Hannoversche Waggonfabrik

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Früheres Verwaltungsgebäude an der Göttinger Chaussee (heute: Göttinger Hof)

Die Hannoversche Waggonfabrik AG (Hawa) in Hannover-Linden produzierte von 1898 bis 1933 Eisenbahnwagen, Straßenbahnwagen, Automobile, Kampfflugzeuge und Landmaschinen.

Vorgeschichte[Bearbeiten]

Innenaufnahme Üstra Tw 172 ("Stahlwagen")

Der Artillerie-Rademacher Heinrich Christian Oelschläger betrieb seit 1830 in Linden das Rademacherhandwerk. Sein geschäftstüchtiger Sohn Friedrich Oelschläger erhielt 1857 die Erlaubnis, Kutschwagen herstellen zu dürfen. Daneben fertigte er Einzelteile, wie Räder, Deichseln, Achsen und führte Reparaturarbeiten aus.[1]

Das Geschäft ging auf Wilhelm Buschbaum über, der mit dem Stellmachermeisters Fritz Holland einen Teilhaber fand, der für eine Erweiterung des Bauprogramms und Vergrößerungen der Fabrikanlagen sorgte. Als ein großer Bedarf an Eisenbahnfahrzeugen auftrat, stellte man den Betrieb auf Waggonbau um. 1891 erhielten sie den ersten Waggonauftrag über 25 Pferdebahnwagen für die hannoversche Straßenbahn. Nach weiteren Straßenbahn-Aufträgen für Braunschweig und Stadthagen folgte 1895 der erste Auftrag über Personen- und Güterwagen für die Eisenbahn BörßumHornburg (vgl. Osterwieck-Wasserlebener Eisenbahn).

Nachdem Max Menzel (* 25. Juli 1858 in Gadebusch; † 1903[2]) sich die finanzielle Unterstützung des Hannoverschen Bankhauses Ephraim Meyer & Sohn gesichert hatte, trat er an die Firma Buschbaum & Holland heran, und nach längeren Verhandlungen wurde schließlich die Aktiengesellschaft gegründet. Die Gründung fiel in eine Zeit der Stagnation, es waren in dem Jahr sechs Waggonfabriken gegründet worden. Ungünstige Zahlungsbedingungen sowie stark gedrückte Preise verzögerten den Aufschwung trotz reichlicher Aufträge. Nachdem es der Gesellschaft gelungen war, bedeutende Aufträge aus dem Ausland zu erhalten, zumeist für Straßenbahnwagen, die sie in Gemeinschaft mit der AEG herstellten, waren diese Schwierigkeiten überwunden.

Geschichte[Bearbeiten]

Eine Hannover CL.II aus dem Jahr 1918

Die Gesellschaft wurde am 6. Februar 1898 in Linden bei Hannover als Hannoversche Holzbearbeitungs- und Waggonfabriken (vorm. Max Menzel und Buschbaum & Holland) AG gegründet. Gegenstand des Unternehmens war der Betrieb einer Waggonbau-, Wagenbau- und Holzbearbeitungsfabrik, insbesondere zur Herstellung und Verwertung aller Arten von Eisenbahn-, Straßenbahn- und sonstiger Wagen, die Herstellung und Veräußerung aller zur Ausrüstung von Eisenbahn- und sonstigen Transportmitteln erforderlichen Gegenstände. 1904 wurde die Firmenbezeichnung in Hannoversche Waggonfabrik AG und 1925 in Hannoversche Waggonfabrik AG (Hawa) geändert.

Die Hawa war bekannt für ihren Betriebssport. 1921 und 1922 war Hawa-Alexandria Hannover Vizemeister der Rugby Union in Deutschland.

Kurz nach der Deutschen Hyperinflation geriet HAWA erstmals in Insolvenz und riss damit das Bankhaus Ephraim Meyer & Sohn 1924 in ernste Zahlungsschwierigkeiten: Die Bank hatte eine einzulösende Garantie auf eine Anleihe der HAWA abgegeben und musste nun von einem durch die Reichsbank initiierten Konsortium von anderen Privatbanken gestützt werden. In der Folge verlor die Gründerfamilie Meyer ihre Anteile an der Bank; diese wurden vom Bankhaus Z. H. Gumpel übernommen.[3]

Am 14. Dezember 1931 musste die Hawa infolge der Weltwirtschaftskrise ein gerichtliches Vergleichsverfahren anmelden. Am 17. Februar 1932 wurde die Liquidation der Gesellschaft beschlossen.

Firmengelände am Lindener Bahnhof[Bearbeiten]

Ehemalige, 130 m lange Fabrikhalle am Schlorumpfsweg[4]

In den 1890er Jahren erwarb die HAWA ein neues Grundstück südlich des Lindener Bahnhofs Fischerhof.[5]:333-5 Die bisherigen Anlagen der beiden Teilbetriebe waren zu klein geworden und es fehlte an einem direkten Gleisanschluss. Nachdem 1896 die alten Produktionsstätten bei einem Großbrand zerstört worden waren, erfolgte die Umsiedlung noch im gleichen Jahr. Begrenzt wurde das neue Firmengelände im Norden durch die Gleise des Bahnhofs, im Osten durch die Göttinger Chaussee (heute: Göttinger Hof) und im Süden und Osten durch den Schlorumpfsweg.

1914 kam es erneut zu einem Feuer, das einen Großteil der Fabrikanlagen vernichtete.[5]:468 Die HAWA beauftragte in der Folge den bedeutenden Architekten Peter Behrens damit, Pläne für den Wiederaufbau zu gestalten. Zur damaligen Zeit war es üblich, dass Ingenieure das Innere von Industriegebäuden entwickelten während sich Architekten um das äußere Erscheinungsbild kümmerten. Diese Trennung führte oft zu einem starken Kontrast zwischen dem sachlichen Innenleben und einer reich verzierten Fassade. Behrens betrachtete den Bau der gesamten Fabrik als architektonisches Problem. Unterstützt wurde er darin durch die Elektrifizierung: Sie erlaubte es den Architekten, die Bauten nun mehr von innen heraus zu konstruieren. Für die HAWA entwarf Peter Behrens zwei große Fabrikhallen, die in den Jahren nach 1914 errichtet wurden.[5]:470-1 Bei der einen handelte es sich um eine dreischiffige Wagenmontierungshalle, basierend auf einem Skelett gradliniger Stabfachwerke. Dreieckige Dachaufsätze sorgten für die Belichtung der Hallenschiffe. Die zweite Halle war für die Holzbearbeitung gedacht. Für sie verwandte Behrens eine Stahlbeton-Konstruktion mit beachtlichem Dreigelenkrahmen, der einen stützenfreien Innenraum erlaubte. Zwei kleinere, über Geschossdecken gegliederte Seitenschiffe wurden an die Halle angehängt. Ein Verbindungsbau verknüpfte die beiden Hallen zu einem einheitlichen Komplex. Die drei Gebäude erhielten eine gleichartige Fassade, obwohl sich die zugrundeliegenden Konstruktionen unterschieden. Die Fassade zum Schlorumpfsweg hatte eine Länge von 110 m. Die Gebäude gelten als ein Höhepunkt der Industriearchitektur Lindens.[5]:468,[4]

In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich die Konjunktur günstig für die Lindener Industriebetriebe. Bei der HAWA entstand 1919 ein neues Verwaltungsgebäude an der damaligen Göttinger Chaussee mit dahinterliegenden Fabrikhallen.[5]:514-5 Etwas westlich gelegen, direkt an den Bahngleisen, wurde 1923 eine neue Kraftanlage mit markantem Wasserturm errichtet. Diese Gebäude befanden sich auf dem Grundstück der früheren Aktienzuckerfabrik Linden, das die HAWA 1916 erworben hatte.

Produkte[Bearbeiten]

Die HAWA hatte eine große Produktionspalette vom eisernen Gartenpavillon über Traktoren, Dreschmaschinen, Elektroautos bis hin zu Straßen- und Eisenbahnwaggons sowie Flugzeugen und Segelflugzeugen. Chefkonstrukteur war seit September 1916 Dipl. Ing. Hermann Dorner.

Die Fabrik stellte Eisenbahnwaggons unter anderem für die Erstausstattung der Nordhausen-Wernigeroder Eisenbahn-Gesellschaft[6] her.

