Hannibals Alpenüberquerung

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Route Hannibals während des Zweiten Punischen Krieges

Hannibals Alpenüberquerung im Jahre 218 v. Chr. zählt zu den überlieferten Ereignissen während des Zweiten Punischen Krieges. Sie gilt auch heute noch als taktische und logistische Meisterleistung. Sie war der Auftakt eines mehrjährigen Krieges auf der italienischen Halbinsel gegen Rom.

Fresco, 1510
Francisco de Goya: Aníbal vencedor contempla por primera vez Italia desde los Alpes, 1771
Hannibals Übergang über die Alpen (kolorierter Holzschnitt von Heinrich Leutemann, 1866)

Die Alpenüberquerung[Bearbeiten]

Heute vorliegende Quellen über das Ereignis stammen von Polybios und Titus Livius. Sie stützen sich vermutlich auf die Berichte von Teilnehmern des Feldzugs.

Der karthagische Heerführer Hannibal zog 218 v. Chr. mit einem Teil seines Heeres von der iberischen Halbinsel nach Italien, um einem römischen Angriff auf Spanien und Nordafrika zuvorzukommen. Sein Kontrahent, der Konsul und Feldherr Publius Cornelius Scipio, erfuhr in Massilia von Hannibals Zug und versuchte vergeblich, ihn an der Rhône abzufangen. Die mit den Römern verbündeten Volcae wurden in der Schlacht an der Rhone von Hannibal geschlagen.

Hannibal führte anfänglich etwa 50.000 Soldaten, 9000 Reiter (nach anderen Angaben[1] 25.000 Fußsoldaten und 12.000 Reiter) und 37 Kriegselefanten mit sich. Vermutlich zog er über das Tal der Rhône und dann möglicherweise das Tal der Isère weiter in die Alpen.

Bei den Elefanten handelte es sich um nordafrikanische Waldelefanten.

Von der Rhône an dauerte der gesamte Aufstieg neun Tage. Berichtet wird die Irreführung Hannibals durch verräterische Führer. Es kam zu Kämpfen mit den Allobrogern. In den Bergen führte auch das schlechte Wetter zu Verlusten. Auf dem Pass musste das Heer drei Tage lagern, bis Geröll auf der Abstiegsseite beseitigt war.

Berichtet wird von einem Blick in die Po-Ebene, die sich den Soldaten beim morgendlichen Aufbruch über den Pass bot. Den Abstieg beschrieb Livius als verschneit und rutschig. Von den Elefanten überlebte die Alpenüberquerung nur ein Tier mit Namen Suru. Die Überquerung der Alpen dauerte insgesamt 16 Tage.[2]

Nach der überstandenen Alpenüberquerung folgten das Gefecht am Ticinus und die Schlacht an der Trebia, die Hannibal für sich siegreich entscheiden konnte. Hannibals Bruder Hasdrubal überquerte 207 v. Chr. mit seinem Heer ebenfalls die Pyrenäen und die Alpen, um Hannibals Armee zu verstärken, wurde aber in der Schlacht am Metaurus vernichtend geschlagen.

Lokalisierung[Bearbeiten]

Col de la Traversette
Col de Clapier, mit Blick auf die Poebene

Der überschrittene Pass ist bis heute unklar. Nach den Überlieferungen war die Passhöhe binnen neun Tagen von der Rhône erreichbar, auf der Passhöhe war ausreichend Platz für ein großes Heerlager, von der Passhöhe aus war die Poebene zu erkennen und in drei Tagen erreichbar, der erste Teil des Abstiegs war sehr steil, beim Abstieg stieß man auf Schnee.

In Frage kommen zum Beispiel die „Nordroute“: Sie führt entlang der Isère durch die Schluchten Pontcharra und La Rochette, um dann wahlweise entweder über den Col du Mont Cenis oder Col de Clapier in die Poebene zu gelangen.[3]

Die „mittlere Route“ verläuft vom Tal der Isère über das Pelvoux-Massiv zur Durance und von dort über den Col de Montgenèvre in die Poebene hinab. Dieser Pass wurde etwa hundert Jahre später Teil der Via Domitia.

Eine mögliche „südliche Route“ führt durch das Tal der Drôme, über den Col de Grimone, entlang der Queyras-Schlucht über den Col de la Traversette.[3]

Untersuchungen weisen auf klimatische Warmphasen und eine höhere Baumgrenze hin.[4]

Bisherige Berichte von Funden geben keinen eindeutigen Aufschluss. Am Kleinen St. Bernhard soll laut Maximilien Henri de Saint-Simon, zitiert nach Cecil Torr 1924, im 18. Jahrhundert ein Elefantenskelett gefunden worden sein. Es gibt Berichte von gefundenen Helmen und Wurfspeeren im Verdontal. Auch wird von kathargischen Münzen nahe Saint-Jean-de-Maurienne gesprochen. All diese Meldungen sind nicht belastbar.[5][6]

Diskussion[Bearbeiten]

