Happy Slapping

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Als Happy Slapping (englisch etwa für ‚lustiges Schlagen‘) wird ein körperlicher Angriff (Körperverletzungsdelikt) auf meist unbekannte Passanten, aber auch Mitschüler oder Lehrer bezeichnet.

Ablauf[Bearbeiten]

Vorfälle von Happy Slapping laufen verschiedenartig ab und sind meist als Freizeitspaß zwischen Jugendlichen zu sehen, die ihr gegenseitiges Necken und Ärgern über das Internet oder über Kamerahandys öffentlich machen. Eine kriminelle Variante läuft meist nach einem ähnlichen Muster ab:

Es handelt sich meist um ein „Gruppendelikt mit Verobjektivierung des Opfers für eine Kamera“.[1] Die jugendlichen Angreifer laufen dabei auf ihr Opfer zu und schlagen es unvermittelt z. B. ins Gesicht. Die verdutzte Reaktion des Opfers wird üblicherweise von einem weiteren Beteiligten mit einer Handy- oder Videokamera gefilmt. Die Aufnahmen werden anschließend im Internet veröffentlicht oder per Mobiltelefon verbreitet und führen über die Veröffentlichung zur weiteren Erniedrigung des Opfers.

Mitunter werden Opfer auch bis zur Bewusstlosigkeit verprügelt, unter Wasser gehalten, anderweitig verletzt, sexuell genötigt oder vergewaltigt. Die Angreifer flüchten daraufhin, ohne sich um das Opfer zu kümmern. Diese schwerstkriminellen Formen kommen jedoch „im schulischen Kontext kaum vor. Dagegen weisen psychische und verbale Formen eine besorgniserregende Normalisierung auf.“ [2]

Entstehung[Bearbeiten]

Als mediale Vorläufer gilt zum einen eine Reihe von Werbespots für die Limonadenmarke Tango von 1993. In den Spots trinkt jemand auf der Straße aus einer Flasche Tango und wird dann von einem orangefarbenen, nackten Mann geohrfeigt, der nur in Zeitlupe erkennbar ist. Danach wird der SloganYou know, when you’ve been tangoed“ (etwa „Du merkst, wenn du getangot wurdest“) eingeblendet. Der Spot musste wenig später vom Markt genommen werden, da er von Kindern und Jugendlichen imitiert wurde. Zum anderen werden für die Entstehung des Happy Slappings verschiedene TV-Formate wie Jackass und Viva La Bam verantwortlich gemacht. In einem der Vorgängerformate Camp Kill Yourself ist ein Überraschungsangriff zwischen den Protagonisten ein Running Gag.[3]

Happy Slapping begann als Freizeitspaß unter britischen Jugendlichen. Später wurden auch auf dem europäischen Festland von vereinzelten Vorfällen berichtet.

Im Juni 2005 fanden im schweizerischen Winterthur und Basel mehrere Happy-Slapping-Angriffe statt. Am 18. Juni 2005 verhaftete die Polizei in England vier Jugendliche, die im Zuge einer solchen Aktion ein elfjähriges Mädchen vergewaltigt hatten. Ein ähnlicher Fall führte in Polen zum Suizidfall Ania in Danzig.

Vereinzelt wurden in Deutschland wegen Happy Slapping Schüler vom Unterricht ausgeschlossen. Ein solcher Unterrichtsausschluss ist rechtmäßig.[4]

Berichterstattung und Ausmaß[Bearbeiten]

Über Happy Slapping wurde in der englischen, deutschsprachigen sowie internationalen Presse intensiv berichtet. Es bleibt allerdings unklar, wie verbreitet solche Angriffe tatsächlich sind. Kritiker der medialen Berichterstattung wie der britische Kulturforscher Graham Barnfield meinen, dass es sich hierbei vor allem um ein Medienphänomen handele. Sie belegen das mit der geringen Anzahl der dokumentierten Übergriffe und kritisieren die Massenmedien, die Einzelfälle zu einem Massenphänomen hochzustilisieren und nicht immer objektiv darüber zu berichten. Ebenso seien viele dieser Gewaltvideos inszeniert.[5] Auf der anderen Seite wird von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen, da eine Anzeige aus Schamgefühl meist nicht erwogen wird. In einer Befragung von 3.600 Jugendlichen, durchgeführt vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen, äußerte sich jeder zehnte Jugendliche über derartige Gewalterfahrungen. Der JIM-Jugendstudie 2009 des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest zufolge hat von den 1.200 befragten Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 19 Jahren bereits jeder dritte Jugendliche erlebt, dass eine Prügelei per Handy aufgezeichnet wurde: „Ein Drittel der Handybesitzer hat schon einmal mitbekommen, dass eine Prügelei mit dem Handy aufgezeichnet wurde, dies waren überwiegend echte Auseinandersetzungen (26 %) und keine gestellten Szenen (6 %). Jungen werden bei gestellten Szenen öfter Zeuge als Mädchen. Stärker betroffen sind generell die mittleren Altersstufen zwischen 14 und 17 Jahren. Was den Bildungshintergrund betrifft, sind Hauptschüler doppelt so häufig Zeuge solcher Vorfälle wie Gymnasiasten.“[6]

Motive[Bearbeiten]

Der Medienpädagoge Fred Schell äußerte sich zur solchen Taten zugrundeliegenden Motivation folgendermaßen: „In einer Gesellschaft in der eine mediale Präsentation eigentlich üblich ist – Alles wird medial präsentiert, ob das Waren sind, Dienstleistungen, Menschen, die ganze Politik ist heut 'ne mediale Inszenierung. Dann muss man sich nicht wundern, wenn Jugendliche bei ihren Handlungen und Tätigkeiten sich auch medial inszenieren.“ Der Kriminologe Christian Pfeiffer sagte: „Wir alle tendieren doch dazu, dass wir Höhepunkte unseres Lebens filmisch oder fotografisch festhalten wollen. Jugendliche tun das auf ihre Weise: Für sie ist das der Höhepunkt der Woche, wenn sie jemand anderes beim Prügeln besiegt haben, wenn sie ihn richtig am Boden hatten. Und das wollen sie dann auch noch filmisch dokumentieren, es prahlend anderen zeigen und den Gegner demütigen, das ist das Motiv hinter 'Happy Slapping'.“[7]

Siehe auch[Bearbeiten]

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Filme[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Birgit Richard, Jan Grünwald, Marcus Recht, Nina Metz: Flickernde Jugend – Rauschende Bilder. Netzkulturen im Web 2.0. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-593-39305-6, S. 171.
  2.  Birgit Richard, Jan Grünwald, Marcus Recht, Nina Metz: Flickernde Jugend – Rauschende Bilder. Netzkulturen im Web 2.0. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-593-39305-6, S. 171–172.
  3.  Birgit Richard, Jan Grünwald, Marcus Recht, Nina Metz: Flickernde Jugend – Rauschende Bilder. Netzkulturen im Web 2.0. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-593-39305-6, S. 165–167.
  4. Suspendierung vom Schulunterricht wegen „Happy-slapping“ zulässig – Meldung vom 5. Februar 2010 auf www.kostenlose-urteile.de
  5. Es gibt einfach keinen Respekt mehr, Süddeutsche Zeitung, 28. Juni 2005
  6. JIM-Studie (Jugend, Informarion, (Multi-)Media) 2009, Medienpädagogischer Forschungsverband Südwest (Hrsg.), Stuttgart 2009, S. 58 f, (PDF-Datei; 814 kB).
  7. Horror-Trend „Happy Slapping“, NDR, 28. August 2006