Hans Bodo von Alvensleben-Neugattersleben

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Bodo Graf von Alvensleben-Neugattersleben

Hans Bodo Graf von Alvensleben-Neugattersleben (* 18. Oktober 1882 in Neugattersleben; † 3. Oktober 1961 in Frankfurt am Main) war Gutsbesitzer und Präsident des Deutschen Herrenklubs.

Leben[Bearbeiten]

Er entstammte der niederdeutschen Adelsfamilie von Alvensleben und wurde als fünftes Kind des Werner Graf von Alvensleben-Neugattersleben (1840–1929) und der Anna von Veltheim (1853–1897) auf dem väterlichen Gut Neugattersleben (preußische Provinz Sachsen) geboren. Er besuchte das Gymnasium in Kassel und Dillenburg, studierte Rechtswissenschaft an den Universitäten Bonn und Halle und diente als Einjähriger beim Kürassier-Regiment „von Driesen“ (Westfälisches) Nr. 4 in Münster. Von 1908 bis 1910 folgte eine praktische landwirtschaftliche Ausbildung in Winningen und in Neugattersleben.

Aufgrund eines Zerwürfnisses mit seinem Vater über die beabsichtigte Heirat mit einer Katholikin wanderte er 1910 nach Victoria (British Columbia) in Kanada aus, um wirtschaftlich unabhängig zu werden. Nach Kanada war sechs Jahre zuvor schon sein älterer Bruder Gustav Konstantin von Alvensleben (Gustin) gegangen und hatte sich vom einfachen Arbeiter zu einem erfolgreichen Unternehmer in Vancouver hochgearbeitet. Auch Bodo begann als Holzfäller, konnte dann ein Handelsunternehmen gründen und damit die wirtschaftliche Grundlage schaffen, um bereits 1912 seine Verlobte, Ada Gräfin von Korff gen. Schmising (1878–1924), zu heiraten und nach Kanada zu holen. Dort wurden seine beiden ältesten Töchter Anna Therese und Elisabeth geboren. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges gelang es ihm, sich auf abenteuerliche Weise nach Deutschland durchzuschlagen und als Kriegsfreiwilliger zu melden. Seine Frau konnte später mit ihren Kindern nachkommen. 1918 wurde die dritte Tochter Maria geboren. Im Krieg wurde er Rittmeister und mit dem EK I und II ausgezeichnet. Im Laufe der Novemberrevolution 1918 wurde er in den Arbeiter- und Soldatenrat gewählt und war in dieser Eigenschaft für den Schutz der Kaiserin Auguste Victoria im Neuen Palais in Potsdam verantwortlich.

1919 kehrte er – nach Aussöhnung mit seinem Vater – nach Neugattersleben zurück, um dort zunächst als Pächter und nach dem Tode seines Vaters als dessen Erbe die Bewirtschaftung zu übernehmen. Nach dem Tod seiner ersten Frau 1924 heiratete er 1926 in zweiter Ehe Marie-Josephine von Blücher (1891–1970). Aus dieser Ehe stammte der 1932 geborene Sohn Alvo.

Neben der Bewirtschaftung des Gutes fielen ihm sehr bald zahlreiche weitere Aufgaben in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zu. Er war Mitglied in mehreren Aufsichtsräten in Unternehmen der Ernährungswirtschaft, Vorsitzender des Landbundes im Bezirk Magdeburg, Landesführer des Stahlhelms im Gau Magdeburg, Führer der bürgerlichen Fraktionen im Kreistag, Vorsitzender des Altherrenvereins des Corps Borussia Bonn, des Tennisclubs Rot-Weiß in Berlin und nicht zuletzt Präsident des Deutschen Herrenklubs in Berlin, den er 1924 mitbegründet hatte.

