Gunta Stölzl

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Gunta Stölzl, Bauhaus-Ausweis
Textilien von Gunta Stölzl auf einem Marcel Breuer-Stuhl (1922)

Gunta Stölzl (* 5. März 1897 in München als Adelgunde Stölzl; † 22. April 1983 in Männedorf, Schweiz) war Weberin und Textildesignerin. Sie gilt als Erneuerin der Handwebkunst und war die erste Meisterin am Bauhaus. Ihre Werke werden in Einzelausstellungen gezeigt und sind Bestandteil internationaler Kunstsammlungen.

Leben[Bearbeiten]

Gunta Stölzl war die Tochter des Lehrers und Schulrektors Franz Seraph Stölzl und der Kreszenz Stürzer. Ihr Vater war mit dem Reformpädagogen Georg Kerschensteiner befreundet. Ihr Bruder Erwin war Jurist. Nach Abschluss der Höheren Töchterschule in München trat Stölzl 1914 in die Kunstgewerbeschule in München ein. 1917–1918 diente sie als Rotkreuzschwester an der Isonzofront im heutigen Slowenien und an der Westfront in Frankreich. Nach der Rückkehr wurde sie 1919 am Bauhaus in Weimar aufgenommen, wo sie 1922/1923 die Gesellenprüfung ablegte und zusammen mit anderen Studentinnen zur Gründung der „Frauenklasse“ beitrug. 1924 richtete Stölzl für Johannes Itten in Herrliberg die Ontos Werkstätten für Handweberei ein. Sie wurde Werkmeisterin der Webereiwerkstatt am Bauhaus Dessau (1925), die sie seit 1927 als allein verantwortliche Jungmeisterin leitete. Nach einer gemeinsamen Reise nach Moskau, an der 1928 auch der Bauhausschüler Peer Bücking teilnahm, heiratete sie 1929 den Architekten Arieh Sharon. 1931 sah sich Gunta Stölzl aufgrund politischer und Bauhaus-interner Konflikte zur Kündigung ihrer Stelle gezwungen. Ihre deutsche Staatsbürgerschaft hatte sie mit der Heirat verloren. Nach der Emigration in die Schweiz gründete sie mit den Bauhaus-Absolventen Gertrud Preiswerk und Heinrich Otto Hürlimann noch im gleichen Jahr in Zürich die Handweberei SPH-Stoffe. 1936 wurde ihre Ehe mit Sharon geschieden. Stölzl führte ihre Webereiwerkstatt weiter, nun an der Florastrasse in Zürich-Seefeld. Sie verheiratete sich 1942 mit dem Schriftsteller und Journalisten Willy Stadler, mit dem sie ein Reihenhaus der befreundeten Architektin Elsa Burckhardt-Blum in Küsnacht bezog. Durch ihre Heirat zur Schweizer Bürgerin geworden, wirkte sie nach der Schließung der Handweberei Flora im Jahr 1967 weiterhin als Textilkünstlerin.

Werk[Bearbeiten]

Gunta Stölzl war am Bauhaus „die bedeutendste Weberin, die den Weg der Weberei vom bildhaften Einzelstück zum modernen Industrieentwurf mit vollzog und mit beeinflusste“.[1] Das Sonderheft der Zeitschrift Bauhaus, das ihr bei ihrem Weggang vom Bauhaus gewidmet wurde, vermerkte: „Dass man von bauhausstoffen spricht, ist ihr verdienst“.[2]

Ausbildung und Produktion der Webereiwerkstatt waren auf die Herstellung von Textilien für den neuen Innenraum gerichtet. Es entstanden Möbelspannsstoffe, Meterware für Kissen oder Kleidungsstücke, Wandbehänge und Teppiche. Deren Farben und Muster entsprachen dem charakteristischen Bauhaussstil, der insbesondere von der Auseinandersetzung mit Johannes Itten, Paul Klee und Wassily Kandinsky geprägt war. Aus der Zeit am Bauhaus in Weimar sind von Stölzl hergestellte Bodenteppiche, Wandbehänge, Knüpfteppiche und Vorhänge als Entwürfe, in originaler Ausführung oder als Nachwebungen erhalten. In Dessau führte Gunta Stölzl in der von ihr geleiteten Webereiwerkstatt den Bereich des Industriedesigns ein. Ihr Unterrichtsprogramm zur Weberei von 1931 bot die Grundlage für die Einführung neuer, funktionaler Textilien. Deren Produktion stellte einen Gegenentwurf zum verstärkt auch ästhetischen Grundsätzen entsprechenden Programm der Weimarer Werkstatt dar. Das Konzept der Verbindung von Funktionalität und ästhetischem Anspruch von Textilien wirkte auch in ihrer Zürcher Produktion weiter, indem sie in der Handweberei SPH-Stoffe in großer Anzahl qualitativ hochwertige Gebrauchsstoffe herstellte. Diese wurden unter anderem an der Schweizerischen Landesausstellung von 1939 gezeigt.

Seit 1967 fertigte Gunta Stölzl in ihrem Atelier ausschließlich nach eigenen Entwürfen frei gestaltete Gobelins. In diesen verwebte sie unterschiedliche Materialien, wie Garn, Bast, eingeknüpfte Steine und Glasperlen. In manchen Gobelins werden dicht gewebte Partien mit Schlitzen durchbrochen. Charakteristisch sind die aneinander anschließenden Farbflächen, die geometrische und natürliche Formen aufnehmen, und sich in der Gesamtschau zu Landschaften oder auch pflanzlichen Strukturen zusammenfügen.

