Gruppenunterricht

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Gruppenunterricht ist eine Sozialform des Unterrichts.

Gruppenunterricht (1958 im Schuldorf Bergstraße in Seeheim- Jugesheim)

Begriffsklärungen[Bearbeiten]

Der hier dargestellte Begriff wird unter verschiedenen Begriffen wie Kooperatives Lernen, Lernen in Gruppen, Gruppenarbeit oder Gruppenunterricht in der Fachliteratur diskutiert. Bisweilen werden die unterschiedlichen Termini zur Bezeichnung des gleichen Sachverhaltes verwendet, andererseits weisen sie teilweise auch auf unterschiedliche Modelle dieser Sozialform hin. In einigen neueren Werken wird deutlich zwischen traditionellem Gruppenunterricht und neuen Formen des Kooperativen Lernens (z.B. Gruppenpuzzle, Group Investigation) unterschieden.

Eine Begriffsexplikation für Gruppenunterricht gibt Meyer[1]:

„Gruppenunterricht ist eine Sozialform des Unterrichts, bei der durch die zeitlich begrenzte Teilung des Klassenverbandes in mehrere Abteilungen arbeitsfähige Kleingruppen entstehen, die gemeinsam an der von dem Lehrer, der Lehrerin gestellten oder selbst erarbeiteten Themenstellung arbeiten und deren Arbeitsergebnisse in späteren Unterrichtsphasen für den Klassenverband nutzbar gemacht werden können.
Gruppenarbeit ist die in dieser Sozialform von den Schüler/innen und dem Lehrer, der Lehrerin geleistete zielgerichtete Arbeit, soziale Interaktion und sprachliche Verständigung“.

Das Phasenmodell des Gruppenunterrichts (Arbeitsauftrag/ Verständnissicherung /Gruppenarbeit/ Beendigungsphase/ Auswertungsphase;[2] ) zeigt, dass die Gruppenarbeit nur ein Teilbereich des Gruppenunterrichts ist, allerdings der wesentliche, da sich während dieser Phase die Handlungsmuster von Lehrkraft und Schülern am deutlichsten vom sonst üblichen Frontalunterricht unterscheiden und weil die Phase der Gruppenarbeit normalerweise den größten Zeitanteil des Gruppenunterrichts beansprucht. Diese dominierende Bedeutung der Gruppenarbeitsphase könnte ein Grund dafür sein, dass in der Literatur Gruppenarbeit und Gruppenunterricht häufig synonym verwendet werden, was zu Verwirrungen führt und im Prinzip falsch ist.

Bildungs- und Erziehungspotentiale[Bearbeiten]

Gruppenunterricht wird in der Theorie hoch gelobt, in der Praxis allerdings eher selten durchgeführt. In der Literatur werden u. a. folgende Bildungs- und Erziehungspotentiale erwähnt:[3]

  • Förderung von Selbsttätigkeit, Selbständigkeit und Eigenverantwortlichkeit
  • Abbau von Aggressionen
  • Förderung von Kooperationsfähigkeit
  • Förderung der kommunikativen Kompetenz
  • Förderung sozialer Lernprozesse
  • Steigerung der Leistungen

Einsatzhäufigkeit von Gruppenunterricht[Bearbeiten]

Aufschlussreich ist die differenzierte Untersuchung von Hage u. a. (1985). Hier wurden über 180 Unterrichtsstunden (7. u. 8. Schuljahr) an zwei Gesamtschulen, drei Gymnasien und fünf Hauptschulen beobachtet und anschließend unter verschiedenen Aspekten analysiert. Insgesamt konnten 7,43 % GU beobachtet werden, wobei in der Hauptschule mit fast 11 % am meisten und im Gymnasium mit 3,44 % am wenigsten GU durchgeführt wurde.

Rotering-Steinberg & v. Kügelgen veröffentlichten 1986 eine schriftliche Befragung zum Gruppenunterricht, bei der Lehrkräfte verschiedener Schularten aus dem gesamten Bundesgebiet u. a. befragt wurden, ob sie selbst GU durchführen. Die Auswertung von 229 Fragebögen ergab folgende Ergebnisse: 7 % der Lehrkräfte führen GU möglichst regelmäßig durch, 26,2 % häufiger, 52,4 % sporadisch, 5,2 % zum Zeitpunkt der Befragung nicht, sondern früher, 7,4 % noch nie und 1,8 % eventuell später (vgl. ebd. 27). Über 14 % der Lehrkräfte führen zum Zeitpunkt der Erhebung also keinen Gruppenunterricht durch, über die Hälfte setzt nur gelegentlich Gruppenunterricht ein, und nur 7 % halten regelmäßig Gruppenunterricht.

Einsatz von Gruppenunterricht[Bearbeiten]

Ob es sinnvoll ist, Gruppenunterricht einzusetzen, hängt vom jeweiligen Unterrichtsziel ab. Dann, Diegritz & Rosenbusch (1999) kommen zum Schluss, dass Gruppenunterricht insbesondere dann geeignet ist, wenn es darum geht, metakognitive Kompetenzen oder Lernstrategien zu erwerben. Ein lehrerkontrollierter Unterricht (direkte Instruktion) sei insbesondere bei Schulfächern mit hierarchischem Lernzielaufbau (wie Mathematik oder Naturwissenschaften) und bei jüngeren Schülern angebracht, so Helmke und Weinert (1997).

Mit welchem Ziel wird Gruppenunterricht eingesetzt? Lehrpersonen setzen Gruppenunterricht u. a. deshalb ein, weil es die Schüler stärker involviert und die Lehrperson hofft, so auch sonst passive Schüler zum aktiven Mitmachen zu bewegen (Meloth & Deering, 1999). Auch erhoffen sie sich durch das Arbeiten ohne dauernde Lehrersteuerung eine Verantwortungsübernahme durch die Schüler (selbständiges Lernen), eine verbesserte Sozialkompetenz (u. a. Teamfähigkeit, Konfliktregulierung) und ein höheres Selbstwertgefühl (Meloth & Deering, 1999). Meyer (1989, S.245) nennt weiter, dass sich die Schüler im Gruppenunterricht vermehrt ohne Scheu äußern können und ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln. In der Forschung konnte zudem vielfach gezeigt werden, dass die Schüler ohne direkte Lehrersteuerung mehr eigene Ideen einbringen, also kreativer sind.[4]

Anforderungen an die Lehrkraft[Bearbeiten]

Die Lehrkraft muss zunächst für einen präzisen und verständlichen Arbeitsauftrag sorgen (vgl. Fürst 1996 und Nürnberger Projektgruppe 2001) und nach Erteilung des Arbeitsauftrages eine Verständnissicherung durchführen. Ein entscheidender Rollenwechsel sollte während der Gruppenarbeit stattfinden. Fürst (1996, S. 40) schreibt hierzu: „Die Rolle der Lehrkraft während des GU ist eine grundlegend andere als die im Frontalunterricht (...). Während des konventionellen Frontalunterrichts ist die Lehrkraft eine dominierende Schaltzentrale, die alle Unterrichtsprozesse didaktisch steuert, kontrolliert und evaluiert und mehr spricht als alle Schüler der Klasse zusammen. Für die Schüler ist sie dabei der zentrale Bezugspunkt des Unterrichts, über den auch die Auseinandersetzung mit den Lerninhalten erfolgt. Während des GU sollte sie dagegen eher zum Beobachter, Berater und Helfer der Gruppen werden. Mit ihrem Rückzug aus dem Fokus des Geschehens verändert sich die Struktur der unterrichtlichen Interaktionen entscheidend, eröffnen sich zahlreiche Chancen zur Aktivierung und Förderung der Schüler. Die Kinder selbst stehen nun im Mittelpunkt der Kommunikation, setzen sich direkt mit den Lerninhalten auseinander und übernehmen selbst lehrende Funktionen. Die Lehrkraft wird hingegen zur Randfigur, die nur dann eingreift, wenn es unbedingt nötig ist“.

Die Nürnberger Projektgruppe (2001, S. 56-57) gibt folgende Tipps für ein angemessenes Lehrerverhalten während der Gruppenarbeit. Lehrkräfte sollten

  • sich nach Erteilung des Arbeitsauftrags zurückziehen und die Gruppen nur aus der Ferne beobachten
  • nicht ständig durch die Klasse laufen
  • die Gruppen nicht bei der Arbeit stören und unnötige Lehrerinterventionen vermeiden
  • nicht die Probleme der Schüler lösen
  • nur so viel wie unbedingt nötig helfen.

In der Auswertungsphase sollte die Lehrkraft

  • auf einen Wechsel der Symbolisierungsformen achten (Wandzeitung, OHP-Folie, Kurzvortrag, Rollenspiel usw.)
  • Gruppenergebnisse und nicht Einzelergebnisse abrufen (d.h. die Gruppe insgesamt nicht Einzelschüler ansprechen)
  • die Ergebnisse in einen größeren Zusammenhang einbinden und sichern
  • hin und wieder metakommunikative Phasen einschieben

(Nürnberger Projektgruppe 2001, S. 67-73).

Literatur[Bearbeiten]

  • Dann, H., Diegritz, T. & Rosenbusch, H.S. (Hrsg.) (1999). Gruppenunterricht im Schulalltag. Realität und Chancen. Erlangen: Universitätsbund Erlangen-Nürnberg e.V.
  • Fürst, Carl (2006). Gruppenunterricht effektiv gestalten. Tipps zur Vorbereitung, Durchführung und Auswertung. In: Schulmagazin 5-10, Heft 4/2006, S. 9-12.
  • Herbert Gudjons (Hrsg.) (2003). Handbuch Gruppenunterricht, Beltz.
  • Hage, Klaus [u. a.] (1985). Das Methoden-Repertoire von Lehrern. Eine Untersuchung zum Unterrichtsalltag in der Sekundarstufe I. Opladen: Leske und Budrich.
  • Helmke, A. & Weinert, F.E. (1997). Bedingungsfaktoren schulischer Leistungen. In F.E. Weinert (Hrsg.), Psychologie des Unterrichts und der Schule. Enzyklopädie der Psychologie. Themenbereich D, Serie I, Bd. 3. Göttingen: Hogrefe.
  • Meyer, E. & Meyer, G. (1996). Gruppenunterricht. Grundlegung und Beispiel. Hohengehren: Schneider, 9. Aufl.
  • Nürnberger Projektgruppe (2007). Erfolgreicher Gruppenunterricht. Praktische Anregungen für den Schulalltag. Stuttgart: Klett.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Meyer, H. (1989). UnterrichtsMethoden, II: Praxisband, Frankfurt: Cornelsen Scriptor, 2. Auflage.
    • Nürnberger Projektgruppe (2001). Erfolgreicher Gruppenunterricht. Praktische Anregungen für den Schulalltag. Stuttgart: Klett.(1989, S. 242)
  2. (aus: Fürst, 2000, S. 79)
  3. (vgl. Fürst 1996, S. 15- 25 u. Nürnberger Projektgruppe 2001, S. 11-12)
  4. (Meloth & Deering: Task talk and task awareness under different cooperative learning conditions, 1999). (vgl. Schlüsselqualifikationen)