Straßenbahnen produzierte sie u.a. für die Straßenbahn Hannover, die Berliner Straßenbahn (TF 21/29 und T 24), die Straßenbahn Freiburg[7], die Straßenbahn Gießen, die Hofer Straßenbahn, die Straßenbahn Den Haag und die Straßenbahn Trondheim.

Insgesamt stellte das Unternehmen in seiner rund 30-jährigen Geschichte etwa 45.000 Wagen für Eisen- und Straßenbahnen her. Im Ersten Weltkrieg wurden vermehrt militärische Eisenbahnwaggons zur Beförderung von Munition und Proviant produziert, ebenso Lazarett- und Feldküchenwagen.

Zunächst als Instandsetzungswerk für Flugzeuge übernahm die HAWA auf Grund ihrer Erfahrungen im Bau von Holzkonstruktionen die Herstellung neuer Maschinen und Ersatzteile. Im Frühjahr 1915 begann die Lizenzfertigung der Aviatik C.I, später die der Rumpler C.Ia und der Halberstadt D.II. Ab 1917 produzierte HAWA eigene Konstruktionen, darunter die sehr erfolgreichen Hannover CL.-Typen.[8] Ab 1919 war der Werksflughafen der Hannoverschen Waggonfabrik am Tönniesberg der erste zivile Flughafen Hannovers, bis er 1928 vom Flughafen Hannover-Vahrenwald abgelöst wurde.

Der HAWA Vampyr war ein Segelflugzeug, das von hannoverschen Studenten konstruiert und von der HAWA gebaut wurde. Er gilt als der Urahn der modernen Segelflugzeuge.

Literatur[Bearbeiten]

  • Waldemar R. Röhrbein: Hannoversche Waggonfabrik. In: Stadtlexikon Hannover. S. 277
  • Friedrich Wilhelm Dahlmann: Denkschrift zum 25jährigen Bestehen der HAWA, Hannoversche Waggonfabrik A.-G. Hannover-Linden: 1898–1923. Edler & Krische, Hannover 1924
  • Günter Kroschel, Helmut Stützer: Die deutschen Militärflugzeuge 1910–1918: in 127 Vierseitenrissen im Maßstab 1:144. Lohse-Eissing, Wilhelmshaven 1977, ISBN 3-920602-18-8
  • Kenneth Munson: Kampfflugzeuge 1914–1919: Angriffs- und Trainingsflugzeuge. Orell Füssli, Zürich 1968
  • Heinz J. Nowarra: Die Entwicklung der Flugzeuge 1914–1918. J.F.Lehmann, München 1959

Weblinks[Bearbeiten]


Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Kurt Schumacher: Die deutsche Waggonbauindustrie und ihre Organisation; 1930; S. 30; http://gso.gbv.de/DB=2.1/PPNSET?PPN=311831257
  2. http://www.fidele-doerp.de/gegenwart/strassenkl.html
  3. Peter Schulze: Bankhaus Ephraim Meyer & Sohn, in: Stadtlexikon Hannover, S. 47
  4. a b Anmerkung: Aus der Literatur geht nicht klar hervor, was von den Behrensschen Hallen erhalten geblieben ist. Parallel zum Straßenverlauf des Schlorumpfsweg befindet eine Halle, die stilistisch den "Behrens-Hallen" stark ähnelt. Mit einer Länge von ca. 130 m ist sie aber zu lang, um die ehemalige Wagenmontierungshalle zu sein. An die Nordseite dieser 130 m-langen Halle grenzt ohne Zwischenraum eine weitere Halle, die ca. 114 m lang ist. Möglicherweise handelt es sich dabei um die Wagenmontierungshalle. Das bedeutete dann, dass man den ursprünglichen Komplex von Peter Behrens später um eine Halle erweiterte und dass der Schlorumpfsweg um ca. 30 m (die Breite der 130 m-Halle) nach Süden verlegt wurde.
  5. a b c d e Walter Buschmann: Linden: Geschichte einer Industriestadt im 19. Jahrhundert. Lax, Hildesheim 1981. ISBN 3-7848-3492-2.
  6. http://www.selketalbahn.de/p-wagen.htm
  7. http://www.nahverkehr-breisgau.de/bilder_BW2.html
  8. http://www.luftfahrtgeschichte.com/hannover.htm

52.3523199.71076Koordinaten: 52° 21′ 8″ N, 9° 42′ 39″ O