Der alpine Archäologe Patrick Hunt, Universität Stanford, schätzt die Zahl der Studien und Artikel über die mögliche Route auf etwa 20 in den zurückliegenden hundert Jahren.[7]

Patrick Hunt favorisiert den Col de Clapier, von dem aus auf die Poebene geblickt werden kann. Ferner ist der Platz vorhanden, um ein großes Heerlager aufzunehmen.[7]

William Mahaney, ein Geologe und emeritierter Dozent der York University, favorisiert nach Feldstudien den Col de la Traversette, weil er eine Geröllhalde ausgemacht hat, die mit einer Beschreibung bei Polybios und Livius übereinstimmt.[3] Auch der Historiker John Prevas tritt für den Col de la Traversette ein.[8] Im Jahre 1955 trat auch Gavin de Beer, Naturgeschichtler und Zoologe in Oxford, mit der These des Col de la Traversette an die Öffentlichkeit. De Beer ging unter anderem davon aus, dass Hannibal nach der Durchquerung der Rhône vielmehr die Aygues statt die Isère erreichte und dann der Drôme folgte.[9][10]

Saint-Simon (1720–1799) hielt eine Route über den Col de Grimone für wahrscheinlich.

Mark McMenamin vermutet eine Alpenüberquerung noch weiter nördlich, nahe dem Matterhorn, und beruft sich auf Abbildungen auf punischen Münzen.[11]

Jakob Seibert, emeritierter Althistoriker der Universität München und Hannibalexperte, hält auch eine Aufteilung des Heerzuges auf mehrere Pässe für möglich.[12] Pedro Barceló, Professor an der Universität Potsdam, zweifelt an, dass überhaupt ein Elefant überlebt hat, und kann auch nicht an ein Überraschungsmoment gegenüber den Römern glauben.[13]

Experimentelle Archäologie[Bearbeiten]

Im Juli 1935 überquerte Richard Halliburton auf einem Elefanten namens Dally den Grossen Sankt Bernhard.[14]

Mitglieder der Cambridge Alpine Elephant Expedition 1958–59, darunter John Hoyte, überquerten mit einem Elefanten namens Jumbo den Pass am Mont Cenis.

Am 16. September 1979 wurde der Col du Clapier von Jack Wheeler und einem Begleiter mit zwei Elefanten begangen.[15]

Darstellungen in der Kunst[Bearbeiten]

Die Überquerung wird unter anderem dargestellt in einem Fresco aus dem Jahre 1510, das in den Kapitolinischen Museen zu sehen ist.

Francisco de Goya malte Aníbal vencedor contempla por primera vez Italia desde los Alpes im Jahre 1771.

Das Gemälde Bonaparte beim Überschreiten der Alpen am Großen Sankt Bernhard von Jacques-Louis David aus dem Jahre 1800 stellt Napoleon Bonaparte in eine Reihe mit Hannibal und Karl dem Großen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

In chronologischer Reihenfolge:

  • Maximilien Henri De Saint-Simon: Histoire de la Guerre des Alpes. Amsterdam 1770.
  • Cecil Torr: Hannibal crosses the Alps. Cambridge University Press, Cambridge 1924.
  • Gavin de Beer: Alps and Elephants. Verlag Geoffrey Bles, London 1955.
  • Jakob Seibert: Hannibal. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1993.
  • Karl Christ: Hannibal. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2003.
  • Pedro Barceló: Hannibal. Stratege und Staatsmann. Klett-Cotta, Stuttgart 2004.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Hannibal – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Erin Wayman: On Hannibal’s Trail: The clues are in the geology. In: Earth Magazine, 1. Oktober 2010 (online)
  2. livius.org (online)
  3. a b c Hannibals Weg über die Alpen. Experten streiten über die Route des Feldherrn. In: Neue Zürcher Zeitung, 16. Juni 2010 (online)
  4. Hanspeter Hohlhauser, Michel Magny, Heinz Zumbuhl: Glacier and lake-level variations in west-Central Europe over the last 3500 years. In: The Holocene 15.6 (2005) 789–801.
  5. Michael Peyron (online)
  6. Maximilien Henri De Saint-Simon: Histoire de la Guerre des Alpes. 1770
  7. a b In the Alps, hunting for Hannibal’s trail. In: Stanford Report. May 16, 2007 (online)
  8. John Prevas: Hannibal crosses the Alps: the invasion of Italy and the Punic Wars. Da Capo Press, 2001 (online)
  9. Gavin de Beer: Alps and Elephants. Verlag Geoffrey Bles, London 1955.
  10. Welchen Weg nahm Hannibal? In: Der Spiegel, 29. Juni 1955, 27/1955 (online)
  11. Mark McMenamin: Depiction of the Alps on Punic coins from Campania, Italy. In: Numismatics International Bulletin, 41 (2012) 1–2: 30–33.
  12. Jakob Seibert: Hannibal. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1993, S. 106–113.
  13. P. M. History, 2012 (online)
  14. Fotostrecke 1935 (online)
  15. Rent an elephant and try the alps. In: The Miami News, 13. September 1979 (online)