Hans Driesch

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Hans Adolf Eduard Driesch

Hans Adolf Eduard Driesch (* 28. Oktober 1867 in Kreuznach; † 17. April 1941 in Leipzig) war ein deutscher Biologe und Philosoph.

Leben[Bearbeiten]

Driesch besuchte von 1877 bis 1886 die Gelehrtenschule des Johanneums in Hamburg. Er studierte zunächst ab 1886 an der Universität Freiburg bei August Weismann, ab 1887 an der Universität Jena Zoologie bei Ernst Haeckel und Oscar Hertwig und Botanik bei Ernst Stahl. 1889 hielt er sich auf der neu gegründeten meeresbiologischen Station Plymouth zu Studien auf. 1889 promovierte er bei Haeckel mit seiner Arbeit „Tektonische Studien an Hydroidpolypen“.[1] 1890 unternahm er Studienreisen nach Indien und Lesina. Ab 1891 forschte er an der Zoologischen Station Neapel. 1907 und 1908 hielt er Vorlesungen an der Universität Aberdeen in Schottland im Rahmen der Gifford Lectures. 1909 wurde Driesch Privatdozent für Naturphilosophie an der Universität Heidelberg, 1911 außerordentlicher Professor und 1920 Ordinarius für Philosophie an der Universität Köln und ab 1921 ordentlicher Professor und Direktor des Philosophischen Seminars der Universität Leipzig.

Experimentelle Forschungen[Bearbeiten]

Ab 1891 führte Driesch an der Zoologischen Station Neapel experimentelle entwicklungsmechanische Studien an Seeigelkeimen durch. Er trennte die Keime in ihrem zweizelligen Stadium der Furchungszellen durch heftiges Schütteln in einem kleinen Glasrohr. Die überlebenden Furchungszellen entwickelten sich genauso, als wenn sie nicht von ihrer Schwesterzelle getrennt worden wären.[2] Jede der Zellen war also in der Lage, einen kompletten Organismus hervorzubringen. Dementsprechrechend bezeichnete Driesch die gesamte Entwicklungsmöglichkeit einer Zelle als ihre „prospektive Potenz“. Das, was bei einer normalen Entwicklung tatsächlich aus der Zelle hervorgeht, als ihre „prospektive Bedeutung“. Beim Seeigel ist die prospektive Potenz der Blastomeren größer als die prospektive Bedeutung.[3][4]

Driesch variierte diese Experimente vielfach mit unterschiedlichen Organismen und stieß dabei immer wieder auf die Fähigkeit vieler Organismen, Zerstückeltes und Zerstörtes selbsttätig auszugleichen. Weil es Driesch nicht gelang, dies im Hinblick auf die biologische Morphogenese auf mechanistische und damit materialistische Weise zu erklären, irritierte ihn dieses Ergebnis. [5] Bei einem „Mechanismus“ seien die „Anordnung der Teile, die 'Konstellation', die 'Struktur' und die letzten Wirkungsgesetze zwischen den Teilen“ das Entscheidende. Die bei Drieschs Experimenten beobachteten Ergebnisse seien jedoch durch einen in dieser Weise verstandenen Mechanismus nicht zu erklären.[6]

Philosophie[Bearbeiten]

Leipzig, ehemaliges Wohnhaus von Hans Driesch in den Jahren 1921 bis 1941, Emil-Fuchs-Straße Nr. 1 (2014)
Leipzig, Gedenktafel für Hans Driesch an seinem ehemaligen Wohnhaus, Emil-Fuchs-Straße Nr. 1 (2014)
Leipzig, Grabtafel Hans Driesch auf dem Neuen Johannisfriedhof

Das in Drieschs Augen unter mechanistischen und materialistischen Voraussetzungen nicht erklärbare Ergebnis seiner Experimente führte ihn in die Philosophie. Seine Ausgangsfrage lautete: „Ist eine gegebene rein materielle Struktur als Grundlage des Formbildungsgeschehens denkbar oder nicht?“[7] Den Begriff „Mechanismus“ verstand er dabei wie folgt: Alle künftigen Zustände können aus einem gegenwärtigen Zustand abgeleitet werden, wenn in Bezug auf den gegenwärtigen Zustand bekannt sind: 1. die Lagen jedes materiellen Elements, 2. die Geschwindigkeit jedes Elements und 3. das Gesetz der Wechselwirkung zwischen den Elementen. In diesem Sinne seien die künftigen Geschehnisse die geometrische Summe aller einzelnen Bewegungen und Kräfte der materiellen Elemente.[8]

Driesch hielt es für unmöglich, die Morphogenese der Organismen auf diese Weise hinreichend zu erklären. Obwohl Driesch es war, der den Begriff des biologischen Systems einführte,[9] war er der Meinung, dass auch eine systembiologische Sicht an diesem Tatbestand nichts ändere. „Geordnete Ganzheit ist kein 'Mechanismus', und aus echtem Mechanismus kann sich nie Ganzheit ergeben (...)“[10]