Einzelausstellungen[Bearbeiten]

In Deutschland und in der Schweiz wurden bisher folgende Einzelausstellungen gezeigt:[3]

  • Bildteppiche von Gunta Stölzl. Zürich, Lyceumclub, 1970.
  • Bildteppiche von Gunta Stölzl. Zürich, Paulus-Akademie
  • Gunta Stadler-Stölzl – Wandteppiche und Entwürfe 1921–1976, Bauhaus Archiv Berlin, 1976.
  • Gunta Stölzl – Wandteppiche. Stuttgart, Galerie Lutz, 1977.
  • Gunta Stadler-Stölzl - Bildteppiche. Zürich, Paulus-Akademie, 1980.
  • Gunta Stölzl – Weberei am Bauhaus und aus eigener Werkstatt. Wanderausstellung, Bauhaus-Archiv Berlin, 1987.
  • Bad Säckingen, Villa Berberich, 1988.

Museen[Bearbeiten]

Gunta Stölzls Werke sind Bestandteil internationaler Kunstsammlungen:[4]

Schriften[Bearbeiten]

Gunta Stölzl verfasste mehrere Schriften über die Bauhausweberei und das Bauhaus, die zum Teil seltene Zeugnisse von dessen Frühzeit darstellen, sowie einen Nachruf auf Paul Klee.[5] Zu ihren unveröffentlichten Schriften gehören die Tagebücher der Jahre 1915–1917, 1917–1919, 1919–1920.[6], Kinderaufzeichnungen 1929–1946 sowie Reisenotizen 1928–1946. Zudem blieben Mitschriften der von ihr besuchten Vorlesungen an der Münchner Kunstgewerbeschule und am Bauhaus erhalten sowie Aufzeichnungen über die Technik des Webstuhlsystems, das Unterrichtsprogramm der Weberei und den eigenen Webunterricht. Auch ihr umfangreicher Briefwechsel mit Verwandten, Freunden und Künstlerkollegen ist bisher unveröffentlicht.[7]

Literatur über Gunta Stölzl[Bearbeiten]

  • Monika Stadler und Yael Aloni (Hrsg.): Gunta Stölzl: Bauhausmeister. Ostfildern 2009.
  • Gunta Stölzl: Wo Wolle ist, ist auch ein Weib. In: Die Welt, 90 Jahre Bauhaus, Sonderheft, 19. Juli 2009, S. 9.
  • Gewebte Bilder und Gebrauchssstoffe. Die Textilkünstlerin Gunta Stölzl in Dessau. In: Neue Zürcher Zeitung, 13. Dezember 1997, S. 45.
  • C. Schwartz: Frauen mit Kette und Schuss. Eine Berliner Ausstellung über die Textilwerkstatt am Bauhaus. In: Neue Zürcher Zeitung, 14. Dezember 1998, S. 28
  • Stiftung Bauhaus Dessau (Hrsg.): Gunta Stölzl: Meisterin am Bauhaus Dessau: Textilien, Textilentwürfe und freie Arbeiten 1915-1983. Text von Ingrid Radewaldt, Monika Stadler u.a. Ostfildern 1997.
  • Sigrid Wortmann Weltge: Bauhaus-Textilien: Kunst und Künstlerinnen der Webwerkstatt. Schaffhausen 1993.
  • Magdalena Droste (Hrsg.): Gunta Stölzl - Weberei am Bauhaus und aus eigener Werkstatt. Ausstellungskatalog. Berlin 1987.
  • Bauhaus-Archiv, Museum für Gestaltung (Hrsg.), Magdalena Droste, Jeannine Fiedler (Redaktion): Experiment Bauhaus: das Bauhaus-Archiv, Berlin (West), zu Gast im Bauhaus Dessau. Berlin 1988.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Droste: bauhaus. 1991, S. 253.
  2. Magdalena Droste. Gunta Stölzl und die Entwicklung der Bauhaus-Weberei, in: Magdalena Droste: Gunta Stölzl und die Entwicklung der Bauhaus-Weberei. In: Droste: Gunta Stölzl – Weberei am Bauhaus und aus eigener Werkstatt. 1987, S. 9.
  3. Zu Stölzls unzähligen Beteiligungen an Ausstellungen vgl. Stiftung Bauhaus Dessau: Gunta Stölzl: Meisterin am Bauhaus Dessau. 1997, S. 257.
  4. Ein Überblick über die in den Sammlungen enthaltenen Stücke in: Stiftung Bauhaus Dessau: Gunta Stölzl: Meisterin am Bauhaus Dessau. 1997, S. 259.
  5. Eine Auswahl der 1926–1975 entstandenen Beiträge ist abgedruckt in: Droste: Gunta Stölzl – Weberei am Bauhaus und aus eigener Werkstatt. 1987, 97–106.
  6. Kopien davon befinden sich im Bauhaus-Archiv/Museum für Gestaltung in Berlin. Auszüge aus den Tagebüchern sind abgedruckt in: Stadler, Aloni: Gunta Stölzl. Bauhausmeister. 2009
  7. Zu den unveröffentlichten Schriften Gunta Stölzls vgl. Stiftung Bauhaus Dessau: Gunta Stölzl: Meisterin am Bauhaus Dessau. 1997, S. 262.