Hahambaşı

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Hahambaşı (osmanisch ‏خخام باشی‎ Chacham baschi) ist der türkische Titel des Groß- oder Oberrabbiners der Türkei, des Oberhaupts der rund 17.600 Juden des Landes.[1] Der Oberrabbiner hat seinen Sitz in Istanbul. Aufgrund der Geschichte des Osmanischen Reichs gilt die Institution als eine der weltweit wichtigsten ihrer Art.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Institution des Hahambaşı (der Begriff ist zusammengesetzt aus hakham, hebräisch für weise und baschi, türkisch für Haupt) entstand um 1835 als der Rabbi von Istanbul Abraham Levi Pascha von den osmanischen Behörden zum ersten Oberrabiner des Osmanischen Reiches eingesetzt wurde und so eine ähnliche Stellung wie der griechische und armenische Patriarch erlangte.[2] Nachdem das Millet-System, das zur Kontrolle von religiösen Minderheiten geschaffen wurde, auch auf die jüdische Gemeinschaft ausgeweitet wurde, war das Amt des Hahambaşı geschaffen worden, um eine ähnliche Verwaltungsbasis wie bei den christlichen Minderheiten zu erhalten. Dass die Institution des Hahambaşı auf die Zeit von Sultan Mehmed II. zurückgeht, der nach der Eroberung von Konstantinopel im Jahr 1453 Mose Capsali zum Oberrabbiner erklärt hatte, ist der Mythologie zuzurechnen.[3] Gemäß Bernhard Lewis gibt es keinen Anhaltspunkt, dass im 15. oder 16. Jahrhundert irgendeine Art eines Oberrabbinats im Osmanischen Reich bestanden hätte.[4] In der heutigen Forschung wird davon ausgegangen, dass es wohl immer wieder einzelne Rabbiner in den größeren Städten gab, die eine herausragende Stellung gegenüber der Obrigkeit einnahmen. Von einem Oberrabbinat für das gesamte Osmanische Reich kann jedoch erst ab 1835 gesprochen werden.[5]

Motivation zur Neuschaffung einer Oberrabbinerstelle um 1835 waren die osmanischen Reformbemühungen für die Minderheiten, die nach dem Verlust Griechenlands (1832) als nötig erachtet wurden, sowie der Druck Großbritanniens, das auf eine „Emanzipation der Juden“ drängte.[6]

Ziel war es, die ethnisch und kulturell sehr verschiedenen Untertanen so weit wie möglich nach ihren eigenen Gesetzen zu regieren. Da die Religion als wichtige Grundlage der Identität der verschiedenen Gemeinschaften angesehen wurde, wurden ihre religiösen Führer auch als Ethnarchen bezeichnet. Dies trifft außer auf den Hahambaşı auch auf den christlichen Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel zu, und vor allem auf den Großmufti, den obersten islamischen Rechtsgelehrten im Osmanischen Reich, der sogar den Rang eines Ministers bekleidete.

Aufgrund der Größe und geographischen Lage des Reichs, das nicht nur Palästina, die historische Heimat der Juden, sondern auch mehr Diasporagemeinden als jedes andere Land umfasste, wurde der Hahambaşı auch mit dem Exilarchen verglichen, dem Führer der Juden während des Babylonischen Exil und im späteren Perserreich.

Der Hahambaşı hatte während des osmanischen Reichs weitgehende Gesetzgebungs- und Rechtsprechungsgewalt über die Mitglieder seiner Gemeinschaft und direkten Zugang zum Sultan. Per kaiserlichem Dekret (Berât) waren die Aufgaben und Rechte des Hahambaşı geregelt. Es betraf vor allem drei Punkte: erstens religiöse Autorität und Rechtsprechung, zweitens die Repräsentation der Obrigkeit und der Einzug der Steuern, drittens die Erlaubnis die Thora zu lesen, was gleichbedeutend war, mit dem Recht zur Errichtung von Synagogen.[7] An dem neuen Amt entzündete sich innerhalb der jüdischen Gemeinden ein Auseinandersetzung zwischen den Traditionalisten und den reformorientierten Kräften.[8] Die Stellung des Hahambaşı blieb an die dreißig Jahre umstritten. Erst mit der Ernennung der angesehenen Großrabbinern Yacob Avigdor und Yakir Gueron konnte sich das Amt des Hahambaşı konsolidieren.[9]

Die Oberrabbiner der heutigen säkularen Türkischen Republik tragen ebenfalls den Titel Hahambaşı.

