Harald Naegeli

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Harald Naegeli beim Sprayen (2006)
Der Totentanz an der Westfassade von St. Cäcilien, Köln, Aufnahme November 2010
Fischfrau, Düsseldorf (ca. 1996)
Undine, Zürich (1978)

Harald Oskar Naegeli (* 4. Dezember 1939 in Zürich) wurde als Sprayer von Zürich Ende der 1970er Jahre weltweit bekannt. Der Künstler lebt und arbeitet in Düsseldorf.

Leben und Werk[Bearbeiten]

Inspiriert durch Sprayer wie Gérard Zlotykamien, dessen Arbeiten er in Paris gesehen hatte, war er selbst illegal künstlerisch tätig geworden. Seine auf Hauswände und Betonmauern gesprühten Graffiti wirkten damals auf viele Menschen überaus provokant. Naegelis Identität blieb lange unentdeckt, denn er agierte im Verborgenen, oft über Nacht. Schließlich wurde er aber doch gefasst; er hatte beim Sprühen seine Brille verloren und war zurückgegangen, um sie zu suchen.

Naegeli stand 1981 vor einem Zürcher Gericht und wurde wegen wiederholter Sachbeschädigung mit einer hohen Geldstrafe und neun Monaten Haft hart bestraft – von einem Richter, der ein Exempel statuieren wollte, wie der WDR-Journalist Hubert Maessen im deutschen Radio vom Prozess berichtete. Der Vollstreckung des Urteils entzog Naegeli sich durch eine Flucht aus der Schweiz nach Deutschland. Es erging ein internationaler Haftbefehl.

Unterschlupf fand Naegeli zuerst in Köln bei der WDR-Redakteurin Marianne Lienau, die zusammen mit ihrem Kollegen Hubert Maessen 1980/81 in Zürich den (schwierigen) persönlich-journalistischen Kontakt mit dem bis dahin anonymen Naegeli gefunden hatte; daraus war unter anderem die erste größere deutsche Veröffentlichung über den Sprayer von Zürich entstanden, nämlich in der Kunst-Zeitschrift art – Das Kunstmagazin (1981) von Lienau/Maessen. In Köln sprayte Naegeli den fulminanten Kölner Totentanz, den Maessen fotografisch dokumentierte und sowohl als Ausstellung in Köln als auch in Buchform 1982 publizierte. Nach dem Aufenthalt in Köln zog Naegeli ins «Asyl» bei Hubert Maessen in Düsseldorf, der ihn auch mit Joseph Beuys bekanntmachte.

Beim Grenzübertritt nach einer Reise in die skandinavische Heimat seiner Mutter wurde Naegeli schließlich an der Grenze zu Dänemark gefasst. Trotz umfassender Proteste – unter anderem setzten sich Willy Brandt und Joseph Beuys für ihn ein – musste er seine Strafe antreten und stellte sich den Schweizer Behörden; 1984 saß er seine Strafe ab. Im Gefängnis entstanden einige Keramiken mit den bekannten Naegeli-Figuren; Naegeli hielt sich nicht an die Gestaltungsvorgaben der Haftanstalt.

Nach seiner Entlassung zog Naegeli wieder nach Düsseldorf, unter anderem wohl wegen der damit verbundenen Nähe zu Beuys. Er sprühte weiter – bis heute. Darüber hinaus erarbeitete er ein zeichnerisches Werk auf Papier, die sogenannte «Partikelzeichnungen». Dabei stehen die Bewegung und die Reduktion des Konkreten im Vordergrund. Neben klassischeren Arbeiten, bei denen die Natur oft eine Rolle spielt, entstanden große gegenstandslose «Urwolken» als Tuschezeichnungen, an denen der Künstler oft Monate lang arbeitet.

In Zusammenarbeit mit dem Wiener Komponisten Karlheinz Essl entwickelte Harald Naegeli zwischen 1991 und 1993 das Performance-Projekt «Partikel-Bewegungen», bei dem er in Galerien und Museen sehr reduzierte Sprayaktionen auf Acrylglasplatten durchführte, die von Musik begleitet wurden.

