Gunthertuch

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Das Bamberger Gunthertuch

Das Gunthertuch, auch Bamberger Gunthertuch, ist ein byzantinisches Seidengewebe, das symbolisch die triumphale Rückkehr eines byzantinischen Kaisers von einem siegreichen Feldzug zeigt. Das Tuch, das etwa 1060 entstanden sein dürfte, wurde 1064/65 von Bischof Gunther von Bamberg in Konstantinopel erworben, möglicherweise war es ein Geschenk des Kaisers Konstantin X..[1] Es wurde 1830 in Gunthers Grab im Bamberger Dom wiederentdeckt.

Geschichte des Seidentuchs[Bearbeiten]

Im November 1064 nahm Bischof Gunther von Bamberg an einer Pilgerfahrt unter der Führung der deutschen Bischöfe Siegfried von Mainz, Wilhelm I. von Utrecht und Otto von Riedenburg nach Jerusalem teil. Der Zug der etwa 7.000 Pilger führte durch Ungarn, das Byzantinische Reich und Syrien.[2]

In der byzantinischen Hauptstadt hielt man Gunther wegen seiner hünenhaften Gestalt und seiner eleganten Kleidung für den inkognito reisenden König Heinrich IV.[3] Wie das Seidengewebe in den Besitz des Bischofs gelangte, ist nicht bekannt. Der Byzantinist Günter Prinzing vermutete, dass das Seidentuch bis zum Aufenthalt des Pilgerzuges in Konstantinopel, in der Hagia Sophia als Wandschmuck gedient haben könnte.[4] Gunther von Bamberg verstarb auf der Rückreise am 23. Juli 1065 in Stuhlweißenburg an einer schweren Krankheit. Heimkehrende Pilger brachten seinen in das byzantinische Seidentuch gehüllten Leichnam nach Bamberg zurück.

Im Rahmen der Purifizierung des Bamberger Doms unter der Leitung des Architekten und Baumeisters Friedrich von Gärtner wurde Gunters letzte Ruhestätte am 22. Dezember 1830 geöffnet.[5] Im Grab des Bischofs befanden sich außer seinen Gebeinen Teile eines Wollgewebes, Leder, Goldborten, Bruchstücke aus Silber und Fragmente eines Seidenstoffes.[6] Der maßgeblich an der Domrestaurierung beteiligte Maler Friedrich Karl Ruppert fügte die Stücke des gemusterten Seidengewebes zusammen. Er stellte fest, dass der Kopf des Reiters und der untere Teil der Pferdekopfes fehlten, und fertigte eine Zeichnung an, auf der er die fehlenden Teile mit Bleistiftstrichen rekonstruierte.[6] Bei einer 1894 erfolgten Montierung des Gunthertuchs wurden bei einigen Fragmenten Vorderseite und Rückseite vertauscht. 1965/66 wurde es in den Werkstätten des Bayerischen Nationalmuseums in München gereinigt und konserviert. Die richtige Ansichtsseite konnte wiederhergestellt werden, das Tuch erhielt die Leuchtkraft seiner ursprünglichen Farbigkeit zurück.[6]

Das Gunthertuch ist heute neben den so genannten Kaisermänteln und dem Ornat von Papst Clemens II. ein Höhepunkt in der Sammlung mittelalterlicher Textilien des Diözesanmuseums Bamberg.

Beschreibung[Bearbeiten]

Für das Tuch fand eine glänzende, sehr weiche und zugleich sehr schwere Seide Verwendung. In das feine, naturfarbene Kettfadensystem ist das Muster mit verschiedenfarbigen Schussfäden eingetragen worden. 22 Kettfäden pro cm sind je nach Stärke mit 44 bis 70 Schussfäden gekreuzt. Zum Einfärben der Seidenfäden dienten Pflanzenfarben aus dem Absud von Krappwurzel, Ochsenzunge, Indigo und Wau. Die Farben sind mosaikartig nebeneinander gesetzt. An einigen wenigen Stellen, zum Beispiel an den Wangen und Händen, wurden abgetönt Übergänge durch das strähnenartige Verweben farbiger Schussfäden hergestellt.[6] Die Bordüren, die das Tuch oben und unten mit sassanidischen Palmetten und Rosetten rahmen, waren ursprünglich sicher einmal gleich breit. Das Muster des Hintergrundes bedeutet Unendliche Ferne.[6]

Die 218 cm hohe und 211 cm breite Seidenwirkerei zeigt vor dem gemusterten Hintergrund einen byzantinischen Kaiser. Er reitet auf einem weißen Pferd, ist mit dem Stemma, der byzantinischen Herrscherkrone, gekrönt und trägt das Labarum in der rechten Hand. Sein Haupt ist von einem goldenen Nimbus umgeben. Vor dem mit Juwelen geschmückten tablion, einem auf den blauen wehenden Mantel in Brusthöhe aufgenähten Besatz, hält der Herrscher in seiner linken Hand einen roten Zügel. Sein knöchellanger Rock besteht aus tiefviolettem, mit Efeublättern gemusterten Seidenstoff. Die breiten, mit Edelsteinmedaillons und Anhängern in Form von Halbmonden verzierten Riemen des Zaumzeugs und die Bänder an den Beinen und am Schweif des Pferdes sind auf persischen Einfluss zurückzuführen.[6]

Der Kaiser wird von zwei Tyche-Figuren flankiert. Die Tychen sind in knöchellange gelbe Unterkleider und farbige durchscheinende Obergewänder gekleidet. Auf dem Kopf tragen sie Mauerkronen, ein Attribut, das sie als Stadtgöttinnen (Stadttychen) kennzeichnet. Die rechte Figur im grünen Oberkleid bietet dem Kaiser wahrscheinlich eine Krone, die linke im blauen Oberkleid die Toupha, die nur bei Triumphzügen getragen wurde, dar. Beide Tychen sind barfuß dargestellt, um zu symbolisieren, dass die von ihnen repräsentierten Städte douloi (staatliche Sklaven) des Kaisers sind.

Deutung[Bearbeiten]

Zunächst mit Kaiser Basileios II. Triumphzug nach der Eroberung Bulgariens 1018 identifiziert,[7] ist sich die moderne Forschung heute einig, dass es sich bei dem dargestellten byzantinischen Kaiser um Johannes I. Tzimiskes handelt, der 971 nach der Belagerung von Dorostolon die Kiewer Rus in Bulgarien besiegte.[5][4]

Triumphzug in Konstantinopel 971. Vor Kaiser Tzimiskes fährt der kaiserliche Triumphwagen mit dem Bild der Gottesmutter. Hinter ihm reitet Boris, der besiegte bulgarische Zar. Miniatur in der Madrider Bilderhandschrift des Skylitzes, fol. 220v.

Laut Leon Diakonos[8] ritt Tzimiskes bei seinem Triumphzug auf einem weißen Pferd hinter einem Wagen mit einer Ikone der Jungfrau Maria und den bulgarischen Reichskleinodien, darunter insbesondere zwei Kronen. Obwohl einige Details der Beschreibung Leons durch Johannes Skylitzes[9] ignoriert oder widerlegt werden, stimmen beide Quellen darin überein, dass Kaiser Tzimiskes während der Prozession ein weißes Pferd ritt, und dass die bulgarischen Reichskleinodien, unter ihnen zwei Kronen, eine zentrale Rolle bei der triumphalen Zeremonie spielten. Beide Autoren erklären ausdrücklich, dass die zweite Krone eine Tiara (Toupha) war. Das Gunthertuch zeigt alle diese Details.[5]

Stellten die Tychen nach älteren Auffassungen das Alte Rom und das Neue Rom[10] bzw. Athen und Konstantinopel, die beiden Städte in denen Basileios II. seinen Triumph feierte dar,[7] so vertreten sie nach anderer Meinung die Demen Konstantinopels. Dabei steht die grün gekleidete Tyche für die Partei der Grünen, die Tyche im blauen Obergewand für die Blauen.[4] Nach Untersuchungen der modernen Forschung ist es möglich, dass die tychai auf dem Gunthertuch die beiden wichtigsten, während des Feldzugs des Kaisers Tzimiskes eroberten Städte Preslaw und Dristra (Dorostolon) personifizieren, die nach dem Sieg in Ioannoupolis und Theodoroupolis umbenannt wurden.[5]

Literatur[Bearbeiten]

