Gustaf Gründgens

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Gustaf Gründgens als Hamlet (1936)

Gustaf Gründgens (* 22. Dezember 1899 in Düsseldorf als Gustav Heinrich Arnold Gründgens; † 7. Oktober 1963 in Manila) war ein deutscher Schauspieler, Regisseur und Intendant. Seinen Künstlernamen Gustaf Gründgens benutzte er nachweislich erstmals 1921.[1]

Seine Schwester war die Chansonnière und Kabarettistin Marita Gründgens (1903–1985).

Leben und Werk[Bearbeiten]

Jugend[Bearbeiten]

Gründgens kam als Sohn von Arnold Hubert und Emmi[2] Gründgens zur Welt. Seine Schulzeit verbrachte er auf der Oberrealschule am Fürstenwall in Düsseldorf, dem Gymnasium Oberkassel (heute: Comenius-Gymnasium) und dem Gymnasium zu Mayen (heute: Megina-Gymnasium Mayen)[3], das er zu Ostern 1917 mit der Versetzung in die Obersekunda verließ.[3]

Nach einer dreimonatigen kaufmännischen Lehre in Düsseldorf wurde er im Herbst 1917 zum Militär einberufen.[4] Er übte jedoch keinen Frontdienst mit der Waffe aus, sondern wurde unter vorgetäuschter Bühnenerfahrung an das Fronttheater Saarlouis versetzt, dessen Leiter er 1918 wurde und das auch nach dem Krieg in Thale[5] weiter existierte. Eine Ausbildung erhielt er 1919/20 bei Louise Dumont und Gustav Lindemann auf der Hochschule für Bühnenkunst des Schauspielhauses Düsseldorf.[6]

Erste Engagements[Bearbeiten]

Am Beginn von Gründgens’ Karriere standen aufeinander folgende kurze Engagements an den Städtischen Bühnen Halberstadt (Spielzeit 1920/21), am Vereinigten Städtischen Theater Kiel (Spielzeit 1921/22), am Berliner Theater in der Kommandantenstraße (Spielzeit 1922/23) und am Kurtheater Eckernförde (Sommerspielzeit 1923), wo er 1923 als Regisseur debütierte.[7]1923 ging er zu Erich Ziegel an die Hamburger Kammerspiele. In dieser Zeit erweiterte er sein Repertoire an klassischen und zeitgenössischen Stücken und inszenierte u.a. Anja und Esther von Klaus Mann. Klaus Mann und dessen Schwester Erika spielten zusammen mit Gründgens und Pamela Wedekind die Hauptrollen. 1927 folgte Klaus Manns Revue zu Vieren mit denselben Hauptdarstellern. Gründgens und Erika Mann heirateten 1926. Die Ehe wurde 1929 geschieden.

Berlin[Bearbeiten]

1928 ging Gründgens zu Max Reinhardt ans Deutsche Theater in Berlin, wo er auch selbst Regie führte. Ab 1929 führte er äußerst erfolgreich Opernregie[8] und wirkte auch in Kabarettrevuen mit. Zu diesem Zeitpunkt übernahm er auch erste Filmrollen. Einer der bekanntesten Auftritte aus dieser Zeit ist die Rolle des Schränkers in M.

1930 hatte er größeren Erfolg als Regisseur mit Menschen im Hotel von Vicki Baum, einem Theaterstück nach ihrem gleichnamigen Roman, das ein Welterfolg wurde.

1932 begann Gründgens, am Preußischen Staatstheater in Berlin zu arbeiten. Seine erste Rolle war die des Mephistopheles in Goethes Faust.

Karriere im Nationalsozialismus[Bearbeiten]

Gründgens blieb 1933 in Deutschland und stieg im NS-Reich auf der Karriereleiter nach oben. 1934 wurde er Intendant des Staatlichen Schauspielhauses und zum Staatsschauspieler ernannt.[9] Am Tag der Verhaftung Ernst Röhms, dem 29. Juni 1934, wandte er sich an seinen obersten Dienstherrn Hermann Göring mit der Bitte um Entlassung als Leiter des Schauspielhauses und verwies dabei – ohne diese expressis verbis zu nennen – auf seine Homosexualität. Göring nahm das Rücktrittsgesuch aber nicht an.[9] Am preußischen Staatstheater am Gendarmenmarkt spielte Gründgens im Januar 1936 Shakespeares Hamlet unter der Regie Lothar Müthels (mit Käthe Gold als Ophelia und im Bühnenbild von Rochus Gliese), eine Aufführung, die zum Ausgangspunkt für massive Angriffe aus nationalsozialistischen Kreisen um den Parteiideologen Alfred Rosenberg wurde, da Gründgens’ Darstellung des Hamlet die Tragödie eines vereinsamten Intellektuellen inmitten eines verbrecherischen Staates hervorzuheben schien und er Sätze wie „Die Zeit ist aus den Fugen“ und „Dänemark ist ein Gefängnis“ angeblich tendenziös vortrug. Nach Angriffen im Völkischen Beobachter wich Gründgens 1936 in die Schweiz aus, kehrte aber kurz darauf zurück und wurde von Göring zum Preußischen Staatsrat ernannt, nach Angaben von Gründgens, um eine etwaige Verhaftung von der Zustimmung des Preußischen Ministerpräsidenten Göring abhängig zu machen. Gründgens amtierte bis 1945 als Generalintendant des Preußischen Staatstheaters und machte sich zunutze, dass Hermann Göring dieses Theater als Preußischer Ministerpräsident dem Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda Joseph Goebbels zu entziehen wusste, dem alle übrigen Theater unterstellt waren.

Gründgens führte außerdem sporadisch Filmregie und übernahm 1938 bei der UFA-Tochter Terra die Leitung einer eigenen Herstellungsgruppe, wo unter anderem die Filme Zwei Welten (1939) und Friedemann Bach (1941) entstanden.[9] Tanz auf dem Vulkan als Mischung aus Historienfilm und Revuefilm aus dem Jahr 1938 zeigte eine besondere schauspielerische Leistung Gründgens’. Er wirkte in Propagandafilmen wie Ohm Krüger (1940/41) mit.

Als Joseph Goebbels am 18. Februar 1943 den „Totalen Krieg“ ausrief, meldete Gründgens sich freiwillig an die Front, wurde von Hermann Göring jedoch im Frühjahr 1944 nach Berlin zurück befohlen. Sein Name stand fortan auf der Gottbegnadetenliste.

In zweiter Ehe war Gründgens von 1936 bis 1946 mit der Schauspielerin Marianne Hoppe verheiratet. Seine Homosexualität war damals in der Öffentlichkeit kein Geheimnis (wie Spottverse aus der damaligen Zeit zeigen: „Hoppe, Hoppe, Gründgens, die kriegen keine Kindgens, und das hat seine Gründgens“ oder „Hoppe, Hoppe, Gründgens, die kriegen keine Kindgens; und kriegt die Hoppe Kindgens, dann sind die nicht von Gründgens“).

Nachkriegszeit[Bearbeiten]

Gustaf Gründgens mit Antje Weisgerber in Der Snob, 1946

Von 1945 bis 1946 war er im Speziallager Jamlitz inhaftiert.[10] Im Rahmen der Entnazifizierung wurde er von vielen Kollegen entlastet und entlastete seinerseits unter vielen auch die Schauspielerin Emmy Göring (die Witwe Hermann Görings) und Veit Harlan, den Regisseur des berüchtigten antisemitischen Propagandafilmes Jud Süß. Ausschlaggebend für seine Entlassung aus der Haft war die intensive Bemühung Ernst Buschs, den Gründgens während des Zweiten Weltkriegs durch seine Intervention bei Göring vor dem Galgen gerettet hatte, sowie auch etlicher anderer Schauspieler und Mitarbeiter, die sich persönlich oder schriftlich für ihn einsetzten. Bereits 1946 stand Gründgens wieder auf der Bühne, zunächst im sowjetischen Sektor von Berlin, und führte am Deutschen Theater und an den Kammerspielen Regie. Von 1947 bis 1955 war er Generalintendant in Düsseldorf, zunächst der Städtischen Bühnen, dann des Düsseldorfer Schauspielhauses. Die Schallplattenfassung seiner Düsseldorfer Inszenierung des Faust, die 1954 bei der Deutschen Grammophon auf drei Sprechplatten erschien, gilt vielen als Geburtsstunde des heutigen Hörbuches.

Ab 1955 war Gründgens Generalintendant des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, das er auf den Höhepunkt seines Ruhmes führte, und wo er vielbeachtete klassische und moderne Inszenierungen zeigte, eine hohe Sprechkultur pflegte und bedeutende Schauspielerinnen und Schauspieler um sich sammelte und prägte; genannt seien nur Elisabeth Flickenschildt, Joana Maria Gorvin und Will Quadflieg. 1960 adaptierte er seine Hamburger Faust-Inszenierung (mit der er auch in Moskau und New York gastierte) für den Film, mit Will Quadflieg als Faust und sich selbst in der Rolle des Mephisto – in der Maske, die sich seit den 1930er Jahren nicht verändert hatte. Dieser auch im Fernsehen gezeigte Film wurde ein großer Publikumserfolg.

Das Ende[Bearbeiten]

Gründgens’ Grab auf dem Friedhof Ohlsdorf

Zum Sommer 1963 beendete er überraschend seine Intendanz am Deutschen Schauspielhaus und begab sich auf eine Weltreise. In der Nacht vom 6. zum 7. Oktober 1963 starb er dabei in Manila auf den Philippinen an einer Magenblutung, die von einer Überdosis Schlaftabletten ausgelöst worden war; ob es Suizid oder ein Unfall war, wurde nie eindeutig geklärt. Sein diesbezügliches Vermächtnis schrieb er auf einen Briefumschlag: „Ich habe glaube ich zu viel Schlafmittel genommen, mir ist ein bisschen komisch, lass mich ausschlafen.“

Gründgens’ Grabstätte liegt auf dem Friedhof Ohlsdorf in Hamburg, ganz in der Nähe des Haupteinganges, neben dem Grab Ida Ehres, der Prinzipalin der Hamburger Kammerspiele, und in unmittelbarer Nähe zu Jürgen Fehling.[11]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Nachwirkung[Bearbeiten]

Gustaf-Gründgens-Denkmal im Hofgarten Düsseldorf, im Terrassengarten auf der Nordseite des Düsseldorfer Schauspielhauses, Statue von Peter Rübsam, 1984

Gründgens ist als bedeutender Schauspieler und Theaterregisseur verhältnismäßig lange im öffentlichen Gedächtnis geblieben. Zahlreiche Theater-, Film- und Fernsehdarsteller hat er vor allem in seiner Hamburger Zeit stark geprägt.

Seit 1960 besaß Gründgens ein Ferienhaus auf der Insel Madeira.[12]

Gründgens als literarisches Sujet[Bearbeiten]

Klaus Manns Exilroman Mephisto von 1936 beschreibt die Karriere seines ehemaligen Schwagers Gründgens, im Buch als „Hendrik Höfgen“ deutlich identifizierbar, am schärfsten: als Musterbeispiel des Opportunismus eines Künstlers zu Anfang des Dritten Reichs.

Der Roman blieb nach Einspruch von Gründgens’ Adoptivsohn, Peter Gorski, in der Bundesrepublik Deutschland auf Grund der Mephisto-Entscheidung bis heute verboten. Entgegen der Mephisto-Entscheidung erschien im Jahre 1981 eine Neuausgabe im Rowohlt-Verlag. In der DDR wurde der Roman bereits 1956 veröffentlicht.

Gründgens als filmisches Sujet[Bearbeiten]

Der darauf fußende Film Mephisto wurde 1981 von István Szabó mit Klaus Maria Brandauer in der Hauptrolle gedreht.

Ferner entstanden über ihn:

Gustaf-Gründgens-Preis[Bearbeiten]

In Hamburg wurde 2011 ein mit 15.000 Euro dotierter „Gustaf-Gründgens-Preis“ ins Leben gerufen. Dieser Preis wurde durch das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg sowie Lions Clubs International initiiert und von der Mercedes-Benz Niederlassung Hamburg gestiftet. Mit dem Preis sollen Persönlichkeiten geehrt werden, die mit ihrem Lebenswerk die darstellende Kunst in Hamburg und darüber hinaus geprägt haben. Der Preis soll darüber hinaus an den bedeutenden Theatermann Gustaf Gründgens erinnern, der als Schauspieler, Regisseur und Intendant Theatergeschichte geschrieben hat. Der Preis wird zweijährlich verliehen. Der erste Preisträger war der Hamburger Ballettdirektor John Neumeier im Jahr 2012.[13]

Filmografie[Bearbeiten]

Regisseur[Bearbeiten]

Darsteller[Bearbeiten]

Gründgens als Gründgens[Bearbeiten]

  • 1958: Das gab’s nur einmal (Spielfilm mit Dokumentarteilen; Regie: Geza von Bolvary)
  • 1961: Jørgen Roos zeigt Hamburg (Dokumentarfilm, Regie: Jørgen Roos)
  • 1963: Gustaf Gründgens (Fernsehdokumentarfilm)
  • 1980: „So spiel ich viel Personen ganz allein…“ Der Theatermann Gustaf Gründgens (Dokumentarfilm, Regie: Jürgen Moeller)
  • 1989: Joachim Kaiser: „… ich erinnere mich“. [2.] Gustaf Gründgens (Fernsehdokumentarfilm)
  • 1989: Der Prinzipal – Die Legende Gustaf Gründgens (Fernsehdokumentarfilm)

Bilder[Bearbeiten]

Theaterfotos von Gustaf Gründgens liegen von 1935 bis 1963 ganz überwiegend von der bedeutenden Theaterfotografin Rosemarie Clausen, für 1947 bis 1951 auch von Liselotte Strelow vor.

  • Rosemarie Clausen: Theater. Gustaf Gründgens inszeniert. Georg Westermann, Braunschweig 1960.
  • Rosemarie Clausen: Gustaf Gründgerns. Faust in Bildern. Christian Wegner, Hamburg 1960 (div. Auflagen).
  • Rosemarie Clausen: Gründgens. Friedrich, Velber 1963.

Texte von Gründgens[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Medien[Bearbeiten]

  • Gustaf Gründgens: Das komplette Schallarchiv. Theaterstücke, Hörspiele, Monologe, Reden, Chansons. 20 CDs. Die Audiothek, 2004.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Gustaf Gründgens – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Blubacher, Gründgens, 2011, S. 21
  2. Blubacher, Gründgens, 2011, S. 12
  3. a b Blubacher, Gründgens, 2013, S. 30ff.
  4. Blubacher, Gründgens, 2013, S. 33
  5. Blubacher, Gründgens, 2013, S. 35
  6. Goertz, Gründgens, S. 12, 144
  7. Blubacher, Gründgens, 2013, S. 67f.
  8. Blubacher, Gründgens, 2013
  9. a b c Axel Schock, Karen-Susan Fessel: OUT! – 800 berühmte Lesben, Schwule und Bisexuelle. Querverlag, Berlin 2004, ISBN 3-89656-111-1
  10. Über die Zeit als Gefangener berichtet Siegfried Lowitz: „Auf eine Denunziation hin hatten die Russen ihn festgenommen. Generalintendant! Das war das fatale Wort. Die Russen hielten ihn für einen hohen General. Zunächst stand er, einen Kartoffelsack über dem Kopf, in dünner Bekleidung tagelang im Schnee. Zusammen mit anderen hochrangigen Gefangenen, die sich überlegten, ob sie Suizid begehen sollten und ob sie ausreichend Kapseln mit Gift dafür besäßen. Eine tragikomische Situation. Endlich kam der Befehl, Gründgens zur Vernehmung abzuführen. In einem Keller stand er bei Kerzenlicht vor einem hohen sowjetischen General und sollte erklären, welche Einheiten er wo befehligt habe. Gründgens versuchte dem Dolmetscher der Militärs verständlich zu machen, dass er Intendant eines bedeutenden Theaters sei. Der Vernehmende drohte: „Wenn Sie noch einmal das Wort Theater erwähnen, ziehe ich Ihnen die Reitpeitsche über das Gesicht und das ist eines deutschen Offiziers unwürdig! Wie viele haben Sie kommandiert?“ In seiner Todesangst zitternd zählte Gründgens seine Mitarbeiter zusammen: „Dreihundert.“ Da wurden die Russen plötzlich sehr höflich. Gründgens vermutete, sie hielten ihn nun für den Kommandeur von dreihundert Divisionen oder Regimentern. Eine bessere Behandlung erfuhr er deswegen nicht. Mehrere Soldaten steckten ihn kopfüber in den Beiwagen eines Kraftrads und fuhren mit ihm durch die halbe Stadt. Dabei zog Gründgens sich wohl die chronischen Schmerzen im Genick zu, unter der er seit dieser Zeit litt. Mittlerweile hatten die Kollegen und sein Adoptivsohn bei der russischen Kommandantur interveniert und glaubwürdig dargelegt, dass es sich bei dem Gefangenen tatsächlich um den Leiter des Staatlichen Schauspielhauses handle, was sich ja mit Fotografien belegen ließ. – Und nach diesem Martyrium hatte der Mann die Einladung zu einem Gastspiel in der Sowjetunion zugestimmt! Was für eine Persönlichkeit!“. Aus: Siegfried Lowitz: Was für ein Leben. München 2000, S. 107 f.
  11. knerger.de: Das Grab von Gustaf Gründgens
  12. Zur Person: Günter Gaus im Gespräch mit Gustaf Gründgens (1/5)
  13. Gustaf-Gründgens-Preis, gustaf-gruendgens-preis.de, abgerufen am 7. Oktober 2013