Driesch forderte daher zusätzlich zu den physiko-chemischen Vorgängen einen Naturfaktor, der die geordnete Ganzheit des Organismus erzeugt. In diesem Faktor sah er den entscheidenden Unterschied zwischen Belebtem und Unbelebten. Er nannte ihn, von Aristoteles herkommend, „Entelechie“. Gelegentlich sprach er von „X-Agentien“[11] Es handle sich um einen immateriellen Faktor, der – da alles Materielle räumlich ist – wie von „außerhalb“ in den Raum hineinwirke. „Die vitale Kausalität, mit dem Begriff der Entelechie als einem nicht-materiellen, 'in den Raum hinein' wirkenden Agens arbeitend, heißt Ganzheitskausalität, weil der Organismus ganz ist und nach Störungen wieder ganz ganz wird.“[12] Nicht auf die Bezeichnung komme es jedoch an, sondern „nur auf die Einsicht, dass ein der Materie gegenüber grundsätzlich Fremdes am Werk ist, das, anders gesagt, nicht von der Materie aus, sondern mit der Materie hier gearbeitet wird.“[13]

Mit diesem Ansatz wurde Driesch zu einem zentralen Vertreter des Neovitalismus, dessen vor allem naturphilosophische Werke in den 1920er Jahren sowohl unter Laien als auch unter Biologen und Zoologen weite Verbreitung fanden. Von der engeren Biophilosophie ausgehend, entwickelte Hans Driesch eine umfangreiche Gesamtphilosophie, die auch die Bereiche Psychologie,[14] der Wissenschaftstheorie[15] der Relativitätstheorie, [16] und der Ethik[17] umfasst. Die Grundtendenz seiner Philosophie lag in einer Kritik des Materialismus bzw. Naturalismus sowie deren reduktionistischer Tendenz.[18]

Ab 1924 beschäftigte er sich auch mit der Parapsychologie, fungierte 1926-27 als Präsident der Society for Psychical Research und publizierte 1932 eine Methodenlehre für dieses Gebiet (vielfach neu aufgelegt, mit Beiträgen von Hans Bender als Taschenbuch). In Leipzig ist eine große Straße im Stadtteil Leutzsch nach Hans Driesch benannt, sie verlängert die Achse der Emil-Fuchs-Straße, in der sein ehemaliges Wohnhaus steht.

Driesch wirkte über viele Jahre als Mitarbeiter an der populärwissenschaftlichen illustrierten Monatsschrift Reclams Universum mit, die seiner anlässlich seines 60. Geburtstags in ihrer Ausgabe vom 27. Oktober 1927 gedachte.

Driesch war pazifistischer und demokratischer Gesinnung, musste als einer der ersten Professoren aufgrund eines früheren Eintretens für pazifistische Kollegen unter dem Zwang der Nationalsozialisten seine Emeritierung beantragen und durfte nicht weiter lehren.[19]

2013 stiftete Michael W. Driesch, der mit Hans Driesch nicht verwandt ist, einen Hans-Driesch-Wissenschaftspreis, der von der Universität Witten/Herdecke vergeben wird.[20]

Driesch bei Kurt Tucholsky[Bearbeiten]

Angesichts einer Reichstagsrede Hans Drieschs vor dem Reichstag 1928, in der er sich auch für Mitglieder der Deutschen Liga für Menschenrechte, die wegen ihres radikalen geäußerten Pazifismus, angeklagt waren, indirekt einsetzte, beschreibt Tucholsky Driesch als „höchst couragiert“[21], der für die Angeklagten „in verdienstvoller Weise eingetreten sei“[22], aber er bedauert, dass Driesch nicht viel eindeutiger und ohne Rücksichten auf Konventionen, geredet habe[23].

Schüler[Bearbeiten]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Die "Seele" als elementarer Naturfaktor, Leipzig 1903.
  • Die Biologie als selbständige Grundwissenschaft und das System der Biologie, 2. Auf. Leipzig 1911.
  • Der Begriff der organischen Form, Berlin 1919.
  • Das Problem der Freiheit, 2. Aufl. Darmstadt 1920.
  • Leib und Seele, 2. Aufl. Leipzig 1920.
  • Mein System und sein Werdegang, 2. Aufl. Pilosophie in Selbstdarstellungen, Leipzig 1922.
  • Ordnungslehre, 2. Aufl. Jena 1923.
  • Grundprobleme der Psychologie, Leipzig 1926.
  • Die sittliche Tat. Ein moralphilosophischer Versuch, Leipzig 1927.
  • Relativitätstheorie und Weltanschauung, 2. Aufl. Leipzig 1929.
  • Wirklichkeitslehre, 3. Aufl. Leipzig 1930.
  • Philosophische Forschungslehre, Leipzig 1930.
  • Parapsychologie, München 1932.
  • Philosophische Gegenwartsfragen, Leipzig 1933.
  • Die Überwindung des Materialismus, Zürich 1935.
  • Alltagsrätsel des Seelenlebens, Stuttgart 1938.
  • Der Mensch und die Welt, 2. Aufl. Zürich 1945.

Literatur[Bearbeiten]

  • Raimund Schmidt (Hrsg. & Einf.): Die deutsche Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen. Erster Band: Paul Barth / Erich Becher / Hans Driesch / Karl Joël / A. Meinong / Paul Natorp / Johannes Rehmke / Johannes Volkelt. Felix Meiner, Leipzig 1921.
  • Otto Heinichen: Drieschs Philosophie. Eine Einführung, Leipzig 1924.
  • Will Durant: Die großen Denker, Zürich 1926, S. 441 - 451.
  • Aloys Wenzl: Hans Driesch: Persönlichkeit und Bedeutung für Biologie und Philosophie heute, Basel 1951
  • Emil Ungerer: Hans Driesch. Die Eigengesetzlichkeit des organischen Lebens. In: Forscher und Wissenschaftler im heutigen Europa. 2. Mediziner, Biologen, Anthropologen. Hgg. Hans Schwerte & Wilhelm Spengler. Reihe: Gestalter unserer Zeit Bd. 4. Stalling, Oldenburg 1955, S. 218-227.
  • Reinhard Mocek: Wilhelm Roux, Hans Driesch. Zur Geschichte der Entwicklungsphysiologie der Tiere ("Entwicklungsmechanik"), Jena 1974.
  • Aloys Wenzl: Driesch, Hans Adolf Eduard. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 4, Duncker & Humblot, Berlin 1959, ISBN 3-428-00185-0, S. 125 f. (Digitalisat).
  • Horst H. Freyhofer: The Vitalism of Hans Driesch. The Success and Decline of a Scientific Theory, Frankfurt/Main, Bern 1982.
  • Walter Hof: Die philosophische Reichweite der modernen Naturwissenschaft, Leer 1984, S. 15 - 26.
  • Thomas Miller: Konstruktion und Begründung. Zur Struktur und Relevanz der Philosophie Hans Drieschs. G. Olms Verlag, Hildesheim 1991. ISBN 978-3-487-09514-1
  • Kurt Tucholsky; Lerne lachen ohne zu weinen. Auswahl 1928-1929; Berlin 1985
  • Hans-Peter Waldrich: Grenzgänger der Wissenschaft, München 1993, S. 64 - 93.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Jeanische Zeitschrift für Naturwissenschaft 1889 und 1890
  2. Hans Driesch: Philosophie des Organischen, 4. Aufl. Leipzig 1928, S. 42f.
  3. Hans Driesch: Entwicklungsmechanische Studien. I–II, Der Wert der beiden ersten Furchungszellen in der Echinodermententwicklung. Experimentelle Erzeugung von Teil- und Doppelbildungen. Z. wiss. Zool. 53 (1891).
  4. Biologie Oberstufe, Gesamtband, hrsg. Von Ulrich Weber, Berlin 2001, S. 218
  5. Hans Driesch: Lebenserinnerungen, Basel 1951, S. 74
  6. Hans Driesch: Biologische Probleme höherer Ordnung, 2. Aufl. Leipzig 1944, S. 28
  7. Hans Driesch: Die Überwindung des Materialismus, Zürich 1935, S. 32
  8. Hans Driesch: Philosophie des Organischen, 4. Aufl. Leipzig 1928, S. 311.
  9. Heinz Penzlin: Das Phänomen Leben. Grundfragen theoretischer Biologie, Berlin, Heidelberg 2014, S. 45
  10. Hans Driesch: Wirklichkeitslehre. Ein metaphysischer Versuch, 2. Aufl. Leipzig 1922, S. 79
  11. Hans Driesch: Parapsychologie, Kindler Taschenbücher, München o. J. (ca. 1970), S. 109
  12. Hans Driesch: Systematische Selbstdarstellung, in der Reihe: Deutsche systematische Philosophie nach ihren Gestaltern, hrsg. v. Hermann Schwarz, Berlin 1933, S. 156
  13. Hans Driesch: Biologische Probleme höherer Ordnung, S. 15f.
  14. Hans Driesch: Grundprobleme der Psychologie, 2. Aufl. Leipzig 1929
  15. Hans Driesch: Philosophische Forschungslehre, Leipzig 1930
  16. Hans Driesch: Relativitätstheorie und Weltanschauung, 2. Aufl. Leipzig 1930
  17. Hans Driesch: Die sittliche Tat. Ein moralphilosophischer Versuch, Leipzig 1927
  18. Hans Driesch: Die Überwindung des Materialismus, Zürich 1935
  19. Hans Driesch: Lebenserinnerungen, S. 271 ff.
  20. Informationsdienst Wissenschaft: "Universität Witten/Herdecke verleiht 2013 erstmals den Hans-Driesch-Wissenschaftspreis"
  21. Kurt Tucholsky; Lerne lachen ohne zu Weinen.Auswahl 1928-1929; Berlin 1985; S. 391
  22. ebenda
  23. ebenda

Weblinks[Bearbeiten]