Im Wintersemester 1998/99 präsentierte die Graphische Sammlung am Kunsthistorischen Institut der Universität Tübingen erstmals die bis dahin fast unbekannten Radierungen des Künstlers aus den Jahren 1989 bis 1998.[1] All seine Radierungen gingen daraufhin als großzügige Schenkung Harald Naegelis in den Besitz dieser Graphischen Sammlung über.[2] Vom 6. Juni bis 19. Juli 2002 stellte die Graphischen Sammlung als Beitrag zum Universitäts-Jubiläumsjahr eine Ausstellung mit Zeichnungen zusammen. Die großformatigen Federzeichnungen im Kontext der sogenannten "Urwolke" spielen eine herausragende Rolle im Werk des Künstlers. Inhaltlich ging es Naegeli dabei um seine zeichnerische Utopie des kosmischen Raumes. Die filigranen Zeichnungen entstanden über Monate und manchmal auch Jahre. Die einzelnen Schritte der Entstehung wurden auf den Rückseiten der Zeichnungen genau vermerkt.[3]

Eines seiner letzten erhaltenen Strichmännchen aus seiner Zürcher Zeit, den weiblichen Wassergeist Undine an der Fassade des Deutschen Seminars in der Schönbergasse, ließ der Kanton Zürich 2004 restaurieren und konservieren[4]. Das illegal entstandene Graffito sprühte Naegeli 1978 an die damalige Betonwand des Physikinstituts. Nach einem Umbau 1995 stufte die kantonale Baudirektion diese Sprayerei als erhaltenswert ein und schützte sie mit einer Holzabdeckung. Nun, mit der Konservierung von Undine, rehabilitiert die Stadt Zürich Harald Naegeli und bezeichnet seine «Schmiererei» als Kunst und Naegeli als Künstler. Wenige weitere Strichmännchen sind im Parkhaus des Warenhauses Jelmoli zu sehen, wo die Kunstwerke 2009 ebenfalls restauriert wurden.[5]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Hubert Maessen: Kölner Totentanz in: Carlo McCormick, Marc and Sara Schiller, Ethel Seno: Trespass. A History of Uncommissioned Urban Art. Taschen, Köln 2010.
  •  Hubert Maessen: Der Sprayer von Zürich: Kölner Totentanz. Buchhandlung Walther König, Köln 1982 (Buchdesign: Betty Grünberg).
  •  Bernhard van Treeck: Das große Graffiti-Lexikon. Lexikon-Imprint-Verlag bei Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2001, ISBN 3-89602-292-X.
  •  Bernhard van Treeck: Street Art Berlin. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 1999, ISBN 3-89602-191-5.
  •  Bernhard van Treeck: Wandzeichnungen. Aragon, Moers 1995, ISBN 3-89535-424-4.
  •  Bernhard van Treeck: Graffiti Art. Band 9, Graffiti auf Wänden und Mauern, Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 1998, ISBN 3-89602-161-3.
  •  Bernhard van Treeck: Street Art Köln. Aragon, Moers 1996, ISBN 3-89535-434-1.
  •  André Schmid (Fotograf), Sprayer (Hrsg.): Mein Revoltieren, meine Spraybomben, mein Aufstand mit Poesie. Dokumentation von Fotos, Zeichnungen und Texten, ausgewählt und zusammengestellt vom Zürcher Sprayer (alias Harald Naegeli). Benteli, Bern 1979, ISBN 978-7100100397.
  •  Joseph Beuys, Sarah Kirsch, Adolf Muschg, Michael Müller (Hrsg.): Der Sprayer von Zürich. Solidarität mit Harald Naegeli. rororo aktuell. Rowohlt, Reinbek 1987, ISBN 978-3-499-15530-7.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Harald Naegeli – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Harald Naegeli auf TÜpedia mit Weblinks zu seinen Tübinger Werken.
  2. Graphische Sammlung am Kunsthistorischen Institut der Universität Tübingen
  3. "Die Urwolke" - Eine Ausstellung von Harald Naegeli, dem Sprayer von Zürich. Presseinfo der Eberhard-Karls-Universität Tübingen vom 29. Mai 2002.
  4. Undine darf nicht sterben. in: Unijournal Nr. 5, Zürich, 18. Oktober 2004, S. 5
  5.  Andres Wysling: Spraymännchen im Massanzug. In: Neue Zürcher Zeitung. Nr. 302, 30. Dezember 2009, S. 15.