Hamburg-St. Pauli

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Wappen von Hamburg
St. Pauli
Stadtteil von Hamburg
Neuwerk → zu Bezirk Hamburg-Mitte Duvenstedt Wohldorf-Ohlstedt Mellingstedt Bergstedt Volksdorf Rahlstedt Hummelsbüttel Poppenbüttel Sasel Wellingsbüttel Steilshoop Bramfeld Farmsen-Berne Eilbek Marienthal Wandsbek Tonndorf Jenfeld Moorfleet Allermöhe Neuallermöhe Spadenland Tatenberg Billwerder Lohbrügge Ochsenwerder Reitbrook Kirchwerder Neuengamme Altengamme Curslack Bergedorf Neuland Gut Moor Rönneburg Langenbek Wilstorf Harburg Sinstorf Marmstorf Eißendorf Heimfeld Hausbruch Neugraben-Fischbek Moorburg Francop Altenwerder Neuenfelde Cranz Rissen Sülldorf Blankenese Iserbrook Osdorf Lurup Nienstedten Othmarschen Groß Flottbek Ottensen Altona-Altstadt Altona-Nord Sternschanze Bahrenfeld Schnelsen Niendorf Eidelstedt Stellingen Lokstedt Hoheluft-West Eimsbüttel Rotherbaum Harvestehude Langenhorn Fuhlsbüttel Ohlsdorf Alsterdorf Groß Borstel Hohenfelde Dulsberg Barmbek-Nord Barmbek-Süd Uhlenhorst Hoheluft-Ost Eppendorf Winterhude Veddel Kleiner Grasbrook Steinwerder Wilhelmsburg Waltershof Finkenwerder St. Pauli Neustadt Hamburg-Altstadt HafenCity St. Georg Hammerbrook Borgfelde Hamm Hamm Hamm Rothenburgsort Billbrook Horn Billstedt Land Niedersachsen Land Schleswig-HolsteinLage in Hamburg
Über dieses Bild
Koordinaten 53° 33′ 25″ N, 9° 57′ 50″ O53.5579.964Koordinaten: 53° 33′ 25″ N, 9° 57′ 50″ O
Fläche 2,3 km²
Einwohner 22.392 (31. Dez. 2013)
Bevölkerungsdichte 9736 Einwohner/km²
Postleitzahl 20354, 20355, 20357, 20359, 20459, 22767, 22769
Vorwahl 040
Bezirk Hamburg-Mitte
Verkehrsanbindung
Bundesstraße B4
U-Bahn U2Hamburg U2.svg U3Hamburg U3.svg
S-Bahn S1Hamburg S1.svg S2Hamburg S2.svg S3Hamburg S3.svg
Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein

St. Pauli ist ein Stadtteil im Bezirk Hamburg-Mitte der Freien und Hansestadt Hamburg. Durch das in St. Pauli gelegene Vergnügungsviertel entlang der Reeperbahn ist der Name weit über die Grenzen von Hamburg hinaus bekannt.

Geografische Lage[Bearbeiten]

Grenzstein zwischen Altona und Hamburg von 1896 in der Brigittenstraße

Der Stadtteil schließt sich westlich an die Neustadt an. Die Grenze verläuft hier in einem Bogen entlang der ehemaligen Hamburger Wallanlagen, beginnend im Norden am Dag-Hammarskjöld-Platz (südlich des Dammtorbahnhofes) folgt sie dem Verlauf von Marseiller Straße/Bei den Kirchhöfen/Holstenglacis/Glacischaussee/Helgoländer Allee. Im Süden bildet die Norderelbe und der Hamburger Hafen mit dem am Südufer gelegenen Steinwerder den Abschluss. Die Westgrenze zur ehemaligen Stadt Altona, mit dem heutigen Stadtteil Altona-Altstadt (Bezirk Altona), verläuft von Norden über Bernstorffstraße/Kleine Freiheit/Pepermölenbek/Trommelstraße/Antonistraße bis zur Elbe.[1]

Bis 1938 verlief die Stadtgrenze zu Altona anders. So gehörten die Straßen Schulterblatt, Beim Grünen Jäger und Kleine bzw. Große Freiheit zu Altona (die letztgenannten Bezeichnungen gehen auf die in Altona bestehenden Religions- und Gewerbefreiheiten zurück). Im Gegenzug gehört der ehedem teilweise sanktpaulianische Bereich um Lange Straße/Hein-Köllisch-Platz/Pinnasberg nebst dem neu angelegten Antonipark heutzutage zu Altona, so auch die klassizistische St.-Pauli-Kirche (erbaut 1819) am Pinnasberg oder der St.-Pauli-Fischmarkt benannte Straßenzug.

