Hansjoachim Tiedge

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Hansjoachim Tiedge (* 24. Juni 1937 in Berlin; † 6. April 2011 nahe Moskau) war ein deutscher Nachrichtendienstbeamter und Überläufer. Er trat 1966 in die Dienste des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) in Köln und war bis 18. August 1985 zuständig für die Abwehr der DDR-Spionage, bevor er in die DDR überlief.

Leben[Bearbeiten]

Tiedge war Volljurist. Getrieben von erheblichen psychischen Problemen, die durch Alkoholmissbrauch, hohe Schulden und den Tod seiner Frau ausgelöst wurden, floh Tiedge am 19. August 1985 mit dem Interzonenzug in die DDR. Am Grenzübergang Helmstedt-Marienborn stellte er sich den DDR-Grenztruppen. Vier Tage später gab die DDR-Nachrichtenagentur ADN den Übertritt Tiedges bekannt. In den anschließenden Verhören verriet Tiedge, zuletzt Gruppenleiter für die Spionageabwehr DDR, sein gesamtes Wissen über seinen ehemaligen Arbeitgeber, das Bundesamt für Verfassungsschutz. Die von Tiedge gemachten Angaben gingen allerdings nur in wenigen Details über diejenigen Informationen hinaus, die das MfS durch den Top-Agenten im BfV Klaus Kuron, einen direkten Untergebenen Tiedges, ohnehin schon hatte.[1] Tiedges ehemaliger Chef Heribert Hellenbroich, gerade zum Präsidenten des BND ernannt, trat zurück und wurde in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Hellenbroich waren die Alkoholprobleme und Schulden Tiedges bekannt, trotzdem beließ er ihn in seinem Amt. Nachfolger von Hellenbroich beim BND wurde Hans-Georg Wieck.

Im Zusammenhang mit der Flucht Tiedges flogen im gleichen Monat mehrere andere Spionagefälle („Sekretärinnenaffäre“) auf. Nun konnte vom MfS das von Kuron erlangte Wissen genutzt werden, ohne Kuron zu gefährden. Anfang August 1985 setzte sich Johanna Olbrich (alias Sonja Lüneburg), die Sekretärin von Bundeswirtschaftsminister Martin Bangemann, in die DDR ab, ebenso die Sekretärin Margarete Höke, die im Bundespräsidialamt beschäftigt war. In die DDR flüchteten auch die Chefsekretärin beim Bund der Vertriebenen Ursula Richter und ihr Freund Lorenz Betzing, der beim Bundeswehrverwaltungsamt beschäftigt war. In der DDR wurden der umgedrehte MfS-Agent Horst Garau und seine Frau Gerlinde verhaftet. Er wurde zu lebenslanger Freiheitsstrafe, seine Frau zu dreieinhalb Jahren verurteilt. Garau nahm sich 1988 im MfS-Gefängnis Bautzen durch Erhängen das Leben, allerdings unter „nie überzeugend geklärten Umständen“.[2] Für Tiedge erfand man die Legende, er sei bereits viele Jahre als „Kundschafter des Friedens“ tätig gewesen, um die Topagenten Joachim Krase (bis 1984 beim MAD) und Tiedges Kollegen Klaus Kuron nicht zu gefährden.

Die ersten zweieinhalb Jahre in der DDR verbrachte Tiedge in Prenden, wo er im HVA-Leitungsobjekt am Bauersee untergebracht war. Kurz vor der politischen Wende in der DDR wurde Tiedge, der sich inzwischen Helmut Fischer nannte und in Karolinenhof (Ost-Berlin) in einem luxuriösen Haus wohnte, 1988 an der Humboldt-Universität mit einer Dissertation über die Abwehrarbeit des Verfassungsschutzes promoviert. Nach der Wende 1989 lebte er zunächst noch unbehelligt in seinem Haus weiter, wo ihn allerdings der ARD-Journalist Werner Sonne aufspürte. Schließlich wurde Tiedge am 23. August 1990 vom KGB in die Sowjetunion ausgeflogen.[3]

Tiedge, der freimütig einräumte, ein "Verräter" gewesen zu sein, war überzeugt davon, aus persönlichen Gründen mit dem Übertritt den richtigen Schritt gemacht zu haben; zuletzt lebte er abgeschottet in der Nähe von Moskau. Seit 2005 war in seinem Fall der Tatbestand des Landesverrats in Deutschland verjährt und eine diesbezügliche Strafverfolgung in Deutschland gegen ihn nicht mehr möglich;[3][4] allerdings hatte Tiedge selbst Bedenken, ob sein Kontakt zum KGB von der deutschen Justiz als abermalige Tathandlung angesehen worden wäre, welche die einschlägige Verjährungsfrist neu hätte zu laufen beginnen lassen.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Klaus Marxen, Gerhard Werle (Hrsg.): Strafjustiz und DDR-Unrecht: Dokumentation. Spionage, Band 4, 2004, S. 108.
  2. Rainer Blasius: Überschätzter Überläufer. Zum Tode des „Abwehrchefs“ Hansjoachim Tiedge. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. April 2011
  3. a b  Georg Mascolo, Georg Bönisch: Natürlich bin ich ein Verräter. In: Der Spiegel. Nr. 49, 1993, S. 97a (online).
  4. Der Verräter – Der Fall des Hansjoachim Tiedge, in der MDR-Sendung vom 13. August 2002