Gustav Mesmer

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Gustav Mesmer (auch Bruder Alexander (OSB); * 16. Januar 1903 in Altshausen/Oberschwaben; † 25. Dezember 1994 im Heim der Diakonie in Buttenhausen, nahe Reutlingen) war ein Flug(fahr)radbauer, Visionär und Korbflechter.

Leben[Bearbeiten]

Gustav Mesmer kam als sechstes von zwölf Kindern[A 1] 1903 zur Welt. Nach seiner durch den Ersten Weltkrieg stark verkürzten Schullaufbahn, Mesmer war damals erst 11 Jahre alt, arbeitet er als so genannter „Verdingbub“ und billige Arbeitskraft auf unterschiedlichen Gutshöfen. Bei der Arbeit in der Ökonomieabteilung des Klosters Untermarchtal ließ er sich von einer Vinzentiner-Schwester letztlich dazu hinreißen, in den Benediktinerorden einzutreten. Nach sechsjährigem Aufenthalt als Bruder Alexander im Benediktinerkloster Beuron beendete er kurz vor Ablegung der heiligen Gelübde seinen Klosteraufenthalt.

1928 begann er in seinem Heimatort Altshausen eine Schreinerlehre. Sein Meister stellte ihm ein gutes Zeugnis aus, aufgefallen sei allerdings „sein eigenes und stilles Wesen“. Am 17. März 1929 störte Mesmer mit einer unchristlichen Erklärung, dass „hier nicht das Blut Christi ausgeteilt werde und sowieso alles Schwindel sei“, eine Konfirmationsfeier in der Altshausener Dorfkirche. Daraufhin wurde er elf Tage nach dem Zwischenfall in der Kirche wegen religiöser Schwärmerei und Störung der öffentlichen Ordnung in die Heilanstalt Bad Schussenried, eine psychiatrische Anstalt, eingewiesen.[1]

Aus Nachlässigkeit der Behörden und mangelndem Interesse seiner Verwandten blieben seine Anträge auf Entlassung jahrelang ungehört. In Bad Schussenried wurde er in der Buchbinderei beschäftigt und galt als „tüchtiger Arbeiter“. Nach seinen Erzählungen hat Mesmer in der Anstalts-Buchbinderei eine Illustrierte gelesen, in der über einen Österreicher und einen Franzosen berichtet wurde, die mit einem Fahrrad fliegen wollten. Seinem unbändigen Freiheitswillen – Mesmer unternahm in den späten 1930er Jahren 16 Fluchtversuche – verlieh er, beseelt vom ununterbrochenen Gedanken ans Fliegen, mit dem Zeichnen und Basteln von Flugmodellen in allen Variationen Ausdruck: nach antikem Vorbild, nur von Muskelkraft angetrieben. Am 10. Oktober 1932 tauchte erstmals folgende Notiz in seiner Krankenakte auf: „Hat eine Flugmaschine erfunden, gibt entsprechende Zeichnungen ab“.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erlernte er in der Anstalt die Korbflechterei. 1949 wurde er auf eigenen Wunsch in das Psychiatrische Landeskrankenhaus Weissenau verlegt. Im Jahr 1962 schreibt er seine Biografie mit dem Titel „Von einer Person, deren Lebensweg durch Orden wie psychiatrisches Krankenhaus führte“. 1964 wurde er schließlich in ein selbstbestimmtes Leben entlassen.

Ein Altenheim in Buttenhausen, einem kleinen Ort auf der Schwäbischen Alb, im Großen Lautertal zwischen Münsingen und Zwiefalten gelegen, war Mesmers letzte Lebensstation. Hier erregte er bei der Erprobung seiner aus allerlei Schrott verfertigten Flugmodelle Aufsehen. So sorgte er mit einem umgebauten Damenfahrrad für Furore und erhielt nach einiger Zeit von der Bevölkerung den Namen „Ikarus vom Lautertal“.[1] Jemals abgehoben ist von seinen Flugobjekten keines (er behauptete aber immer, mit einem seiner Modelle wäre er einmal ein paar Meter „ghoppst“ = gehüpft).

Er durfte im hohen Alter noch miterleben, wie seine Flugräder in Ausstellungen als „Outsider Art“ präsentiert wurden, unter anderem in einer Werkschau im Schloss Altshausen und in der von Manfred Gruber für den deutschen Beitrag zur WeltausstellungEXPO 1992“ in Sevilla geschaffenen Erlebnisstation „Der Traum vom Fliegen“.

Autobiografie[Bearbeiten]

  • Gustav Mesmer – Flugradbauer, Ikarus vom Lautertal genannt, hrsg. vom Büro für Gestaltung Kirchentellinsfurt. Tübingen: Silberburg-Verlag, 1999 (4. Aufl.), ISBN 3-87407-314-9

Filme[Bearbeiten]

  • Gustav Mesmer – der Flieger, Regie: Hartmut Schoen
  • Gustav Mesmers Traum vom Fliegen, Regie: Hartmut Schoen
  • Gustav Mesmer – So frei wie die Vögel, Regie: Holger Reile

Ausstellungskatalog[Bearbeiten]

  • Gustav Mesmer – „Der Ikarus vom Lautertal genannt“ (Photographien/Texte/Skizzen); Hrsg. Kultur unterm Schirm. Kirchentellinsfurt: Verlag Simon/Hartmaier/Mangold/Schirm, 2002.

Der Katalog erschien anlässlich der Mesmer-Ausstellung vom 17. November 2002 bis 19. Januar 2003 im Gewerbepark „Carl Schirm“ in Kirchentellinsfurt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Hartmut Löffel et al: Gustav Mesmer; in: Hartmut Löffel (Hg.): Oberschwaben als Landschaft des Fliegens. Eine Anthologie. Konstanz & Eggingen: Edition Isele, 2007; S. 151–174. ISBN 978-3-86142-429-1 (darin u.a. Gedichte von Mesmer).
  • Holger Reile: Der Ikarus vom Lautertal, in: Neues Deutschland vom 21. Juli 2011, S. 14
  • Gustav Mesmer, Ikarus vom Lautertal genannt, Audio-CD, Silberburg-Verlag Tübingen, 1998, ISBN 3-87407-449-8.

Rundfunkberichte[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Hörspiel: Ein Tüftler im Portrait. „Der Ikarus vom Lautertal“ erobert am 15. Januar das Dornier Museum in Friedrichshafen. In: Schwäbische Zeitung vom 30. Dezember 2010

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Nach anderen Angaben als fünftes von zehn Geschwistern.