Hans-Jochen Vogel

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Dieser Artikel befasst sich mit dem SPD-Politiker. Für den gleichnamigen DDR-Oppositionellen und Aktivisten siehe Hans-Jochen Vogel (Friedenspolitiker).
Hans-Jochen Vogel auf einem SPD-Parteitag, 1988

Hans-Jochen Vogel (* 3. Februar 1926 in Göttingen) ist ein deutscher Politiker (SPD).

Vogel war von 1960 bis 1972 Oberbürgermeister von München, von 1972 bis 1974 Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau, dann bis 1981 Bundesminister der Justiz und schließlich im Jahr 1981 Regierender Bürgermeister von Berlin. Von 1987 bis 1991 war er Bundesvorsitzender der SPD und von 1983 bis 1991 Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Ausbildung und Beruf

Hans-Jochen Vogel besuchte das Gymnasium in Göttingen und in Gießen (Landgraf-Ludwig-Gymnasium). Vogel war Scharführer der Hitlerjugend und nahm nach dem Abitur 1943 in Gießen bis 1945 als Offizieranwärter am Zweiten Weltkrieg teil.[1][2] Im Sommersemester 1943 begann er ein Studium der Rechtswissenschaft in München. Ab 1946 setzte er das Studium in Marburg fort, das er 1948 mit dem ersten Staatsexamen beendete. 1951 folgte das zweite juristische Staatsexamen. Beide Staatsexamina bestand er mit der Note „sehr gut“. 1950 erfolgte seine Magna-cum-laude-Promotion zum Dr. jur. mit der Arbeit Der Irrtum des Täters über die Rechtmäßigkeit der Amtsausübung in § 113 StGB und die Zuständigkeit der Behörde in § 156 StGB. 1952 trat er als Assessor in das Bayerische Justizministerium ein, später wurde er zum Regierungsrat ernannt. 1954 erfolgte seine Ernennung zum Amtsgerichtsrat in Traunstein, 1955 wurde er in die Bayerische Staatskanzlei abgeordnet.

[Bearbeiten] Familie

Vogel ist der Sohn eines aus München stammenden Diplom-Landwirts. Später wurde sein Vater an der Universität Göttingen habilitiert, ehe er Ordinarius für Tierzucht und Milchwirtschaft an der Universität Gießen wurde. Hans-Jochen Vogel ist seit 1972 in zweiter Ehe verheiratet und hat drei Kinder. Sein jüngerer Bruder Bernhard ist CDU-Mitglied und war lange Jahre Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und von Thüringen.

Anfang 2006 zog Vogel zusammen mit seiner Frau Liselotte aus seiner Münchner Wohnung in einer Seitenstraße der Maximilianstraße in ein Seniorenheim in München um. In diesem Altenwohnheim hatten früher auch seine Eltern und die Mutter seiner Frau Liselotte gelebt.

[Bearbeiten] Partei

Hans-Jochen Vogel auf einer Wahlkundgebung der SPD der DDR, 1990

Seit 1950 bereits Mitglied der SPD, wurde Vogel 1970 erstmals in den SPD-Bundesvorstand und nach dem Rücktritt von Willy Brandt als Parteivorsitzender 1987 auch zu dessen Nachfolger gewählt. Von 1972 bis 1991 war er Mitglied des SPD-Präsidiums. 1991 kandidierte er aus Altersgründen nicht erneut und gab sein Amt an Björn Engholm ab.

Vogel kandidierte auf verschiedenen Ebenen als Spitzenkandidat seiner Partei. So forderte er 1974 und 1978 erfolglos den bayrischen Ministerpräsidenten Alfons Goppel (CSU) heraus. Er trat am 10. Mai 1981 als Spitzenkandidat der SPD bei den vorgezogenen Wahlen zum Abgeordnetenhaus von Berlin an, unterlag jedoch Richard von Weizsäcker (CDU), der ab dem 11. Juni 1981 eine Minderheitsregierung führte. Jedoch sind sich Wahlbeobachter einig, dass diese Wahlniederlage nicht Vogel galt, sondern dem Umstand, dass die SPD nach 35 Jahren an der Regierung und mehreren Finanzskandalen insgesamt ein negatives Bild abgab. Bei der Bundestagswahl 1983 trat Vogel als Kanzlerkandidat der SPD an, welche jedoch mit 38,2 % der Stimmen nur zweitstärkste Fraktion wurde.

[Bearbeiten] Abgeordneter

Hans-Jochen Vogel (2005)

Bei der Wahl von 1972 wurde Vogel erstmals über die Landesliste Bayern in den Bundestag gewählt, aus dem er zunächst im Januar 1981 ausschied, um Regierender Bürgermeister von Berlin zu werden.

