Höherstufiger Wunsch

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Als höherstufige Wünsche bezeichnet man in der Philosophie Wünsche, die sich selbst auf Wünsche beziehen. Ein Beispiel ist etwa der Wunsch des Spielsüchtigen, sich nicht mehr zu wünschen, ins Casino zu gehen. Das Konzept der höherstufigen Wünsche spielt eine zentrale Rolle in der Debatte um die Willensfreiheit, kann jedoch auch in der allgemeinen Handlungstheorie angewendet werden.

Begriffsbestimmung[Bearbeiten]

Wünsche können sich auf beobachtbare Dinge, Zustände und Abläufe beziehen, so kann man sich etwa wünschen, dass man Geburtstag hat, dass eine bestimmte Partei die Wahlen gewinnt, dass man weniger ängstlich ist oder dass man von einer anderen Person geachtet wird, oder sie können sich auf andere Wünsche beziehen. Wünsche, die sich nicht auf Wünsche beziehen, werden als Wünsche erster Ordnung bezeichnet, während Wünsche über Wünsche als höherstufige Wünsche, Wünsche höherer Ordnung oder Wünsche zweiter Ordnung bezeichnet werden. Höherstufige Wünsche sind potentiell öfter von längerfristigen Grundüberzeugungen und Vernunft geleitet.

Das Phänomen von Wünschen zweiter Ordnung ist einem in Alltag nur selten bewusst, es tritt dann zum Vorschein, wenn die Wünsche erster und zweiter Ordnung nicht miteinander übereinstimmen. Ein klassisches Beispiel für den Konflikt zwischen Wünschen erster und zweiter Ordnung findet man bei Drogenabhängigen. Ein Drogenabhängiger mag zum einen immer wieder den Wunsch verspüren, eine Droge zu nehmen, gleichzeitig hat er jedoch den Wunsch, seinen Drogenkonsum zu beenden. Nach Harry Frankfurt hat der Drogenabhängige freien Willen etabliert, in Hinsicht auf diesen einen Aspekt, wenn sein höherstufiger Wunsch (keine Drogen nehmen zu wollen) dem handlungswirksamen Willen, keine Drogen zu nehmen, zu Vorrang über sein Bedürfnis Drogen zu nehmen verhilft.

Ein anderes Beispiel kann eine unglückliche Liebesbeziehung sein, in der beide Partner wissen, dass sie sich schaden und sich wünschen, dass ihre Beziehung aufhört. Zugleich trennen sie sich nicht, da sie auch den Wunsch haben zusammenzubleiben. Auch in dieser Situation kollidieren die Wünsche erster Ordnung und ein Wunsch zweiter Ordnung ist notwendig um den inneren Interessenkonflikt aufzulösen. Es kann nur einer der Wünsche handlungswirksam werden, das Paar kann nicht zugleich die Beziehung beenden und weiterführen.

Willensfreiheit[Bearbeiten]

Die Idee der höherstufigen Wünsche ist von dem Philosophen Harry Frankfurt verwendet worden, um die Idee der Willensfreiheit zu erklären. Nach Frankfurt ist eine Person genau dann frei, wenn ihre Wünsche erster Ordnung und die Wünsche höherer Ordnung übereinstimmen. Der Drogenabhängige wäre also in dem Moment frei, in dem es ihm gelänge, seine Wünsche in Deckung zu bringen, das Gleiche gilt von Partnern in der unglücklichen Liebesbeziehung. Ist dieser Vorschlag überzeugend, so ist das Etablieren eines freien Willens eine andauernde Herausforderung mit einem wechselnden Schwierigkeitsgrad: In einigen Aspekten ist es einfach, die Wünsche in Deckung zu bringen, in anderen ist es enorm schwer.

Das Konzept der höherstufigen Wünsche ist der Philosophie von zahlreichen Philosophen übernommen worden, in Deutschland etwa von Peter Bieri und Ansgar Beckermann. Es ist dadurch ausgezeichnet, dass es die Idee der Willensfreiheit unabhängig vom Determinismus erklärt, also von der These, dass das Geschehen der Welt durch vorherberechenbare Naturgesetze festgelegt ist. Selbst wenn die Welt durch solche Gesetze bestimmt ist, kann man in dem Sinne frei sein, dass Wünsche zweiter Ordnung den Vorrang von Wünschen erster Ordnung bestimmen. Diese Sichtweise wird auch als Kompatibilismus bezeichnet.

Kognitive Zustände höherer Stufe[Bearbeiten]

Wünsche sind nicht die einzigen kognitiven Zustände, die in dieser Weise auf einer höheren Stufe auftreten können. Man kann etwa auch Gedanken höherer Stufe haben, also denken, dass jemand etwas denkt. Diese Gedanken höherer Stufe sind notwendig, damit man anderen Wesen Gedanken zusprechen kann, sie werden unter dem Begriff der Metakognition diskutiert.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]