Hans mein Igel

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Hans mein Igel ist ein Märchen (ATU 441). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an Stelle 108 (KHM 108).

Inhalt[Bearbeiten]

Ein reicher Bauer wird von den andern verspottet, weil er keine Kinder hat. Zornig spricht er daheim „ich will ein Kind haben, und sollts ein Igel sein“. Da kriegt seine Frau einen Jungen mit dem Oberkörper eines Igels, den sie Hans mein Igel nennt. Acht Jahre liegt er am Ofen auf Stroh. Dann lässt er sich vom Vater, der ihn loshaben will, einen Dudelsack kaufen und den Hahn beschlagen, und fliegt darauf mit Schweinen und Eseln in den Wald. Dort sitzt er auf einem Baum, hütet seine Herde und spielt Dudelsack. Zwei Könige verirren sich nacheinander im Wald. Hans mein Igel weist ihnen den Weg. Dafür müssen sie ihm verschreiben, was ihnen daheim zuerst begegnet. Bei beiden ist das die Tochter, aber der erste will ihn betrügen. Hans mein Igel reitet mit seiner inzwischen riesigen Schweineherde heim ins Dorf, lässt schlachten und sich seinen Hahn neu beschlagen. Dann reitet er in das erste Königreich, wo er den Soldaten davonfliegt und sich die Königstochter erzwingt. Als er aber mit ihr in der Kutsche sitzt, zieht er sie aus, sticht sie und jagt sie heim. Im zweiten Königreich wird er willkommen geheißen und vermählt. Beim Schlafengehen fürchtet sie sich vor den Stacheln, aber er lässt vier Mann ein Feuer anmachen und die Igelhaut, die er vor dem Bett abstreift, ins Feuer werfen. Nun ist er ein Mensch, aber ganz schwarz. Ein Arzt macht ihn mit Wasser und Salben weiß. Seine Braut ist erleichtert, und auch sein Vater kommt zu ihm in sein Reich.

Am Schluss steht ein Gedicht (ähnlich wie in Hänsel und Gretel, Der Eisenofen):

Mein Märchen ist aus,
und geht vor Gustchen sein Haus.

Grimms Anmerkung[Bearbeiten]

Das Märchen steht in den Kinder- und Hausmärchen an Stelle 108 ab dem zweiten Teil der Erstauflage von 1815 (da Nr. 22). Grimms Anmerkung notiert zur Herkunft Aus Zwehrn (d.h. von Dorothea Viehmann). Sie zählen noch viele andere Fassungen auf. Als verwandt stufen sie ein: Froschkönig (Nr. 1), Das singende springende Löweneckerchen (Nr. 88), Der Eisenofen (Nr. 127), aus ihren Irischen Elfenmärchen Nr. 5 Der kleine Sackpfeifer, bzgl. der Rückkehr am Schluss Der junge Riese (Nr. 90). Sie nennen Beispiele dass Leute, welche Gott zu ungestüm um Kindersegen anflehen, werden in den Märchen oft mit solchen Mißgeburten bestraft, die sich hernach, wenn die Eltern gedemütigt sind, noch in Menschen verwandeln. Sie weisen auf ein Volkslied von 1620 hin, wo es heißt:

ach, lieber Igel, laß mich leben,
ich will dir meine Schwester geben.

Interpretation[Bearbeiten]

Das Mitbringsel vom Vater sowie das unwissentliche Verschreiben des Kindes erinnern an den Märchentyp Mädchen sucht seine Brüder (Die Gänsehirtin am Brunnen, Die zwölf Brüder, Der Eisenofen, Das singende springende Löweneckerchen, Der König vom goldenen Berg, Die Nixe im Teich). Dort zeichnet sich aber der Wunsch der Tochter durch Bescheidenheit aus. Während der Vater dabei eine beherrschendere Rolle einnimmt, folgt für die Tochter eine Suchwanderung nach dem vertanen Glück, wobei der Wald dann oft die Bedrohung darstellt. Dagegen erlebt Hans dort seinen Aufstieg auf den Baum und Wachstum bis die Herde ganz groß war. Der Dudelsack als Militärinstrument und der Sieg über das hauen, stechen und schießen der Soldaten, indem er sie einfach überfliegt, verbinden den Zug der Übertreibung mit männlichen Attributen. Anstatt eines Schuldthemas geht es also hier um einen Minderwertigkeitskomplex, ein Thema, das alle Hans-Märchen teilen: Der gescheite Hans, Hans im Glück, Hans heiratet, Der Eisenhans, Der starke Hans, Hans Dumm; vgl. Das tapfere Schneiderlein: Ritt auf dem Einhorn.

In fast allen Varianten von AaTh 441 fordert der Igel direkt die Tochter des Königs, nicht das, was ihm zu Hause zuerst begegnet; die zwei ersten Töchter begehen Selbstmord (vgl. Der Bärenhäuter). Auch die Art der Erlösung variiert (Auspeitschen, Aufschlitzen, Enthaupten, Kuss, Träne; vgl. Froschkönig). Dagegen bestätigt sich der Bezug zum Motiv der Suchwanderung, die durch den verfrühten Erlösungsversuch seitens der Braut ausgelöst werden kann. Anstelle des Igels steht (selten) ein Däumling, Schwein oder Stachelschwein, was laut Brüder Grimm mythologisch eins ist. [1] Das wird verständlich bei Vergleich des plumpen, kurzgliedrigen Körperbaus der drei Tiere, optisch durch das Stachelkleid noch verstärkt. Igel geben ähnlich grunzende Laute von sich wie Schweine und leben wie auch Stachelschweine sehr scheu. Die Stacheln formen sich auch bereits kurz nach der Geburt aus Borsten.

Laut von Beit gehört die (hier verwünscht) magische Geburt zum Archetypus des Helden. Das Verweilen am Ofen und Reiten auf dem Sonnensymbol Hahn zeigt die Dominanz des Unbewussten, es wirkt auf das Bewusstsein lächerlich. Dass grade der Oberkörper stachelig ist, dient als Maske, eine Scham, deren Überwindung durch Ganzheit (vier Männer) gelingt. Es bleibt ein gebrannter, doch vom Schatten befreiter Mensch.[2]

Der Igel ist seit den alten Griechen und Römern als Heilmittel bekannt, im Christentum galt das angeblich schlangenfressende Tier als Sinnbild Christi, als vermeintlicher Vorratssammler galt er als Sinnbild der Klugheit. Die verbrannten Stacheln sollten Fruchtbarkeit und Wachstum anregen, die Stachelhaut diente als Keuschheitsgürtel. Er sollte Haarausfall, Aussatz, Wassersucht, Nierenleiden, Epilepsie und Blasenschwäche heilen. In der Homöopathie wird das Stachelschwein als Sphingurus mit sehr ähnlicher Indikation (selten) verwendet. Beim Fangen lässt der Igel Harn ab, was man als Versuch auslegte, seine Stacheln für den Fänger unbrauchbar zu machen. Man stellte sich vor, ein Igelpaar könne nur im Stehen verkehren, was sowohl als komisch als auch unkeusch galt (weswegen man ihn auch lebendig über dem Feuer röstete[3]). Laut vieler Autoren schüttelt er Früchte vom Baum und trägt sie nach Hause und kann ähnlich schlau sein wie der Fuchs (vgl. Der Wolf und der Fuchs, Der Hase und der Igel). [4]

Lutz Röhrich zufolge ist das Thema Verwandlung in ein Tier und Erlösung durch Heirat auf verschiedene Märchentypen verteilt, von keiner anderen Erzählung sind auf der ganzen Welt wohl so viele Varianten aufgezeichnet worden (vgl. KHM Der Froschkönig, Das singende springende Löweneckerchen, Das Eselein, Schneeweißchen und Rosenrot).[5] Die Entjungferung auf der Kutschfahrt ist ein häufiges Literaturmotiv, z.B. in Effi Briest. Der Homöopath Martin Bomhardt vergleicht das Märchen mit dem Arzneimittelbild von Antimonium crudum.[6] Heinz-Peter Röhr schließt aus dem Vorliegen von Themen wie Spaltung, Mangel, Kreativität, Flucht, Leistung, Wut, Verletzung und Beziehung bei Hans mein Igel auf eine Borderline-Persönlichkeitsstörung.[7]

Vgl. in Giambattista Basiles Pentameron I,2 Die kleine Myrte, II,5 Die Schlange.

Parodie[Bearbeiten]

In Janoschs Parodie lernt das stachelhaarige Kind Mundharmonika und wird als Jack Eagle mit Motorrad zum Filmstar, den die Mädchen heiraten wollen.[8]

Oper[Bearbeiten]

Der Komponist Cesar Bresgen und sein Librettist Ludwig Andersen verarbeiteten Motive des Märchens zu einer Oper für große und kleine Leute, siehe Hauptartikel Der Igel als Bräutigam.

Fernsehen[Bearbeiten]

  • The Storyteller, englisch-amerikanische Fernsehserie 1988, Staffel 1, Folge 5: Hans my Hedgehog.
  • Long Ago and Far Away, US-Fernsehserie 1989–1993, Episode 12: Hungarian Folk Tales.

Literatur[Bearbeiten]

  •  Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Vollständige Ausgabe. Mit 184 Illustrationen zeitgenössischer Künstler und einem Nachwort von Heinz Rölleke. 19. Auflage. Artemis & Winkler, Düsseldorf / Zürich 2002, ISBN 3-538-06943-3, S. 528–533.
  •  Jacob Grimm, Wilhelm Grimm, Heinz Rölleke (Hrsg.): Kinder- und Hausmärchen. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen. 1. Auflage. Band 3: Originalanmerkungen, Herkunftsnachweise, Nachwort, Reclam, Stuttgart 1980, ISBN 3-15-003193-1, S. 201–202, 488, DNB 810261138.
  •  Walter Scherf: Das Märchenlexikon. Band 1: A–K, Beck, München 1995, ISBN 3-406-39911-8, S. 565–568, DNB 944277691.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Hans mein Igel – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Köhler, Ines: Hans mein Igel. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 6. S. 494-498. Berlin, New York, 1990.
  2. Von Beit, Hedwig: Gegensatz und Erneuerung im Märchen. Zweiter Band von Symbolik des Märchens. Bern 1956. S. 25-32. (Verlag A. Franke AG)
  3. Von Beit, Hedwig: Gegensatz und Erneuerung im Märchen. Zweiter Band von «Symbolik des Märchens». Bern 1956. S. 28. (Verlag A. Franke AG)
  4. Goerge, Rudolf: Igel. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 7. S. 32-37. Berlin, New York, 1993.
  5. Röhrich, Lutz: Märchen und Wirklichkeit. Zweite erweiterte Auflage, Wiesbaden 1964. S. 92-93. (Franz Steiner Verlag)
  6. Martin Bomhardt: Symbolische Materia medica. 3. Auflage. Verlag Homöopathie + Symbol, Berlin 1999, ISBN 3-9804662-3-X, S. 101.
  7. Röhr, Heinz-Peter: Weg aus dem Chaos. Die Borderline-Störung verstehen. 4. Auflage, München 2009. (Patmos Verlag; ISBN 978-3-423-34286-5)
  8. Janosch: Hans mein Igel. In: Janosch erzählt Grimm's Märchen. Fünfzig ausgewählte Märchen, neu erzählt für Kinder von heute. Mit Zeichnungen von Janosch. 8. Auflage. Beltz und Gelberg, Weinheim und Basel 1983, ISBN 3-407-80213-7, S. 170-175.