Gurjewsk (Kaliningrad)

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Stadt
Gurjewsk/Neuhausen
Гурьевск
Wappen
Wappen
Föderationskreis Nordwestrussland
Oblast Kaliningrad
Rajon Gurjewsk
Gegründet 1262
Frühere Namen Neuhausen (bis 1946)
Stadt seit 1946
Fläche 10 km²
Bevölkerung 12.431 Einwohner
(Stand: 14. Okt. 2010)[1]
Bevölkerungsdichte 1243 Einwohner/km²
Höhe des Zentrums 20 m
Zeitzone UTC+3
Telefonvorwahl (+7) 40151
Postleitzahl 238300
Kfz-Kennzeichen 39, 91
OKATO 27 209 501
Website www.guryevsk.baltnet.ru
Geographische Lage
Koordinaten 54° 47′ N, 20° 37′ O54.78333333333320.61666666666720Koordinaten: 54° 47′ 0″ N, 20° 37′ 0″ O
Gurjewsk (Kaliningrad) (Europäisches Russland)
Red pog.svg
Lage im Westteil Russlands
Gurjewsk (Kaliningrad) (Oblast Kaliningrad)
Red pog.svg
Lage in der Oblast Kaliningrad‎
Liste der Städte in Russland
Gurjew-Denkmal

Gurjewsk (russisch Гурьевск, prußisch Romaw, deutsch Neuhausen) ist eine Rajonshauptstadt mit 12.431 Einwohnern (Stand 14. Oktober 2010)[1] in der Oblast Kaliningrad in Russland. Sie liegt sieben Kilometer nordöstlich der Gebietshauptstadt Kaliningrad.

Seit der Struktur- und Verwaltungsreform 2008/2009[2] bildet Gurjewsk eine selbständige Stadtgemeinde („Gurjewskoje gorodskoje posselenije“) neben sieben Landgemeinden im Rajon Gurjewsk (Kreis Neuhausen).

Leninstraße in der Stadt

Geschichte[Bearbeiten]

Der Ort wurde 1262 als Neuhausen gegründet. Um 1540 wurde er unter den Bezeichnungen Neuhauß, Neuhausen, Newghaus oder Lisga Neughaus erwähnt. Der prußische Name Romaw bzw. Ramawan (heiliger Wald) weist auf eine heidnische Kultstätte (prußisch romus, ramus: ruhig, still, andächtig, heilig) hin.

1935 wurde in Neuhausen eine Niederlassung des Behring-Instituts in Betrieb genommen.[3] 1946 wurde er nach dem sowjetischen Generalmajor Stepan Gurjew (1902–1945), der bei den Kämpfen um Pillau ums Leben kam, in Gurjewsk umbenannt und erhielt zugleich das Stadtrecht.

Amtsbezirk Neuhausen (1874–1945)[Bearbeiten]

Am 30. April 1874 wurde Neuhausen Amtssitz und namensgebender Ort des neu errichteten Amtsbezirk Neuhausen[4] im Landkreis Königsberg (Preußen) (1939 bis 1945 Landkreis Samland) im Regierungsbezirk Königsberg der preußischen Provinz Ostpreußen. Der Amtsbezirk Neuhausen bestand bis 1945 und zählte bei seiner Gründung vier Landgemeinden und sieben Gutsbezirke:

Deutscher Name Russischer Name Bemerkungen
Landgemeinden:
Knöppelsdorf Rasswet
Neuhausen Gurjewsk
Prawten Lomonossowo
Trausitten 1938 in die Gemeinde Neuhausen eingegliedert
Gutsbezirke:
Berthaswalde 1926 in eine Landgemeinde umgewandelt
Commen 1892 in die Landgemeinde Neuhausen eingegliedert
Dunkershöfen Bolschoje Derewenskoje
(bis 2008: Bolschaja Derewnja)
1928 in die Landgemeinde Kleinheide eingegliedert
Kleinheide 1928 in eine Landgemeinde umgewandelt,
1938 in die Gemeinde Neuhausen eingegliedert
Neuhausen Gurjewsk 1928 in die Landgemeinde Neuhausen eingegliedert
Schmeckenkrug unbekannten Datums in die Landgemeinde Neuhausen eingegliedert
Sensen Borowikowo vor 1908 in eine Landgemeinde umgewandelt,
1934 in die Landgemeinde Knöppelsdorf eingegliedert

Aufgrund der Umstrukturierungen gehörten am 1. Januar 1945 noch die vier bisher eingegliederten Gemeinden Knöppeldorf, Neuhausen, Prawten und Berthaswalde zum Amtsbezirk Neuhausen, außerdem die 1939 aus dem Amtsbezirk Quednau (russisch: Sewernaja Gora) umgegliederte Gemeinde Ziegelau (heute nicht mehr existent).

Burg Neuhausen[Bearbeiten]

Die Burg Neuhausen wurde 1292 im samländischen Domkapitel (Sitz in Königsberg) gebaut. Südlich des Schlosses am Ende des Mühlenteichs blieb die Hausmühle des Deutschen Ordens (der spätere Eichenkrug) in ihrem ursprünglichen Zustand erhalten. Turm und Seitengiebel der Kirche trugen Blenden und Staffelgiebel. Außerhalb der Burg entstand 1528 eine Lischke. Ein Schneider, ein Schuster und ein Schmied erhielten von Albrecht (Brandenburg) zusammen eine Hufe Acker. Nach 1525 war das Schloss eine Zeitlang Sitz des Bischofs von Samland Georg von Polenz. Im Ehevertrag von 1550 verschrieb Herzog Albrecht die Burg seiner zweiten Frau Anna Maria von Braunschweig-Calenberg-Göttingen als Leibgedinge. Hier brachte sie 1553 den Sohn Albrecht Friedrich zur Welt und starb sie am 15. März 1568.[5] Den älteren Teil der Burg ließ Albrecht umbauen.[3]

In einem reichen Jagdgebiet gelegen, war Neuhausen der bevorzugte Aufenthaltsort des jagdliebenden Georg Wilhelm (Brandenburg). 1770 wurde die Burg Sitz der Domänenverwaltung und des Justizamts.[5] Für seine Verdienste in den Befreiungskriegen verlieh Friedrich Wilhelm IV. (Preußen) 1814 Schloss und Domäne zusammen mit Gut Grünhoff bei Cranz dem General Friedrich Wilhelm Bülow von Dennewitz. Luckners und Massows waren spätere Schlossbesitzer. Der Schlosspark und der Forst um die Kleinbahnstation Neuhausen-Tiergarten mit dem Ètablissement Freiwald waren ein beliebtes Ausflugsziel der Königsberger.[3]

Bevölkerungsentwicklung[Bearbeiten]

Jahr Einwohner
1910[6] 589
1933 1.707
1939 4.198
1959 2.393
1970 3.568
1979 5.910
1989 7.934
2002 10.913
2010 12.431

Anmerkung: Volkszählungsdaten

Kirche[Bearbeiten]

Kirchengebäude[Bearbeiten]

Die alte Pfarrkirche[7][8] – sie wird auch heute noch „Kirche Neuhausen“ (russisch: Кирха Нойхаузен) genannt – aus dem Ende des 13. Jahrhunderts ist ein chorloser Feldsteinbau mit Backsteinturm. Sie liegt östlich der Fernstraße A 190 und war mehr als 400 Jahre evangelische Gottesdienststätte. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie beschädigt. Sie diente dann als Club und als Lagerhalle und verfiel dabei immer mehr, auch aufgrund mehrerer Brände.

Seit 1991 ist das Gotteshaus im Besitz der Neuapostolischen Kirche und wieder in einem guten Zustand.

Evangelische Kirche[Bearbeiten]

Kirchengemeinde[Bearbeiten]

Bereits in vorreformatorischer Zeit war Neuhausen ein Kirchdorf. Die Reformation fand hier relativ früh Eingang, und die Neuhausener Burg war lange Zeit Sitz von Georg von Polenz (um 1478–1550), dem evangelischen Bischof von Samland und Pomesanien. Einst gehörte die Kirchengemeinde mit ihrem weitflächigen Kirchspiel zur Inspektion des Königsberger (russisch: Kaliningrad) Oberhofpredigers, zwischenzeitlich zur damals neu gegründeten Inspektion Labiau (Polessk). Bis 1945 war sie dann in den Kirchenkreis Königsberg-Land II in der Kirchenprovinz Ostpreußen der Kirche der Altpreußischen Union eingegliedert.

Heute liegt Gurjewsk im Einzugsbereich der in den 1990er Jahren neu errichteten evangelisch-lutherischen Auferstehungskirche in Kaliningrad innerhalb der neu gebildeten Propstei Kaliningrad[9] der Evangelisch-lutherischen Kirche Europäisches Russland (ELKER).

Kirchspiel (bis 1945)[Bearbeiten]

Zum Kirchspiel Neuhausen zählten vor 1945 insgesamt 30 Ortschaften[10]:

Deutscher Name Russischer Name Deutscher Name Russischer Name
Berthaswalde Neudamm (Dorf) und
Neudamm (Gut)
Wassilkowo und
Maloje Wassilkowo
Bladau Wladimirowka
(bis 2008: Wladimirowo)
Neuhausen Gurjewsk
Bulitten Awangardnoje Palmburg Pribreschnoje
Charlottenwiese Prawten Lomonossowo
Dossitten Tscheremchowo Rachsitten
Dunkershöfen Bolschoje Derewenskoje
(bis 2008: Bolschaja Derewnja)
Rachsittenthal Sacharowo
Eichenkrug Rodmannshöfen Kalinowka
Fürstenwalde Poddubnoje Sensen Borowikowo
Kleinheide Sonnigkeim Sasanowka
Knöppelsdorf Rasswet Tharaunenkrug Saosjorje
Kondehnen Slawjanskoje Trausitten
Lapsau Saosjorje Tropitten Kumatschowo
Lauth Bolschoje Issakowo Waldhöfen Uljanowo, jetzt:
Konstantinowka
Mandeln Wange Jarowoje
Neidtkeim Wangnicken Saosjorje

Pfarrer (1525–1945)[Bearbeiten]

Von der Reformation bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges amtierten in Neuhausen als evangelische Geistliche:[11]

  • M. Lucas, 1525
  • N.N., bis 1534
  • N.N., ab 1545
  • Michael Beer, ab 1559
  • Johann Querlemann, 1567
  • Lucas Edenburg, 1568–1574
  • N.N., 1574
  • Friedrich Krause, 1582–1588
  • Jacob Sethus, 1588–1596
  • Erhard Wolf, 1596–1609
  • Joachim Goldnach, 1615–1652
  • Christoph Fengler, 1651
  • Heinrich Hoffmann, 1652
  • Reinhold Sommer, 1688–1732
  • Christian Grünwald, 1733–1741
  • Georg Daniel Fischer, 1742–1766
  • Theodor Michael Freytag, 1767–1790
  • Max Christian Mayr, 1791–1801
  • Johann Immanuel Groschke,
    1801–1825
  • Siegfried August Kähler, 1826–1841
  • Karl Leopold Bergau, 1841–1873
  • Heinrich Ernst Abramowski, 1873–1878
  • Otto Alexander Besch, 1878–1896
  • Emil Anton Gustav Platz, 1897–1909
  • Gustav Heinrich Zander, 1909–1926
  • Heinrich J. F. Schibalski, 1926–1939
  • Herbert Schott, 1939–1945

Russisch-Orthodoxe Kirche[Bearbeiten]

Die Russisch-orthodoxe Christi-Himmelfahrts-Kirche

Die meisten heutigen Einwohner in der Region sind heute, sofern konfessionell gebunden, Angehörige der russisch-orthodoxen Kirche. Gurjewsk liegt auf dem Territorium der Diözese Kaliningrad und Baltijsk.

Wirtschaft und Verkehr[Bearbeiten]

In Gurjewsk befindet sich eine Erdölraffinerie. Auf dem Gelände des ehemaligen Militärflugplatzes Neuhausen befindet sich neben einigen städtischen Einrichtungen die Geflügelfarm Ptizefabrika Gurjewskaja.

Unweit von Gurjewsk befindet sich der Flughafen Kaliningrads, Chrabrowo (Powunden). Durch das Stadtgebiet verlaufen die Hauptstraße und Eisenbahn von Kaliningrad nach Sowetsk (Tilsit).

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten]

  • Burgruine
  • Kirche Neuhausen

Söhne und Töchter der Stadt[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans Heinz Diehlmann: Die Türkensteuer im Herzugtum Preußen 1540, Band 1 Fischhausen- Schaaken- Neuhausen- Labiau. Verein für Familienforschung in Ost- und Westpreußen, Hamburg 1998
  • G. Gerullis: Die altpreußischen Ortsnamen. Berlin, Leipzig 1922
  • Mikkels Klussis: Deutsch-Prußisches Grundwörterbuch. Institut Européen des Minorités Ethniques Dispersées mit Unterstützung des deutsch-prußischen Vereins Tolkemita, Vilnius 1999

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Gurjewsk – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Itogi Vserossijskoj perepisi naselenija 2010 goda. Kaliningradskaja oblastʹ. (Ergebnisse der allrussischen Volkszählung 2010. Oblast Kaliningrad.) Band 1, Tabelle 4 (Download von der Website des Territorialorgans Oblast Kaliningrad des Föderalen Dienstes für staatliche Statistik der Russischen Föderation)
  2. Nach dem Gesetz über die Zusammensetzung und Territorien der munizipalen Gebilde der Oblast Kaliningrad vom 25. Juni/1. Juli 2009, in Verbindung mit dem Gesetz Nr. 254 vom 30. Juni 2008, präzisiert durch das Gesetz Nr. 370 vom 1. Juli 2009.
  3. a b c Robert Albinus: Königsberg Lexikon. Würzburg 2002, ISBN 3-88189-441-1.
  4. Rolf Jehke, Amtsbezirk Neuhausen
  5. a b ostpreussen.net
  6. Uli Schubert, Gemeindeverzeichnis, Landkreis Königsberg
  7. Die Kirchen im Samland: Neuhausen
  8. Geschichte von Gurjewsk-Neuhausen bei ostpreussen.net
  9. Evangelisch-lutherische Propstei Kaliningrad
  10. Patrick Plew, Ortsfamilienbuch Neuhausen
  11. Friedwald Moeller, Altpreußisches evangelisches Pfarrerbuch von der Reformatuion bis zur Vertreibung im Jahre 1945, Hamburg, 1968, S. 101.