Im Norden bildet in etwa der Bahndamm der Verbindungsbahn vom Dammtor- bis zum Sternschanzenbahnhof die Grenze zu Rotherbaum (Bezirk Eimsbüttel) und zum Stadtteil Hamburg-Sternschanze, der größtenteils aus ehemals zu St. Pauli gehörenden Flächen 2008 neu gebildete wurde. Die weitere Grenze zum neuen Stadtteil verläuft über Schanzenstraße/Lagerstraße/Sternstraße/Neuer Kamp und über die Stresemannstraße wieder hinauf bis zur Ecke der Bernstorffstraße.[2]

Geschichte[Bearbeiten]

Der „Hamburger Berg“[Bearbeiten]

Die früheste Besiedlung im Bereich des heutigen Stadtteils St. Pauli bildete ein Zisterzienserinnen-Kloster, das um 1247 in der Nähe des heutigen Fischmarkts an der Mündung des Baches Pepermölenbek in die Elbe gegründet wurde. Es bestand an dieser Stelle bis 1293, wurde dann jedoch ins ruhigere Alstertal verlegt. In diese Jahrzehnte fällt auch die Einbeziehung des Gebietes westlich der Hamburger Kernstadt bis zum Pepermölenbek in das städtische Weichbild. Das Wohnen war dort jedoch, laut einem Verbot des Hamburger Rates aus dem Jahre 1306, nicht gestattet. Trotzdem bildete sich allmählich eine Besiedlung, zu der ab etwa 1550 auch vereinzelte Landhäuser Hamburger Bürger gehörten.

Der Hamburger Berg

Nach Ausbruch einer Pestepidemie im Jahre 1604 wurde in den Jahren 1605 bis 1607 der so genannte „Pesthof“ im Bereich der heutigen Annenstraße errichtet. Er bestand bis zur Zerstörung der Vorstadt Hamburger Berg durch die napoleonischen Besatzungstruppen im Winter 1813/14. Der „Pesthof“, dessen Name 1797 – wohl im Zuge des Vordringens aufklärerischen Gedankenguts nach Hamburg – in „Krankenhof“ geändert wurde, war ein Krankenhaus für an epidemischen oder auch psychischen Krankheiten leidende Kranke. Das für 700 bis 900 Insassen eingerichtete Hospital wurde von der Kirche getragen. Ab 1679 wurden hier auch die „würklich Tollen“ in einer Art von verschlossener Koje untergebracht. Diese so genannten „Tollkisten“ standen reihenweise in Sälen und hatten lediglich ein handgroßes Loch nach Außen. Der „Pesthof“ hatte einen so guten Ruf, dass auch von außerhalb (gut zahlende) Patienten kamen. Deretwegen wurden ab 1764 keine „böße Tolle“ – nach heutiger Sicht psychisch kranke Straftäter – mehr aufgenommen, sondern sie verblieben im Spinnhaus, einem Gefängnis.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurden – zwischen 1616 und 1625 – zahlreiche Hügel des Vorortes Hamburger Berg im Zuge der Errichtung der Neubefestigung der Stadt planiert, um Material für die Errichtung der außerordentlich hohen Festungswälle zu gewinnen und zugleich freies Schussfeld („Glacis“) vor den Mauern am damaligen Millerntor zu haben. Dabei wurde ein Teil des Vororts in die Neustadt des Hamburger Stadtgebietes einbezogen.

Blick auf die Elbe um 1900
Spielbudenplatz um 1900

Wegen des freien Schussfeldes waren Ansiedlungen zunächst verboten, doch seit dem 17. Jahrhundert wurden Betriebe, die wegen Geruchsentwicklung, Wasserverschmutzung oder Lärm in der Stadt unerwünscht waren, in den Vorort verbannt. Die Seilmacher (Reepschläger), die viel später der Reeperbahn ihren Namen gaben, zogen 1633 hierher, weil sie in den Mauern der Stadt nicht mehr den nötigen Platz für ihr Gewerbe fanden. Im gleichen Jahr werden eine Ölmühle und eine Glashütte nördlich des Heiligengeistfeldes erwähnt. Etwa um diese Zeit begann auch die Tradition des Amüsierbetriebs in diesem Gebiet, es entstand ein Spielbudenplatz, an dem zwischen einigen Krambuden, Gaststätten und Tanzdielen eine Art Jahrmarkt durch reisende Händler und Schausteller ansässig wurde. Ungefähr seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, den Hamburg unbeschadet überstand, dehnte sich auch die Bebauung des Hamburger Berges vom ersten Siedlungskern am Pepermölenbek nach Osten in Richtung der Reeperbahnen aus. Nach 1649/50 wurden die T(h)ranbrennereien an das Elbufer verlegt. Dort hatten auch mehrere Schiffswerften und das Hanfmagazin ihren Standort. Nördlich davon entstand an der Geestkante, im Gebiet der Straße Pinnasberg, eine neue Bebauung. Weitere Häuser entstanden im nördlichen Teil des Gebietes (im heutigen Karolinenviertel). Die Stadt Altona auf der anderen Seite war nicht umfestet und die Grenze offen, das Nobistor war nur dem Namen nach ein Tor, sondern eher eine Passage nach der Brücke über den Pepermöhlenbeck.[3]

Unter der napoleonischen Besatzung Anfang des 19. Jahrhunderts wurde der Hamburger Berg von den Franzosen vollständig abgerissen – wiederum, um vor dem nunmehr von Frankreich besetzten Hamburg freies Schussfeld zu haben. Nach dem Abzug der Franzosen wurde der Vorort sehr schnell wieder aufgebaut; bereits 1820 war der vorherige Zustand wiederhergestellt. 1804 wurde Johann Georg Kerner als „Arzt für die Baracken“, so hießen die Häuser zu dieser Zeit auf dem Hamburger Berg, eingesetzt.

An den Hamburger Berg erinnert heute noch eine Seitenstraße der Reeperbahn – sie hieß von 1865 bis 1938 Heinestraße, benannt nach dem Bankier Salomon Heine. Dieser hatte 1841 das am Ende dieser Straße gelegene israelitische Krankenhaus im Rahmen einer von ihm gegründeten Stiftung zum Andenken an seine Frau Betty errichten lassen. Es sollte ausdrücklich bedürftigen Kranken aller Konfessionen offenstehen. 1938 wollten die Nationalsozialisten durch die Umbenennung dieser Straße in eben Hamburger Berg die Erinnerung an den jüdischen Wohltäter tilgen. Seit einigen Jahren bemüht sich eine Initiative um die Wiederherstellung des Straßennamens „Heinestraße“ – bisher ohne Erfolg.

Die Vorstadt[Bearbeiten]

1833 wurde das Gebiet als Vorstadt St. Pauli unter städtische Verwaltung gestellt. Allerdings lag die Vorstadt immer noch vor den Stadtmauern und litt unter der Torsperre. Ein starkes Bevölkerungswachstum im 19. Jahrhundert führte zu Wohnungsmangel, dem man durch starke Verdichtung der Bebauung durch Hinterhäuser und ähnliches zu begegnen versuchte. Vollständig eingemeindet wurde St. Pauli 1894.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte besonders der Amüsierbetrieb Aufschwung. Die vorher verbreiteten Buden – ein zentraler Platz heißt heute noch Spielbudenplatz – wurden durch feste Häuser für Theater, Zirkus, Trinkhallen oder andere Amüsierbetriebe ersetzt.

Der Stadtteil[Bearbeiten]

St. Pauli bei Nacht 1908

1894 wurde die Vorstadt zum Hamburger Stadtteil.[4]

Bis zum Groß-Hamburg-Gesetz von 1937 war das Gebiet geteilt. Nur der östliche Teil gehörte zu Hamburg, der westliche – einschließlich der Straße Große Freiheit – gehörte zur Stadt Altona. Verwaltungstechnisch gehört St. Pauli heute zum Bezirk Hamburg-Mitte.

Rund um die Schmuckstraße befand sich Anfang des 20. Jahrhunderts ein kleines Chinatown. In der so genannten Chinesenaktion der Hamburger Gestapo wurden am 13. Mai 1944 etwa 120 bis 130 chinesische Männer verhaftet und im Gestapogefängnis Fuhlsbüttel inhaftiert und misshandelt. Eine Gruppe dieser chinesischen Männer wurde dann ohne Prozess und ohne Urteil in das Arbeitserziehungslager Langer Morgen im Hafengebiet eingewiesen. Bei Zwangsarbeit im Hafen und bei der Trümmerräumung sowie durch die Misshandlungen durch das Wachpersonal kamen mindestens 17 von ihnen ums Leben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren Teile der Gründerzeitbebauung St. Paulis durch Bomben zerstört.

In den 1950er und 1960er Jahren fand das Vergnügungsviertel zu seiner alten Beliebtheit zurück. Eine besondere Rolle spielte dabei das Auftreten englischer Musikgruppen (The Beatles). In den 70er Jahren kam es zu einem deutlichen Niedergang von St. Pauli. Mit dem Start des Musicals Cats im Operettenhaus (1986) und der Eröffnung des Schmidt Theaters (1988) begann ein langsamer Wiederaufstieg, der bis heute anhält.

Bavaria St.-Pauli-Brauerei[Bearbeiten]

Die Bavaria-St.Pauli-Brauerei (Hauptmarke Astra, 1998 an Holsten verkauft) stellte ihr Bier lange auf St. Pauli her. 2004 wurde die dort ansässige Brauerei abgerissen. Das Astra-Bier wird mittlerweile in der Holsten-Brauerei gebraut. Das Gelände wurde mit einer Wohnanlage und drei Hochhäusern bebaut (Hafenkrone).

Politik[Bearbeiten]

St.-Pauli-Hafenstraße von der Elbe aus, davor Beachclub „StrandPauli“, ganz links St.-Pauli-Kirchturm (2009)

Historisch ist St. Pauli ein Ort gewesen, an dem sich diejenigen, die ein Bürgergeld in Hamburg nicht aufbringen konnten, niedergelassen haben, eben vor den Toren der Stadt. Hinzu kamen die anderweitig Unerwünschten, seien es störende Handwerker, Gastwirte oder Prostituierte, die aus der Stadt gewiesen wurden, oder unliebsame und stinkende Gewerbe, wie „Thranbrennereien“, Amüsierbetriebe und unerwünschte Institutionen, zum Beispiel der Pesthof. Auch nach der Einbeziehung in das Stadtgebiet und insbesondere mit der Flächensanierung der Hamburger Innenstadt um 1900 und der Auflösung des dortigen Gängeviertels wuchs der Zuzug der ärmeren Teile der Bevölkerung. So hat sich bis heute sowohl die soziale Zusammensetzung der Bevölkerung, als eine der ärmsten in Hamburg, wie ihr Ruf, aufrührerisch und widerständisch zu sein, erhalten. Auch fühlen die Bewohner St. Paulis sich oft von der Regierung vernachlässigt oder übergangen, was zu entsprechenden sozialen und politischen Spannungen führt.

So gilt St. Pauli von jeher als „links“. Aufstände und Unruhen sind seit Beginn seiner Existenz verzeichnet, so nach der Deutschen Revolution von 1848/1849, während des Österreichisch-Preußischen Kriegs gegen Dänemark 1864, als auf der Reeperbahn österreichische Soldaten von der Bevölkerung angegriffen wurden, während des Hafenarbeiterstreiks 1896 oder am 19. April 1919, als es in Solidarität mit der Münchner Räterepublik zum Sturm auf verschiedene Polizeiwachen sowie zu Plünderungen durch die hungernde Bevölkerung kam.[5] Bis 1933 galt St. Pauli als eine der Hochburgen der KPD, bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 fielen in St. Pauli 35 % (Hamburg gesamt: 39 %) der Stimmen auf die NSDAP, 24 % (27 %) auf die SPD und 32 % (18 %) auf die KPD. Zum Ende der Weimarer Republik kam es wiederholt zu Schießereien zwischen dem Rotfrontkämpferbund und der SA.

Seit Anfang der 1980er-Jahre waren es insbesondere die Hausbesetzungen, die den Ruf des widerständischen St. Pauli beförderten, so die Hafenstraße ab 1981, später zum Beispiel Häuser am Pinnasberg/Heidritterstraße, die Jägerpassage in der Wohlwillstraße, die Bachterrasse (eine der drei Rebienschen Terrassen) in der Schanzenstraße („Schanze 41a“) oder die Lama-Häuser (Laeiszstraße/Marktstraße) im Karolinenviertel. Auch das seit 1989 besetzte Kulturzentrum Rote Flora im Schanzenviertel wird in dieser Kontinuität gesehen, auch wenn sie genau genommen bereits auf der Grenze zu Altona liegt, und von dem dortigen Bezirk aus verwaltet wurde. 2002 kam es in Schanzenviertel (jetzt Stadtteil Sternschanze), Karolinenviertel und dem restlichen St. Pauli über Wochen zu den so genannten Bambule-Unruhen, nachdem der damals neue bürgerliche Senat aus CDU, FDP und Schillpartei einen gleichnamigen Bauwagenplatz räumen ließ. Viele Anwohner und Einzelhandelsbetreiber solidarisierten sich mit den Demonstranten.

Für die Wahl zur Bürgerschaft und der Bezirksversammlung gehört St. Pauli zum Wahlkreis Hamburg-Mitte. Am konkretesten zeigt sich die Ablehnung der herrschenden Politik durch die St. Paulianer in den Wahlergebnissen. So erhielten bei der Bürgerschaftswahl 2011 die CDU 5,8 % (hamburgweit: 21,9 %), die SPD 37,4 % (48,4 %), die Grünen 21,5 % (11,2 %), die FDP 1,9 % (6,7 %) und die Linke 20,1 % (6,4 %).[6] Die Wahlbeteiligung lag bei 44,6 % (hamburgweit: 57,8 %).

Die Bevölkerung auf St. Pauli besteht heute aus Einwandererfamilien, die traditionell hier leben (teilweise seit mehreren Generationen), Studenten, Rentnern, Sozialhilfeempfängern, Selbstständigen, Künstlern und Intellektuellen. Seit Mitte/Ende der 1990er-Jahre wurde das Viertel aufgrund seiner innenstadtnahen Lage und durch gezielte Umstrukturierungsmaßnahmen in manchen Ecken als „chic“ angesehen, die Mieten stiegen, allein 2005 um durchschnittlich 20 Prozent. Es kommt aufgrund der erhöhten Nachfrage zu Mietsteigerungen bei Neuvermietungen, so dass sich die Bevölkerungszusammensetzung verändert. Ein bedeutender Teil des Wohnungsbestandes wird von der stadteigenen Wohnungsgesellschaft SAGA verwaltet.

Wahlergebnisse[Bearbeiten]

Bürgerschaftswahl SPD GAL/Grüne Linke1) CDU FDP Übrige
2011 37,4 % 21,5 % 20,1 % 05,8 % 01,9 % 13,3 %2)
2008 41,2 % 21,0 % 15,0 % 15,3 % 03,3 % 04,2 %
2004 28,8 % 39,4 % 18,3 % 01,3 % 12,2 %3)
2001 35,2 % 27,6 % 01,2 % 10,0 % 01,9 % 24,1 %4)
1997 27,7 % 35,9 % 03,7 % 12,7 % 01,5 % 18,5 %5)
1993 33,8 % 34,5 % 09,6 % 01,5 % 20,6 %6)
1991 42,5 % 24,2 % 02,7 % 17,9 % 01,7 % 11,0 %7)
1987 45,1 % 26,0 % 25,2 % 02,0 % 01,7 %
1986 39,9 % 29,2 % 26,3 % 02,4 % 02,2 %
Dez. 1982 56,7 % 15,7 % 24,9 % 01,3 % 01,4 %
Juni 1982 48,7 % 14,9 % 30,6 % 02,6 % 03,2 %
1978 60,9 % 07,7 %8) 24,2 % 02,8 % 04,4 %
1974 57,4 % 29,0 % 07,3 % 06,3 %
1970 68,0 % 21,6 % 03,5 % 06,9 %
1966 72,5 % 19,4 % 04,3 % 03,8 %
1) 1991 und 1997 als PDS/Linke Liste, 2001 als PDS.
2) Darunter 6,7 % für die Piratenpartei.
3) Darunter 6,9 % für den Regenbogen.
4) Darunter 11,3 % für den Regenbogen und 11,0 % für die Schill-Partei.
5) Darunter 5,3 % für die DVU und 5,3 % für die APPD.
6) Darunter 6,2 % für die Republikaner und 5,0 % für die Linke Alternative.
7) Darunter 7,1 % für die Alternative Liste.
8) Als Bunte Liste – Wehrt Euch.

Quartiere[Bearbeiten]

Vielfach wird „St. Pauli“ als Synonym für den Kiez an der Reeperbahn gebraucht
Legendär: Diskothek Grünspan
Erotic Art Museum

Kiez[Bearbeiten]

Obwohl St. Pauli ein bedeutendes Wohnquartier in Hamburg ist, ist der Stadtteil vor allem durch sein Vergnügungs- und Rotlichtviertel, das Gebiet im Süden des Stadtteils, bekannt, das auch als der Kiez bezeichnet wird. Dieses umfasst jedoch nur ein behördlich festgelegtes Teilgebiet, in dem für die Gastronomie keine Sperrstunde gilt.[7] Das betrifft die Reeperbahn, den Spielbudenplatz und weitere Parallel- und Seitenstraßen wie die Herbertstraße und die Große Freiheit. Tatsächlich gibt es auf St. Pauli größtenteils kleinbürgerliche Wohnstraßen oder Arbeitergegenden. Das Stadtviertel war auch bei Studenten und jungen Künstlern wegen der günstigen Wohnungsmieten, der zentralen Lage und des ausgesprochen vielfältigen und toleranten Milieus sehr beliebt. So gibt es auf St. Pauli noch einige fast parallel zueinander lebende soziale Schichten, die sich nur gelegentlich berühren.

Außer den hier stattfindenden Veranstaltungen und Volksfesten sorgten auch immer wieder kriminelle Vorkommnisse für Berichte in der Presse: Bandenkriege zwischen Zuhältern (etwa die Auftragsmorde durch Werner Pinzner), Nepp durch Gastronome, der Mörder Fritz Honka und – insbesondere seit Mitte der 2000er-Jahre – Körperverletzungen durch aggressive Gewalttäter. Dennoch konzentriert sich das Hamburger Nachtleben zunehmend auf St. Pauli, nachdem die traditionellen Eckkneipen in den Wohnquartieren weitgehend verschwunden sind und den „Schmuddelkinos“ am Steindamm erfolgreich der Kampf angesagt wurde.

Theater[Bearbeiten]

Museen[Bearbeiten]

Kunst und Musik[Bearbeiten]

Als Vergnügungsviertel beherbergt St. Pauli eine Vielzahl an Musik-Clubs, Kneipen und Diskotheken unterschiedlichster Stilrichtungen und Qualität, die jedes Wochenende Ziel von Hamburgern und Touristen sind. Laut der Wochenzeitung Die Zeit hat St. Pauli und die unmittelbare Umgebung rund um das Karoviertel die höchste Dichte an Plattenläden mit Vinyl-Schwerpunkt in Deutschland.

Schon die Swing-Jugend übte hier kulturellen Widerstand gegen den Nationalsozialismus.

Viele (Musik-)Trends kamen aus England und anderen Ländern über St. Pauli in die Bundesrepublik (siehe auch Star-Club, Punk, The Beatles). Der Hafen diente auch als Tor und Umschlagplatz für neue Ideen und kulturelle Strömungen.

Auf St. Pauli finden sich mehrere kleine Kunstgalerien, von denen einige von Künstlern selber geführt werden.

Die Kneipe La Paloma am Hans-Albers-Platz wurde vom Maler Jörg Immendorff betrieben. Die Hans Albers darstellende Statue auf dem Platz wurde ebenfalls von Immendorff gestaltet.

Gastronomie[Bearbeiten]

Statue auf dem Hans-Albers-Platz

Das Angebot ist unüberschaubar, von der Wurstbude bis zur Sterneküche ist Kulinarisches aus allen Teilen der Welt zu finden. Zu finden ist zum Beispiel das älteste italienische Restaurant (eröffnet 1905) der Hansestadt, das Cuneo.

Persönlichkeiten[Bearbeiten]

Persönlichkeiten, die mit dem Kiez auf St. Pauli in Verbindung stehen:

Karo- und Schanzenviertel[Bearbeiten]

Das Gebiet des Karolinenviertels ist durch das Heiligengeistfeld deutlich vom übrigen Stadtteil abgegrenzt. Durch die Aufgabe des Schlachthofgeländes – heute befindet sich dort nur noch der Fleischgroßmarkt – wächst es eher mit dem benachbarten Schanzenviertel (Stadtteil Sternschanze) zusammen. Gerade das Karo-Viertel ist mit seinen vielen Graffiti- und Streetart-Werken ein Anlaufpunkt für Interessierte.

St. Pauli-Süd[Bearbeiten]

Im Bereich Pinnasberg/Hein-Köllisch-Platz wurde eine kleine Fläche von St. Pauli der Altonaer Altstadt zugeordnet (1938), sodass die nur für Altona (und eben nicht für das hamburgische Gebiet) typische Große Freiheit seitdem in St. Pauli, hingegen die St.-Pauli-Kirche jetzt in Altona liegt.

Am heute gleichfalls altonaischen Pinnasberg befindet sich mit dem Antonipark eine fantasievolle Parkanlage, die von Bürgern und Künstlern gemeinsam erstritten und gestaltet wurde (Park-Fiction-Projekt).

Regelmäßige Veranstaltungen[Bearbeiten]

Blick vom Riesenrad des Hamburger Doms

Dreimal jährlich findet auf dem Heiligengeistfeld der Hamburger Dom, ein Jahrmarkt, statt. Jeweils im Mai wird der Hafengeburtstag gefeiert, ebenfalls ein großes Volksfest. Der jährliche Schlagermove, ein Umzug nach dem Muster der Loveparade, aber mit deutscher Schlagermusik, führt in der Regel über Spielbudenplatz und Reeperbahn.

Erwähnenswert sind außerdem der allsonntäglich stattfindende Fischmarkt sowie die Heimspiele des FC St. Pauli.

Seit 2006 findet auf der Reeperbahn jährlich im September das Reeperbahn-Festival statt.