Nachdem er dieses Amt im Juni 1981 an Richard von Weizsäcker (CDU) abgeben musste, war Vogel von 1981 bis 1983 Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin und hier auch Vorsitzender der SPD-Fraktion.

Mit der vorgezogenen Bundestagswahl 1983 zog Vogel erneut, diesmal als Berliner Abgeordneter, in den Bundestag ein. Er trat als Kanzlerkandidat der SPD an, doch verfehlte die SPD ihr Wahlziel, Helmut Kohl abzulösen. Stattdessen wurde Vogel Nachfolger von Herbert Wehner als Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion (bis 1991). Vogel war noch bis 1994 Mitglied des Bundestages.

[Bearbeiten] Öffentliche Ämter

Vogels aktive politische Karriere begann 1958 als Stadtrat und Leiter des Rechtsreferats der Landeshauptstadt München. 1960 wurde Hans-Jochen Vogel als Nachfolger des Sozialdemokraten Thomas Wimmer zum Oberbürgermeister von München gewählt. 1966 wurde er in diesem Amt bestätigt und trug maßgeblich dazu bei, dass die Stadt München als Gastgeber für die Olympischen Sommerspiele 1972 ausgewählt wurde. Auf eine Kandidatur für die im Frühjahr 1972 anstehende Wiederwahl als Oberbürgermeister verzichtete Vogel, nicht zuletzt wegen häufiger Auseinandersetzungen mit dem linken Flügel der Münchner SPD. Als die Olympischen Spiele dann im August und September 1972 stattfanden, war nicht mehr Vogel Oberbürgermeister, sondern Georg Kronawitter, SPD. Vogel wurde am 19. November 1972 zum Abgeordneten des Deutschen Bundestags gewählt.

Am 15. Dezember 1972 wurde er als Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau in die von Bundeskanzler Willy Brandt geleitete Bundesregierung berufen. Nach Brandts Rücktritt übernahm er am 16. Mai 1974 in dem nun von Bundeskanzler Helmut Schmidt geführten Kabinett das Amt des Bundesministers der Justiz.

Am 22. Januar 1981 schied Vogel aus der Bundesregierung aus und wurde einen Tag später als Nachfolger von Dietrich Stobbe, dem die Bewältigung der Senatskrise in Berlin nicht gelungen war, zum Regierenden Bürgermeister von Berlin gewählt, musste das Amt jedoch bereits am 11. Juni 1981 an Richard von Weizsäcker abgeben, da die SPD die Wahlen verloren hatte.

Hans-Jochen Vogel ist in der gegenwärtigen Legislaturperiode nichtberufsrichterliches Mitglied des Bayerischen Verfassungsgerichtshofs.

[Bearbeiten] Gesellschaftliches Engagement

Hans-Jochen Vogel war von 1986–1988 Vorstandsmitglied des Bundesvereins zur Förderung des Genossenschaftsgedankens e.V.[3]

Er ist Mitbegründer des 1993 gegründeten Vereins „Gegen Vergessen – Für Demokratie“,[4] dessen Vorsitzender er von 1993 bis 2000 war. Der Verein setzt sich gegen Antisemitismus sowie den gesellschaftliche Extremismus, der den „demokratischen Staat“ gefährdet, ein.[5]

Im September 2000 wurde er von dem damaligen Minister des Innern Otto Schily zum Stellvertretenden Vorsitzenden einer Unabhängigen Kommission „Zuwanderung“ berufen, die am 12. September 2000 von Schily eingesetzt wurde und der 21 Mitglieder angehörten. Vorsitzende der Kommission war Rita Süssmuth. Auftrag der Kommission war, ein Gesamtkonzept für ein neues Ausländerrecht zu erarbeiten.

Hans-Jochen Vogel war Kuratoriumsmitglied im Förderverein der Ausstellung Vernichtungskrieg, die als Wehrmachtsausstellung bekannt geworden ist.[6] Von 2001 bis 2005 war er Mitglied im Nationalen Ethikrat. Zudem ist er nichtberufsrichterliches Mitglied des bayerischen Verfassungsgerichtshofs. Seit 2002 ist er Mitglied im Kuratorium der Eugen-Biser-Stiftung München. 2005 stellte er sich zusammen mit anderen prominenten Persönlichkeiten in einem eigens gegründeten Kuratorium hinter die Aktion proChrist, eine von evangelikalen Christen unterstützte Großevangelisationsveranstaltung.[7]

