Harald Welzer
Harald Welzer (* 27. Juli 1958 in Bissendorf bei Hannover) ist ein deutscher Soziologe und Sozialpsychologe.
Inhaltsverzeichnis |
Leben [Bearbeiten]
Harald Welzer ist Mitbegründer und Direktor der gemeinnützigen Stiftung Futurzwei und seit Juli 2012 Honorarprofessor für Transformationsdesign[1] an der Universität Flensburg. Außerdem ist Welzer Affiliated Member of Faculty am Marial-Center der Emory University (Atlanta/USA), er lehrt an der Universität St. Gallen und ist Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Beiräte und Akademien. Die Schwerpunkte seiner Forschung und Lehre sind Erinnerung, Gruppengewalt und kulturwissenschaftliche Klimafolgenforschung.
Zuvor war Welzer Direktor des Center for Interdisciplinary Memory Research (CMR) und Leiter verschiedener Teilprojekte des Forschungsschwerpunkts KlimaKultur am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen. Zudem war er Professor für Sozialpsychologie an der Universität Witten/Herdecke. Auf der 2-Jahrestagung des Archiv der Zukunft 2011 in Bregenz hatte er angekündigt, diese Verbeamtung aufzukündigen, um ein fachliches und politisches Zeichen -für FUTURZWEI- zu setzen.
Welzer studierte Soziologie, Politische Wissenschaft und Literatur an der Universität Hannover, promovierte dort 1988 in Soziologie und habilitierte sich 1993 in Sozialpsychologie sowie 2001 in Soziologie. Von 1988 bis 1993 war Welzer Wissenschaftlicher Assistent am Fachbereich Geschichte, Philosophie und Sozialwissenschaften der Universität Hannover. Anschließend war er dort bis 1999 als Dozent für Sozialpsychologie tätig. In den Jahren 1994 bis 1995 sowie 1997 bis 1998 war Welzer Direktor des Instituts für Psychologie der Universität Hannover.[2]
Leistungen [Bearbeiten]
In seinem Buch Opa war kein Nazi beschäftigt sich Welzer mit der Zeit des Nationalsozialismus aus sozialpsychologischer Sicht, indem er das Verhalten von Menschen im Alltag während des Nationalsozialismus sowie Formen familiärer Erinnerungstradierung untersucht. Von Täterschaft oder Verantwortung sei in den Familien wenig zu hören gewesen. Verharmlosungen und vorgebliches Nichtwissen tauchten dagegen sehr oft auf. Beteiligte Familienmitglieder würden, so Welzer, sogar als Opfer oder als Helden geschildert.
Im Buch Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden vertieft Welzer die Ergebnisse von Christopher Browning zur Motivation der NS-Unrechtstäter in den Einsatzgruppen, die häufig völlig normale Biografien vorwiesen, etwa Franz Stangl oder Werner Best. Sie entwickelten eine Mentalität oder Binnenrationalität, in der sie als moralisch im Recht dastanden, auch wenn sie Kindererschießungen vornahmen. Die Tötung wird als Arbeit aufgefasst. Die Ergebnisse werden ausgeweitet für Vietnam, Ruanda und Jugoslawien.
Im Buch Klimakriege beschreibt Welzer den Klimawandel als noch immer unterschätzte Bedrohung des menschlichen Zusammenlebens.[3] Er werde als Naturkatastrophe betrachtet, es seien aber die sozialen Effekte, die aus den Klimaveränderungen erst Katastrophen werden ließen. Im Zuge dieser Entwicklungen werde Gewalt zunehmend wieder als Problemlösungsstrategie angesehen. Der Zusammenbruch der politischen und sozialen Ordnung in weiten Teilen der Welt werde zu einem „Dauerkrieg“ führen. Dies sei nur abzuwenden, wenn die wohlhabenden Bevölkerungen der Industrieländer ihren bisherigen Konsumstil veränderten. Von Andreas Kilb wurde in einer Rezension eingewendet, dass die Vergleiche mit den Völkermorden des 20. Jahrhunderts „spekulativ“ seien und hinter einer „historischen Analyse“ zurückblieben.[4] Christiane Grefe dagegen bescheinigte Welzer eine „erschreckend plausible Analyse“, hielt ihm allerdings vor, produktive Verbindungen von Kultur und Technik nicht ins Auge zu fassen.[5]
Welzer ist Mitbegründer der gemeinnützigen Stiftung FUTURZWEI. Stiftung Zukunftsfähigkeit, die sich das Aufzeigen und Fördern alternativer Lebensstile und Wirtschaftsformen zur Aufgabe gemacht hat.[6]
Schriften [Bearbeiten]
- Zwischen den Stühlen. Eine Längsschnittuntersuchung zum Übergangsprozess von Hochschulabsolventen. Deutscher Studien-Verlag, Weinheim 1990, ISBN 3-89271-196-8
- Transitionen. Zur Sozialpsychologie biographischer Wandlungsprozesse. Edition diskord, Tübingen 1993, ISBN 3-89295-572-7
- (Hrsg.): Nationalsozialismus und Moderne. Edition diskord, Tübingen 1993, ISBN 3-89295-576-X
- (Hrsg.): Das Gedächtnis der Bilder. Ästhetik und Nationalsozialismus. Edition diskord, Tübingen 1995, ISBN 3-89295-590-5
- Verweilen beim Grauen. Essays zum wissenschaftlichen Umgang mit dem Holocaust. Edition diskord, Tübingen 1997, ISBN 3-89295-619-7
- mit Robert Montau & Christine Plaß: „Was wir für böse Menschen sind!“ Der Nationalsozialismus im Gespräch zwischen den Generationen. Edition diskord, Tübingen 1997, ISBN 3-89295-628-6
- (Hrsg.): Auf den Trümmern der Geschichte. Gespräche mit Raul Hilberg, Hans Mommsen und Zygmunt Bauman. Edition diskord, Tübingen 1999, ISBN 3-89295-659-6
- (Hrsg.): Das soziale Gedächtnis. Geschichte, Erinnerung, Tradierung. Hamburger Edition, Hamburg 2001, ISBN 3-930908-66-2
- Das kommunikative Gedächtnis. Eine Theorie der Erinnerung. Beck, München 2002, ISBN 3-406-49336-X; ebd. 2005, ISBN 3-406-52858-9
- mit Sabine Moller & Karoline Tschuggnall: Opa war kein Nazi. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis. Unter Mitarbeit von Olaf Jensen und Torsten Koch. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt 2002, ISBN 3-596-15515-0
- mit Hans J. Markowitsch: Das autobiographische Gedächtnis. Hirnorganische Grundlagen und biosoziale Entwicklung. Klett-Cotta, Stuttgart 2005, ISBN 3-608-94406-0
- Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden. Unter Mitarbeit von Michaela Christ. S. Fischer, Frankfurt 2005, ISBN 3-10-089431-6
- Tötungsarbeit, Rezension von Christopher R. Browning, Die Zeit, 27. Oktober 2005
- Rezension von Tobias Bütow, H-Soz-u-Kult, 28. Februar 2006
- mit Hans J. Markowitsch (Hrsg.): Warum Menschen sich erinnern können. Fortschritte in der interdisziplinären Gedächtnisforschung. Klett-Cotta, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-608-94422-8
- Der Krieg der Erinnerung. Holocaust, Kollaboration und Widerstand im europäischen Gedächtnis, von Harald Welzer (Hrsg.), S. Fischer, Frankfurt/M. 2007, ISBN 3596172276
- Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird, S. Fischer, Frankfurt/M. 2008, ISBN 3-100-89433-2
- Gefühlte Probleme, Rezension von Uwe Justus Wenzel, Neue Zürcher Zeitung, 12. April 2008
- Gewalt als Lösung, Rezension von Herfried Münkler, Süddeutsche Zeitung, 14. April 2008
- Ist das schon Häresie?, Rezension von Adam Olschweski, Frankfurter Rundschau, 8. Mai 2008
- Nichts für Optimisten, Rezension von Jörg Plath, die tageszeitung, 17. Mai 2008
- Die Dimensionen des Klimawandels, Rezension von Britta Fecke, Deutschlandfunk, 2. Juni 2008
- mit Claus Leggewie: Das Ende der Welt, wie wir sie kannten. Klima, Zukunft und die Chancen der Demokratie. S. Fischer, Frankfurt 2009, ISBN 978-3-10-043311-4
- mit Christian Gudehus und Ariane Eichenberg (Hrsg.): Erinnerung und Gedächtnis. Ein interdisziplinäres Handbuch. Metzler, Stuttgart 2010.