Infrastruktur[Bearbeiten]

Ecke in St.Pauli mit Wohnhäusern und Gastronomie, August 2012
Panorama über St. Pauli (September 2004)

Bis in die 1990er Jahre war St. Pauli eines der ärmsten Stadtviertel Europas. Durch die Deindustrialisierung des Stadtteils und den daraus resultierenden Umzug von Unternehmen wie MontBlanc, Hermann Laue und der Bavaria-St.Pauli-Brauerei hat sich die Gewerbestruktur stark gewandelt: Heute ist die wirtschaftliche Situation von vielen Unternehmen im gastronomischen, handwerklichen und künstlerischen Bereich geprägt, wobei die Vergnügungsindustrie nach wie vor den wichtigsten Faktor darstellt. St. Pauli ist der wichtigste Vergnügungs- und Tourismusstandort Hamburgs. Durch die innenstadtnahe Lage, die gute Infrastruktur sowie das reichhaltige Angebot an Gastronomie und Musikclubs ist St. Pauli mittlerweile eine beliebte Wohngegend und rapide steigende Mieten kennzeichnen den Wohnungsmarkt. Zwar gibt es noch die normalen Straßen links und rechts der Reeperbahn, in der sich die Nachbarn noch kennen. Doch der Verdrängungswettbewerb drückt weniger zahlungskräftige Mieter aus dem Stadtteil. Die Sanierungspolitik der Stadt und die Vermietungspraxis der städtischen Wohnungsunternehmen fördern diesen Prozess. Die englische Zeitung The Guardian zählte am 20. Januar 2012 St. Pauli zu einem der fünf lebenswertesten Orte auf der Welt.[8]

Bauwerke[Bearbeiten]

  • Die St. Pauli-Landungsbrücken sind ein schwimmender Schiffsanleger mit einem großen, dem Jugendstil angelehnten Empfangs- und Verwaltungsgebäude. Es ist die größte Anlage dieser Art in Deutschland. Von hier fahren Hafenfähren, -rundfahrtschiffe und -barkassen, Passagierschiffe im Unterelbedienst sowie die Katamarane nach Stade und Helgoland ab. Auf den Pontons sind diverse Restaurants und Souvenirläden zu finden.
Das ehemalige Israelitische Krankenhaus
  • Der Alte Elbtunnel (1911) hat ein tempelartiges Eingangsgebäude neben den Landungsbrücken in dem Fahrzeuge mit Fahrkörben auf die Tunnelsohle gebracht werden. Das technische Denkmal mit Majolikareliefs geflieste Tunnelröhren dient heute noch seiner Bestimmung.
  • Die barocke St.-Josephs-Kirche auf der Großen Freiheit von 1721 wurde nach schweren Kriegsschäden als Neubau hinter der erhaltenen Fassade errichtet und in den letzten Jahren re-barockisiert.
  • Die in Backsteingotik 1893–1894 erbaute Friedenskirche ist eine von mehreren von Johannes Otzen entworfenen Kirchen in Hamburg. Die daran vorbeiführende Otzenstraße wurden nach ihm benannt.
  • Die ehemals evangelische Gnadenkirche ist heute die russisch-orthodoxe Kirche des Heiligen Johannes von Kronstadt (siehe: Orthodoxe Kirchen in Hamburg)
  • Das Israelitische Krankenhaus wurde von Salomon Heine zum Andenken an seine Frau gestiftet und 1841 bis 1843 errichtet; der Architekt war Hinrich Klees-Wülbern. Bis 1939 wurde es in den ursprünglichen Räumen betrieben, im Zweiten Weltkrieg stark zerstört. Nach dem Wiederaufbau beherbergte das Gebäude den Schulärztlichen Dienst. Hier arbeitete auch ein Kinderarzt, der nicht approbiert hatte und als Sanitäter im Krieg gearbeitet hatte. Ein Neubau erfolgte in der Nachkriegszeit in Alsterdorf. Im Jahr 2000 zog unter anderem die Ortsdienststelle St. Pauli in diese Räume.
  • Oberhalb der Landungsbrücken liegt auch das 1863 als Seemannsheim und -hospital ehemalige Seemannshaus das durch einen Turm und Ausbauten heute das Hotel Hafen Hamburg beherbergt.[9]
  • Das dahinter liegende Hafenkrankenhaus wird heute teilweise als Gesundheitszentrum St. Pauli genutzt.

Parkanlagen[Bearbeiten]

Ein Teil der Parkanlagen von Planten un Blomen (westlich der Marseiller Straße) liegt im Stadtteil. Es handelt sich um jenen Teil auf dem Gelände des ehemaligen Zoologischen Gartens und der Dammtorfriedhöfe der 1935 für die Niederdeutsche Gartenschau hergerichtet wurde und nach mehrmaligen Internationalen Gartenbauausstellungen heute der gesamten Anlage, die die Westseite des Stadtteils bis zum Millerntor säumt, seinen Namen gab. Zwischen Millerntor und Landungsbrücken liegt auch Alte Elbpark, der zum kleineren Teil noch im Stadtteil liegt. Außerhalb oder besser unterhalb des Stadtteils an der Elbe liegt auch der Antonipark eine fantasievolle Parkanlage, die von Bürgern und Künstlern gemeinsam erstritten und gestaltet wurde (Park-Fiction-Projekt).