[Bearbeiten] Ehrungen

Hans-Jochen Vogel,
Porträt von Günter Rittner 1977

Vogel wurde 1998 mit dem Galinski-Preis und 2001 mit dem Leo-Baeck-Preis ausgezeichnet. In seiner Dankesrede von 2001 bekannte er sich ausdrücklich dazu, als Jugendlicher Scharführer und Kulturfunktionär in der Hitler-Jugend gewesen zu sein und damals „der Faszination eines verbrecherischen Regimes nur ungenügend widerstanden“ zu haben. Wörtlich sagte er: „Ich bin dennoch wesentlich im Strom der damaligen Jahre mitgeschwommen und der Gedanke, man könne, ja man müsse dem Staat Widerstand leisten, der ist mir damals nicht gekommen.“[8]

Er wurde von der Georg-von-Vollmar-Akademie mit dem Waldemar-von-Knoeringen-Preis ausgezeichnet, den die Akademie alle zwei Jahre an herausragende Persönlichkeiten verleiht, die in der Tradition der Arbeiterbewegung und der Ziele des demokratischen Sozialismus stehen. Zudem verlieh ihm der Landesverband Bayern der SPD den Wilhelm-Hoegner-Preis.

2007 wurde Hans-Jochen Vogel gemeinsam mit seinem Bruder Bernhard mit dem Leibniz-Ring-Hannover ausgezeichnet. 2008 ehrte die Arbeiterwohlfahrt Hans-Jochen Vogel mit dem Heinrich-Albertz-Friedenspreis. Laut Angaben einer Jury unter Vorsitz des Trierer Oberbürgermeisters Klaus Jensen erhalten sein Bruder Bernhard und er den Nell-Breuning-Preis für das Jahr 2009.[9]

Vogel ist Ehrenbürger der Stadt München.

[Bearbeiten] Kabinette

[Bearbeiten] Schriften

  • Städte im Wandel. (1971)
  • Die Amtskette. Meine zwölf Münchner Jahre. (1972)
  • Reale Reformen. Beiträge zu einer Gesellschaftspolitik der neuen Mitte. (1973)
  • Handbuch des Verfassungsrechts der Bundesrepublik Deutschland. (Mitherausgeber und Verfasser des Beitrages Die bundesstaatliche Ordnung des Grundgesetzes.), 2. Auflage (1994)
  • Nachsichten. Meine Bonner und Berliner Jahre (1996)
  • Frühe Warnungen vor dem Nationalsozialismus, Ein historisches Lesebuch, Hans-Jochen Vogel/Klaus Schönhoven (Hg.), Mit einem Geleitwort von Rita Süssmuth, Bonn: Dietz Verlag 1998, ISBN 3-8012-0262-3.[10]
  • Demokratie lebt auch vom Widerspruch. (2001)
  • Politik und Anstand – Warum wir ohne Werte nicht leben können. (2005)
  • mit Bernhard Vogel: Deutschland aus der Vogelperspektive. Eine kleine Geschichte der Bundesrepublik, Freiburg: Verlag Herder 2007. ISBN 3-451-29280-7.

[Bearbeiten] Literatur

  • Friedrich H. Hettler, Achim Sing (Hrsg.): Die Münchner Oberbürgermeister. 200 Jahre gelebte Stadtgeschichte.Volk Verlag, München 2008. ISBN 978-3-937200-42-2.

[Bearbeiten] Weblinks

Commons Commons: Hans-Jochen Vogel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Interviews

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. Interview in der FAZ
  2. Vgl. Setzen, Sechs! – Schulgeschichten aus Deutschland (1/3). Verlorene Kindheit. Dokumentarfilm von Dora Heinze im Auftrag des SWR. Deutsche Erstausstrahlung am 8. Dezember 2005.
  3. 1986–2006, 20 Jahre Engagement für eine demokratische Wirtschaftsform. Solingen, November 2007, S. 26, Abruf 14. April 2008 (PDF).
  4. Homepage des Vereins.
  5. Information über den Verein, seine Ziele und Arbeitsweise.
  6. Artikel in Die Zeit 49/2000.
  7. Hintergrund: ProChrist – eine Idee zieht Kreise – Zum sechsten Mal wird europaweit ProChrist per Satellit übertragen. Vgl. Mitglieder des Kuratoriums der Aktion proChrist auf prochrist.de.
  8. Festschrift zur Verleihung des Leo-Baeck-Preises 2001 (PDF, mit den Reden von Paul Spiegel, Bernhard Vogel und Hans-Jochen Vogel).
  9. Nell-Breuning-Preis 2009. In: Volksfreund Trier, 7. November 2008.
  10. Deutsche Tage, Eine Ehrenrettung der Demokraten der Weimarer Republik. Buchbesprechung von Volker Corsten in der Berliner Zeitung vom 14. August 1999.
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