- mit Sönke Neitzel: Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben. S. Fischer, 2011, ISBN 3100894340.
- mit Dana Giesecke: Das Menschenmögliche. Zur Renovierung der deutschen Erinnerungskultur. Edition Körber-Stiftung, Hamburg 2012, ISBN 978-3-89684-089-9.
- mit Stefan Rammler: Der FUTURZWEI-Zukunftsalmanach 2013: Geschichten vom guten Umgang mit der Welt. Fischer-Taschenbuch, Frankfurt 2012, ISBN 978-3596194209.
- Rezension, Rezension von Matthias Jung, 9. Dezember 2012
- Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3-10-089435-9.
- Alle mal umdenken!, Rezension von Thomas Thiel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 6. März 2013
- Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand. Gedanken aus der Sicht eines Christen, eines Theologen, eines Pfarrers, Rezension von Matthias Jung, 4. April 2013
Vorträge und Interviews [Bearbeiten]
- „Die Zukunft wird sehr kleinteilig sein“, Welzer zu Stuttgart21 in taz, 23. Oktober 2010
- Zur Rettung der Welt, Was Sie sofort tun können: Zehn Empfehlungen von Welzer in FAS, 28. Oktober 2010
- Mein Opa und die Nazis. Über Geschichte, Erinnerung und Subjektivität, Vortrag von Welzer in der SWR2-Sendereihe Aula, 25. Juli 2004 (Manuskript)
- Die harmlosen Bestien. Wie aus normalen Menschen Massenmörder werden, Vortrag von Welzer in der SWR2-Sendereihe Aula, 30. Oktober 2005 (Manuskript)
- Holocaust-Täterforschung: Entwicklung von sozialen Gruppen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, Vortrag von Welzer auf der Jugendpflegertagung des Landesjugendamtes Rheinland, November 2007 (Filmversion für Windows-Mediaplayer)
- Wirtschaftskrise: Warum keiner mehr durchblickt, Interview mit Nils Minkmar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 7. Dezember 2008
- Wohlstand ohne Wachstum?, Harald Welzers sozialpsychologische Analyse gesellschaftlicher Perspektiven im Programm des Deutschlandfunks, 1. Januar 2010
Weblinks [Bearbeiten]
- Literatur von und über Harald Welzer im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Harald Welzer auf der Website des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen
- Harald Welzer auf der Website des Center for Interdisciplinary Memory Research (englisch)
- Harald Welzer beim Perlentaucher
Einzelnachweise [Bearbeiten]
- ↑ Pressemitteilung Universität Flensburg
- ↑ Profil bei KWI
- ↑ die tageszeitung: „Ein schlechtes Gewissen reicht nicht“. Interview mit Jan Feddersen und Reiner Metzger, 18. April 2008
- ↑ Frankfurter Allgemeine Zeitung: Die Apokalypse ist ein unfertiges Puzzle. 2. Juni 2008
- ↑ Die Zeit: Brandneu: Das Klima! 30. Juli 2008
- ↑ Homepage von FUTURZWEI. Stiftung Zukunftsfähigkeit.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Welzer, Harald |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Sozialpsychologe und Soziologe |
| GEBURTSDATUM | 27. Juli 1958 |
| GEBURTSORT | Bissendorf (Wedemark) |