Guillaume Du Fay

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Guillaume Du Fay
Guillaume Du Fay (links) mit Gilles Binchois

Guillaume Du Fay (auch Dufay; * 5. August 1397 (unsicher) in der Nähe von Brüssel; † 27. November 1474 in Cambrai) war ein flämischer Komponist, Sänger und Musiktheoretiker. Er gilt als Begründer der franko-flämischen Schule und war zusammen mit John Dunstable und Gilles Binchois einer der Altmeister der Musik des 15. Jahrhunderts.

Leben[Bearbeiten]

Guillaume Du Fay war – nach seiner Ausbildung als Chorknabe in der Kathedrale von Cambrai (1409 bis 1412) – ab 1414 beim Konzil von Konstanz tätig, etwa von 1420 an stand er im Dienst der Familie Malatesta in Rimini und Pesaro. 1424 kehrte er nach Cambrai zurück. Zwei Jahre später trat er in Bologna in den Dienst des Kardinals Louis Aleman. 1428 wurde er dort zum Priester geweiht.

Von 1428 bis 1433 und von 1435 bis 1437 war er Mitglied der päpstlichen Kapelle in Rom und Florenz. 1436 komponierte er eines seiner berühmtesten Werke, die Motette Nuper rosarum flores, die anlässlich der Weihe von Brunelleschis Kuppel des Doms zu Florenz (dort residierte Papst Eugen IV. im Exil) aufgeführt wurde. In dieser Zeit begann seine langwährende Verbindung zur Familie d’Este in Ferrara, die zu den bedeutendsten Förderern der Musik zählte. Er wirkte ab 1440 wieder in Cambrai, wo er gemeinsam mit Nicholas Grenon die gesamte Musikaliensammlung revidierte. Als Kanoniker war er auch in der Kathedralverwaltung tätig. Ab 1451/1452 hielt er sich für sechs Jahre am Hof von Savoyen auf, ab 1458 lebte er als geistlicher Würdenträger wieder in Cambrai. Dort blieb sein Lebensmittelpunkt, obwohl er mehrfach versuchte, im Süden eine gesicherte Anstellung zu finden. Nach kurzer Krankheit verstarb er in Cambrai im Alter von etwa 77 Jahren.

Werke[Bearbeiten]

Seine etwa 200 erhaltenen Kompositionen umfassen geistliche und weltliche Werke: sieben vollständige Messen und Messsätze, drei Magnificats, 24 Hymnen und andere liturgische Werke, 19 lateinische Motetten geistlicher und weltlicher Art, eine Sammlung einstimmiger Choräle und überdies über 80 Chansons in französischer und italienischer Sprache. Darüber hinaus mag einiges an anonymen Musikalien des 15. Jahrhunderts ihm zuzuschreiben sein (die Diskussionen hierüber füllen Bände).

Seine gesamte geistliche Musik ist vokal, obwohl es möglich ist, dass Instrumente zur Verstärkung der Gesangsstimmen eingesetzt wurden. Auch die Rondeaus, Balladen und andere Formen weltlicher Werke sind nie rein instrumental gesetzt.

Seine ersten vollständigen Messen, die Missa sine nomine und die Missa Sancti Jacobi, stammen aus der Zeit vor 1440 und zeigen erstmals die Verwendung des Fauxbourdon, eine vermutlich aus England stammende Gesangspraxis in Terz- und Sextparallelen, die improvisiert und aus nur einer notierten Stimme zu singen ist. Hier setzte er auch die Technik des Kopfmotivs ein, das die Messe (deren Teile bislang von verschiedenen Komponisten zu stammen pflegten) zu einem einheitlichen Ganzen zusammenfasst. Ab 1450 jedoch ließen Du Fays Messen englischen Einfluss (besonders John Dunstables) erkennen: Cantus firmus und Isorhythmie. Dies leitete später zu kontrapunktischen Formen über.

Seine Motetten stammen sämtlich aus der Zeit vor 1450 und sind komplexe isorhythmische Motetten. Als ein herausragendes Werk musikalischer Zahlenkomposition gilt nach allerdings nicht unumstrittener Deutung seine Motette „Nuper rosarum flores“, die zur Weihe des Doms von Florenz komponiert und dort am 25. März 1436 uraufgeführt wurde. Die vier Abschnitte dieser Motette wurden seit Charles Warren (1973) in ihrem Größenverhältnis mit den Proportionen von Langhaus, Seitenschiffen, Apsis und Kuppelhöhe des Domes in Beziehung gesetzt und auch weitergehende Entsprechungen zu Baumaßen des Salomonischen Tempels, Verhältniszahlen des Goldenen Schnitts und gematrischen Zahlwerten sprachlicher Ausdrücke vermutet.[1]

Von vier Lamentationes, anlässlich des Falles von Konstantinopel (1453) geschrieben, ist lediglich eine erhalten.

Du Fay soll statt der früher üblichen schwarzen Noten die weißen eingeführt haben; auch andere Neuerungen in der Notation werden ihm (von Adam von Fulda) zugeschrieben.

Anerkennung[Bearbeiten]

Du Fay stand zeit seines Lebens in den Diensten der führenden Höfe Europas (Ferrara, Burgund, Savoyen) und wurde von bedeutenden Komponisten aufgesucht. Er wurde bereits von seinen Zeitgenossen als der führende Musiker seiner Zeit angesehen, seine Kompositionen wurden in ganz Europa aufgeführt. Berücksichtigt man, dass zu seiner Zeit Noten noch nicht im Druck verbreitet werden konnten, ist seine Breitenwirkung umso eindrucksvoller. Mit seinem Werk begann die bevorzugte Pflege der Vierstimmigkeit. Seine Musik markiert mit ihrer Klangfülle den musikalischen Stil um die Mitte des 15. Jahrhunderts, in dem die Gleichberechtigung aller Stimmen im polyphonen Satz erreicht ist.

Diskografie[Bearbeiten]

  • O gemma, lux – Isorhythmische Motetten / Huelgas-Ensemble unter Paul Van Nevel (harmonia mundi HMC 901700)
  • Quadrivium – Motetten Vol.1 / Cantica Symphonia, Giuseppe Maletto (Glossa GCDP 31901)
  • Tempio dell'Onore e delle Vertù – Chansons / Cantica Symphonia, Giuseppe Maletto (Glossa GCDP 31903)
  • Flos florum / Ensemble Musica Nova, unter der Leitung von Lucien Kandel, (Zig-zag territoires ZZT 050301) (2005).
  • Missa L'Homme armé und Supremum est mortalibus bonum / Oxford Camerata, Jeremy Summerly, (Naxos 8.553087) (1994)

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • David Fallows: Dufay. London, Toronto, Melbourne 1982, ISBN 0-460-03180-5
  • Peter Gülke: Guillaume Du Fay. Musik des 15. Jahrhunderts. Bärenreiter 2003, ISBN 3-7618-2026-7 (mit Werkverzeichnis)
  • Massimo Mila: Guillaume Dufay. Giappichelli, Turin 1972-1973; Neuausgabe hrsg. von Simone Monge, Einaudi Editore, Turin 1997, ISBN 88-06-14672-6
  • Laurenz Lütteken: Guillaume Dufay und die isorhythmische Motette. Gattungstradition und Werkcharakter an der Schwelle zur Neuzeit (= Schriften zur Musikwissenschaft aus Münster, 4). Verlag der Musikalienhandlung Wagner, Hamburg/Eisenach 1993, ISBN 3-88979-062-3
  • Rudolf Bockholdt: Die frühen Messenkompositionen von Guillaume Dufay (= Münchner Veröffentlichungen zur Musikgeschichte, 5). Schneider, Tutzing 1960
  • Hans Ryschawy / Rolf W. Stoll: Die Bedeutung der Zahl in Dufays Kompositionsart: Nuper rosarum flores. In: Heinz-Klaus Metzger / Rainer Riehn, Guillaume Dufay (= Musik-Konzepte, 60), edition text + kritik, München 1988, S. 3–73, ISBN 3-88377-281-X
  • Rolf W. Stoll: Musik: Wörter, Töne, Zahlen. Guillaume Dufays Chanson „Mon chier amy“. In: Neue Zeitschrift für Musik 1 (2001), S. 42–47
  • Charles Warren: Brunelleschi's Dome and Dufay's Motet. In: Musical Quarterly 59 (1973), S. 92–105

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. zur Kritik siehe Werner Keil, Gibt es den Goldenen Schnitt in der Musik des 15. bis 19. Jahrhunderts?, in: Augsburger Jahrbuch für Musikwissenschaft 8 (1991), S. 7-70, S. 62f.; Craig Wright, Dufay's „Nuper rosarum flores“ and King Solomon's Temple, in: Journal of the American Musicological Society 47 (1994), S. 395-439; Marvin Trachtenberg, Architecture and Music Reunited: A New Reading of Dufay's „Nuper Rosarum Flores“ and the Cathedral of Florence, in: Renaissance Quarterly 54 (2001), S. 740-775