Liste der Hahambaşı im Osmanischen Reich und in der Türkischen Republik seit 1835[Bearbeiten]

(gemäß Encyclopaedia Judaica)[10]

Abraham Levi Pascha 1835–1839
Samuel Hayim 1839–1841
Moiz Fresko 1841–1854
Yacob Avigdor 1854–1870
Yakir Geron 1870–1872
Moses Levi 1872–1909
Chaim Nahum Effendi 1909–1920
Shabbetai Levi 1920–1922
Isaac Ariel 1922–1926
Chaim Bejerano 1926–1931
Chaim Isaac Saki 1931–1940
Rafael David Saban 1940–1960
David Asseo 1961–2002
Ishak Haleva seit 2002

Liste von bedeutenden Großrabbinern in Konstantinopel vor 1835[Bearbeiten]

(gemäß Chief Rabbis of the Ottoman Empire and Republic of Turkey)

Eli Capsali 1452–1454
Mose Capsali 1454–1495
Elijah Mizrachi 1497–1526
Mordechai Komitano 1526–1542
Tam ben Jahja 1542–1543
Eli Rozanes ha-Levi 1543
Eli ben Hayim 1543–1602
Jehiel Baschan 1602–1625
Joseph Mitrani 1625–1639
Jomtov Benjaes 1639–1642
Jomtov Hananiah Benjakar 1642–1677
Chaim Kamhi 1677–1715
Judah Benrey 1715–1717
Samuel Levi 1717–1720
Abraham Rozanes 1720–1745
Salomon Hayim Alfandari 1745–1762
Meir Ishaki 1762–1780
Eli Palombo 1780–1800
Chaim Jacob Benyakar 1800–1835

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Bernard Lewis: Die Juden in der islamischen Welt. Vom frühen Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. München 2004, ISBN 3-406-51074-4
  • Yaron Ben-Naeh: Jews in the realm of the Sultans. Ottoman Jewish society in the seventeenth century. Tübingen 2008, ISBN 978-3-16-149523-6
  • Joseph Hacker: The Chief Rabbinate in the Ottoman Empire in the Fifteenth-Sixteenth Centuries. Zion, 49/3 (1984), (hebräisch)
  • Haïm Z’ew Hirschberg, David Derovan: Ḥakham Bashi. In: Encyclopaedia Judaica. 2. Auflage. Band 8, Detroit/New York u.a. 2007, ISBN 978-0-02-865936-7, S. 245–244 (englisch).
  • Yaacov Geller, Haïm Z’ew Hirschberg, Leah Bornstein-Makovetsky: Ottoman Emire. In: Encyclopaedia Judaica. 2. Auflage. Band 15, Detroit/New York u.a. 2007, ISBN 978-0-02-865943-5, S. 519–542 (englisch).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. The Jewish Population of the World, 2010 (Quelle: Jewish Virtual Library), abgerufen am 4. Januar 2012.
  2. Hirschberg, Derovan (EJ2), S.245.
  3. Lewis (2004), S. 117.
  4. Lewis (2004), S. 118.
  5. Vgl. Ben-Naeh (2008), S. 304 ff.
  6. Hirschberg, Derovan (EJ2), S. 245.
  7. Hirschberg, Derovan (EJ2), S.246.
  8. Lewis (2004), S. 156.
  9. Geller, Hirschberg, Bornstein-Makovetsky (EJ2), S.536f.
  10. Hirschberg, Derovan (EJ2), S.246.