Der Herrenklub diente als Gesprächsforum zum Gedankenaustausch für Funktionseliten unterschiedlicher Couleur aus Landwirtschaft, Industrie, Politik, Verwaltung, Presse und Wissenschaft. An dessen jährlichen Jahresessen im Dezember in Berlin nahmen jeweils etwa 500 prominente Persönlichkeiten teil. Insgesamt hatte der Klub reichsweit um 5.000 Mitglieder. Er war in regionale Klubs oder Gesellschaften untergliedert.

Als Präsident eines so bedeutsamen Klubs bemühte er sich, den Einfluss der aufkommenden nationalsozialistischen Bewegung zurückzudrängen. Alvensleben selbst war seit 1922 Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP). Als diese Bemühungen in der Reichstagswahl 1933 scheiterten, zog er sich jedoch nicht zurück, sondern versuchte, aus der neuen Situation das beste zu machen. Als der Stahlhelm geschlossen in die SA überführt wurde, erhielt er zum Abschied den Titel „Brigadeführer der SA ehrenhalber“, ohne dabei eine Funktion zu übernehmen.

Am 1. Mai 1937 trat er der NSDAP bei[1]. Über die Beweggründe gibt es keine schriftlichen Unterlagen. Sie dürften aber in Zusammenhang mit einer erneuten Verhaftung seines Bruders Werner stehen. Um dessen Freilassung erwirken zu können, musste Alvensleben für seinen Bruder bürgen und ihn in Neugattersleben aufnehmen, wo er unter einer Art Hausarrest stand, d.h. er durfte Neugattersleben nur mit Genehmigung der Geheimen Staatspolizei verlassen[2].

Als der Landrat des Landkreises Calbe a./S., Dr. Parisius, im Kriege zur Wehrmacht eingezogen wurde, verwaltete er stellvertretend das Landratsamt. Dabei bemühte er sich, seinen Grundsätzen der Rechtsstaatlichkeit und Menschlichkeit treu zu bleiben. Dies verschaffte ihm in seiner Heimat ein hohes Ansehen, das weit über das Jahr 1945 hinausreichte. So erwähnte die DDR-Zeitschrift Der Bär – Heimathefte für Stadt und Land Bernburg 1957, dass sich Alvensleben nach 1933 für sozialistische Gemeinderatsmitglieder einsetzte, die von den Nationalsozialisten drangsaliert wurden, sowie einen Brief an Hermann Göring, in dem Alvensleben 1944 die schlechte Behandlung von russischen Kriegsgefangenen in Deutschland kritisierte.

Dennoch kam er 1945 in Automatischen Arrest der Amerikaner, weil er der Beteiligung an nationalsozialistischen Verbrechen verdächtigt wurde. Im Januar 1948 erfolgte sein Freispruch durch ein Spruchkammerverfahren. Zuvor war er zum Katholizismus übergetreten. Das Gut Neugattersleben war durch die Bodenreform 1945 enteignet worden. Seine Gesundheit war angeschlagen und er starb am 3. Oktober 1961 in Frankfurt am Main und wurde in Kronberg im Taunus beerdigt. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands überführten seine Nachkommen ihn und seine 1970 verstorbene Frau auf den Familienfriedhof in Neugattersleben.

Literatur[Bearbeiten]

  • Hellmut Kretzschmar: Geschichtliche Nachrichten von dem Geschlecht von Alvensleben seit 1800. Burg b. M. 1930, S. 77–78.
  • Ernst Krause: Erinnerungen an Neugattersleben. Unveröffentlichtes Manuskript (219 S.). Halle 1935.
  • Hubert Fiedler: Hohndorf – Neugattersleben. Der Bär – Heimathefte für Stadt und Land Bernburg, 2. Jahrgang 1957, S. 250–252.
  • Stephan Malinowski: Vom König zum Führer. Deutscher Adel im Nationalsozialismus. Fischer-Taschenbuch-verlag, Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-596-16365-X, S. 427 ff.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bundesarchiv, Akte SA 4000 000 27
  2. Protokoll anläßlich der Haftentlassung von Werner von Alvensleben vom 19. August 1937