Hängende Gärten der Semiramis

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Künstlerische Interpretation der Hängenden Gärten der Semiramis (vermutlich 19. Jahrhundert)

Die Hängenden Gärten der Semiramis in Babylon, auch die Hängenden Gärten der Semiramis, die Hängenden Gärten von Babylon (altgriechisch oἱ [τῆς Σεμιράμιδος] Κῆποι Κρεμαστοὶ Βαβυλώνιοι (hoi tês Semirámidos Kêpoi Kremastoí Babylônioi), lateinisch Semiramidis Horti Pensiles oder Horti Pensiles Babylonis, arabisch ‏الحدائق المعلّقة‎, DMG al-ḥadāʾiq al-muʿallaqa) genannt, waren den Berichten griechischer Autoren nach eine aufwändige Gartenanlage in Babylon am Euphrat (Zweistromland, im heutigen Irak gelegen) und eines der Sieben Weltwunder der Antike. Die griechische Sagengestalt der Semiramis wird manchmal mit der assyrischen Königin Schammuramat gleichgesetzt.

Geschichte[Bearbeiten]

Eine graphische Interpretation: Die schwebenden Gärten von Babylon. In: Humphrey Prideaux: Alt- und Neues Testament In eine Connexion Mit der Jüden und benachbarten Völcker Historie gebracht, Andere Edition Dresden, J. M. Lobeck, 1726: stufenförmig angelegte große Garten- bzw. Parkterrassen

Nach der allgemeinen Überlieferung sollen die Gärten von Königin Semiramis errichtet worden sein, deren Ruhm auch heute noch bis ins entfernte Armenien reicht, wo ein großer Bewässerungskanal für die Stadt Wan am Vansee "Strom der Semiramis" und der höchste Teil des Kastels der Stadt "Semiramisburg" genannt wird. Gegen die bereits im Altertum kursierende Meinung, dass die Gärten von Semiramis errichtet wurden, erhob aber schon Diodor Protest (II, 10, I): Vielmehr habe sie ein babylonischer König erbaut. Nach genauerer Mitteilung des Borosos sei es Nebukadnezar II. gewesen: Seine Gemahlin soll sich nach dem Tiefland von Babylonien und den Wäldern und Bergen gesehnt haben, so habe der König ihr die Hängenden Gärten erbaut.[1]

Auch andere wichtige antike Autoren, die sich in der Gegend aufhielten oder über die Gegend berichten, nennen die Gärten nicht so, etwa Herodot (Historien I, 181), Xenophon (Kyropaedia) und Plinius (Naturgeschichte VI. 123).[2]

Die Beschreibungen, denen wir unsere Vorstellung dieser Gärten verdanken, gehen auf folgende Autoren zurück:

  • Antipatros von Sidon (Beginn des 2. Jahrhunderts v. Chr.), in dessen Gedicht über die Sieben Weltwunder in der Anthologia Palatina jedoch kein Ort genannt wird („… auch die Hängenden Gärten und den Koloß des Helios, …“).[3]
  • Den Chaldäer Berossos (* etwa 350 v. Chr.), aus dessen verlorenem Werk Babyloniaka der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus ausführlich zitierte.
  • Den griechischen Mediziner Ktesias von Knidos, der um 400 v. Chr. in persische Kriegsgefangenschaft geriet und als Leibarzt des Königs Artaxerxes II. tätig war. Er hinterließ ein umfangreiches und streckenweise fantasiereiches Werk mit dem Titel Persika. Was er darin über Babylon schrieb, ist weitgehend verloren, bis auf Zitate in den Werken von Diodor und Quintus Curtius Rufus.
  • Diodoros Sikulos, der seine Beschreibung (Historien II. 10.1-6) ungefähr in der Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. schrieb und der aus einem mittlerweile verloren gegangenen Werk des Griechen Ktesias von Knidos zitiert. Ktesias diente vermutlich lange vor den Eroberungen durch Alexander den Großen am persischen Hof. Sein Bericht beruht vermutlich wiederum auf einem Bericht des antiken griechischen Geschichtsschreibers Kleitarchos.[4] Diodoros Sikulos' Bericht ist vor allem wesentlich, weil er eindeutig festhält, dass kein Mechanismus sichtbar war, der das Wasser nach oben transportierte.[5]
  • Strabon, ein griechischer Gelehrter, der im 1. Jahrhundert v. Chr. seine Geographie schrieb.
  • Flavius Josephus, der sich auf Berossus beruft.
  • Philon von Byzanz, der vermutlich um 250 v. Chr. eine Art Reiseführer zu den „Sieben Weltwundern“ schrieb.

