Haager Schule

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Jozef Israëls
Hendrik Willem Mesdag: Vorbereitungen zum Ablegen.
Johannes Bosboom: Kircheninneres mit Kindstaufe

Unter Haager Schule versteht man eine niederländische Kunstströmung, die in Den Haag etwa zwischen 1870 und 1920 ihr Zentrum hatte.

Entstehung[Bearbeiten]

Die Haager Schule entstand unter dem Einfluss der Naturanschauung in der Romantik und der Idealisierung der ländlichen Bevölkerung, die sich in Frankreich gegen Ende des 18. Jahrhunderts und in den Niederlanden einige Jahrzehnte später entwickelte. Jozef Israëls, anfangs ein vielversprechender Historienmaler, entwickelte diesen neuen Realismus Mitte des 19. Jahrhunderts, indem er die Zeitgenossen zum entscheidenden Motiv machte. Israëls Kunst zeigt das Leben der Fischer und Bauern, die die Verbindung mit der Erde noch nicht verloren haben und noch in einer Einheit mit ihrer natürlichen Umgebung leben.[1]

Die Bezeichnung „Haager Schule“ wurde 1875 von dem Journalisten J. van Santen Kolff geprägt. In der Zeitschrift De Banier beschrieb er sie als eine „neue, ultraradikale Bewegung“. Die besondere Qualität der Haager Maler lag für van Santen Kolff in der spezifisch „holländischen“ Weise der Landschaftsdarstellung:

„Kann ein anderer als ein Holländer die Natur so sehen, so auffassen und darstellen, so einen Schatz an Poesie legen in die unverblümteste, schlichteste Darstellung der einfachsten Wirklichkeit? ... Diese neue Art des Sehens und Darstellens ist ein wahrer Bildersturm auf dem Gebiet der Malkunst... Hier haben wir den Realismus der wahren, gesündesten Sorte vor uns“.[2]

Stil[Bearbeiten]

Der vorherrschende Malstil der Haager Schule war der Impressionismus. Die Maler der Haager Schule erstrebten dabei vor allem die Wiedergabe einer bestimmten Atmosphäre.[3]

Trotz unterschiedlicher Sujets war die koloristische Behandlung, deren Grau- und Braunwerte Konturen verschleiern und den Bildern herbstliche Melancholie verleihen, verwandt. [4] Konservative Kritiker stellten deshalb den ästhetischen Gehalt jenes Realismus in Frage und lehnten die Haager Schule wegen ihrer 'Graumalerei' ab. Einer von ihnen schrieb 1888 in einer Ausstellungskritik: „Von Mesdag hängt dort ein Sturm, bei welchem die See schrecklich dreckig aussieht und die Wolken wie riesige Mehlknödel durch die Luft fliegen“.[5]

Die Malerei der Haager Schule kam im späten 19. Jahrhundert zu Ergebnissen, die Fundamente der Moderne in den Niederlanden legten, auf denen van Gogh und Mondrian aufbauten. Somit zählen sie zu den direkten Vorläufern des Impressionismus.[6]

Anhänger[Bearbeiten]

Einige Künstler wie Paul Gabriël, Willem Roelofs, Johan Hendrik Weissenbruch und die Brüder Jacob, Matthijs und Willem Maris arbeiteten im Freien in den Marschen in der Nähe der Orte Nieuwkoop, Noorden und Kortenhoef und malten die holländische Kulturlandschaft mit Weiden und grasenden Kühen, Marschen mit Kanälen und Windmühlen. Andere Künstler bevorzugten aber auch die Küste und malten am Strand. Besonders das Fischerdorf Scheveningen wurde eine wichtige Quelle der Inspiration für Künstler wie Hendrik Willem Mesdag, Bernard Blommers, Anton Mauve und Philip Sadée.

Die Werke der Haager Maler waren aber keineswegs auf die Landschaftsmalerei beschränkt. Mesdag war besonders bekannt für seine Darstellung von ankommenden und abfahrenden Fischerbooten (sogenannte „bomschuiten“), ein Thema, das auch Bernard Blommers, Anton Mauve and Jacob Maris gerne behandelten. Vor allem Mesdag hatte mit seinen Meeresdarstellungen großen internationalen Erfolg und wurde damit zu dem am meisten verkauften Künstler der Gruppe.[7]

Das Fischer-Genre war zunächst auch das von Jozef Israëls, dem Nestor der Haager Schule, bevorzugte Thema. Später kam Israëls zu einem verträumten und emotionalen „Innenraumrealismus“ mit Darstellung kleiner Alltagsfreuden und -leiden aus dem Leben der Fischer und Bauern.[8] Im Gegensatz zu den anderen blieb er aber ein typischer Ateliermaler, der im Freien nur Skizzen erstellte.[9]

Ein etwas aus der Reihe fallendes Mitglied der Gruppe war der in Den Haag geborene Johannes Bosboom, der vor allem Architekturbilder verfasste, wie die Darstellung von Kircheninterieus.[10]

Die folgenden Künstler gelten in ihrer Anfangszeit als Anhänger der Haager Schule, verfolgten später aber eigene Wege: George Hendrik Breitner, Isaac Israëls und Jan Toorop. (Vergleiche dazu: Amsterdamer Impressionisten.)

Viele niederländische Maler des ausgehenden 19. oder frühen 20. Jahrhunderts wurden von der Haager Schule inspiriert und malten im selben Stil. Einige von ihnen wendeten sich später vom Haager Stil ab und gingen eigene Wege. Diese Gruppe von Malern wird häufig als Späte Haager Schule oder auch Zweite Generation der Haager Schule bezeichnet. Einige Vertreter waren Dirk van Haaren, Daniël Mühlhaus und Willem Weissenbruch.[11] sowie Jan Willem van Borselen.

Von der Haager Schule beeinflusst wurde unter anderem auch Vincent van Gogh, der in Den Haag die Künstler der Haager Schule kennenlernte und von seinem Vetter Anton Mauve in die Grundlagen der Aquarell- und Ölmalerei eingeführt wurde. Entsprechend wurden seine frühen Werke von denselben erdigen Farben dominiert wie die seiner Vorbilder Anton Mauve und Jozef Israëls.[12]

Einer der letzten Vertreter der Haager Schule war Adrianus Zwart in seinem Frühwerk.

Die Kollektion des Museums Mesdag in Den Haag beherbergt die bedeutendste Gemäldesammlung der Haager Schule. Mesdag selbst hatte das Museum durch eine eigene Stiftung gegründet.

Literatur[Bearbeiten]

  • Renske Suyver: A Reflection of Holland - the Best of the Hague School in the Rijksmuseum. Rijksmuseum Amsterdam, 2011, ISBN 9086890482.
  • Jenny Reynaerts: Der weite Blick - Landschaften der Haager Schule aus dem Rijksmuseum. Ausstellungskatalog, Hatje Cantz, Ostfildern, 2008, ISBN 978-3-7757-2270-4.
  • John Sillevis, Anne Tabak: The Hague school book. Waanders, Zwolle, Gemeentemuseum, Den Haag, 2004, ISBN 90-400-9037-8.
  • Fred Leeman, John Sillevis: De Haagse School en de jonge Van Gogh. Ausstellungskatalog, Waanders, Zwolle, Gemeentemuseum, Den Haag, 2005, ISBN 90-400-9071-8.
  • Roland Dorn, Klaus Albrecht Schröder, John Sillevis (Hrsg.): Van Gogh und die Haager Schule. Ausstellungskatalog, Bank Austria Kunstforum Wien, Skira editore Mailand, 1996, ISBN 88-8118-072-3.
  • John Sillevis, Hans Kraan, Roland Dorn: Die Haager Schule - Meisterwerke der holländischen Malerei des 19. Jahrhunderts aus Haags Gemeentemuseum. Ausstellungskatalog, Ed. Braus, Heidelberg, 1987, ISBN 3-925835-08-3.
  • Ronald de Leeuw, John Sillevis, Charles Dumas (Hrsg.): The Hague school – Dutch masters of the 19th century. Ausstellungskatalog, Gemeentemuseum, Den Haag, Weidenfeld & Nicolson, London, 1983.
  • Anna Wagner: Die Haager Schule - Holländische Maler vor hundert Jahren. Rheinisches Landesmuseum Bonn 1972. ISBN 3792701421.
  • Geurt Imanse: Van Gogh bis Cobra: holländische Malerei 1880–1950, Hatje, 1980, ISBN 3775701605.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Geurt Imanse: Van Gogh bis Cobra: Holländische Malerei 1880–1950, Hatje, 1980, S. 87
  2. Poort, Johan: 1994 Hendrik Willem Mesdag. Leben und Werk. Herausgegeben von der Mesdag Documentatie Stichting. Wassenaar 1994., S. 85f.
  3. Geurt Imanse: Van Gogh bis Cobra: Holländische Malerei 1880–1950, Hatje, 1980, S. 116
  4. "Die Haager Schule" [1]
  5. Poort, Johan: 1994 Hendrik Willem Mesdag. Leben und Werk. Herausgegeben von der Mesdag Documentatie Stichting. Wassenaar 1994., S. 89.
  6. Die Haager Schule: Meisterwerke der holländischen Malerei des 19. Jahrhunderts aus Haags Gemeentemuseum, Verlag Haags Gemeentemuseum, 1987.
  7. Galerie Polak [2].
  8. Geurt Imanse: Van Gogh bis Cobra: Holländische Malerei 1880–1950, Hatje, 1980, S. 88
  9. Geurt Imanse: Van Gogh bis Cobra: Holländische Malerei 1880–1950, Hatje, 1980, S. 88
  10. Galerie Polak [3]
  11. Galerie Polak „Late Hague School“
  12. Kunstwissen.de: Vincent van Gogh [4]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Haager Schule – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien