählstil in all seinen Werken prägt.

Musik[Bearbeiten]

Hier tritt der Begriff der Groteske vor allem in Verbindung mit der Musik des Fin de siècle auf und wird im Laufe des frühen 20. Jahrhunderts auch immer häufiger in der Funktion eines Gattungsbegriffes verwendet. Insbesondere im deutschsprachigen Raum lässt sich diese Tendenz beobachten, etwa bei Erwin Schulhoff, Josef Matthias Hauer, Stefan Wolpe oder auch Erich Wolfgang Korngold. Gustav Mahler nutzt den Begriff des Grotesken zwar nicht als Gattungsbegriff, seine Musik aber wird regelmäßig als Musterbeispiel für groteske Musik bzw. groteske Kompositionsverfahren herangezogen.[1] Ähnliches gilt für Franz Schreker. Weitere oft genannte Vertreter eines grotesken Kompositionsstil sind György Ligeti, Arnold Schönberg und Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch.

Theater und Tanz[Bearbeiten]

Im Theater von der Renaissance bis zur Französischen Revolution ist das Groteske gleichbedeutend mit Darstellungen, die nicht zur Welt des Adels gehören, die also etwas gröber und realistischer sind als die idealen Figuren der Tragödie (siehe Ständeklausel). Diese Bedeutung des Grotesken geht im 19. Jahrhundert zunehmend auf die Bezeichnung Charakter- über wie in den Zusammensetzungen Charaktertanz und Charakterrolle.

Im 20. Jahrhundert verliert das Groteske auf der Bühne mitunter seine ursprüngliche Verbindung mit der Komödie und seine Bedeutung als Zeichen für niedere gesellschaftliche Stellung. Es kann das Verzerrte auch im tragischen Sinn mit einschließen und Herrscherfiguren charakterisieren wie König Ubu von Alfred Jarry.

Grotesker Humor[Bearbeiten]

Als „Grotesk“ wird auch eine besondere Abart des Humors bezeichnet.

Dichtung[Bearbeiten]

Wilhelm Busch beweist einen Sinn für grotesken Humor z. B. in der Tobias Knopp-Trilogie, wenn er in der Einleitung (“Abenteuer eines Junggesellen)” schreibt:

Beim Gedanken, so zu scheiden
in ein unbeweintes Grab,
drückt er eine Träne ab.

Sie liegt da, wo er gesessen,
seinem Schmerze angemessen.

(Zwischen den beiden zuletzt angegebenen Zeilen ist eine Zeichnung eingebaut, mit einer ins Groteske überdimensionierten Träne vor einer leeren Parkbank.)

Oper[Bearbeiten]

Beispiele für grotesken Humor in der Oper sind z. B. die Figuren des Bürgermeisters von Zaandam in Albert Lortzings komischer Oper Zar und Zimmermann, die Figur des Schulmeisters in seinem „Wildschütz“, sowie die Figur des Falstaff in den Theaterstücken William Shakespeares.

Film[Bearbeiten]

Monty Python’s Flying Circus, Das große Fressen, Die Treppe und Tanguy zeichnen sich durch grotesken Humor dank des Einsatzes von derb-komischen und derb-erotischen Zerrbildern aus.

Literatur[Bearbeiten]

Ornamentgeschichte[Bearbeiten]

  • Friedrich Piel: Die Ornamentgroteske in der italienischen Ranaissance, Berlin 1962
  • Günter Irmscher: Ornament in Europa 1400-2000, Köln 2005, S. 107-146 und gründliches Literaturverzeichnis
  • Carsten Peter Warncke: Die ornamentale Groteske in Deutschland 1500-1650, Berlin 1979

Dichtung[Bearbeiten]

  • Otto F. Best: Das Groteske in der Dichtung. WBG, Darmstadt 1980, ISBN 3-534-06187-X.
  • Dorothea Scholl: Von den „Grottesken“ zum Grotesken: Die Konstituierung einer Poetik des Grotesken in der italienischen Renaissance. LIT, Münster 2004, ISBN 3-8258-5445-0.
  • Harald Fricke, Klaus Weimar, Klaus Grubmüller, Jan-Dirk Müller: Reallexikon der Deutschen Literaturwissenschaft: Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte. Walter de Gruyter, Berlin 1997, ISBN 3-11-010896-8.
  • Wolfgang Kayser: Das Groteske. Seine Gestaltung in Malerei und Dichtung. Nachdruck der Erstausgabe von 1957. Stauffenberg, Tübingen 2004.
  • Michail M. Bachtin: Literatur und Karneval. Zur Romantheorie und Lachkultur. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1996.
  • Christian W. Thomsen: Das Groteske im englischen Roman des 18. Jahrhunderts, Darmstadt 1974 (mit einer Übersicht über die nach Kayser, 1957 erschienene Sekundärliteratur)

Musik[Bearbeiten]

  • Frederico Celestini: Die Unordnung der Dinge. Das musikalische Groteske in der Wiener Moderne (1885-1914). Beihefte zum Archiv für Musikwissenschaft. Franz Steiner Verlag, München 2006, ISBN 3-515-08712-5.
  • Bettina Wagner: Dimitri Schostakowitschs Oper 'Die Nase'. Zur Problematik der Kategorie des Grotesken in der Musik. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main u.a. 2003, ISBN 3-631-50154-4.
  • Gabriele Beinhorn: Das Groteske in der Musik. Arnold Schönbergs 'Pierrot Lunaire'. Musikwissenschaftliche Studien. Band 11. Centaurus-Verlagsgesellschaft, Pfaffenweiler 1989, ISBN 3-89085-292-0.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Frederico Celestini: Die Unordnung der Dinge. Das musikalische Groteske in der Wiener Moderne (1885-1914). Beihefte zum Archiv für Musikwissenschaft. Franz Steiner Verlag, München 2006, ISBN 3-515-08712-5, S. 27ff.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikiversity: Die gefährliche Wette – Kursmaterialien, Forschungsprojekte und wissenschaftlicher Austausch
 Commons: Groteske (Ornament) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien