Hajaša

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Ḫajaša, KUR URUḪa-ia-ša (englische Schreibweise meist Ḫayaša oder Hayasa) war ein spätbronzezeitliches Land im nordöstlichen Anatolien. Manchmal findet sich auch die Bezeichnung Azzi-Ḫajaša oder Ḫajaša-Azzi[1], Azzi scheint jedoch eine Provinz von Ḫajaša gewesen zu sein.

Lage[Bearbeiten]

In dem Tatenbericht des Šuppiluliumaš I., leider schlecht erhalten, wird Ḫajaša zwischen Irrite, „Ituwa“ (URU I-tu40-u wa[...], vermutlich Išuwa) und Karkemiš erwähnt (Fragment 41)[2], was eine Lage am oberen Euphrat nördlich von Išuwa wahrscheinlich machen würde. Viele Autoren siedeln Ḫajaša im Gebiet von Erzurum[3] oder Erzincan an. Yakar nimmt eine Lage im nordöstlichen Pontos an[4]. Damit kontrollierte Ḫajaša die Handelswege zwischen dem Anatolischen Hochland und dem Tal des Araxes und dem Kaukasus[5].

Herzfeld [6] will Ḫajaša mit Hayk, einer Bezeichnung aus dem 6. Jh. v. Chr. und dem Tayk und Taochi von Xenophon und Strabo gleichsetzen. Hewsen [7] bezweifelt dies jedoch.

Claudia Sagona versucht Azzi in der Gegend von Erzurum zu lokalisieren[8]. Eine Gleichsetzung von Ḫajaša mit dem armenischen Nationalhelden Hayk wird gemeinhin abgelehnt.

Wirtschaft[Bearbeiten]

Die Lebensgrundlage in Ḫajaša bildete der Ackerbau, der Vasallenvertrag des Ḫuqqana erwähnt Dreschplätze, Felder und Wingerte sowie Rinder und Schafe (CTH 42, §37). Auch die nomadische Viehzucht dürfte bedeutend gewesen sein.

Landesteile[Bearbeiten]

Azzi und Marija waren Teil von Ḫajaša[9].

Gesellschaftsstruktur[Bearbeiten]

Zur Zeit von Šuppiluliumas I. wurde Ḫajaša durch mehrere Häuptlinge beherrscht. Sie befehligten Fußtruppen und Streitwagenkämpfer (CTH 42, §32). Es gab auch Städte im Gebiet von Ḫajaša, zumindest eine davon, Tukkama, wurde von einem Ältestenrat (LÚ MEŠŠU.GI) regiert, wie auch Städte im benachbarten Išuwa. Dies lässt auf eine beträchtliche Selbständigkeit der lokalen Häuptlingen schließen, deren Autorität sich vielleicht vor allem auf den nomadischen Bevölkerungsteil im Gebirge erstreckte.

Ḫuqqanas (Hukkanas) von Ḫajaša, der mächtigste dieser Häuptlinge schloss einen Vasallenvertrag mit dem hethitischen Großkönig Suppiluliuma I. (CTH 42). Ḫuqqanas heiratete eine Schwester des Großkönigs, wodurch er Mitglied seines Hofes wurde. Es ist nicht klar, ob es sich dabei um eine Tochter der Königin oder die einer Konkubine handelte - der Vertrag erwähnt ihre Schwestern aus demselben Mutterleib und aus demselben Samen - wahrscheinlicher ist aber Letzteres. In dem Vertrag betont der Großkönig, wie er Ḫuqqanas, vorher „ein niederer Hund“, emporgehoben und wohl an ihm getan habe (CTH 42, §1).

In Ḫajaša war es offensichtlich üblich, dass ein Mann mehrere Schwestern heiratete (§25) oder dass Brüder ihre Frauen gemeinsam hatten (§29). Daher wird Ḫuqqanas ausdrücklich gegen ein solches Benehmen gewarnt: „In Hatti ist es nicht üblich, dass ein Mann mit seiner Schwester (Schwester seiner Frau) oder Base (Base seiner Frau) schläft… Wer das tut, wird bei uns hingerichtet…“ (§25). Er wird auch davor gewarnt, einer Palastdame zu nahe zu treten - wenn er eine Palastdame oder auch nur eine Dienerin kommen sehe, soll er sie nicht ansprechen, sondern ihr eilig aus dem Weg treten und weiten Abstand wahren (§27). Als Warnung wird die Geschichte des Marijas berichtet, der eine Magd nur ansah und deshalb auf Befehl von Tuthalia III., dem Vater Suppiluliumas, der dies aus einem Fenster beobachtet hatte, hingerichtet wurde. Während in Ḫajaša Polygamie üblich war, war es im hethitischen Reich nur gestattet, neben der Ehefrau Konkubinen zu halten (§29). Ḫuqqanas musste sich daher von seiner Frau aus Azzi scheiden, als er die Schwester des Großkönigs ehelichte.

