Guppy (Flugzeug)

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Außenansicht des Super Guppy Turbine (SGT), 2005
Super Guppy (SG) wird beladen, 1976
Risszeichnung des SG und SGT
Innenmaße des SG und SGT

Als Guppy werden Umbauten von Flugzeugen der Typen Boeing B-377 Stratocruiser und Boeing C-97 Stratofreighter bezeichnet,[1] die durch eine Vergrößerung des Rumpfes auffallen. Ausgeführt wurden sie von der US-amerikanischen Firma Aero Spacelines (zunächst in Van Nuys bei Los Angeles, dann in Santa Barbara, ebenfalls in Kalifornien). Frachtraumbreite und -höhe sind sogar etwas größer als beim Airbus Beluga, die Frachtraumlänge ist allerdings deutlich geringer. Ihren Namen haben die Flugzeuge von einem Fisch: Guppys sind lebendgebärende Fische, die während der Trächtigkeit einen erheblich aufgeblähten Bauch aufweisen – somit ergaben sich Assoziationen zwischen dem Flugzeug und dieser Fischart, die zu dem Namen des Flugzeugs führten. Im Jahr 2013 war noch ein einziges Exemplar aktiv (bei der NASA).

Geschichte[Bearbeiten]

Der ehemalige Militärpilot John Conroy hatte, zusammen mit dem Flugzeughändler Lee Mansdorf, im Jahr 1961 die Firma Aero Spacelines gegründet.[2]

Als die NASA begann, immer größere Raketenteile zu planen, wurde schnell klar, dass diese sinnvoll nur über den Luftweg transportiert werden konnten. So gab die NASA bei Aero Spacelines den Umbau einiger ausgemusterter B-377 Stratocruiser in Auftrag. Die B-377 war die zivile Version des C-97 Stratofreighter, einer Entwicklung auf Basis des Bombers Boeing B-29.

Beim Entwurf der C-97 wurden im Grunde genommen nur der Rumpf neu entworfen und der Antrieb geändert, das Tragwerk und die Leitwerke aber von der B-29 übernommen. Ab der siebten Maschine kamen dann das Seitenleitwerk und die Triebwerke der Boeing B-50 Superfortress zur Anwendung.[3]

Die militärische C-97 Stratofreighter wurde in 77 Exemplaren gebaut; hinzu kamen 811 Stück der Tankerversion KC-97. Vom zivilen Passagierflugzeug B-377 wurden nur 56 Maschinen produziert, denn das anbrechende Jet-Zeitalter ließ den Absatz einbrechen. Die verbliebenen Maschinen wurden eingelagert, waren aber meist noch in einem sehr guten Zustand und hatten wenige Flugstunden.

Die Guppy-Umbauten der B-377 wurden so beliebt, dass auch etwas kleinere Varianten für andere Kunden gebaut wurden. Inzwischen sind alle Exemplare außer Dienst gestellt oder abgestürzt, nur die NASA benutzt noch ein Exemplar.

Airbus setzte lange Zeit Super Guppy-Flugzeuge ein, um Flugzeugteile zwischen den europäischen Fertigungsstätten transportieren zu können. Die Firma verwendet inzwischen jedoch einen selbst entworfenen, ähnlichen Flugzeugtyp, den Airbus Beluga (A300-600ST). Ein Exemplar der Super Guppy befindet sich im Airbuswerk Hamburg-Finkenwerder.

Boeing erarbeitete für den Transport der Teile für die Boeing 787 eine eigene Transportmaschine auf Basis umgebauter 747-400-Passagiermaschinen. Entwickelt wurde die Boeing 747 Large Cargo Freighter (747 LCF) (auch Dreamlifter genannt, in Anlehnung an den Marketingnamen Dreamliner der 787) von Boeing gemeinsam mit der Taiwanischen Evergreen Aviation Technologies Corporation (EGAT). Für den Umbau ist allein EGAT verantwortlich, während die fertiggestellten Maschinen von Evergreen International Airlines (eine US-Firma ohne Bindung an die Evergreen Group) betrieben werden.

Pregnant Guppy[Bearbeiten]

Pregnant Guppy (PG), 1962
Beladung des Pregnant Guppy mit einer Stufe der Saturn V

B-377PG (Pregnant Guppy): 1 gebautes Exemplar.

Die 1954 gegründete Firma On Mark Engineering (ebenfalls in Van Nuys) baute eine B-377 im Auftrag von Aero Spacelines zum Raketentransporter um; letztere hatte den Umbau entworfen. Die Maschine war ein ehemaliges Passagierflugzeug der Pan Am (Kennzeichen N1024V, Fabriknummer 15924). Diese erste Version wurde als Pregnant Guppy (Schwangerer Guppy) bezeichnet und startete am 19. September 1962 zu ihrem Erstflug.[4]

Beim Umbau wurde der Stratocruiser-Rumpf im hinteren Abschnitt um 5,08 m verlängert und die obere Rumpfschale durch eine Neukonstruktion mit größerem Durchmesser ersetzt. Dadurch wurde die Frachtraumhöhe von ursprünglich 2,74 m auf 6,20 m angehoben. Der Umbau wurde endgültig im Frühling 1963, nach einer Erprobungsflugzeit von 60 Stunden fertiggestellt, nachdem sich gezeigt hatte, dass die Maschine in allen Flugzuständen stabil und steuerbar war. Erst dann entfernte man den oberen Teil des ursprünglichen Rumpfes innerhalb der neu aufgebauten größeren Hülle und gestaltete den hinteren Rumpfteil als abnehmbares Element.[5]

Der gesamte Heckbereich mit dem Seitenleitwerk konnte vom Rumpf abgetrennt werden, um so die großen Trägerraketenstufen für die amerikanische Weltraumbehörde NASA problemlos laden zu können. Bis zu seiner Ausmusterung diente er der NASA als Transporter. Ironie des Schicksals: der Erstgebaute dient inzwischen dem Letztgebauten als Ersatzteillager. Die Besonderheit dieses Modelles war neben dem im Vergleich zum Super Guppy kleineren Ladevolumen das abnehmbare Heck, über das die Fracht geladen wurde.

Super Guppy[Bearbeiten]

B-377SG-201 (Super Guppy): 1 gebautes Exemplar.

Die Super Guppy absolvierte am 31. August 1965 ihren erfolgreichen Erstflug. Sie war noch größer und verfügte über einen Turbopropantrieb, bestehend aus vier T34-Propellerturbinen (Pratt & Whitney T-34P7), während die Pregnant Guppy noch mit Kolbentriebwerken angetrieben wurde. Die Rumpflänge wurde auf 43,05 m erhöht, die Frachtraumhöhe auf 7,77 m.[6]

Der Bau und die damit zusammenhängende Notwendigkeit zum Transport der neuen Saturn-V-Raketenstufen (Apollo-Programm) machte den Bau dieses riesigen Transporters erforderlich. Nach dem Umbau wurde es möglich, maximal 18,6 Tonnen zuzuladen. Bei der NASA trug dieses Flugzeug das Kennzeichen NASA 940 und flog unter anderen für die Gemini-, Apollo-, Space-Shuttle- und Skylab-Programme der NASA.

1990 wurde es von der NASA außer Dienst gestellt, im Juli 1991 zur Davis-Monthan Air Force Base bei Tucson, Arizona, geflogen[7] und ist nun im angrenzenden Pima Air & Space Museum ausgestellt.

Super Guppy Turbine[Bearbeiten]

SGT bei Airbus in Finkenwerder, 2006
Aufgeklappter SGT im Jahr 2000

B-377SGT-201 (Super Guppy Turbine): 4 gebaute Exemplare

Eine direkte Weiterentwicklung war die Super Guppy 201, von der zunächst zwei Einheiten gebaut wurden, die am 24. August 1970 (N211AS) und am 24. August 1971 (N212AS) ihre Erstflüge absolvierten. Die Super Guppy 201 entsprachen in den Abmessungen der Super Guppy, wurden aber von vier Allison 501-D22C-Propellerturbinen angetrieben. Dadurch war eine maximale Zuladung von 25 t möglich. Nach der Einstellung des Apollo-Programms wurden die beiden Super Guppy im November 1971 (F-BTGV) bzw. August 1973 (F-BPPA) an die französische Firma Aéromaritime verkauft, die sie im Auftrag des Flugzeugherstellers Airbus für den Transport von Großbauteilen zwischen den verschiedenen Fertigungszentren und Toulouse einsetzte.[8] Airbus Industries erwarb die Herstellerrechte und technischen Unterlagen der Super Guppy 201 und ließ von dem in Le Bourget ansässigen Unternehmen UTA Industries zwei weitere Flugzeuge fertigen.[9] Die Maschinen wurden im Juli 1982 (F-GDSG) sowie im Juli 1983 (F-GEAI) an die Aéromaritime übergeben.[10] Zeitgleich mit der Auslieferung des dritten Flugzeugs erhielten die Maschinen ihre charakteristische Lackierung mit dem Schriftzug Airbus Skylink auf dem Rumpf. Im Jahr 1989 übernahm die neugegründete Airbus-Tochterfirma Airbus Inter Transport die vier Flugzeuge von der Aéromaritime und setzte sie bis ins Jahr 1998 hinein ein.[11] Inzwischen wurden sie vom Airbus A300-600ST Beluga abgelöst.

Drei der vier Super Guppys werden seit ihrer Außerdienststellung als Museumsflugzeuge bewahrt: Zwei an den Hauptstandorten des Airbus-Projektes in Toulouse-Blagnac und Hamburg-Finkenwerder und eine auf dem Flugplatz Bruntingthorpe (England). Die vierte Maschine, der 1983 in Frankreich gebaute ehemalige Airbus Transporter 04, wurde von der NASA gekauft. Die NASA setzte das Flugzeug unter der Bezeichnung NASA 941 (Silberner Buckel) unter anderem zum Transport von Modulen für die Internationale Raumstation (ISS) ein. Dafür wurde eine spezielle Halterung, die SGSF entwickelt, die der Nutzlastbucht des Space Shuttles nachempfunden ist.

Technische Daten[Bearbeiten]

  • Spannweite: 47,61 m
  • Länge: 46,84 m
  • Höhe: 14,85 m
  • Triebwerke: 4 × Allison 501 D22C mit 3610 kW
  • Leergewicht: 45,8 t
  • Maximales Gewicht: 77,1 t
  • Zuladung: 24,5 t
  • Crew: 3
  • Geschwindigkeit: 460 km/h; ökonomische Reisegeschwindigkeit: 407 km/h
  • Gipfelhöhe: 7620 m
  • ökonomische Reichweite: 813 km

Mini Guppy[Bearbeiten]

Mini Guppy (B-377MG) im Museum, 2007

B-377MG (Mini Guppy): 1 gebautes Exemplar.

Bei den Umbauten wurden die originalen Triebwerke vom Typ Pratt & Whitney R-4360 Wasp Major beibehalten. Dafür wurde ein schwenkbares Heck eingebaut. Nach den Umbauarbeiten war eine maximale Zuladung von 14,5 Tonnen möglich.

  • Erstflug am 24. Mai 1967
  • Eigentümer Aero Spacelines (bis 1974), American Jet Industries (bis 1980), Aero Union (bis 1988), Erickson Air Crane (bis 1995). Nun steht er im Tillamook Air Museum in Tillamook, Oregon.

Mini Guppy Turbine[Bearbeiten]

B-377MGT-101 (Mini Guppy): 1 gebautes Exemplar1) (Kennzeichen N111AS, Fabriknummer 0001).

Bei dieser Variante wurden die gleichen vierblättrigen Allison 501-D22C Triebwerke wie bei der Super Guppy Turbine eingebaut, der Rumpf wurde gegenüber der Mini Guppy um 81 Zentimeter verlängert und um 5 Zentimeter verbreitert und eine schwenkbare Nase eingebaut. Nach den Umbauten hatte er eine maximale Zuladung von 28,6 Tonnen.[12]

  • Erstflug 13. März 1970
  • Absturz bei Flugtests auf der Edwards Air Force Base, Kalifornien (USA) am 12. Mai 1970.

1) Laut Bowers[13] wurde eine zweite Mini Guppy Turbine gebaut (Kennzeichen N112AS, Fabriknummer 0002); hierfür konnten jedoch bislang keine weiteren Belege gefunden werden.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Peter M Bowers: Boeing Aircraft since 1916. Putnam Aeronautical Books, London 1989, S. 370–374, ISBN 0-85177-804-6.
  2. Martin Bach: Boeing 367 Stratofreighter, Boeing 377 Stratocruiser, Aero Spacelines Guppies. NARA Verlag, Allershausen 1996, S. 52, ISBN 3-925671-18-8.
  3. Gordon Swanborough und Peter M Bowers: United States Military Aircraft since 1909. Putnam Aeronautical Books, London 1989, S. 125–127, ISBN 0-85177-816-X.
  4. John W.R. Taylor: Jane's All The World's Aircraft, 1963–64. Sampson Low, Marston & Company, London 1964, S. 258–260.
  5. John W.R. Taylor (Hrsg.): Jane's All The World's Aircraft - 1965-66, Sampson Low, Marston & Company Ltd., London, 1965, S. 282
  6. John W.R. Taylor: Jane's All The World's Aircraft, 1971–72. Jane's Yearbooks, London 1972, S. 218.
  7. Bach, S. 56
  8. jp airline-markings, Ausgaben 72 und 73
  9. Aero, Ausgabe 46/1988
  10. jp airline-fleets international Edition 92/93
  11. jp airline-fleets international, Edition 97/98
  12. Taylor 1971–72, S. 218–219
  13. Bowers, S. 374