Handtransplantation

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Eine Handtransplantation ist eine Operation zur Übertragung einer oder beider Hände von einem (toten) Menschen auf einen anderen, lebenden Menschen. Es handelt sich dabei also um eine Transplantation, genauer um eine Composite Tissue Allotransplantation.[1]

Besonders an der Handtransplantation im Vergleich zu anderen Transplantationsformen, wie einer Nierentransplantation, ist, dass sie keine lebensnotwendige Maßnahme darstellt. Ihr alleiniger Zweck ist es, die verloren gegangene Funktionalität beim Patienten wieder herzustellen, daher stellt sie einerseits für Patienten mit einer traumatisch bedingten Amputation der Hände oder Unterarme eine echte Alternative dar. Andererseits steht sie aber auch in der Kritik, hauptsächlich wegen der notwendigen, lebenslangen Einnahme von Immunsuppressiva (Medikamente, die das Immunsystem unterdrücken und dabei eine Vielzahl an Nebenwirkungen aufweisen), obwohl sie nicht lebensrettend ist. Deswegen wird eine Handtransplantation auch nur bei wenigen, nach strengen Kriterien ausgewählten Patienten angewandt.[2]

Geschichte der Handtransplantationen[Bearbeiten]

Die ersten Verpflanzungen von Gliedmaßen gelangen bereits um 1900 Alexis Carrel an Hunden, allerdings stieß er auf massive Probleme mit der Abstoßung.[3]

Bedingt durch die Entwicklung der ersten Immunsuppressiva wurde die erste Transplantation einer Hand am Menschen 1964 in Ecuador unter Verwendung von Azathioprin und Steroiden durchgeführt. Bereits nach zwei Wochen erfolgte jedoch die Abstoßung der transplantierten Hand und sie musste wieder abgenommen werden.[4]

In den 80er und 90er wurden dann modernere Immunsuppressiva, wie Cyclosporin A, entwickelt, jedoch ließen auch diese noch keine Handtransplantation zu. 1997 erschienene Berichte über eine erfolgriche verhinderte Abstoßungsreaktion bei einem Composite Tissue Allograft durch eine kombinierte Therapie aus Tacrolimus, Mycophenolat-Mofetil (MMF) und Prednison ebneten schließlich den Weg zur ersten, kurzzeitig erfolgreichen Handtransplantation: Dem Neuseeländer Clint Hallam wurde am 23. September 1998 im französischen Lyon eine neue, rechte Hand transplantiert.[5] Berichten zufolge, litt Hallam allerdings körperlich und seelisch unter seiner neuen Hand. Er kämpfte mit den Nebenwirkungen der Medikamente und empfand seine neue Hand als Fremdkörper. Er nahm nicht zuverlässig am Physiotherapieprogramm teil und verweigerte schließlich auch die Medikamenteneinnahme, was dazu führte, dass sein Körper die Hand abzustoßen begann. Sie wurde auf seinen Wunsch und wegen der Abstoßungsreaktionen am 2. Februar 2001 von Nadey Hakim wieder entfernt.[6][7]

Die erste Handtransplantation mit anhaltendem Erfolg wurde von Ärzten der Universität von Louisville in Kooperation mit dem „Kleinert, Kutz and Associates Hand Care Center“ und dem „Jewish Hospital & St. Mary's HealthCare“ in Louisville (Kentucky) durchgeführt, obwohl einige Einschränkungen in Bezug auf die Beweglichkeit der Finger in Kauf genommen werden mussten.[8] Der Patient verlor seine Hand bei einem Unfall mit Feuerwerkskörpern, als er 24 Jahre alt war. Die Operation erfolgte am 24. Januar 1999. Die Mediziner der Universität von Louisville führten außerdem die erfolgreiche Handtransplantation von Jerry Fisher im Februar 2001 durch.[9][10] 1999 erfolgten zudem zwei weitere Handtransplantationen in Guangzhou (China), im Januar 2000 die Transplantation zweier Hände an einem beidseitig amputierten Mann. Im März desselben Jahres folgte eine weitere bilaterale Handtransplantation in Innsbruck.[11] Bei dem Empfänger Theo Kelz handelte es sich um einen österreichischen Polizisten, der beide Hände durch eine Rohrbombe verloren hatte.[12] Durchgeführt wurde die Operation unter der Leitung von Raimund Margreiter und Hildegunde Piza-Katzer durchgeführt.[13]

Die weltweit erste bilaterale Armtransplantation gelang am 26. Juli 2008 am Klinikum rechts der Isar in München. Der Empfänger hatte 5 Jahre vorher beide Arme in „T-Shirt-Höhe“ bei einem landwirtschaftlichen Unfall verloren. Unter der Leitung von Christoph Höhnke und Edgar Biemer wurden dem damals 54-jährigen Karl Merk in einer 15-stündigen Operation zwei neue Arme verpflanzt.[14] Berichten zufolge kommt der Patient bis heute gut mit seinen neuen Armen zurecht (Stand: 2014).[15][16][17]

Vorgehen[Bearbeiten]