Ḫuqqanas wird auch angewiesen, seine Tochter von Marijas scheiden zu lassen und dem „Bruder“ zu geben. Diakonoff [10] nimmt an, dass Marijas ein Häuptling von Azzi war. Er geht davon aus, dass die sororale Polygynie mit einer Reziprozität in der nächsten Generation verbunden war[11], womit die Nachkommen des Marijas ein Anrecht auf die Töchter des hethitischen Großkönigs erworben hätten. Um dies zu verhindern, ordnete Šuppiluliumas I. die Scheidung an. Dies macht allerdings nur Sinn, wenn der erwähnte „Bruder“ kein Bruder des Marijas war. Diakonoff nimmt an, dass vielleicht ein Bruder des Šuppiluliumas gemeint ist[12], im Gegensatz zu Friedrich, der davon ausgeht, dass ein Bruder von Marijas gemeint ist [13].

Geschichte[Bearbeiten]

Aus der Autobiographie des Ḫattušilis III. (ca. 1275-1250) ist bekannt, dass Azzi einen Vorstoß in das Obere Land unternahm und die Stadt Samuha einnahm, die in der Folge die Grenze zwischen Azzi und Ḫatti bildete. Es gelang erst Tuthalias III., Samuha wieder zu erobern, danach bildete die Stadt den Ausgangspunkt für weitere Feldzüge in den Norden. Der Kronprinz Šuppiluliumas (ca. 1380-1340) begann einen Feldzug gegen Ḫajaša, musste sich jedoch mit zwölf Stämmen der Kaška auseinandersetzen, wodurch es offenbar nicht zu dem geplanten Angriff kam. Tuthalias III. unternahm einen weiteren Feldzug gegen Karanniš/Lanniš von Ḫajaša, und es kam zu einer Schlacht unterhalb von Kummaha, die jedoch anscheinend nicht in einem hethitischen Sieg endete[14]. Aus dem Vasallenvertrag zwischen dem hethischen Großkönig Šuppiluliuma I. und Ḫuqqanas von Ḫajaša (CTH 42) geht hervor, dass sich zur Zeit von Tuthalias III. ein Häuptling von Ḫajaša namens Marijas im Königspalast aufhielt (§27). Ḫajaša unterstand keinem König, sondern wurde von mehreren Häuptlingen regiert. Es ist daher unklar, ob dieser Marijas im Auftrag von Karanniš/Lanniš Verhandlungen durchführte, eine eigene Politik mit den Hethitern verfolgte oder gar ein politischer Flüchtling war. Marijas sah jedoch eine Magd einer Palastdame an und wurde deshalb hingerichtet, was vermutlich den Beziehungen zu Ḫajaša nicht förderlich war.

Šuppiluliumas schloss einen Vasallenvertrag mit Ḫuqqanas von Ḫajaša, vielleicht in Vorbereitung für einen Feldzug gegen Mitanni[15]. Nach der hethitischen Eroberung von Išuwa flohen die Truppen aus unterworfenen Ländern, die sich dort angesiedelt hatten, weiter nach Ḫajaša, was zu einem hethitischen Angriff führte[12]. In dem Krieg von Šuppiluliumas gegen Mitanni unter Šuttarna, dem Sohn des Artatama schlossen die Hethiter ein Bündnis mit Andaratlis, einem Häuptling von Azzi[15].

Im sechsten Regierungsjahr von Muršiliš II. griff Annias, Sohn des Marias, ein Häuptling von Azzi Tankuwa an und brachte Vieh und Gefangene nach Ḫajaša. Er weigerte sich, sie wieder auszuliefern, worauf die Hethiter gegen Ḫajaša zu Felde zogen und die Festung Ura belagerten. Sie mussten sich jedoch schließlich auf Tegarama am Euphrat zurückziehen. In seinem zehnten Regierungsjahr zog Muršilis II. selbst gegen Azzi. Die Armee von Ḫajaša zog sich in Festungen im Gebirge zurück, von wo sie bei Nacht Überfälle auf die Hethiter durchführte. Muršilis konnte aber die Städte Aripsa und Tukkama erobern. Nachdem sich Tukkama ergeben hatte, gliederte Muršilis 3.000 Fußsoldaten und Streitwagenkämpfer aus Ḫajaša in seine Armee ein. In der Festung Haliman konnte der Großkönig die Freilassung von 1000 hethitischen Gefangenen erreichen. Es kam jedoch zu keiner dauerhaften Eroberung von Ḫajaša, vermutlich blieben die hethitischen Eroberungen auf das Tiefland beschränkt und die Bergfestungen konnten nicht eingenommen werden.