  • André Grabar: La soie byzantine de l'eveque Gunther a la Cathedrale de Bamberg. In: Münchener Jahrbuch der bildenden Kunst Ser. 3, Bd. 7, 1956, S. 7–26.
  • Sigrid Müller-Christensen: Beobachtungen zum Bamberger Gunthertuch. In: Münchner Jahrbuch der bildenden Kunst Ser. 3, Bd. 17, 1966, S. 9–16
  • Agnes Geijer: Bishop Gunther’s Shroud in Bamberg Cathedral. In: Mechthild Flury-Lemberg, Karen Stolleis (Hrsg): Documenta textilia. Festschrift für Sigrid Müller-Christensen, Forschungshefte. Bayerisches Nationalmuseum München 7, Deutscher Kunstverlag, München 1981, S. 156–162, ISBN 3-422-00719-9.
  • Sigrid Müller-Christensen: Das Gunthertuch im Bamberger Domschatz. Veröffentlichungen des Diözesanmuseums Bamberg Bd. 2, Bayrische Verlagsanstalt GmbH, Bamberg 1984, ISBN 3-87052-381-6.
  • Renate Baumgärtel-Fleischmann: Ausgewählte Kunstwerke aus dem Diözesanmuseum Bamberg. Veröffentlichungen des Diözesanmuseums Bamberg Band 1, Bayerische Verlagsanstalt, Bamberg 1992, ISBN 3-87052-380-8, S. ?.
  • Günter Prinzing: Das Bamberger Gunthertuch in neuer Sicht. In: Vladimír Vavrínek (Hrsg.): Byzantium and Its Neighbours, from the Mid-9th till the 12th Centuries. In: Byzantinoslavica 54, 1993, S. 218–231.
  • Paul Stephenson: The Legend of Basil the Bulgar-Slayer Cambridge University Press, Cambridge 2003, ISBN 0-521-81530-4, S. 62–65.
  • Günter Prinzing: Nochmals zur historischen Deutung des Bamberger Gunthertuches auf Johannes Tzimiskes. In: M. Kaimakamova, M. Salamom, M. Smorag Rozycka (Hrsg.): Byzantium, New Peoples, New Powers: The Byzantino-Slav Contact Zone, from the Ninth to the Fifteenth Century. (= Byzantina et Slavica Cracovensia 5), Krakau 2007, S. 123–152.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Exponate im Haus Diözesanmuseum Bamberg
  2. Annalen. In: Oswald Holder-Egger (Hrsg.): Scriptores rerum Germanicarum in usum scholarum separatim editi 38: Lamperti monachi Hersfeldensis Opera. Anhang: Annales Weissenburgenses. Hannover 1894, S. 1–304 (Monumenta Germaniae Historica, Digitalisat)
  3. Ludwig Schmugge:Über „nationale“ Vorurteile im Mittelalter. (PDF; 2,4 MB) In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters. Bd. 38, 1982, S. 439–459.
  4. a b c Günter Prinzing: Das Bamberger Gunthertuch in neuer Sicht. In: Byzantium and Its Neighbours, from the Mid-9th till the 12th Centuries. Papers read at the Byzantinological Symposium Bechyne 1990, Vladimír Vavrínek (Hrsg.) In: Byzantinoslavica 54 (1993), S. 218–231.
  5. a b c d Paul Stephenson: The Legend of Basil the Bulgar-Slayer Cambridge University Press, 2003, S. 62–65.
  6. a b c d e f Sigrid Müller-Christensen: Das Gunthertuch im Bamberger Domschatz. Veröffentlichungen des Diözesanmuseums Bamberg Bd. 2, Bayrische Verlagsanstalt GmbH, Bamberg 1984, ISBN 3-87052-381-6.
  7. a b André Grabar: La soie byzantine de l'eveque Gunther a la Cathedrale de Bamberg. In: Münchener Jahrbuch 7 (1956), S. 227.
  8. Alice-Mary Talbot, Denis F. Sullivan (Hrsg.): The History of Leo the Deacon: Byzantine military expansion in the tenth century. Dumbarton Oaks Research Library and Collection, Washington, D.C. 2005
  9. Hans Thurn (Hrsg.): Ioannis Scylitzae Synopsis historiarum. Berlin 1973.
  10. Percy Ernst Schramm: Das Herrscherbild in der Kunst des frühen Mittelalters. In: Vorträge der Bibliothek Warburg 2 (1922–23), S. 159–161; Josef Deér: Die heilige Krone Ungarns. Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien 1966, S. 59.