Harry Hinsley

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Sir Francis Harry Hinsley (* 26. November 1918; † 16. Februar 1998) war ein englischer Historiker und Kryptoanalytiker. Während des Zweiten Weltkrieges trug er wesentlich zur Entzifferung der deutschen Rotor-Schlüsselmaschine ENIGMA bei.

Leben[Bearbeiten]

In „Hut 4“ (Foto aus dem Jahr 2005) wurden die Entzifferungen aus „Hut 8“ militärisch-taktisch ausgewertet. Heute befindet sich dort das Restaurant des Bletchley-Park-Museums.

Hinsley besuchte als Schulkind die Queen Mary’s Grammar School in der englischen Stadt Walsall. Im Jahre 1937 erhielt er ein Stipendium für das St. John’s College in Cambridge und begann dort ein Studium der Geschichtswissenschaft. Noch während des Studiums, im Oktober 1939, wurde er von Alastair Denniston, dem Leiter der Government Code and Cypher School (Abkürzung: GC&CS, deutsch etwa: „Regierungs-Code- und Schlüsselschule“), also der militärischen Dienststelle, die sich mit der Entzifferung des geheimen Nachrichtenverkehrs der deutschen Wehrmacht befasste, zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Hinsley trat der Organisation mit Sitz in Bletchley Park bei und wurde Hut Four (deutsch: „Baracke 4“) zugeteilt. Während die Nachbarabteilung Hut Eight (deutsch: „Baracke 8“), unter der Leitung von Alan Turing und seinem Stellvertreter Stuart Milner-Barry, sich mit der eigentlichen Entzifferung der Funksprüche der deutschen Kriegsmarine befasste, war es Aufgabe von Hut 4, diese nach der Entzifferung militärisch-taktisch auszuwerten und einzuordnen.

Hinsleys Aufgabe war speziell die „Verkehrsanalyse“ (engl.: traffic analysis) des deutschen Marine-Nachrichtenverkehrs, also die Untersuchung und Auswertung von Rufzeichen, Kenngruppen, Sendefrequenzen und Sendezeiten der abgehörten deutschen Funksprüche. Allein daraus ließen sich wichtige militärisch nutzbare Informationen über die Struktur der deutschen Marine-Funknetze und sogar über die deutsche Kriegsmarine selbst gewinnen.

Hinsley trug auch persönlich dazu bei, dass deutsche ENIGMA-Schlüsselmaschinen und dazugehörige Codebücher, wie Kurzsignalhefte und Wetterkurzschlüssel, von deutschen Wetterschiffen erbeutet wurden, die den britischen Codeknackern (engl.: codebreakers) in Bletchley Park von großem Nutzen bei ihrer schwierigen Entzifferungsarbeit waren. Damit leistete er einen wesentlichen Beitrag zum Bruch der von der Kriegsmarine verwendeten ENIGMA-M4.

Im zweiten Halbjahr 1943 wurde Hinsley als Verbindungsoffizier zur US Navy nach Washington in die Vereinigten Staaten geschickt. Im Januar 1944 einigten sich Briten und Amerikaner auf eine noch engere Zusammenarbeit und auch darauf, ihre kryptanalytischen Erkenntnisse über japanische Verschlüsselungsverfahren auszutauschen. Gegen Ende des Krieges war Hinsley einer der wichtigsten Berater des Leiters von Bletchley Park, Edward Travis, der im Februar 1942 die Nachfolge von Alastair Denniston angetreten hatte.

Nach dem Krieg kehrte er an das St. John´s College in Cambridge zurück. Er heiratete im April 1946 Harry Hinsley seine Verlobte Hilary Brett Brett-Smith, die wie er in Bletchley Park mitgearbeitet hatte, und zwar in seiner Nachbarbaracke Hut 8.

Er war Lecturer in Cambridge und ab 1969 Professor für Diplomatiegeschichte (History of International Affairs). 1979 bis 1989 war er Master des St. John´s College und 1981 bis 1983 Vizekanzler der Universität Cambridge.

Er veröffentlichte ab 1979 eine mehrbändige offizielle Darstellung der Arbeit in Bletchley Park, wobei er zu dem Schluß kam, dass die Arbeit dort den Krieg zwar um ein bis vier Jahre verkürzte, aber nicht wesentlich dessen Ausgang beeinflusste. Einzelheiten seiner Darstellung über technische Aspekte der Kryptoanalyse in den ersten Bänden wurden von Marian Rejewski[1] and Gordon Welchman kritisiert[2]. Das betraf insbesondere den polnischen und französischen Beitrag, weshalb in Teil 2 von Band 3 eine Korrektur erschien.

Werke (Auszug)[Bearbeiten]

  • Hitler´s strategy, Cambridge University Press 1951
  • Command of the sea; the naval side of British history from 1918 to the end of the Second World War, London 1950
  • Herausgeber: Material Progress and World Wide Problems, 1870-1898, The New Cambridge Modern History, Band 11, 1962
  • Herausgeber: British Foreign Policy under Sir Edward Grey, Cambridge UP 1977
  • mit E. E. Thomas, C. F. G. Ransom, R. C. Knight: British Intelligence in the Second World War, 4 Bände (Band 3 in zwei Teilen), Band 1-3: Its influence on strategy and operations, Band 4 mit C. A. G. Simkins Security and Counter-Intelligence, Her Majesty´s Stationery Office 1979-1988 und gekürzte Fassung bei Cambridge University Press, 1993
  • Francis Harry Hinsley, Alan Stripp: Codebreakers - The inside story of Bletchley Park. Oxford University Press, Reading, Berkshire 1993. ISBN 0-19-280132-5

Literatur[Bearbeiten]

  • Richard Longhorn: Hinsley, Sir (Francis) Harry (1918-1998). In Oxford Dictionary of National Biography, 2004.
  • David Kahn: Seizing the Enigma. 1991, ISBN 0-395-42739-8.
  • David Kahn: The Code Breakers - The Story of Secret Writing. Macmillan USA, Reissue 1974. ISBN 0-0256-0460-0

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Marian Rejewski, Remarks on Appendix 1 to "British Intelligence in the Second World War" by F. H. Hinsley, Cryptologia, Band 6, Januar 1982, S. 75-83.
  2. Gordon Welchman, From Polish Bomba to British Bombe: the Birth of Ultra,, in Intelligence and National Security, Band 1, 1986, S. 71-110.