Präoperatives Vorgehen[Bearbeiten]

Die Handtransplantation ist immer noch ein umstrittenes Feld und muss vorrangig dazu dienen die Lebensqualität des Patienten zu verbessern. Daher muss man wie bei jeder Operation die Chancen gegen mögliche Risiken (bei der Handtransplantation vor allem eine Abstoßungsreaktion) abwägen. Zudem muss die Handtransplantion auch immer mit anderen, konservativen Möglichkeiten, die ebenfalls der Wiederherstellung der verloren gegangenen Funktion dienen, konkurrieren.[11][18] Um alle Risiken müssen möglichst gering halten zu können, müssen sich mögliche Kandidaten für eine Handtransplantation daher einem strengen Auswahlprozess unterwerfen, denn längst nicht alle Patienten sind für eine Handtransplantation geeignet. Da es sich bei der Hand um ein sichtbares Organ handelt, das die Selbstwahrnehmung eines Menschen entscheidend beeinflussen kann, wird gerade auch auf die psychische Eignung es Patienten besonderen Wert gelegt. Der Empfänger muss mit seiner neuen Hand leben können und sie als einen Teil von sich annehmen. Vorab nimmt er deswegen an einem intensiven psychologischen Screening Teil und Gesprächen mit einem Psychiater Teil.[19][20]

Darüber hinaus muss ein Patient noch eine Reihe weiterer Kriterien erfüllen, die je nach Klinik, in der eine Handtransplantation angeboten wird, auch abweichen können. Allgemein muss ein Kandidat jedoch krankenversichert, nicht jünger als 18 und nicht älter als 60 oder 65 Jahre alt sein, er muss motiviert und gesund sein und der Verlust der Hand muss traumatisch oder chirurgisch bedingt sein.[21] Der Zeitraum zwischen Amputation und Transplantation kann ebenfalls ein Ausschlusskriterium sein. Ist dieser länger als beispielsweise 15 Jahre, kann der Kandidat ausgeschlossen werden.[22] Für ein gutes funktionelles Ergebnis ist weiterhin ein möglichst langer, zurückgebliebener Armstumpf mit Muskulatur in gutem Zustand und in jedem Fall intakte Nerven bis zum Stumpf entscheidend.[23]

Operatives Vorgehen und Komplikationen[Bearbeiten]

Die Hand ist ein komplexes Organ mit vielen verschiedenen Strukturen auf engstem Raum und erfordert daher eine genaue Kenntnis der topographischen und funktionellen Anatomie.[24] Zudem ist das Arbeiten zweier Teams gleichzeitig erforderlich. Eines, das die Hand vom toten Spender abtrennt und ein weiteres, das zeitgleich den Arm des Empfängers vorbereitet.[25]

Von dem her ist eine Handtransplantation kein einfacher Eingriff, der durchaus 8 bis 12 Stunden dauern kann.[26] Zum Vergleich: eine typische Herztransplantation dauert meist 6 bis 8 Stunden. Es müssen sowohl die Knochen fixiert werden, als auch die Sehnen, Arterien, Nerven und die Venen verbunden werden. Das geschieht üblicherweise in dieser Reihenfolge, [27][28] es kann aber auch vorkommen, dass zuerst die Blutgefäße verbunden werden, bevor die anderen Operationsschritte durchgeführt werden.[25] Nach der Verbindung der Blutgefäße wird der Durchfluss kontrolliert, und abgewartet, bis sich wieder eine rosige Färbung einstellt, die für eine gute Durchblutung spricht.[29]

Da die Operation komplex ist, können auch einige Komplikationen auftreten: Es kann zum einen sein, dass die Operation länger dauert als ursprünglich geplant, zum anderen aber auch, dass es zur Bildung von Blutgerinnseln, die die Blutzirkulation in der Hand stören, zu einer Infektion, zu Wundheilungsproblemen, Schmerzen oder zu einer übermäßig starken Blutung kommt und anderen Komplikationen kommt.[30][31]

Sonstiges[Bearbeiten]

In seinem Buch „Die vierte Hand“ erzählt der Autor John Irving die fiktive Geschichte eines Handtransplantat-Empfängers.[32]

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Brian Gander, Charles S. Brown, Dalibor Vasilic1, Allen Furr, Joseph C. Banis Jr, Michael Cunningham, Osborne Wiggins, Claudio Maldonado, Iain Whitaker, Gustavo Perez-Abadia, Johannes M. Frank andJohn H. Barker: Composite tissue allotransplantation of the hand and face: a new frontier in transplant and reconstructive surgery, 18. August 2006, In: Transplant International, November 2006. doi:10.1111/j.1432-2277.2006.00371.x
  2. Esther Vögelin: Handtransplantation – Fiktion oder Realität?, In: Therapeutische Umschau, 2011, Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern. Print ISSN: 0040-5930. Online ISSN: 1664-2864. doi:10.1024/0040-5930/a000237
  3. U. Schulte: Medizinnobelpreis 1912: Alexis Carrel, In: Universal-Lexikon, 2012.
  4. Stefan Schneeberger, Luis Landin, Jerzy Jableki, Peter Butler, Christoph Hoehnke, Gerald Brandacher, Emmanuel Morelon and for the ESOT CTA Working Group: Achiements and challenges in composite tissue allotransplantation, In:Transplant International, Band (Volume) 24, August 2011. doi:10.1111/j.1432-2277.2011.01261.x
  5. John H. Barker, Cedric G. Francois, Johannes M. Frank und Claudio Maldonado: Composite Tissue Allotransplantation, In: Transplantation Forum, Band (Volume) 73, 15. März 2002.
  6. Transplanted Hand Amputated, In: The New York Times, 4. Februar 2001.
  7. Lawrence K. Altman: THE DOCTOR’S WORLD; A Short, Speckled History of a Transplanted Hand, In: The New York Times, 27. Februar 2001.
  8. Volker Stollorz in einem Interview mit Matthew Scott: Jetzt gehört sie eben mir, In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. August 2008.
  9. Hand Transplant History, KentuckyOne Health Jewish Hospital · Christine M. Kleinert Institute · Kleinert Kutz Hand Care Center · University of Louisville.
  10. Matthew Scott, KentuckyOne Health Jewish Hospital · Christine M. Kleinert Institute · Kleinert Kutz Hand Care Center · University of Louisville.
  11. a b  Alfred Berger und Robert Hierner (Hrsg.): Plastische Chirurgie: Band IV: Extremitäten. Springer Verlag, Berlin · Heidelberg 2009, ISBN 978-3-540-68814-3, S. 476.
  12. 20 Jahre nach Rohrbombe: Theo Kelz ist zufrieden, In: Kleine Zeitung, Stand: 20. August 2014
  13. Helping Hands 2014: Theo Kelz’ neue Hände
  14. Nicola Siegmund-Schultze: Transplantationsmedizin: Erstmals komplette Arme verpflanzt, In: Deutsches Ärzteblatt, 2008.
  15. Karl Merk: Mit neuen Armen wieder fest im Sattel, Technische Universität München, 24. Juli 2013.
  16. Ingo Jensen: Unfall mit dem Maishäcksler: Der Mann mit den fremden Armen, In: Augsburger Allgemeine, 24. Juli 2013.
  17. Deutscher Landwirt bekam neue Arme, In: Salzburger Nachrichten, 7. September 2014.
  18. M. Kumnig, G. Rumpold, A. Weissenbacher, J. Pratschke, G. Brandacher, St. Schneeberger, Th. Hautz: Composite Tissue Allotransplantation, In: Wiener Klinisches Magazin, März 2011, Springer Verlag, SpringerMedizin.at
  19. Hand Transplantation and Psychatric Issues, KentuckyOne Health Jewish Hospital · Christine M. Kleinert Institute · Kleinert Kutz Hand Care Center · University of Louisville
  20. Martin M. Klapheke, Carrie Marcell, Greg Taliaferro und Beth Creamer: Psychatric Assessment of cadidats for hand transplantation, In:Microsurgery, Band (Volume) 20, 2000. doi:10.1002/1098-2752(2000)20:8<453::AID-MICR18>3.0.CO;2-Y
  21. Information for Potential Hand Transplant Patients, KentuckyOne Health Jewish Hospital · Christine M. Kleinert Institute · Kleinert Kutz Hand Care Center · University of Louisville
  22. Eligibillity, Brigham and Women’s Hospital, 17. März 2014.
  23. Voraussetzungen zur Handtransplantation, Universitätsklinik Innsbruck
  24.  Volker Schumpelick, Niels Bleese, Ulrich Mommsen et al.: Kurzlehrbuch Chirurgie. 8 Auflage. Georg Thieme Verlag, Stuttgart · New York 2010, ISBN 978-3-13-127128-0, S. 797.
  25. a b Our Hand and Arm Transplant Services, Brigham and Women’s Hospital, 14. Februar 2013.
  26. The Hand Transplantation Procedure, UCLA Transplantation Services
  27. Composite Tissue Allotransplantation: Hand Transplant Fact Sheet, Kentucky One Health Jewish Hospital · Christine M. Kleinert Institute for Hand- and Microsurgery · Kleinert Kutz Hand Care Center · University of Louisville
  28. Composite Tissue Allotransplantation: Hand Transplant Surgical Procedure Animation, Kentucky One Health Jewish Hospital · Christine M. Kleinert Institute for Hand- and Microsurgery · Kleinert Kutz Hand Care Center · University of Louisville
  29. Composite Tissue Allotransplantation: 3D Images of Hand Transplant, Kentucky One Health Jewish Hospital · Christine M. Kleinert Institute for Hand- and Microsurgery · Kleinert Kutz Hand Care Center · University of Louisville
  30. Jesse Selber, Richard Andrassy und John Holcomb: Composite Tissue Allotransplantation, The University of Texas MD Anderson Cancer Center, 2015.
  31. Reconstructive Hand Transplant Surgery, Johns Hopkins Medicine
  32. http://john-irving.com/the-fourth-hand/
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