Verkehr[Bearbeiten]

Eingang der U-Bahn-Station St. Pauli

Der Stadtteil ist durch zahlreiche Linien des öffentlichen Nahverkehrs im Hamburger Verkehrsverbund (HVV) erschlossen. Neben den von den Landungsbrücken fahrenden HADAG-Fähren bestehen mehrere Buslinien, die die zahlreichen Haltestellen anfahren. Auf diesen besteht teilweise auch ein Nachtbetrieb, wie auch bei den Bahnlinien an Wochenende.

Die Linien S1, S2, S3 der S-Bahn Hamburg fahren über den City-S-Bahntunnel die Station Reeperbahn und die (knapp hinter der Stadtteilgrenze liegende) Station Landungsbrücken an, die auch von der U3-Ringlinie der Hochbahn (U-Bahn Hamburg) bedient wird und mit den Stationen St. Pauli und Feldstraße den Stadtteil durchquert. Die Linie U2 hält am U-Bahnhof Messehallen (Ausgang Messehallen noch im Stadtteil) und nördlich des Stadtteils liegen ferner der U- und S-Bahnhof Sternschanze und der Fernbahnhof Dammtor.

Sport[Bearbeiten]

Die Fußballer des FC St. Pauli haben ihr Heimstadion neben dem Heiligengeistfeld.

Vereine und Initiativen (Auswahl)[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Burkhard Bortz: Kein Tag ohne Gefahr. Davidwache, Polizeiarbeit auf dem Kiez. Viebranz Verlag, 2001, ISBN 3-921595-27-4
  • Helene Manos: Sankt Pauli. Soziale Lagen und soziale Fragen im Stadtteil Sankt Pauli. Hamburg 1989.
  • Rene Martens, Günter Zint: St. Pauli – Kiez, Kult, Alltag. Europäische Verlagsanstalt, 2000, ISBN 3-434-52566-1
  • Günter Zint, Günter Handlögten, Inge Kramer: Die weiße Taube flog für immer davon. Ein St.-Pauli-Bilderbuch. Rowohlt, Reinbek 1984, ISBN 3-499-15292-4
  • Lars Amenda: Fremde – Hafen – Stadt. Chinesische Migration und ihre Wahrnehmung in Hamburg 1897–1972. Hamburg 2006, ISBN 978-3-937904-36-8.
  • Monika Ampferl: Elise Müller (1882–1967). Von Grabow i.M. in die Vorstadt St. Pauli. Verlag Haag + Herchen, Hanau 2014, ISBN 978-3-89846-732-2

Film[Bearbeiten]

  • Empire St. Pauli – von Perlenketten und Platzverweisen. Ein Dokumentarfilm von Irene Bude und Olaf Sobczak Produktion Steffen Jörg, GWA St. Pauli (Mini-DV, 2009, 85 Min.).[15][16][17]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Hamburg-St. Pauli – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Hamburg von Altona bis Zollenspieker. Das Haspa-Handbuch für alle Stadtteile, Hoffmann u. Campe 2002 i. V. m. Statistikamt Nord: Straßen- und Gebietsverzeichnis (PDF)
  2. Statistikamt Nord: Karte des Stadtteils Sternschanze (PDF; 622 kB)
  3. Hermann Hipp, Freie und Hansestadt Hamburg, S. 222
  4. http://www.ndr.de/ratgeber/reise/urlaubsregionen/hamburg/stpauli2949.html
  5. Im Schatten des Großen Geldes. Wohnen auf St. Pauli. St. Pauli Archiv, Hamburg 1990, S. 17
  6. Statistikamt Nord: Bürgerschaftswahl in Hamburg, abgerufen am 3. März 2011: wahlen-hamburg.statistik-nord.de
  7. Da die Sperrstunde nicht am Wochenende gilt und ihr Beginn in ganz Hamburg auf 5 Uhr verschoben wurde, spielt sie heute kaum noch eine Rolle.
  8. The Guardian über St. Pauli
  9. Das Seemannshaus in Hamburg. In: Die Gartenlaube, 1863, auf Wikisource
  10. integratives Wohngruppenprojekt abgerufen am 15. November 2010
  11. Kunst- und Kulturverein LINDA e. V. abgerufen am 15. November 2010
  12. Initiative No Bernhard-Nocht-Quartier abgerufen am 15. November 2010
  13. IG St. Pauli, ansässige Vereine abgerufen am 15. November 2010
  14. Verein Jugend und Sport abgerufen am 15. November 2010
  15. Empire St. Pauli – von Perlenketten und Platzverweisen
  16. Vom Rotlichtviertel zur Sahnelage spiegel.de vom 7. Mai 2009
  17. Empire St. Pauli - online abrufbar