Herrscher[Bearbeiten]

Ḫajaša wurde von mehreren Häuptlingen beherrscht. Überliefert sind:

  • Karanniš/Lanniš (mKar (oder La-a)-an-ni-iš LUGAL KUR URUḪa-ia-ša) zur Zeit von Tuthalias III.
  • Marijas zur Zeit von Tuthalias III.
  • Huqqanas zur Zeit von Šuppiluliuma I.
  • Andaratlis von Azzi zur Zeit von Šuppiluliuma I.
  • Annias, Sohn des Marias unter Muršili II.
  • Muttis in Haliman unter Muršili II.

Städte und Befestigungen[Bearbeiten]

  • Aripsa, vielleicht am Schwarzen Meer
  • Haliman (Festung) unter Muttis
  • Tukkama in Azzi, regiert von einem Ältestenrat
  • Ura (Festung)

Literatur[Bearbeiten]

  • Gary Beckmann, Hittite Diplomatic texts. Atlanta, Scholar's Press 1996.
  • Onofrio Carruba, Die Ḫajaša-Verträge Ḫattis. In: Erich Neu/Christel Rüster (Hrsg.), Documentum Asiae minoris antiquae. Wiesbaden 1988, 59-75.
  • F. Cornelius, Neue Arbeiten zur hethitischen Geographie. In: Anatolica 1, 1967, 62-77.
  • Igor Michailowitsch Djakonow, The Prehistory of the Armenian People. New York 1948.
  • Emil Forrer, Ḫajasa-Azzi. In: Caucasica 9, 1931, 1-24.
  • Johannes Friedrich: Staatsverträge des Ḫatti-Reiches in hethitischer Sprache II. Mitteilungen der Vorderasiatisch-Ägyptischen Gesellschaft 34. Hinrichs, Leipzig 1930.
  • J. Garstang/O. Gurney, The Geography of the Hittite Empire (London, British Institute of Archaeology at Ankara 1959).
  • Hans Gustav Güterbock, The Deeds of Suppiluliuma as told by his son, Mursili II. In: Journal of Cuneiform Studies 10, 1956, 107-130.
  • R. Hewsen, North Central Armenia I: The Principality of Tayk.
  • Peter J. Huber, The solar omen of Muršili II. In: Journal of the American Oriental Society 121, 2001, 640-644.
  • Erich Neu, Zum sprachlichen Alter des Ḫukkana-Vertrages. In: Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung 93, 1979, 64-84.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Emil Forrer, Hajasa-Azzi. Caucasica 9, 1931, 1-24
  2. Hans Gustav Güterbock, The Deeds of Suppiluliuma as told by his Son, Mursili II. Journal of Cuneiform Studies 10/4, 1956, 107-130
  3. Yak Yakar, Beyond the borders of the Hittite Empire, In: Otten, H. et al. (Hrsg.), FS Sedat Alp, Ankara 1992, Türk Tarih Kurumu
  4. Jak Yakar, Hittite Involvement in Western Anatolia. Anatolian Studies 26, 1976, 121
  5. Jak Yakar, Hittite Involvement in Western Anatolia. Anatolian Studies 26, 1976, 122
  6. E. Herzfeld, The Persian Empire, studies in geography and ethnography of the Ancient Near East (Wiesbaden: Steiner 1968)
  7. R. H. Hewsen, Armenia: a historical Atlas (Chicago, University of Chicago Press 2001)
  8. Antonio Sagona/Claudia Sagona, Archaeology at the North-East Anatolian frontier, I. A historical geography and a field survey of the Bayburt province. Ancient Near Eastern Studies 14. Louvain, Peeters 2004, 27
  9. Gary Beckman 1996, Hittite Diplomatic texts. Atlanta, Scholar's Press 1996, 22
  10. I. M. Diakonoff, The Pre-history of the Armenian People, New York 1948, 50
  11. vgl. Claude Levi-Strauss, Grundformen der Verwandtschaft, Frankfurt, Suhrcamp
  12. a b I. M. Diakonoff, The Pre-history of the Armenian People, 50
  13. Johannes Friedrich, Staatsverträge des Hatti-Reiches in hethitischer Sprache II. Mittelungen der Vorderasiatisch-Ägyptischen Gesellschaft 34, 1930. Leipzig: Hinrichs
  14. I. M. Diakonoff, The Pre-history of the Armenian People, new York 1948, 49
  15. a b I. M. Diakonoff, The Prehistory of the Armenian People, New York 1948, 50