Gymnasium in Deutschland

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Gymnasium Grimma
Historische Schulbibliothek des Gymnasiums Laurentianum Arnsberg
Blick über den Hafen auf das Alte Gymnasium Flensburg

Das Gymnasium als Teil des deutschen Schulsystems ist eine Sekundarschule mit einem sehr starken Fokus auf akademischem Lernen und Vorbereitung auf eine anschließende weiterführende akademische Ausbildung (Studium).

Allgemeines[Bearbeiten]

Die Schüler eines Gymnasiums werden als Gymnasiasten bezeichnet. Sie beginnen ihre Schullaufbahn im Alter von etwa zehn bzw. zwölf Jahren, je nachdem, ob die Grundschule in dem betroffenen Bundesland vier oder sechs Jahre lang dauert. Meistens entscheidet eine Empfehlung der Grundschullehrer über die Art der weiterführenden Schule, allerdings existieren in den Bundesländern verschiedene Ausnahmen von dieser Regel. In einigen Bundesländern können Eltern eine zusätzliche Prüfung ihres Kindes verlangen, in anderen sind die Empfehlungen nicht bindend und Eltern können sich darüber hinwegsetzen.

Klassischerweise dauerte die Schullaufbahn eines Gymnasiasten seit der preußischen Schulreform des 19. Jahrhunderts neun Jahre. Nachdem die Nationalsozialisten diesen Schulbesuch auf acht Jahre verkürzten (unter anderem mit der Begründung, eine „schädliche Überbildung der Jugend“ zu vermeiden),[1] wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in Westdeutschland wieder das neunjährige Gymnasium eingeführt, während im Osten Deutschlands unter Einfluss der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) die verkürzte Ausbildung beibehalten wurde. Seit 2004 gibt es allerdings auch in den alten Bundesländern das starke Bestreben, die gymnasiale Schullaufbahn auf acht Jahre (G8) zu beschneiden. Die Umsetzung ist in der überwiegenden Mehrzahl aller Bundesländer bereits geschehen (siehe Abitur nach zwölf Jahren).

Den erfolgreichen Abschluss bildet der höchste deutsche Schulabschluss, die allgemeine Hochschulreife, auch kurz als Abitur bezeichnet. Unter der Voraussetzung, dass die Zulassungsbedingungen zur Abiturprüfung erfüllt werden, ist die Teilnahme an der jährlich angebotenen Prüfung möglich. Da die Schulpflicht mit dem Ende des Unterrichts formal erfüllt wurde, ist die Abiturprüfung selber für die Schüler nicht verpflichtend, sondern die Teilnahme ist freiwillig und bedarf der vorherigen Anmeldung.

Neben den öffentlich finanzierten Gymnasien gibt es auch kirchlich oder privat getragene Gymnasien, die zum Teil Schulgeld verlangen. Diese Gebühren liegen allerdings deutlich unter denen vergleichbarer Schulen in anderen europäischen Ländern oder in Amerika. Vergleichbare ausländische Schultypen sind die frühere britische „Grammar School” oder die US-amerikanische „University Preparatory School”.[2]

Der Unterricht findet an Gymnasien meistens vormittags statt, wobei gerade auch durch die Schulzeitverkürzung im Rahmen von G8 auch an den Gymnasien ein Trend zur (offiziellen oder inoffiziellen) Ganztagsschule erkennbar ist. Einige wenige Gymnasien werden als Internat betrieben. Die allermeisten Gymnasien sind koedukativ, es gibt aber auch Gymnasien, an denen Jungen und Mädchen noch getrennt unterrichtet werden.

Kinder von Akademikern haben in Deutschland bei gleicher Kompetenz und Intelligenz eine dreieinhalbmal höhere Chance, auf das Gymnasium zu kommen, wie Kinder von Facharbeitern.[3]

Geschichte[Bearbeiten]

Das Gymnasium erwuchs aus der humanistischen Bewegung des 16. Jahrhunderts, das erste Schulsystem, welches auch Gymnasien umfasste, entstand 1528 in Sachsen.

