Hans Robert Jauß

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Hans Robert Jauß (* 12. Dezember 1921 in Göppingen; † 1. März 1997 in Konstanz) war ein deutscher Literaturwissenschaftler und Romanist mit den Schwerpunkten mittelalterliche und moderne französische Literatur. Er war Mitbegründer der Forschungsgruppe Poetik und Hermeneutik.

Leben[Bearbeiten]

Jauß war der jüngere Sohn eines württembergischen Volksschullehrers aus Wangen bei Göppingen. Jauß besuchte ab 1932 zunächst das Gymnasium in Esslingen und wechselte 1934 auf das Realgymnasium Geislingen. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs meldete sich Jauß, 17-jährig und ohne Schulabschluss, im Oktober 1939 freiwillig zur SS-Verfügungstruppe, der späteren Waffen-SS (SS-Nr. 401.359) und kam zum SS-Ersatzbataillon, Regiment "Deutschland" nach München. In den Reihen der SS-Verfügungsdivision, zu der das SS-Regiment "Deutschland" gehörte, Teilnahme am Westfeldzug in Frankreich. Führerausbildung, in deren Verlauf Jauß 1941 einen Reserve-Führer-Anwärter-Lehrgang (RFA) an der Waffen-SS-Unterführerschule Radolfzell (USR) absolvierte und zum 1. September 1941 zum SS-Untersturmführer befördert wurde. Als SS-Offizier Teilnahme am Überfall auf die Sowjetunion. Bis 1942 gehörte Jauß der SS-Freiw. Legion Niederlande an und war jeweils Zugführer in der 13. und 12. Kompanie. An der Ostfront wurde er 1943 zum SS-Obersturmführer befördert und war Angehöriger der 11. SS-Freiwilligen-Panzergrenadier-Division „Nordland“. Für sein Einsatzverhalten in der Schlacht um den Brückenkopf von Narva im März 1944 wurde ihm später das Deutsche Kreuz in Gold verliehen. Zwischen dem 7. Mai und 9. September 1944 war Jauß Chef der X. Inspektion der SS-Panzer-Grenadier-Schule Kienschlag (Prosečnice) bei Prag.[1] Am 9. November 1944 wurde er zum SS-Hauptsturmführer der Reserve befördert. Anschließend gehörte Jauß der 33. Waffen-Grenadier-Division der SS Charlemagne an.[2]

Jauß begann sein Studium 1944 zunächst an der Deutschen Reichsuniversität im okkupierten Prag. Nach US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft bis 1948 studierte er an der Universität Heidelberg, wo er Romanische Philologie, Philosophie, Geschichte und Germanistik belegte. 1952 wurde er bei dem Romanisten Gerhard Hess promoviert. Nach seiner Habilitation in Heidelberg 1957 erhielt er 1959 einen Ruf an die Westfälische Wilhelms-Universität in Münster als Direktor des romanistischen Seminars. 1961 wechselte er an die Universität Gießen; 1966 an die neu gegründete Universität Konstanz. Zusammen mit Clemens Heselhaus und Hans Blumenberg initiierte Jauß 1963 die einflussreiche Forschungsgruppe Poetik und Hermeneutik.[3]

Seine Antrittsvorlesung als Professor an der Universität Konstanz im Jahre 1967 unter dem Titel Literaturgeschichte als Provokation der Literaturwissenschaft leitete einen Perspektivenwechsel in der literaturwissenschaftlichen Forschung ein, der heute unter dem Begriff der Rezeptionsästhetik (auch Konstanzer Schule) bekannt ist.

1980 wurde Jauß Ordentliches Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften; er war Mitglied der Academia Europaea und der Accademia dei Lincei in Rom. Er war Ehrenmitglied der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Er war Ehrendoktor der Universität Iași und Ehrenvorsitzender des Deutschen Romanistenverbands. Zahlreiche Gastprofessuren führten ihn nach Berlin, Berkeley, an die Columbia University New York, nach Leuven, Los Angeles, Madison, Paris, Princeton, Yale, wohin er einen Ruf ablehnte, und Zürich. 1987 wurde er emeritiert.

Die Tatsache, dass Jauß in der Waffen-SS gedient hat, wurde erst im Jahr 1995 von Earl Jeffrey Richards aufgedeckt; der Beitrag löste eine Kontroverse zwischen Richards und den Jauß-Verteidigern Michael Nerlich und Karlheinz Stierle in der Frankfurter Rundschau aus. Richards hat im Folgenden auf weitere Dokumente hingewiesen, die Jauß Verschleierung seiner SS-Vergangenheit in der unmittelbaren Nachkriegszeit belegen.[4] Richards hat auch behauptet, bestimmte Elemente in Jauß' literaturwissenschaftlichen Theorien – vor allem seine Akzentuierung der „Alterität“ (Andersartigkeit) der Literatur der Vergangenheit – seien mit Jauß' Verleugnung der Kontinuität seiner eigenen Biographie in Verbindung zu bringen. Sein Schüler Hans Ulrich Gumbrecht wirft Jauß vor, dass er weder seine Tätigkeit bei der Waffen-SS, die Zeit bis Dezember 1945 noch die Zeit von Ende 1945 bis 1948, in der er angeblich Kriegsgefangener gewesen sei, aufgeklärt habe und dass er und seine Generation „die Last der schrecklichen Vergangenheit, für die sie nicht geradezustehen wagten“, an die Folgegeneration vererbt habe.[5].

Eine im Jahr 2014 abermals aufgekommene Diskussion veranlasste die Universität Konstanz, Hans Robert Jauß' Zugehörigkeit zur Waffen-SS von 1939 bis 1945 wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen. Sie beauftragte den Historiker Jens Westemeier, eine wissenschaftliche Biografie zu erstellen, die die ideologischen Wurzeln und die SS-Laufbahn von Hans Robert Jauß rekonstruieren soll.[6]

Der Konstanzer Jurist und Bühnenautor Gerhard Zahner hat ein Theaterstück zur SS-Karriere von Jauß verfasst, das am 19. November 2014, im Audimax der Universität Konstanz uraufgeführt wurde. Die Regie führte Didi Danquart, die Rolle des Jauß spielte Luc Feit.[7]

Siehe auch[Bearbeiten]

Werke[Bearbeiten]

  • Untersuchungen zur mittelalterlichen Tierdichtung. Niemeyer, Tübingen 1959.
  • Genèse de la poésie allégorique française au Moyen-âge de 1180 à 1240. C. Winter, Heidelberg, 1962.
  • Literaturgeschichte als Provokation der Literaturwissenschaft. UVK Universitäts-Vlg., Konstanz 1967.
  • Zeit und Erinnerung in Marcel Prousts »A la recherche du temps perdu«: Ein Beitrag zur Theorie des Romans. 2. Aufl., Suhrkamp, Frankfurt 1986, ISBN 978-3518281871.
  • Die literarische Postmoderne – Rückblick auf eine umstrittene Epochenschwelle. In: Jahrbuch der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, 4, 1990, S. 310-332.
  • Studien zum Epochenwandel der ästhetischen Moderne. Suhrkamp, Frankfurt 1990, ISBN 978-3518284643.
  • Ästhetische Erfahrung und literarische Hermeneutik. Suhrkamp, Frankfurt 1991, ISBN 978-3518285558.
  • Wege des Verstehens. Fink, München 1994.
  • Die Theorie der Rezeption. Rückschau auf ihre unerkannte Vorgeschichte. UVK Univers.-Vlg., Konstanz 1998, ISBN 978-3879403363.
  • Probleme des Verstehens. Reclam, Stuttgart 1999, ISBN 978-3150097649

Literatur[Bearbeiten]

  • Luca Farulli, Georg Maag: Hans Robert Jauß: Im Labyrinth der Hermeneutik. Ein Gespräch vor achtzehn Jahren. In: Zeitschrift für Ideengeschichte. 4, 2010, S. 97–114.
  • Horst Sund: Ansprache anlässlich der Emeritierung von Hans Robert Jauß am 11. Februar 1987. In: Hans Robert Jauß: Die Theorie der Rezeption – Rückschau auf ihre unerkannte Vorgeschichte. Universitäts-Verlag, Konstanz 1987, ISBN 3-87940-336-8 (Konstanzer Universitätsreden 166), (Der Band enthält auch eine 14-seitige Bibliographie 1952–1987).
  • Rainer Warning (Hrsg.): Rezeptionsästhetik. Theorie und Praxis. Fink, München 1975, ISBN 3-7705-1053-4 (Uni-Taschenbücher UTB 303).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. [1] Der Ort in der tschechischen Wikipedia
  2. Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt 2007, S. 282.
  3. Vgl. Julia Wagner, Anfangen. Zur Konstitutionsphase der Forschungsgruppe »Poetik und Hermeneutik«, in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur (IASL) 35. 2010, S. 53–76.
  4. Vgl. Earl Jeffrey Richards: Vergangenheitsbewältigung nach dem Kalten Krieg. Der Fall Hans Robert Jauß und das Verstehen. In: Germanisten. Zeitschrift schwedischer Germanisten 1 (1997), S. 28-43. Siehe auch Joachim Fritz-Vannahme: Ethik und Ästhetik. In: Die Zeit Nr. 38/1996; Otto Gerhard Oexle: Zweierlei Kultur. Zur Erinnerungskultur deutscher Geisteswissenschaftler nach 1945. In: Rechtshistorisches Journal 16 (1997), S. 358-390.
  5. Hans Ulrich Gumbrecht, Mein Lehrer, der Mann von der SS. Die Universitätskarriere von Hans Robert Jauß zeigt, wie man mit NS-Vorgeschichte eine bundesrepublikanische Größe werden konnte, Die Zeit, 7. April 2011, S.62
  6. Eine erste Stellungnahme hierzu veröffentlichte die Universität Konstanz in einer Pressemitteilung am 19. November 2014
  7. siehe Weblinks.