Nach den antiken Schriftstellern lagen die Hängenden Gärten neben oder auf dem Palast und bildeten ein Quadrat mit einer Seitenlänge von 120 m. Die Terrassen erreichten eine Höhe von ca. 25 bis 30 m. Die dicken Mauern und Pfeiler des Aufbaugerüstes waren überwiegend aus Brandziegeln hergestellt, unter den einzelnen Stufenabsätzen sollen sich Gänge befunden haben. Die Etagenböden bestanden aus drei Lagen, eine Lage aus Rohr mit viel Asphalt, darüber eine doppelte Lage aus gebrannten Ziegeln, die in Gipsmörtel eingebettet waren, und ganz oben dicke Platten aus Blei. So wurde ein Durchdringen von Feuchtigkeit verhindert. Auf diese Konstruktion hätte man Humus aufbringen und verschiedene Baumsorten einpflanzen können. Eine Bewässerung war aus dem nahegelegenen Euphrat möglich.

Archäologische Lokalisierungsversuche[Bearbeiten]

Oft wird die von Robert Koldewey im Nordostteil des Südpalastes ausgegrabene Anlage, deren Fundament aus mehreren überwölbten Räumen bestand, als Überrest der hängenden Gärten gedeutet. Dieser Bau bestand aus vierzehn Kammern. Die Grundmauern bildeten ein Trapez mit Kantenlängen zwischen 23 und 35 Metern.[6] Außerdem verfügte der Bau über eine Brunnenanlage. Auffällig waren vor allem die paternosterähnlichen Bauten, die anscheinend Wasser zwischen mehreren Etagen transportierten. Man fand heraus, dass dieses Wasser mehreren Quellen entsprang. Das ausgegrabene Areal wird Nebukadnezar II. zugewiesen.

Bild eines assyrischen Gartens

Wolfram Nagel lokalisiert die Gärten im Westen der Südburg, wohl im Bereich des Außenwerks, und nimmt dann einen Neubau in persischer Zeit durch Atossa, die Mutter Xerxes' I., an, die damit an ihre „Großtante Amyitas“, für die Nebukadnezar Gärten hatte einrichten lassen, erinnern wollte.[7]

Julian Reade lokalisiert die Gärten im Außenwerk des sogenannten Nordpalastes, nach Osten zum Palast hin orientiert.

Stephanie Dalley schlug Anfang der 90er vor, dass das Vorbild der Hängenden Gärten der Palastgarten des assyrischen Königs Sanherib in Niniveh am Tigris war.[8][9] Dieser sei für seine Gattin Tāšmetun-Šarrat erbaut und mittels einer archimedischen Schraube bewässert worden. Dalley legte 2013 in einem Buch weitere Belege aus topografischen Untersuchungen und historischen Quellen für ihre Hypothese vor.[10][11]

Andere Deutungen[Bearbeiten]

Kai Brodersen nimmt an, dass diese Gärten nie existierten, sondern dass ein unzugänglicher Palastgarten Nebukadnezars II. im Laufe der Jahrhunderte in der Fantasie der Autoren immer wunderbarere Formen annahm. Als Beleg führt er an, dass diese Bauten bis heute nicht zufriedenstellend lokalisiert werden konnten, dass man dem Garten Bewässerungsformen unterstellte, die erst nach Nebukadnezar II. erfunden wurden, und dass weder zeitgenössische babylonische Texte noch Herodot von einem solchen Bau berichten. Auch andere Autoren (z. B. Jursa 2004, 77) bezweifeln inzwischen die Deutung Koldeweys.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Eckard Unger: "Babylon, die heilige Stadt" Verlag Walter de Gruyter & Co 1931, ISBN 3110026767, 9783110026764, S. 217
  2. Stephanie Dalley, Nineveh, Babylon and the Hanging Gardens: Cuneiform and Classical Sources reconciled. Iraq 56, 1994, 45-58. Stable URL: http://www.jstor.org/stable/4200384,45-46
  3.  Kai Brodersen: Die sieben Weltwunder. Legendäre Kunst- und Bauwerke der Antike. C.H. Beck, München 2004, ISBN 978-3-406-45329-8, S. 10.
  4. Stephanie Dalley: The mystery of the Hanging Garden of Babylon: an elusive world wonder traced. Oxford, Oxford University Press 2013. ISBN 9780199662265, S. 30
  5. Stephanie Dalley: The mystery of the Hanging Garden of Babylon: an elusive world wonder traced. Oxford, Oxford University Press 2013. ISBN 9780199662265, S. 31.
  6. Johannes Thiele: Die Sieben Weltwunder. Marix-Verlag, Wiesbaden 2006, ISBN 3-86539-906-1, S. 58.
  7. Wolfram Nagel: Wo lagen die „Hängenden Gärten“ von Babylon? Mitteilungen der Deutschen Orient-Gesellschaft 110, 1978, S. 26.
  8. Stephanie Dalley: Nineveh, Babylon and the Hanging Gardens: cuneiform and classical sources reconciled. Iraq 56, 1994, S. 45–58; Stephanie Dalley, Ancient Mesopotamian Gardens and the Identification of the Hanging Gardens of Babylon resolved. Garden History 21/1, 1993, 1-13. Stable URL: http://www.jstor.org/stable/1587050
  9. Tobias Dorfer: Hängende Gärten von Babylon existierten tatsächlich - in Ninive. In: Süddeutsche Zeitung, 6. Mai 2013. Abgerufen am 11. Mai 2013. Dazu auch: Die Hängenden Gärten von Babylon. Dokumentation GB 2014 (gesendet auf Arte am 22. März 2014)
  10. Stephanie Dalley: The mystery of the Hanging Garden of Babylon: an elusive world wonder traced. Oxford, Oxford University Press 2013. ISBN 9780199662265
  11. Die Hängenden Gärten von Babylon. Dokumentation (52 min.)

Literatur[Bearbeiten]

  • Fritz Krischen: Weltwunder der Baukunst in Babylonien und Jonien. Wasmuth, Tübingen 1956.
  • C. W. Ceram: Götter, Gräber und Gelehrte. Roman der Archäologie. Rowohlt, Reinbek 2000, ISBN 3-499-61136-8.
  • Eckard Unger: "Babylon, die heilige Stadt" Verlag Walter de Gruyter & Co 1931, ISBN 3110026767, ISBN 9783110026764, S. 216-223.
  • Stephanie Dalley: Ancient Mesopotamian gardens and the identification of the Hanging Gardens of Babylon resolved. Garden History 21/1, 1993, S. 1–13.
  • Stephanie Dalley: Nineveh, Babylon and the Hanging Gardens: cuneiform and classical sources reconciled. Iraq Bd. 56, 1994, S. 45–58.
  • Jean-Jacques Glassner: À propos des Jardins Mésopotamiens. In: Rika Gyselen (Hrsg.): Jardins d'Orient. Res Orientales Bd. 3, Paris 1991, S. 9–17.
  • Michael Jursa: Die Babylonier. Geschichte. Gesellschaft. Kultur. C. H. Beck Verlag, München 2004, ISBN 3-406-50849-9.
  • Robert Koldewey: Das wiedererstehende Babylon. Die bisherigen Ergebnisse der deutschen Ausgrabungen. Berlin 1912; 2. Auflage. Leipzig 1913; C. H. Beck, München 1990.
  • Wolfram Nagel: Wo lagen die „Hängenden Gärten“ von Babylon? Mitteilungen der Deutschen Orient-Gesellschaft 110, 1978, S. 19–28.
  • Fauzi Rasheed: The Hanging Gardens are the refrigerator of Babylon. In: Masao Mori, Hideo Ogawa, Mamoru Yoshikawa (Hrsg.): Near Eastern Studies dedicated to H. I. H. Prince Takahito Mikasa on the occasion of his Seventy-Fifth birthday. Wiesbaden 1991, S. 349–361.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Hängende Gärten der Semiramis – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien