Hans Zender

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Hans Zender (* 22. November 1936 in Wiesbaden) ist ein deutscher Dirigent und Komponist.

Leben[Bearbeiten]

Hans Zender wurde in Wiesbaden geboren. An den Musikhochschulen in Frankfurt und Freiburg absolvierte er Meisterklassen in den Fächern Komposition, Klavier und Dirigieren. Schon zu Studienzeiten arbeitete er als Kapellmeister an den Städtischen Bühnen Freiburg und wurde bereits im Alter von 27 Jahren Chefdirigent der Bonner Oper (1964-68).

Von 1969 bis 1972 war er Generalmusikdirektor in Kiel, 1971 bis 1984 Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Saarbrücken und von 1984 bis 1987 Hamburgischer Generalmusikdirektor und Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper. Danach war er Chefdirigent des Radiokamerorkest des Niederländischen Rundfunks und Erster Gastdirigent der Opéra National, Brüssel, sowie von 1999 bis 2010 ständiger Gastdirigent des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg.

Von 1988 bis 2000 war Zender Professor für Komposition an der Frankfurter Musikhochschule.

2004 gründete das Ehepaar Zender die „Hans und Gertrud Zender-Stiftung.“

2005/06 war er Composer-in-residence des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin und Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Er ist Mitglied der Freien Akademie der Künste Hamburg, der Akademie der Künste Berlin und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste

Wirken[Bearbeiten]

Dirigent

Zenders jahrzehntelange internationale Dirigententätigkeit hat sich durch Wagemut und Breite des Repertoires ausgezeichnet. Seine Diskographie reicht von Bach bis Lachenmann, Mozart bis Feldman, Bruckner bis Yun, Riehm bis Rihm. Er liebt Schubert, Mendelssohn und Debussy, engagiert sich für Messiaen, Nono, Varèse und B.A.Zimmermann, verliert dabei Reger und Hindemith nicht aus dem Blick; er engagierte sich für die „New York School“ und war Vorkämpfer der Musik Giacinto Scelsis. Zender sympathisiert sowohl mit Komponisten musikalischer „Architektur“ als auch mit Non-Konstruktivisten. Zender gastierte bei Festivals in Berlin und Wien, dirigierte „Parsifal“ bei den Bayreuther und Dallapiccolas „Ulisse“ bei den Salzburger Festspielen.

Komponist

Hans Zenders kompositorische Tätigkeit ist einerseits nicht ohne die Einsichten des Interpreten Zender denkbar, andererseits von großer Eigenständigkeit. Er bediente sich in den frühen sechziger Jahren zunächst avantgardistischer, also zwölftöniger und serieller Methoden, die er in seinen Drei Rondels nach Mallarmé (1961) und den Drei Liedern nach Gedichten von Joseph von Eichendorff (1964) mit Prinzipien der mittelalterlichen Isorhythmie verband. Bald entstanden Partituren, die schon im Titel variable und offene Formen signalisierten (Schachspiel, 1969; Modelle, 1971-73).

Anfang der 70er Jahre war Zender mit seinen Cantos – einer Werkreihe, die bis heute (Logos-Fragmente = Canto IX) sein Werk durchzieht - bei der Nummer V angekommen. Das Denken in schöpferischen Zyklen ist typisch für Zender: andere seiner Werkserien heißen - im Ober- oder Untertitel - Hölderlin lesen (fünf Kompositionen), Kalligraphien (ebenfalls fünf) oder Lo-Shu (sieben). Der letztgenannte Zyklus gehört zur Gruppe der vom Komponisten abkürzend und nicht ohne Selbstironie so genannten „japanischen“ Stücke. Zender war auf Gastspielreisen mit fernöstlichem Denken in Berührung gekommen, einem vom Zen-Buddhismus herrührenden Zeitempfinden, das, auf die Musik übertragen, den Verzicht auf die abendländischen Traditionen strenger Werklogik zugunsten voneinander unabhängiger, nicht-linearer "Momentformen" und den stärkeren Einbezug kontemplativer Strecken nahelegt – allerdings ohne Zugeständnisse an einen asiatischen Folklorismus.

Die Dialektik von strengem Formbewusstsein und einer „musique informelle“ ist eine Konstante in Zenders Musikdenken. Er hat über Sinn und Aufgabe von Kunst gründlich nachgedacht, vor allem darüber, wie man heute noch komponieren kann, ohne sich (oder andere) zu wiederholen. Heute, das heißt in einer Zeit n a c h der Postmoderne, in der Mottos wie „anything goes“ ebensoviel Freiheit gebracht wie Unheil gestiftet hatten. Einheitliche Zeitstile oder Ästhetiken scheinen mit einer solchen Unwiderruflichkeit suspendiert, dass Zender zu dem Schluss kommt, Kunstausübende müssten sich heute radikaler und gründlicher als je zuvor neu und selbst definieren.

Neue Harmonielehre, Literatur, Musiktheater

Zu seiner persönlichen Neudefinition gehört der Entwurf einer mikrotonalen „gegenstrebigen Harmonik“, einer Art Harmonielehre, die die Oktave nicht in zwölf, sondern in 72 Kleinstintervalle dividiert. Die daraus resultierende subtile harmonische Farbigkeit kennzeichnet auch seine großangelegten, kantatenhaften „Opera magna“: die Vertonung des alttestamentarischen Hohelieds (Shir Hashirim; 1995 – 97) und die Logos-Fragmente (2006 – 2009), eine Raumklangmusik als biblische und gnostische Texte deutende „Archäologie des Bewusstseins“.

Zender bezieht zahlreiche Anregungen aus den „Schwesterkünsten“ und der Philosophie. Er hat sich mit Texten von Joyce, Pound, Hölderlin, Meister Eckhart, Luther, Cervantes, Shakespeare, Michaux, Juan de la Cruz, T.S. Eliot, Hugo Ball, japanischen Lyrikern wie Ikkyu und Basho und immer wieder der Bibel kompositorisch auseinandergesetzt, beruft sich auf philosophische Gedanken von Heraklit bis Derrida, Platon bis Picht. Seine intellektuelle Regsamkeit macht ihn zu einem besonders geschichtsbewussten Künstler, den es, vergleichbar Bernd Alois Zimmermann, zu pluralistischen, mehrdimensionalen Konzepten drängt. Seine drei Werke fürs Musiktheater bieten komplexe Verschränkungen von Räumen, Zeiten und theatralischen Aktionen: Stephen Climax (1979/84) bringt simultan den biblischen Säulenheiligen Simeon und Stephen Daedalus aus Joyces „Ulysses“ auf die Bühne und durchquert anspielungsreich die Musikhistorie; Don Quijote de la Mancha (1989/81) ordnet „31 theatralische Abenteuer“ nach Cervantes in einer Art raffinierten Baukastenprinzips, und die „Indianeroper“ Chief Joseph (2005) ist eine Parabel auf die Unfähigkeit westlicher Zivilisationen zur Akzeptanz des Fremden.

Musikvermittlung: „Komponierte Interpretation“ und Essayistik

Eine Gattung hat Zender geradezu erfunden: die „komponierte Interpretation“, die instrumental-gedankliche Umwandlung und Neudeutung bedeutender Musik der Vergangenheit. Schuberts „Winterreise“ (1993), Schumann-Phantasie (1997) und 33 Veränderungen über 33 Veränderungen (2011) verbinden Liebeserklärungen ans Original mit dialektischem „Weiterdenken“ in die Neuzeit: historische Abstände werden aufgehoben und gleichzeitig klargemacht, Konturen geschärft und verschleiert, Formen dekonstruiert und neugeschaffen. Diese schöpferischen Veränderungen sind imstande, nachdrücklich auf die einstmals beunruhigende Wirkung der Originale hinzuweisen und damit auf die im heutigen „Musikbetrieb“ allzeit lauernde Gefahr, große Musik zu verharmlosen und zum Genussmittel zu degradieren.

Der Essayist Hans Zender widmet sich musikexegetischen und -philosophischen Fragen, wobei seine Rhetorik an Schärfe gewinnt, wenn er den Malaisen und Miseren von Kunstbetrieb und -politik oder den deprimierendsten Äußerungen des globalen Unterhaltungsdeliriums zu Leibe rückt. Eine umfangreiche Sammlung seiner Texte erschien 2004 unter dem Titel Die Sinne denken. Eine weitere Essay-Sammlung, „Waches Hören“, erscheint 2014.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Werke[Bearbeiten]

  • Canto I–VI für verschiedene Besetzungen
    • I: für Chor, Flöte, Klavier, Streicher und Schlagzeug (1965)
    • II: für Sopran, Chor und Orchester nach Canto XXXIX von Ezra Pound (1967)
    • III (Der Mann von La Mancha): für Sopran, Tenor, Bariton, 10 Instrumente und Live-Elektronik nach Texten von Cervantes (1968)
    • IV: 4 Aspekte für 16 Stimmen und 16 Instrumente Texte: Altes und Neues Testament, Thomas Müntzer, Martin Luther, Teilhard de Chardin (1969/1972)
    • V (Continuum und Fragmente)nach Heraklit: für Stimmen mit Schlaginstrumenten ad lib. (1972/1974)
    • VI: für Bassbariton, gemischten Chor a cappella und Tonband ad lib. Text: Psalm 22 und 23 in hebräischer Sprache(1988)
  • Schachspiel für zwei Orchestergruppen (1969)
  • Modelle für variable Besetzung (1971–1973)
  • Zeitströme für Orchester (1974)
  • Elemente, Tonbandmontage für zwei Lautsprechergruppen (1976)
  • Hölderlin lesen I für Streichquartett mit Sprechstimme (1979)
  • Hölderlin lesen II für Sprechstimme, Bratsche und Live-Elektronik (1987)
  • „denn wiederkommen“ (Hölderlin lesen III) für Streichquartett und Sprechstimme (1991)
  • Mnemosyne (Hölderlin lesen IV) für Frauenstimme, zwei Violinen, Bratsche, Cello und Tonband (2000)
  • Fünf Haiku (LO-SHU IV) für Flöte und Streicher (1982)
  • Dialog mit Haydn für zwei Klaviere und drei Orchestergruppen (1982)
  • Stephen Climax, Oper (1979–1984, Uraufführung 1986)
  • Don Quijote de la Mancha, Oper (1989–1991, Uraufführung 1993; Neufassung 1994, Uraufführung 1999)
  • Schubert's Winterreise – Eine komponierte Interpretation für Tenor und kleines Orchester (1993)
  • Shir Hashirim – Lied der Lieder (Canto VIII), Oratorium für Soli, Chor, Orchester und Live-Elektronik (1992/1996, Gesamt-Uraufführung 1998)
  • Schumann-Fantasie für großes Orchester (1997)
  • Kalligraphie I für Orchester (1998)
  • BARDO für Cello mit Rundbogen und Orchester (2000)
  • Chief Joseph. Musikalisches Theater in drei Akten (Uraufführung 2005)
  • Logos-Fragmente für 32 Sänger und drei Orchestergruppen (2007)
  • Adonde? Wohin? für Violine, Sopran und Ensemble, basierend auf Texten von Juan de la Cruz (UA: 12. September 2009)[1]
  • Issei no kyo – Gesang von einem Ton, mit Piccoloflöte (2011)
  • 33 Veränderungen über 33 Veränderungen, über Beethovens Diabelli-Variationen (2011), gewidmet Alfred Brendel und dem Ensemble Modern[2]

Schriften[Bearbeiten]

  • Hans Zender. Die Sinne denken. Texte zur Musik 1975–2003. Hrsg. von Jörn Peter Hiekel. Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2004, ISBN 3-7651-0364-0. (Nahezu eine Gesamtausgabe der Texte Zenders)
  • Happy New Ears. Das Abenteuer, Musik zu hören. Herder, Freiburg im Breisgau 1991, ISBN 3-451-04049-2. (Vergriffen)
  • Wir steigen niemals in denselben Fluß. Wie Musikhören sich wandelt. Herder, Freiburg im Breisgau ²1998, ISBN 3-451-04511-7.

Interviews[Bearbeiten]

  • Musik ist für mich sehr stark musikalisiertes Wort – Hans Zender zu seinen Kompositionsweisen, den "Cantos" und den "Logos Fragmenten". Ein Interview von Dietrich Heißenbüttel. In: Neue Zeitschrift für Musik, Nr. 5, 2013, S. 8–11.

Literatur[Bearbeiten]

  • Wilfried Gruhn: Auf der Suche nach der verlorenen Wärme? Zu Hans Zenders komponierter Interpretation von Schuberts „Winterreise“. In: Musica, Jg. 48, 1994, S. 148–154.
  • derselbe: Hans Zender. In: Komponisten der Gegenwart. Loseblattlexikon, hg. von Hanns-Werner Heister und Walter-Wolfgang Sparrer. München 1992, 32. Nachlieferung November 2006.
  • derselbe: Musik über Musik. Vermittlungsaspekte des Streichquartetts „Hölderlin lesen“ von Hans Zender. In: Musik und Bildung, Jg. 17, 1985, S. 598–605.
  • Volker Wacker: Hans Zenders Oper „Stephen Climax“. Betrachtungen und Aspekte. In: Constantin Floros, Hans Joachim Marx und Peter Petersen (Hrsg.): Musiktheater im 20. Jahrhundert. Laaber 1998, S. 239–258. (=Hamburger Jahrbuch für Musikwissenschaft 10.)
  • Werner Grünzweig, Jörn Peter Hiekel und Anouk Jeschke (Hrsg.): Hans Zender. Vielstimmig in sich. Wolke, Hofheim 2008, ISBN 978-3-936000-25-2. (= Archive zur Musik des 20. und 21. Jahrhunderts Bd. 12)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Breitkopf & Härtel
  2. Wie man Beethoven überbietet in: FAZ vom 14. November 2011, Seite 27

Weblinks[Bearbeiten]