Groteske
Das Groteske (von italienisch grottesco zu grotta ‚Grotte‘) bezeichnet das Seltsam-fantastische, Hässliche oder Bizarre. Groteske als Kunstform ist eine willkürlich verzerrte, übersteigerte Darstellung, die lächerlich, absurd oder schaurig wirkt.
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Geschichte [Bearbeiten]
Giorgio Vasari berichtete, dass Giovanni da Udine und Raffael bei der Freilegung mehrerer Grotten auf dem Colle Oppio zugegen waren. Die Wände waren mit Ornamenten bemalt. Udine übernahm Technik und Stil dieser Fresken für seine Werke. Vermutlich stammt die Bezeichnung Grotesk daher, dass sich die Fresken in Grotten befanden.[1]
Bildende Kunst [Bearbeiten]
In Renaissance und im Historismus steht Groteske für eine ornamentale Komposition aus Tieren, Halbmenschen und Fabelwesen (Abb. 1).
Groteske Anteile als künstlerische Gestaltungsmittel finden sich in der Antike zu mythologischen Themen, im Spät-Mittelalter als Buchschmuck in Form von Randleisten (Cicero: De amicitia Bibliotheca Palatina). Spätere Beispiele für groteske Bildelemente enthalten die Werke von Hieronymus Bosch (Hölle in: „Garten der Lüste“), Francisco de Goya (Abb. 2) und George Grosz.
Literaturgeschichte [Bearbeiten]
In Epochen, in denen der Glaube an eine heile Welt verloren schien, etwa in der Romantik, spielte sie eine besondere Rolle. Eine groteske Figur sollte gleichzeitig Abscheu und Mitleid erregen. Herausragende Beispiele sind der Glöckner von Notre-Dame, Frankensteins Monster, das Phantom der Oper sowie Gollum. Bekannte Verfasser von Grotesken sind etwa Hermann Harry Schmitz, E. T. A. Hoffmann, Fritz von Herzmanovsky-Orlando, Oskar Panizza und Lewis Carroll (Alice im Wunderland), oder in der Zeit nach 1945 z. B. Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch, Edgar Hilsenrath, Ror Wolf oder Eugen Egner.
Franz Kafka wird heutzutage oft als der „Meister der Groteske" bezeichnet, da die Groteske seine bevorzugte Gattung darstellt und da das Groteske seinen außerordentlich eigenen Erzählstil in all seinen Werken prägt.
Theater und Tanz [Bearbeiten]
Im Theater von der Renaissance bis zur Französischen Revolution ist das Groteske gleichbedeutend mit Darstellungen, die nicht zur Welt des Adels gehören, die also etwas gröber und realistischer sind als die idealen Figuren der Tragödie (siehe Ständeklausel). Diese Bedeutung des Grotesken geht im 19. Jahrhundert zunehmend auf die Bezeichnung Charakter- über wie in den Zusammensetzungen Charaktertanz und Charakterrolle.
Im 20. Jahrhundert verliert das Groteske auf der Bühne mitunter seine ursprüngliche Verbindung mit der Komödie und seine Bedeutung als Zeichen für niedere gesellschaftliche Stellung. Es kann das Verzerrte auch im tragischen Sinn mit einschließen und Herrscherfiguren charakterisieren wie König Ubu von Alfred Jarry.
Musik [Bearbeiten]
Hier tritt der Begriff der Groteske vor allem in Verbindung mit der Musik des Fin de siècle auf und wird im Laufe des frühen 20. Jahrhunderts auch immer häufiger in der Funktion eines Gattungsbegriffes verwendet. Insbesondere im deutschsprachigen Raum lässt sich diese Tendenz beobachten, etwa bei Erwin Schulhoff, Josef Matthias Hauer, Stefan Wolpe oder auch Erich Wolfgang Korngold. Gustav Mahler nutzt den Begriff des Grotesken zwar nicht als Gattungsbegriff, seine Musik aber wird regelmäßig als Musterbeispiel für groteske Musik bzw. groteske Kompositionsverfahren herangezogen.[2] Ähnliches gilt für Franz Schreker. Weitere oft genannte Vertreter eines grotesken Kompositionsstil sind György Ligeti, Arnold Schönberg und Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch.
Film [Bearbeiten]
Monty Python’s Flying Circus, Das große Fressen, Die Treppe und Tanguy wurden als Groteske gedreht mit derb-komischen und derb-erotischen Zerrbildern.
Literatur [Bearbeiten]
- Otto F. Best: Das Groteske in der Dichtung. WBG, Darmstadt 1980, ISBN 3-534-06187-X.
- Dorothea Scholl: Von den „Grottesken“ zum Grotesken: Die Konstituierung einer Poetik des Grotesken in der italienischen Renaissance. LIT, Münster 2004, ISBN 3-8258-5445-0.
- Harald Fricke, Klaus Weimar, Klaus Grubmüller, Jan-Dirk Müller: Reallexikon der Deutschen Literaturwissenschaft: Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte. Walter de Gruyter, Berlin 1997, ISBN 3-11-010896-8.
- Frederico Celestini: Die Unordnung der Dinge. Das musikalische Groteske in der Wiener Moderne (1885-1914). Beihefte zum Archiv für Musikwissenschaft. Franz Steiner Verlag, München 2006, ISBN 3-515-08712-5.
- Bettina Wagner: Dimitri Schostakowitschs Oper 'Die Nase'. Zur Problematik der Kategorie des Grotesken in der Musik. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main u.a. 2003, ISBN 3-631-50154-4.
- Gabriele Beinhorn: Das Groteske in der Musik. Arnold Schönbergs 'Pierrot Lunaire'. Musikwissenschaftliche Studien. Band 11. Centaurus-Verlagsgesellschaft, Pfaffenweiler 1989, ISBN 3-89085-292-0.
Weblinks [Bearbeiten]
Einzelnachweise [Bearbeiten]
- ↑ Hans von Hülsen, Josef Rast: Rom. Führer durch die ewige Stadt. Walter, Olten / Freiburg 1959, S. 352; Infothek.
- ↑ Frederico Celestini: Die Unordnung der Dinge. Das musikalische Groteske in der Wiener Moderne (1885-1914). Beihefte zum Archiv für Musikwissenschaft. Franz Steiner Verlag, München 2006, ISBN 3-515-08712-5, S. 27ff.