Höflichkeitsform

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Höflichkeitsform, auch Honorificum (lat. honorificus „ehrend“) oder Honorativ(um) (lat. honoratus „geehrt“), bezeichnet in der Soziolinguistik eine grammatische Kategorie, die das soziale Verhältnis zwischen dem Sprecher, dem Angesprochenen und ggf. einer dritten Person, über die gesprochen wird, ausdrückt.[1] Sie drückt sich in der Verwendung unterschiedlicher Anredeformen wie du und Sie im Deutschen, aber auch z. B. durch die Wahl des Vornamens, Nachnamens oder Titels einer Person aus. Andere Sprachen, besonders einige asiatische Sprachen, kennen weitaus komplexere Höflichkeitssysteme.

Inhaltsverzeichnis

Die Höflichkeitsform in der deutschen Sprache [Bearbeiten]

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Pronomen [Bearbeiten]

In der deutschen Standardsprache wird die Höflichkeitsform heute durch die Anrede mit der Pluralform „Sie“ und mit den davon abgeleiteten Formen gebildet. Auch das entsprechende Verb steht im Plural.

  • Beispiel: „Wohin gehen Sie?“

In der Schriftsprache werden das Pronomen „Sie“ und die davon abgeleiteten Formen großgeschrieben. Bis zur Rechtschreibreform 1996 gab es auch eine Höflichkeitsform für „Du“ im Schriftverkehr, in der dieses Wort großgeschrieben wurde. Von 1996 bis 2006 wurde „du“ in neuer Rechtschreibung ausschließlich kleingeschrieben. Seit der neuesten, inzwischen vierten Revision der Rechtschreibreform kann „Du“ bei persönlicher Anrede in schriftlichem Verkehr wieder großgeschrieben werden.

Die Anrede mit „Sie“ wird auch Siezen genannt, die Anrede mit „Du“ Duzen. Die veraltete höfliche Anrede mit „Ihr“ wird in Analogie dazu gelegentlich als Ihrzen bezeichnet. Das Siezen (Verwendung der großzuschreibenden dritten Person Plural für eine oder mehrere Personen statt der zweiten Person Singular bzw. Plural) ist die einzig verbliebene aus einer Stufenreihe von Höflichkeitsformen.

Anrede in der 2. Person Plural

  • „Haben Euer Gnaden wohl geruht?“ (2. P. Plural, veraltet, fortgesetzt in der 3. Person Plural)
  • „Habt Ihr den Wechsel erhalten, gnädiger Herr?“

Das "Ihr" der höfischen Ständegesellschaft wurde im Zuge des gesellschaftlichen Wandels im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts vom bürgerlichen "Sie" verdrängt. Die Anrede in der 2. Person Plural hat sich in einigen Dialekten, zum Beispiel den oberdeutschen, bis heute ( "[d]ir", "üüch" bzw. "ös", "enk" ) erhalten.[2]

Anrede in der 3. Person Singular
Die großgeschriebene Anrede in der 3. P. Sg. war einst ebenfalls eine Höflichkeitsform. So redeten sich im Jahr 1810 die Edelknappen am bayerischen Königshof (Söhne adliger Häuser, die dort ausgebildet wurden) mit Er an:

  • „Uns einander zu duzen, war verboten; wir gewöhnten uns daher, einander Er zu heißen."[3]

In Lessings Minna von Barnhelm spricht der Diener eines Majors den Wirt mit Er an:

  • „Sieht Er, Herr Wirt; wenn ich heucheln könnte, so würde ich für so was heucheln; aber ich kann nicht; es muß raus: Er ist doch ein Grobian, Herr Wirt!“[4]

Überlebt hat das Er als sog. Berliner Er:

  • „Hatter denn ooch’n jült’jen Faahohsweis?“ („Hat er denn auch einen gültigen Fahrausweis?“)

Namen [Bearbeiten]

Eine weitere Höflichkeitsform in der deutschen Sprache ist die Anrede mit „Herr“ oder „Frau“ plus Familiennamen. Die früher übliche Anrede „Fräulein“ für unverheiratete Frauen wird heute nur noch selten verwendet oder sogar als unangemessene Anrede abgelehnt.

Weitergehende Anredeformen, die eine Hierarchie von Anreden bilden, gelten heute in Deutschland in den meisten Fällen als veraltet. Sie werden aber oft in der internationalen Diplomatie weiterhin verwendet. Die Formen entsprechen dabei dem Rang der angeredeten Person. Solche Anreden sind: Magnifizenz (für Hochschulrektoren), Exzellenz (z. B. für Botschafter), Euer „Eminenz“ (Anrede eines Kardinals), Euer Hochwürden und ähnliche.

Formen wie: „Gnädiger Herr“ oder „Gnädiges Fräulein“, die noch zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts verwendet wurden, sind heute in Deutschland außer Gebrauch, werden aber in Österreich in bestimmten Situationen verwendet.

Die Anrede „Doktor“ ist keine Höflichkeitsform, sondern zeigt den akademischen Grad an.

Verwendung des Konjunktivs [Bearbeiten]

Bei Aufforderungen, Wünschen, Bitten und Fragen wird als Höflichkeitsform oft der Konjunktiv verwendet.

  • Könnten Sie mir bitte sagen, wie spät es ist? (Höflichkeitsform für: „Sagen Sie mir bitte, wie spät es ist.“)
  • Würden Sie bitte das Fenster schließen? (Höflichkeitsform für: „Schließen Sie bitte das Fenster!“)

Imperfekt der Höflichkeit [Bearbeiten]

Bei Fragen wird manchmal, besonders in Restaurants oder am Telefon, die Präteritumsform als Höflichkeitsform verwendet.

  • „Wie war gleich Ihr Name?“ (Können Sie bitte Ihren Namen nennen?)
  • „Wer bekam den Kaffee?“ (Wer hat den Kaffee bestellt? Wem soll ich ihn geben?)

Man darf diese Formen nicht mit der wörtlichen Bedeutung verwechseln.

Schriftverkehr [Bearbeiten]

Besondere Höflichkeitsformen werden im Schriftverkehr verwendet.

Dazu gehört eine besondere Form der Anrede − Beispiele hierfür sind:

  • Sehr geehrte Frau Lehmann (Die Form „Sehr verehrte Frau Lehmann“ gilt als veraltet.)
  • Sehr geehrter Herr Lösche

Anrede bei Reden [Bearbeiten]

Bei Reden ohne konkrete Ansprechpartner, zum Beispiel im Fernsehen, wird die Höflichkeitsfloskel „Sehr geehrte Damen und Herren“ verwendet.

Gegenseitigkeit [Bearbeiten]

Unter Erwachsenen wird die Höflichkeitsform normalerweise gegenseitig verwendet. Die einseitige Verwendung des Duzens gilt oft als unhöflich und als Verweigerung der Ehrerbietung oder sie ist Ausdruck eines Unterschiedes in der sozialen Hierarchie.

Beim Umgang von älteren Menschen mit (wesentlich) jüngeren ist bisweilen eine Einseitigkeit gegeben, so siezen zum Beispiel Schüler ihre Lehrer, werden aber (bis wenigstens zu Beginn der Sekundarstufe II) von diesen für gewöhnlich geduzt.

Generell gilt für Kinder, dass diese dazu angehalten werden, alle Erwachsenen mit Ausnahme der eigenen Familie und Erwachsener aus dem Bekanntenkreis zu siezen, während Kinder normalerweise von niemandem gesiezt werden. Die Anwendung der Höflichkeitsform ist dabei anfangs ein sich entwickelnder Prozess: an Grundschulen ist es manchmal üblich, dass die Kinder, welche erst mal lernen müssen, dass man fremde Erwachsene anders anspricht, ihre Lehrer zwar mit „Herr“ bzw. „Frau“ plus Familienname anreden, aber dennoch das „Du“ verwenden („Frau Müller, kannst du mir mal sagen, wie ich diese Aufgabe lösen kann?“).

Traditionell wird die Höflichkeitsform beim Treffen zwischen einander unbekannten Personen und von nicht miteinander verwandten Personen verwendet.

Bis ins 20. Jahrhundert hinein war es in Mitteleuropa nicht selten, dass Kinder alle Erwachsenen einschließlich der Eltern mit Sie oder Ihr anredeten.

Vertrauliche Ausdrucksformen [Bearbeiten]

Auf die Höflichkeitsform verzichtet wird im familiären Bereich und oft im Freundeskreis oder zwischen Arbeitskollegen. Ferner ist das Du als gegenseitige Anrede in studentischen und gewerkschaftlichen Kreisen und auch in sozialistischen oder grünen Parteien üblich, auch wenn sich die Gesprächspartner nicht kennen. In Internetforen, Wikis sowie im Usenet wird ebenfalls oft das vertraulichere „Du“ gegenüber dem „Sie“ bevorzugt, selbst bei völlig fremden Personen. Auffallend ist hier die teilweise zu beobachtende Vertauschung der Rollen. So wird der Wechsel vom üblichen Duzen hin zum Siezen (etwa in besonders hitzigen Diskussionen) als Mittel zur deutlichen Distanzierung vom Gesprächspartner eingesetzt und von vielen Teilnehmern als Affront empfunden.

Des Weiteren gibt es die ironische Verwendung der Höflichkeitsform: In nichtschriftlichen Kommunikationssituationen, in denen normalerweise geduzt wird (zum Beispiel unter Freunden oder Familienmitgliedern), kann ein „Sie“ oder „Euer Hochwohlgeboren“ auch Ironie im Sinne von „hab dich nicht so wichtig“ ausdrücken, ohne dass das feindselig gemeint ist.

Die Höflichkeitsform in anderen Sprachen [Bearbeiten]

In anderen Sprachen sind zum Teil sehr unterschiedliche Höflichkeitsformen üblich. Viele europäische Sprachen benutzen die zweite Person Plural als Höflichkeitsform (z. B. französisch vous, finnisch te, serbokroatisch Vi,[5] russisch ). Im Italienischen wurde unter dem Einfluss der anderen romanischen Sprachen die zweite Person Plural (voi) allmählich von der femininen, dritten Person Singular (Lei) verdrängt, die sich aber noch in altertümlichen Sprachformen und in einigen Dialekten hält. Das englische you, ursprünglich ebenfalls eine zweite Person Plural als Höflichkeitsform, hat die ursprüngliche Singularform thou völlig verdrängt (auf dialektaler Ebene allerdings hat sich dieses in Nord- und Westengland sowie auf den schottischen Orkneys und Shetlands teilweise bis in die Gegenwart erhalten) und dient heute als einzige Anredeform. Im Niederländischen gibt es ebenfalls die zwei Formen jij/je ('du', historisch gesehen allerdings 'ihr') und U ('Sie', historisch gesehen aus uwer, 'Euer [Gnaden usw.]' entwickelt), allerdings ist die Verwendung der Höflichkeitsform etwas anders als im Deutschen: Arbeitskollegen werden schneller mit jij, ältere Verwandte dagegen häufig mit u angesprochen. Die ungarische Sprache unterscheidet drei Anredeformen: te (Nähe und Vertraulichkeit), maga (Distanz) und Ön (Förmlichkeit und Respekt). In der polnischen Sprache hingegen gibt es kein eigenes Wort zur Anrede in der Höflichkeitsform. Stattdessen werden Personen immer mit einem ersetzenden oder vorangestellten pan oder pani (dt. Herr oder Frau) angesprochen. Auch im Schwedischen galt bis weit ins 20. Jahrhundert hinein die indirekte Anrede als Höflichkeitsform (etwa im Sinne von 'gehen der Direktor?' für deutsch 'gehen Sie?').

In den Sprachen Südasiens gibt es eine große Anzahl von Honorifica, vor allem Anredeformen und Pronomina (zum Beispiel Pluralis Majestatis). So werden im Hindi in der zweiten Person drei Stufen der Höflichkeit unterschieden: तू (intim bis unhöflich), तुम tum (vertraut) und आप āp (höflich).[6] Auch in der dritten Person wird zwischen verschiedenen Höflichkeitsformen unterschieden, das Malayalam kennt z. B. drei Wörter für „er“ (അവന്‍ avan, അയാള്‍ ayāḷ und അദ്ദേഹം addēhaṃ), deren Verwendung davon abhängt, in welcher Beziehung der Sprecher zu der Person, über die gesprochen wird, steht.[7] Im Sinhala existiert ein gesonderter Wortschatz bei Verben und Nomina, die u. a. in Bezug auf Mitglieder des buddhistischen Klerus verwandt werden.

Im Arabischen wird zum Ausdruck der Höflichkeit eine Person zumeist mit سيد sayyid(Herr) oder سيدة sayyida(Frau) und dem Vornamen angesprochen. Will ein Sprecher zudem den Rang seines Gegenübers betonen, so kann er ihn u.a. mit أستاذ ustāḏ("Professor", Anrede für gebildete Personen) oder حاج ḥaǧǧ("Pilger", für Personen, die die Pilgerfahrt nach Mekka durchgeführt haben) ansprechen. Grammatikalisch gesehen gibt es jedoch keine Unterschiede zwischen der Duz- und Siezform: Hier wird überwiegend die zweite Person Singular أنت anta (maskulin) bzw. anti (feminin) verwendet, was dem englischen "you" ähnelt. Es besteht jedoch auch die Möglichkeit, diese Anrede um eine bzw. zwei Stufen zu erhöhen: Dies geschieht durch die Wörter حضارة ḥaḍāra oder سيادة siyāda (vgl. sayyid bzw. sayyida) und das Anhängen der Personalsuffixe ك (-ka bzw. -ki), so dass z.b. bei Berichten über hochrangige Politiker die Anredeform سيادتك (siyādatuka bzw. siyādtak) verwendet wird.

Die Höflichkeitsformen des Hochchinesischen bestehen aus einem differenzierten System von Pronomina und Affixen für die Bezeichnung der sprechenden und der angesprochenen Person. Im modernen Chinesisch sind davon jedoch nur noch wenige in Gebrauch. Üblich ist die Verwendung der Höflichkeitsform noch gegenüber Personen, die älter oder bedeutender sind als der Sprechende. Hier tritt an die Stelle des Personalpronomens (nĭ, „du“) das respektvollere (nín). Höflich ist auch die Ersetzung des Personalpronomens durch Namen und Titel des Angesprochenen (z. B. 李先生应该打的去, Herr Li sollte ein Taxi nehmen = Sie, Herr Li, sollten ein Taxi nehmen).

Die japanische Höflichkeitssprache hat für verschiedene Stufen der Ehrerbietung nicht nur verschiedene formale Redewendungen, Honorativpräfixe, Anredesuffixe und Pronomina, sondern auch verschiedene Verbformen. Das koreanische Honorativsystem ist ähnlich komplex.

In einigen Sprachen Australiens und Afrikas existieren sogenannte Vermeidungssprachen, die ausschließlich zur Kommunikation mit bestimmten Verwandten dienen, mit denen umzugehen sonst tabu ist.

Einzelnachweise [Bearbeiten]

  1. Vgl. Hadumod Bußmann (Hrsg.): Lexikon der Sprachwissenschaft, 3. Aufl., Stuttgart 2002, Stichwort Honorativ, S. 284; Helmut Glück (Hrsg.): Metzler-Lexikon Sprache, 2. Ausgabe, Berlin: Directmedia, 2000, Stichwort Honorativ.
  2. Zur deutschsprachigen Schweiz siehe Sprachatlas der deutschen Schweiz Band V Karte 117 (Anrede gegenüber Ortsfremden).
  3. Autobiographie von August von Platen, Seite 44 der Ausgabe von 1896.
  4. Gotthold Ephraim Lessing: Minna von Barnhelm, 1. Akt, 2. Szene.
  5.  Snježana Kordić: Wörter im Grenzbereich von Lexikon und Grammatik im Serbokroatischen (= Lincom Studies in Slavic Linguistics. Bd. 18). Lincom Europa, München 2001, ISBN 3-89586-954-6, S. 39–53, LCCN 2005530313 -, OCLC 47905097.
  6. Margot Hälsig: Grammatischer Leitfaden des Hindi, Leipzig 1967, S. 69.
  7. Rodney F. Moag: Malayalam: A University Course and Reference Grammar, Austin 1994, S. 8 ff.

Literatur [Bearbeiten]

  • Werner Besch: Duzen, Siezen, Titulieren. Zur Anrede im Deutschen heute und gestern. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1996. ISBN 3-525-33561-X.
  • P. Brown & S. Levinson: Politeness: Some universals in language usage. Cambridge 1987.
  • Helmut Glück, Wolfgang Werner Sauer: Gegenwartsdeutsch. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Metzler, Stuttgart/Weimar 1997. ISBN 3-476-12252-2. Kapitel: Duzen, Siezen und Anredeformen, S. 119–128.
  • R. J. Watts & S. Ide & K. Ehlich: Politeness in language. Berlin 1992.

Weblinks [Bearbeiten]

Wiktionary Wiktionary: Siezen – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen