Hängolin

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Hängolin (auch Hängulin o. Ä.) bezeichnet ein nicht näher beschriebenes Anaphrodisiakum oder Beruhigungsmittel, welches angeblich der Verpflegung männlicher Soldaten, Gefängnisinsassen oder Internatsbewohnern beigemischt wurde, um deren Libido und/oder Erektionsfähigkeit zu senken.

Als Gründe für die Verabreichung werden Konfliktvermeidung, Verhinderung homosexueller Praktiken und Masturbation sowie Minderung des sexuellen Leidensdruckes angeführt.

Der Begriff findet sich vor allem beim deutschen Militär,[1] wie Wehrmacht, NVA[2][3] und Bundeswehr, er wird jedoch heute fast nur noch scherzhaft verwendet.

Bezeichnungen[Bearbeiten]

Hängolin ist der älteste bekannte Name. Aus der Wehrmacht während des Zweiten Weltkrieges gut nachgewiesen, geht er wahrscheinlich auf die Zeit des Ersten Weltkrieges zurück und lehnt sich durch die Endung „-olin“ an eine damals allgemein gebräuchliche Benennung ölig gelöster Medikamente an. Die Herkunft des Wortstamms und seine erstmalige Verwendung ist ungeklärt. In der Alltagsrezeption wird oft die Silbe „Häng-“ als Gegenteil von Erektion gedeutet. Im Ersten Weltkrieg gab es tatsächlich Nahrungsbeigaben, allerdings handelte es sich um Vitamine und Zusatzstoffe.

„Hängolin“ könnte auch aus einem heute kaum mehr bekannten Vorgänger-Mythos entstanden sein. Eine ähnliche Wirkung wurde zum Beispiel dem Speisesoda, Brom[4] oder Natron angedichtet und dessen angeblich „abregende“ Wirkung fälschlich zur Selbstmedikation empfohlen. Außerhalb des Militärs wird diese Wortschöpfung aus der Soldatensprache ironisch für echte Medikamente gebraucht, die Erektionsstörungen oder Vergleichbares als Nebenwirkungen haben.

Es gibt regional unterschiedliche Bezeichnungen für das Mittel, die sich von Zeit zu Zeit ändern. So wird in der Schweiz seit den 1980er Jahren dieselbe Wirkung einem Präparat namens Antibock zugeschrieben. Weitere Synonyme sind beispielsweise Schlapposan, Nullbock oder Schlappofix, jeweils mit Endungen, die an Namen von Medikamenten erinnern.

Wahrheitsgehalt[Bearbeiten]

Nach gängiger Meinung ist die Geschichte um Hängolin als Moderne Sage anzusehen, da es zu keiner Zeit Beimischungen von Medikamenten in Nahrungsmittel zur Senkung von Libido oder Erektionsfähigkeit bei Soldaten gab. Zum einen existieren keine geeigneten Substanzen, deren Beigabe für viele Individuen gleichzeitig hinreichend genau dosiert werden kann, so dass Wirkung erreicht und unerwünschte Nebenwirkung vermieden wird. Zum anderen war und ist die unfreiwillige Verabreichung solcher Stoffe im Verbreitungsgebiet dieses Mythos zu Friedenszeiten nicht rechtlich legitimiert, wäre mithin eine Körperverletzung. Selbst für Kriegsbedingungen war der systematische Einsatz solcher Mittel nie in Erwägung gezogen worden. Trotzdem hält sich das Hängolin-Gerücht hartnäckig unter Soldaten.

Die Hängolin-Story war auch Bestandteil der Inszenierung, mit der ältere Soldaten und Vorgesetzte den Neurekrutierten ein bedrohliches, einschüchterndes Bild von den Militärverhältnissen zu vermitteln suchten, in denen besondere Regeln gelten, vor allem was die Individualrechte betrifft. Im DDR-Militär tradierte sich der Mythos mit den Ritualen und Sprüchen der EK-Bewegung.

In mittelalterlichen Klöstern wurde angeblich der gestagenhaltige Mönchspfeffer verwendet mit der Zielsetzung, den Mönchen die Einhaltung der Keuschheitsregeln zu erleichtern.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Georg Lentz: Muckefuck. Roman. Melzer, München 2004, ISBN 3-937389-41-5. S. 236.
  2. Joerg Waehner: Einstrich-Keinstrich: NVA-Tagebuch. Kiepenheuer & Witsch, 2006, ISBN 978-3462036749
  3. Stefan Wolter: Hinterm Horizont allein - der „Prinz“ von Prora: Erfahrungen eines NVA-Bausoldaten. Projekte-Verlag 188, 2005, ISBN 978-3938227961
  4. Christoph Drösser: Null Bock beim Militär. Zeit Online Gesundheit, 15. September 2009, abgerufen am 16. Mai 2013.