Gymnasien für Mädchen[Bearbeiten]

Schülerinnen des Gymnasiums Nonnenwerth, einer reinen Mädchenschule, 1960

Der Besuch einer weiterführenden Schule wurde für Mädchen erst Ende des 19. Jahrhunderts möglich. Ein großer Schritt war die Petition von 1887 an das Preußische Unterrichtsministerium mit der Bitte um Gleichstellung der Mädchenausbildung mit der höheren Knabenausbildung. Begleitet wurde diese Petition mit der Schrift „Über die höhere Mädchenschule und ihre Bestimmung“, der sogenannten Gelben Broschüre von Helene Lange, in der sie eindringlich Kritik an der bestehenden Form der höheren Mädchenbildung übte.[4] Die ersten Mädchengymnasien (Lyzeen) entstanden ausschließlich aufgrund privater Initiativen, ohne staatliche Unterstützung. So wurde das erste Mädchengymnasium auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands vom Verein Frauenbildungsreform unter Leitung von Hedwig Kettler 1893 in Karlsruhe gegründet. Bedingung für die Aufnahme war der sechsjährige Besuch einer Höheren Mädchenschule.[5][6]

Erst im frühen 20. Jahrhundert gab es einen Anstieg der Anzahl von Mädchengymnasien, die den Grundstein für den Zugang von Frauen zu einer Universitätsbildung legten.

Koedukative Gymnasien wurden in den 1970er Jahren üblich, heute gibt es kaum noch geschlechtsgetrennt unterrichtende Schulen.

Klassische Jahrgangsbezeichnungen der Gymnasien[Bearbeiten]

Maulbronn Hof und Kirche.jpg

Die Jahrgängen an Gymnasien werden traditionell lateinisch bezeichnet und vom Abitur (Schullaufbahnende) her gezählt. Aufbauend auf einer vierjährigen Grundschulzeit lauten daher die klassischen Jahrgangsbezeichnungen:

Schuljahr seit Grundschuleinschulung Jahrgangsbezeichnung am Gymnasium
Fünftes Sexta
Sechstes Quinta
Siebtes Quarta
Achtes Untertertia
Neuntes Obertertia
Zehntes Untersekunda
Elftes Obersekunda
Zwölftes Unterprima
Dreizehntes Oberprima

Moderne Sprachen[Bearbeiten]

Die Einführung von Unterricht in Französisch und Englisch im frühen 20. Jahrhundert markierte den größten Wechsel im deutschen Schulsystem seit Einführung der Realschulen im 18. Jahrhundert. Heutzutage unterrichten alle deutschen Gymnasien verpflichtend Englisch (meistens als erste Fremdsprache), sowie wahlweise Französisch (meistens als zweite oder dritte Fremdsprache, fakultativ zu Latein) und Latein (als erste Fremdsprache an klassische humanistischen Gymnasien, ansonsten als zweite oder dritte Fremdsprache). Außerdem werden auch Altgriechisch (als fakultative dritte Fremdsprache an humanistischen Gymnasien) sowie vereinzelt weitere moderne Sprachen (u.a. Russisch, Dänisch, Niederländisch, Polnisch) unterrichtet.

Unterrichtssprache[Bearbeiten]

An den allermeisten Gymnasien wird der Unterricht (außer im Fremdsprachenunterricht) auf Hochdeutsch durchgeführt, auch dort, wo das Hochdeutsche nicht dem vorherrschenden Dialekt entspricht. Einige spezialisierte Gymnasien unterrichten allerdings auch zum Teil oder vollständig auf Englisch oder Französisch.

Unterrichtsfächer[Bearbeiten]

Gymnasiast beim Werkunterricht, Bonn, 1988
Diese Tafel des Arndt-Gymnasiums Dahlem zeigt zur Linken einen jungen Mann beim Studieren, während ein anderer zur Rechten Sport treibt – eine Versinnbildlichung des antiken Mottos „Mens sana in corpore sano“ – „ein gesunder Geist [wohnt] in einem gesunden Körper“; die Darstellung stammt aus dem Schulprogramm 2008

Die Curricula variieren zwischen den Schulen, aber umfassen grundsätzlich die Kernfächer Deutsch und Mathematik, die oben angesprochenen Fremdsprachen, die Naturwissenschaften Biologie, Physik und Chemie sowie Informatik, die Gesellschaftswissenschaften Erdkunde, Geschichte sowie Wirtschaft und Politik (oder Gesellschaftskunde)[7], die schönen Künste Musik und Kunst (manchmal auch Werken), sowie Philosophie und Religionsunterricht verschiedener Bekenntnisse. Außerdem findet in jeder Jahrgangsstufe auch Sportunterricht statt.

Die Ausbildung an den Gymnasien konzentriert sich ausdrücklich nicht nur auf rein akademische Fähigkeiten; vielmehr sollen ihre Schüler zu umfassend und vielseitig gebildeten Individuen erzogen werden, die ihre Umwelt selbstständig und kritisch erfassen können, um sie dann ausgerichtet an einem ethischen Rahmen positiv zu beeinflussen. Auch die körperliche Gesundheit im Sinne des antiken Mottos „Mens sana in corpore sano“ – „Ein gesunder Geist [wohnt] in einem gesunden Körper“ zählt zu diesen Rahmenbedingungen. Deshalb sind die Belegung der schönen Künste sowie Religions- oder Philosophieunterricht selbstverständlich, um den aus den übrigen Fächern entspringenden Fähigkeiten einen Rahmen und eine Verankerung in der freiheitlich- demokratischen Grundordnung zu bieten. Da das Grundgesetz die Religionsfreiheit sowie die Trennung von Kirche und Staat (Laizismus) garantiert, steht es jedem Schüler frei, den Religionsunterricht eines Bekenntnisses seiner Wahl (falls angeboten) oder alternativ den Philosophieunterricht zu besuchen.

Während für jüngere Schüler das Curriculum weitestgehend vorgegeben ist (die wesentliche Ausnahme bilden Auswahl und Reihenfolge der Fremdsprachen), können ältere Schüler in einem gewissen Rahmen wählen, welche Fächer sie weiter besuchen möchte und welche sie abwählen. Dabei gelten aber bestimmte Regeln, so müssen die Fächer Deutsch und Mathematik immer belegt werden, außerdem jeweils eine bestimmte Anzahl an Fremdsprachen, Naturwissenschaften, Gesellschaftswissenschaften und je mindestens eine der schönen Künste sowie Religions- oder Philosophieunterricht. Die akademischen Standards in all diesen Fächern sind generell vergleichsweise hoch, da das Gymnasium typischerweise auf die Schüler der oberen 25-35 % des Leistungsspektrums ausgerichtet ist.

Lehrkörper[Bearbeiten]

Die an den Gymnasien unterrichtenden Gymnasiallehrer müssen in zwei Unterrichtsfächern ein Universitätsstudium mit anschließender Staatsexamensprüfung absolviert haben. Je nach Bundesland kommen zwei weitere Nebenfächer hinzu, häufig handelt es sich entweder um Pädagogik oder Didaktik sowie um Fächer wie Psychologie, Soziologie oder Politologie. Nach Abschluss der universitären Ausbildung folgt eine Referendariatszeit, die durch eine zweites Staatsexamen abgeschlossen wird. Anschließend können sie in den regulären Schuldienst übernommen werden, allerdings zunächst entweder im Angestelltenverhältnis oder aber als Beamter auf Probe. Nach zwei bis drei Jahren folgt gewöhnlich die Verbeamtung auf Lebenszeit, der betreffende Lehrer führt ab dann den Titel eines Studienrats (StR) bzw. einer Studienrätin. Falls später zusätzliche Funktionen und Aufgaben wahrgenommen werden, kann anschließend eine Beförderung zum Oberstudienrat (OStR), Studiendirektor (StD) bis hin zum Oberstudiendirektor (OStD) erfolgen. Eine Interessenvertretung der Lehrer an Gymnasien und anderen auf das Abitur vorbereitenden Schulen ist der Philologenverband, daneben existieren weitere bedeutende Verbände wie etwa die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.

Geläufige Typen von Gymnasien[Bearbeiten]

Humanistisches Gymnasium (altsprachliches Gymnasium)[Bearbeiten]

Statue von Aristoteles am humanistischen Joachimsthal’schen Gymnasium

Als älteste und klassische Form des Gymnasiums haben humanistische Gymnasien für gewöhnlich eine jahrhundertealte Tradition. Sie unterrichten neben dem allgemeinen Curriculum auch Latein (als erste Fremdsprache) und Altgriechisch (manchmal auch Hebräisch). Die Wahl einer dritten Fremdsprache ist in der Regel verpflichtend. Ein Großteil des vermittelten Werte- und Bildungskanons basiert auf der Blütezeit der antiken Hochkulturen der Griechen und Römer. Für bestimmte Fächer, wie z. B. Geschichte, Medizin oder Pharmazie, verlangen viele Universitäten das Latinum oder sogar das Graecum als Nachweis der klassischen humanistischen Bildung.

Neusprachliches Gymnasium[Bearbeiten]

Der Schultyp des neusprachlichen Gymnasiums ist neueren Ursprungs. Kennzeichnend ist die Wahl einer modernen Sprache als erster Fremdsprache (überwiegenderweise Englisch, manchmal auch Französisch). Außerdem kann auch als zweite Fremdsprache eine moderne Sprache gewählt werden. Anstatt einer dritten Fremdsprache kann auch Physik als Hauptfach belegt werden, so ist der Erwerb des Abiturs ohne Unterricht in einer antiken Sprache möglich.

Sondertypen von Gymnasien[Bearbeiten]

Das Sportgymnasium und das Skigymnasium[Bearbeiten]

Das Sportgymnasium bietet neben dem allgemeinen Curriculum vielfältige Möglichkeiten der fokussierten Ausübung eines Sports sowie die entsprechende Betreuung und Anleitung. Häufig wird auch besondere Rücksicht auf die Bedürfnisse der Sportler genommen. Sportgymnasien werden meistens als Internat betrieben, da die Schüler infolge des spezialisierten Charakters dieser Schulen größtenteils von weither stammen. Das Skigymnasium ist eine Art eines besonders spezialisierten Sportgymnasiums.[8]

Musikgymnasium[Bearbeiten]

Im Musikgymnasium wird besonderer Wert auf das Erlernen eines oder mehrerer Musikinstrumente gelegt; neben dem generellen Curriculum gibt es eine Reihe weiterer musischer Pflicht- und Wahlfächer.[9]

Europäisches Gymnasium[Bearbeiten]

Das Europäische Gymnasium fokussiert seinen Unterricht auf den Erwerb moderner, in Europa gesprochener Fremdsprachen sowie auf die vertiefte Vermittlung von Wissen bezüglich Europas sowie europäischer Zusammenhänge und Sichtweisen. Häufig müssen mindestens drei moderne Fremdsprachen belegt werden,[10] oft kann sogar eine vierte freiwillig hinzugewählt werden.[11] Flüssiges Beherrschen mindestens zweier Fremdsprachen ist Voraussetzung für den erfolgreichen Abschluss an diesen Schulen.

Realgymnasium[Bearbeiten]

Das Realgymnasium ist ein früherer Gymnasialtyp, dessen Unterrichtsschwerpunkt bei der Mathematik und den Naturwissenschaften lag. Im Zuge der Bildungsreformen der 1960er Jahre wurde er abgeschafft.[12]

Gymnasien für die Erwachsenenbildung[Bearbeiten]

Für Erwachsene, die ihre ursprüngliche Schullaufbahn nicht mit dem Abitur beendet haben, gibt es eine Reihe (weiterhin kostenloser) auf die Erwachsenenbildung spezialisierter Gymnasien, die den nachträglichen Erwerb des Abiturs ermöglichen. Meistens umfassen diese Schulen nur die oberen drei oder vier Jahrgänge des Gymnasiums, da in der Regel eine Realschulabschluss (mittlere Reife) Zugangsvoraussetzung ist und somit nur noch das zusätzliche Wissen, welches Realschulabschluss und Abitur unterscheidet, vermittelt werden muss. Typische Beispiele sind das Abendgymnasium, das Aufbaugymnasium und das Wirtschaftsgymnasium.

Leistungsbewertung[Bearbeiten]

Die meisten Schüler eines Gymnasiums planen den anschließenden Besuch einer Hochschule, was auch mit der Hauptaufgabe des Gymnasiums, nämlich der Vorbereitung auf eine akademische Ausbildung, übereinstimmt. Dementsprechend ist die Notenvergabe an Gymnasien relativ streng, auch wenn es große Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern gibt. Einer Studie zufolge befindet sich ein Oberstufenschüler mit genau durchschnittlichen mathematischen Fähigkeiten (also Fähigkeiten, die genau dem Durchschnitt der mathematischen Fähigkeiten aller Oberstufenschüler seines Altersjahrgangs entsprechen; bei einem objektiven Test schneiden 50 % besser und 50 % schlechter ab als er selbst) am unteren Ende der Leistungen einer Gymnasialklasse und bekäme nur die Note „5“ (und würde unter Umständen durchfallen), während derselbe Schüler an einer Gesamtschule in der oberen Hälfte des Leistungsspektrums anzufinden wäre und die Note „3+“ bekäme. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass dieser exakt durchschnittliche Schüler deshalb zur vollen Entfaltung seiner Fähigkeiten auf einem anderen Schultyp als dem Gymnasium besser aufgehoben wäre.[13]

Mehreren Studien zufolge haben Gymnasien in den südlichen Bundesländern höhere Leistungsstandards als die Gymnasien in anderen Teilen der Republik. So schnitten bei einem wissenschaftlich erarbeiteten standardisierten Mathematiktest Schüler der südlichen Bundesländer wesentlich besser ab als jene weiter nördlich.[13] Auch bei einer der PISA-Studien zeigten Schüler aus den Ländern Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen und Thüringen die besten Ergebnisse.

Schulsport[Bearbeiten]

Schüler des Arndt-Gymnasiums in Dahlem bei einer Bootstaufe, 2007

Schüler aller Jahrgangsstufen müssen Kurse des Sportunterrichts belegen. Darüber hinaus haben viele Gymnasien noch diverse Mannschaften oder Arbeitsgemeinschaften (AGs), in denen Schüler freiwillig einen Sport vertiefen können. Typische Sportarten sind Fußball, Tischtennis, Federball, Rudern oder Hockey.

Sonstige Aktivitäten[Bearbeiten]

Posaunenchor des Gymnasiums in Gütersloh, 2006, die Schüler tragen traditionelle Uniformen und Mützen

An den meisten Gymnasien gibt es viele verschiedenen AGs, z. B. diverse Chöre, Mitwirkung in Musicals oder Theateraufführungen, Schachclubs, Fotografie, Verfassen und Herausgeben einer Schülerzeitung oder Fürsorge für die Umwelt und vieles mehr. An einigen Gymnasien müssen die Schüler an mindestens einer AG mitwirken, meistens aber ist die Teilnahme völlig freigestellt.

Auslandsjahr[Bearbeiten]

In den letzten Jahrzehnten haben immer mehr Gymnasiasten die Möglichkeit genutzt, ein Halb- oder auch ein ganzes Jahr im Ausland die Schule zu besuchen, um ihre Sprachkenntnisse (meistens Englisch) zu vertiefen und eine andere Kultur kennenzulernen. Dies entspricht auch dem oben angesprochenen Bemühen um die Vermittlung einer umfassenden Bildung anstatt der Durchführung einer reinen „Ausbildung“ im Sinne optimaler wirtschaftlicher Verwertbarkeit. Im klassischen Modell des neunjährigen Gymnasiums bzw. der dreizehnjährigen Schulbildung wurde typischerweise der elfte Jahrgang für einen Auslandsschulbesuch genutzt, da Schüler, die bestimmten Leistungskriterien entsprachen (z. B. einem bestimmten Notenschnitt), eine Fortsetzung des Schulbesuchs in Deutschland in der zwölften Klasse erlaubt wurde, so dass sich die Schulbesuchsdauer insgesamt nicht verlängerte und die Schüler auch wieder in ihre gewohnte Klasse zurückkehren konnten. Mit Einführung des achtjährigen Gymnasiums zählt der elfte Jahrgang bereits in die Qualifikationsphase des Abiturs, so dass ein Austausch in diesem Jahr nur schwerlich möglich ist. Stattdessen ist nun der zehnte Jahrgang optimal, wenn es nicht zu einer Verlängerung der Schulzeit kommen soll, allerdings sind damit auch die Schüler noch ein Jahr jünger, wenn sie zum ersten mal alleine ins Ausland gehen sollen, und es stellt sich die Frage, ob deswegen nicht letztlich weniger Schüler als andernfalls diese Gelegenheit wahrnehmen werden.[14] Zudem besteht die Möglichkeit, nach Abschluss der 10. Klasse ein Auslandsjahr zu absolvieren, um nach der Rückkehr den Besuch des Gymnasiums in der 11. Klasse wieder aufzunehmen.

Schuluniform[Bearbeiten]

Gymnasiasten mit traditionellen Mützen, 1904. Das Tragen wurde nicht als Pflicht, sondern als Privileg gesehen.

Im Allgemeinen gibt es an deutschen Gymnasien – wie an den meisten deutschen Schulen – keine Schuluniform. Zwar bieten viele Schulen Kleidung mit dem Schulnamen und –wappen an, allerdings ist das Tragen freiwillig.

Früher hingegen war das Tragen einer kennzeichnenden Schulmütze unter Gymnasiasten üblich. Deren Farbe variierten zwischen den Gymnasien und Klassenstufen.

Nach der Machtergreifung der Nazis wurden diese Mützen aus politischen Gründen verboten, teilweise sogar in der Öffentlichkeit verbrannt. Die Identifizierung der Schüler mit ihrer Schule und deren Werten sollte vermieden werden. Stattdessen sollten alle Schüler Uniformen der Hitlerjugend bzw. des Bund deutscher Mädel tragen. Heutzutage hingegen werden diese Mützen wieder verkauft.[15] Seit einigen Jahren ist es auch üblich, zur Feier des Abiturs ein eigenes Polohemd oder T-Shirt für den jeweiligen Abiturjahrgang zu erstellen, das dann bei verschiedenen Gelegenheiten während der Abiturzeit getragen wird (z. B. zum Abistreich).

Fördervereine[Bearbeiten]

Gymnasiasten auf Skifreizeit. Häufig werden die Kosten derartiger Veranstaltungen für ärmere Schüler von Fördervereinen getragen.

Fördervereine oder Schulvereinen versuchen auf verschiedene Weisen die jeweilige Schule zu unterstützen. Sie werden meistens von Eltern oder Alumni finanziert.

Schulgeld[Bearbeiten]

Die überwiegende Mehrheit der Gymnasien in Deutschland wird öffentlich betrieben und verlangt kein Schulgeld. Nach § 7, Abs. 4 des Grundgesetzes dürfen Schüler nicht aufgrund des Einkommens ihrer Eltern benachteiligt werden. Deswegen bieten die meisten privaten Gymnasien Stipendien oder den Schulbesuch zu einem reduzierten Schulgeld für Kinder aus einkommensschwachen Familien an.

2005 gab der deutsche Staat durchschnittlich 5400 Euro pro Gymnasiast und Jahr aus; dies ist weniger, als pro Schüler an einer Hauptschule (5600 Euro) oder an einer Gesamtschule (5700 Euro) ausgegeben wurde, aber mehr, als pro Realschüler. (4.500 Euro).[16]

Integration von Schülern mit Migrationshintergrund[Bearbeiten]

Während ein Drittel aller deutschen Schüler mindestens einen Elternteil ausländischer Herkunft hat,[17] ist der Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund an den Gymnasien wesentlich geringer. Allerdings gilt diese anteilige Unterrepräsentation nicht pauschal für alle Gruppen von Zuwanderern; so besucht von den Kindern mit russisch-jüdischem, chinesischem, koreanischen oder vietnamesischen Hintergrund sogar ein höherer Anteil Gymnasien, als dies bei Kindern mit rein deutschem Hintergrund der Fall ist.[18][19][20]

Abschneiden von Gymnasiasten in verschiedenen Tests[Bearbeiten]

Intelligenzquotient[Bearbeiten]

Nur einige wenige spezialisierte Gymnasien wählen ihre Schüler anhand von IQ-Tests aus. Eine Studie von 1999 legte offen, dass Zehntklässler von regulären Gymnasien und Zehntklässler von Realschulen einen höheren Intelligenzquotient haben als Zehntklässler von Gesamt- oder Gemeinschaftsschulen. Außerdem war der Rückstand der Gesamtschüler in der zehnten Klasse noch höher als bereits in der siebten Klasse.[21][22] Die Medien reagierten auf diese Studie mit der Aussage, Gesamtschulen seien „ein Ort, an dem die Intelligenz verkümmert“.[22] Nach Aussage des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung verkümmert die Intelligenz an Gesamtschulen nicht; Schüler der zehnten Klasse der Gesamtschule schnitten nicht schlechter ab als Schüler der siebten Gesamtschulklasse. Stattdessen vergrößere sich der Unterschied, da der Intelligenzquotient der Gymnasiasten und Realschüler in der Zeit zwischen der siebten und der zehnten Klasse weiter wächst. Dies wird unter anderem damit begründet, dass bei diesen beiden Schultypen die lernschwächsten Schüler die Schule zwischenzeitlich verlassen, da sie mit dem Niveau des Rests der Klasse nicht mithalten können.[23]

Das Gymnasium und das Abschneiden bei standardisierten Tests[Bearbeiten]

In Deutschland werden keine regelmäßigen standardisierten und objektiven Tests zum Leistungsvergleich zwischen Gymnasien und Gesamtschulen unternommen, und die meisten Schüler sind deshalb mit dieser Art von Test nicht vertraut. Allerdings nutzen einige Wissenschaftler standardisierte Tests zu Schulevaluation. Demnach übertreffen die Leistungen von gymnasialen Zehntklässlern diejenigen von Gesamtschulzehntklässlern um eine volle Standardabweichung bei einem standardisierten Mathematiktest. Dies entspricht einem Vorsprung von zwei bis drei Schuljahren.[13] Die Unterstützer von Gesamtschulen kritisieren solche Studien mit der Begründung, dass standardisierte Tests Gesamtschüler benachteiligen, da Gesamtschüler vor allem Kompetenzen wie „Unabhängigkeit, Teamwork, Kreativität und Konfliktmanagement“ erlernten, was aber in Tests nicht gemessen werde.[24] In einigen Bundesländern wie Niedersachsen wird dem Rückstand Rechnung getragen, indem Gesamtschüler und Realschüler, welche die 10. Klasse erfolgreich absolvierten, bei einem Wechsel ans Gymnasium grundsätzlich erneut in die 10. Klasse eingeschult werden.

Gymnasiasten und soziale Fähigkeiten[Bearbeiten]

Einer umstrittenen Studie zufolge, die den Charakter der Schüler verschiedener Schulformen auf Grundlage eines standardisierten Tests erfasst, sind Realschüler und Gymnasiasten eher dazu bereit, respektvoll und verantwortungsbewusst mit den Gefühlen anderen Menschen umzugehen, als dies für Gesamtschüler gilt.[25] Dieser Studie zufolge gibt es unter Gymnasiasten den höchsten Anteil an als „selbstlos“ eingestuften Schülern, verglichen mit allen anderen Schulformen. Diese Studie wurde allerdings von vielen Seiten kritisiert mit der Begründung, der Charakter könne nicht mit standardisierten Tests gemessen werden und die Antworten der Schüler könnten von ihrem wirklichen Verhalten abweichen. Außerdem wurde bemängelt, dass die Fragen in zu akademischer Sprache und damit für viele Gesamtschüler missverständlich formuliert worden waren.[24]

Leistungen von Gymnasiasten beim TOEFL[Bearbeiten]

Schüler, die das Abitur auf einem Gymnasium anstreben, erzielen deutlich bessere Ergebnisse beim TOEFL (englisch „Test of English as a Foreign Language“) als zukünftige Abiturienten einer Gesamtschule, die allerdings wiederum noch etwas besser waren als Schüler eines Aufbaugymnasiums, Technischen Gymnasiums oder eines Wirtschaftsgymnasiums.

Schultyp Prozent an Schülern, die mindestens
500 Punkte erreichen
Prozent an Schülern, die mindestens
550 Punkte erreichen
Prozent an Schülern, die mindestens
600 Punkte erreichen[26]
Traditionelles Gymnasium 64,7 % 32,0 % 08,1 %
Gesamtschule/Gemeinschaftsschule 30,5 % 11,3 % 02,2 %
Aufbaugymnasium 18,9 % 05,2 % 00,9 %
Wirtschaftsgymnasium 19,7 % 05,7 % 00,4 %
Technisches Gymnasium 22,3 % 12,6 % 01,0 %

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Matthew Arnold: Higher Schools and Universities in Germany. second edition. London 1882.
  • Wilhelm Schrader: Erziehungs- und Unterrichtslehre für Gymnasien und Realschulen. 5. Auflage. Berlin 1893.
  • Friedrich Paulsen: German Education, Past and Present. New York 1908.
  • Adolf Beier: Die höheren Schulen in Preußen und ihre Lehrer. Halle 1909.
  • John Franklin Brown: The Training of Teachers for Secondary Schools in Germany and the United States. New York 1911.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Rolf-Dieter Müller, Hans Erich Volkmann: Die Wehrmacht. Oldenbourg-Verlag, 1999, S. 447.
  2. siehe en:University-preparatory School (auf englisch)
  3. Barbara Gillmann: Deutschland vergeudet seine Talente. In: Handelsblatt. Nr. 241, 12. Dezember 2012, ISSN 0017-7296, S. 8.
  4. Hildegard Küllchen, Sonja Koch, Brigitte Schober, Susanne Schötz (Hrsg.): Frauen in der Wissenschaft. Leipziger Universitätsverlag, 2010, S. 27.
  5. Gründerin der ersten deutschen Mädchengymnasien Kalenderblatt von Ulrike Rückert, Deutschlandradio Kultur, 5. Januar 2012
  6. Geschichte des Lessing-Gymnasiums
  7. Dieses Fach hat verschiedene Namen in den verschiedenen Ländern; siehe Gemeinschaftskunde
  8. Für weitere Informationen Sportgymnasium
  9. Für weitere Informationen: Musikgymnasium
  10. Informationen zum Europäischen Gymnasium Typ II. Did.mat.uni-bayreuth.de. Abgerufen am 23. Juni 2010.
  11. "Europäisches Gymnasium" im Aufwind. Pressemeldung des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg. 28. Juni 2005 auf: Bildungklick.de
  12. Manfred Fuhrmann: Latein und Europa, Die fremdgewordenen Fundamente unserer Bildung, Die Geschichte des gelehrten Unterrichts in Deutschland von Karl dem Großen bis Wilhelm II. Köln, 1. Auflage. 2001, ISBN 3-7701-5605-6, 2. Auflage. 2001, ISBN 3-8321-7948-8.
  13. a b c Manfred Tücke: Psychologie in der Schule, Psychologie für die Schule: Eine themenzentrierte Einführung in die Psychologie für (zukünftige) Lehrer. 4. Auflage. LIT Verlag, Münster 2005, S. 126 f. (Die Studie wurde in Nordrhein-Westfalen mit Leistungskursschülern durchgeführt).
  14. Auslandsjahr trotz G8? 5. März 2009 auf: eltern.de
  15. gradcaps.eu. gradcaps.eu. Abgerufen am 23. Juni 2010.
  16. Klaus Klemm: Bildungsausgaben im föderalen System - Zur Umsetzung der Beschlüsse des ‚Bildungsgipfels’. (PDF; 548 kB) Friedrich Ebert Stiftung, S. 41.
  17. Statistisches Bundesamt Deutschland: Leichter Anstieg der Bevölkerung mit Migrationshintergrund. Pressemitteilung Nr.105 vom 11. März 2008.
  18. Marina Mai: Schlaue Zuwanderer: Ostdeutsche Vietnamesen überflügeln ihre Mitschüler. In: Der Spiegel. 7. Oktober 2008.
  19. Sun-Ju Choi, You-Jae Lee: Umgekehrte Entwicklungshilfe - Die koreanische Arbeitsmigration in Deutschland. Seoul: Goethe Institute, Januar 2006.
  20. Panagiotis Kouparanis: Migrantenkinder mit Bildungserfolg. auf: Deutschlandradio Kultur. 15. November 2005. abgerufen 20. Januar 2008
  21. Manfred Tücke: Psychologie in der Schule, Psychologie für die Schule: Eine themenzentrierte Einführung in die Psychologie für (zukünftige) Lehrer. 4. Auflage. LIT Verlag, Münster 2005, S. 126.
  22. a b Kathrin Spoerr: Die Gesamtschule: Ein Ort, an dem Intelligenz verkümmert. In: Die Welt. 8. Februar 2000.
  23. Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Brief an die Gemeinnützige Gesellschaft Gesamtschule e.V. (9. Februar 2000)
  24. a b Anne Ratzki: BiJu und die Gesamtschule oder: Über die Subjektivität von Noten.
  25. Jürgen Baumert, Olaf Köller: Nationale und internationale Schulleistungsstudien: was können sie leisten, wo sind ihre Grenzen? Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
  26. Josef Keuffer, Maria Kublitz-Kramer: Was braucht die Oberstufe? Beltz-Verlag, Weinheim/Basel 2008, ISBN 978-3-407-25487-0, S. 112.