Harry Pross

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Harry Pross (* 2. September 1923 in Karlsruhe; † 11. März 2010 in Weiler-Simmerberg) war ein deutscher Publizistikwissenschaftler und Publizist.

Leben[Bearbeiten]

Harry Pross wurde am Ende seiner Gymnasialzeit 1941 zur Wehrmacht eingezogen und 1944 auf dem Rückzug durch Rumänien schwer verwundet. 1945/46 begann er ein Studium der Sozialwissenschaften in Heidelberg und hörte u. a. Alfred Weber, Viktor von Weizsäcker, Willy Hellpach, Hans von Eckardt und Gustav Radbruch. 1949 wurde Pross mit einer wissenssoziologischen Arbeit über die Bündische Jugend an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg promoviert. Mit einem Harkness-Stipendium setzte er 1952 seine Studien an der Hoover Library (Stanford University) fort und lernte auf Reisen durch die USA die durch die Wahlkampagne des Republikaners Dwight D. Eisenhower verschärfte McCarthy-Hetze gegen alle Linken kennen.

Als Journalist arbeitete Harry Pross für die Rheinpfalz (1948), die Zeitschrift Ost-Probleme (1949–1952) und die Haagse Post (1953–1954). 1955–1960 war er Redakteur der Deutschen Rundschau, 1955–1969 Mitherausgeber der Neuen Rundschau und 1963–1968 Chefredakteur von Radio Bremen.

Harry Pross lehrte an der Hochschule für Arbeit, Politik und Wirtschaft in Wilhelmshaven, an der Hochschule für Gestaltung Ulm und folgte 1968 dem Ruf der Freien Universität Berlin. Dort lehrte er als Ordinarius am Institut für Publizistik bis zu seiner wegen der Kriegsverletzung vorzeitigen Pensionierung im Jahr 1983. Von 1989 bis 1995 lehrte er an der Journalistenschule St. Gallen. Gastvorträge führten ihn u. a. nach Barcelona, Bukarest, Madrid, Málaga, Moskau, Rom, Sao Paulo und Tel Aviv. 2001 wurde Harry Pross mit dem Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik ausgezeichnet.

Nach seinem beruflichen Rückzug 1983 von der Universität Berlin entwickelte und leitete Harry Pross in seinem Wohnort Weiler im Allgäu die Internationalen Kornhaus-Seminare. Er wählte hierzu wechselnde Themen aus dem Bereich Kommunikation aus und ließ sie von hochrangigen Experten unter verschiedenen Perspektiven beleuchten. Außerdem veröffentlichte er zahllose Beiträge in Zeitungen, Zeitschriften, Sammelbänden und im Rundfunk.

Harry Pross typologisierte 1970 die Medien abhängig von deren Produktions- und Rezeptionsbedingungen:[1]

  • primäre Medien sind Mittel des menschlichen Elementarkontaktes ohne Gerät,
  • sekundäre Medien bedürfen zu ihrer Hervorbringung, nicht jedoch zu ihrer Wahrnehmung, Geräte,
  • tertiäre Medien setzen auf Seiten des Produzenten wie auf der des Konsumenten Geräte voraus.

Internationale Kornhaus-Seminare[Bearbeiten]

  • 1984 Kitsch als soziales Produkt
  • 1985 Heimat und Heimatlosigkeit
  • 1986 Mahlzeiten im Wandel
  • 1987 Freunde und andere
  • 1988 Mundart und Mündigkeit
  • 1989 Jubilieren und memorieren
  • 1990 Europa der Regionen
  • 1991 Märchen, Botschaften der Freiheit
  • 1992 Vom Spielen
  • 1993 Vom Umgang mit der Zeit

Auf Einladung von Harry Pross führten bei diesen Gelegenheiten Vorträge und Gespräche u.a.: Hans Abich, Hermann Bausinger, Aron Ronald Bodenheimer, Ivan Bystrina, Christa Dericum, Gennadi Moissejewitsch Faibussowitsch, Lilly Faktor-Flechtheim[2], Vilém Flusser, Elisabeth Genton, Irmgard und Helmwart Hierdeis, Vladimír Karbusický, Lew Kopelev, Raissa Orlowa-Kopelewa, Günter Kunert, Helmut Lamprecht[3], Salcia Landmann, Hermann und Hanne Lenz, Gertraud Linz, Abraham Moles, Carlo Mongardini[4], Kurt Passon, Hans A. Pestalozzi, Alfred Pfaffenholz, Vicente Romano, Manfred Schmeichel, Kurt Sontheimer, Hertha Sturm, Martin Walser, Philipp Wambolt von Umstadt, Wulf Wülfing, Rudolf Prinz zur Lippe.[5]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

als Autor

  • Bracke. Gedichte. 1945.
  • Der Osten und die Welt. Ein Versuch anhand sowjetischer Karikaturen. Eremiten-Presse, Frankfurt/M. 1952.
  • Georg Weerth und sein Verhältnis zu Friedrich Engels. Aus Anlass seines 100. Todestages am 30. Juli 1956. In: Mitteilungen aus der lippischen Geschichte und Landeskunde, Bd. 25 (1956), S. 167-177.
  • Deutsche Politik 1803–1870. Dokumente und Materialien. Fischer, Frankfurt/M. 1962 (Fischer-Bücherei; 415).
  • Vor und nach Hitler. Zur deutschen Sozialpathologie. Walter-Verlag, Olten 1962.
  • Literatur und Politik. Geschichte und Programme literarisch-politischer Zeitschriften im deutschen Sprachgebiet seit 1870. Walter-Verlag, Olten 1963.
  • Jugend, Eros, Politik. Die Geschichte der deutschen Jugendbewegung. Scherz Verlag, Bern 1964.
  • Dialektik der Restauration. Ein Essay. Walter-Verlag, Olten 1965.
  • Moral der Massenmedien. Prolegomena zu einer Theorie der Publizistik. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1967.
  • Publizistik. Thesen zu einem Grundcolloquium. Luchterhand Verlag, Neuwied 1970.
  • Söhne der Kassandra. Versuch über deutsche Intellektuelle. Kohlhammer, Stuttgart 1971.
  • Protest. Über das Verhältnis von Form und Prinzip. 'Luchterhand Verlag, Neuwied 1971.
  • Die meisten Nachrichten sind falsch. Für eine neue Kommunikationspolitik. Kohlhammer, Stuttgart 1972 (Urban-Taschenbücher; 816).
  • Medienforschung. Film, Funk, Presse, Fernsehen. Verlag Habel, Darmstadt 1972 (Das Wissen der Gegenwart).
  • Politische Symbolik. Theorie und Praxis der öffentlichen Kommunikation. Kohlhammer, Stuttgart 1974 (Urban-Taschenbücher; 866).
  • Einführung in die Kommunikationswissenschaft”. Kohlhammer, Stuttgart 1976, ISBN 3-17-002547-3 (zusammen mit Hanno Beth).
  • Politik und Publizistik in Deutschland seit 1945. Zeitbedingte Positionen. Piper, München 1980, ISBN 3-492-00513-6.
  • Zwänge. Essay über symbolische Gewalt. Kramer Verlag, Berlin 1981, ISBN 3-87956-142-7.
  • Buch der Freundschaft. Herder, Freiburg/B. 1991, ISBN 3-451-04044-1 (Herder Spektrum; 4044).
  • Protestgesellschaft. Von der Wirksamkeit des Widerspruchs. Artemis & Winkler, München 1992, ISBN 3-7608-1941-9.
  • Memoiren eines Inländers 1923–1993. Artemis & Winkler, München 1993, ISBN 3-7608-1945-1 (Autobiographie).
  • Der Mensch im Mediennetz. Orientierung in der Vielfalt. Artemis & Winkler, Düsseldorf 1996, ISBN 3-538-07042-3.
  • Kommunikationstheorie für die Praxis. In: Axel Kutsch, Horst Pöttker (Hrsg.): Kommunikationswissenschaft - autobiographisch. Zur Entwicklung einer Wissenschaft in Deutschland. Westdeutscher Verlag, Opladen 1997, ISBN 3-531-12879-5, S. 120-138 (Publizistik. Vierteljahreshefte für Kommunikationsforschung; Sonderh. 1).
  • Zeitungsreport. Deutsche Presse im 20. Jahrhundert. Böhlau, Weimar 2000, ISBN 978-3-7400-1125-3.

als Herausgeber

  • Außenpolitik. Fischer, Frankfurt/M. 1958 (Das Fischer-Lexikon; Bd. 7; zusammen mit Golo Mann).
  • Die Zerstörung der deutschen Politik. Dokumente 1871–1933. Neuausg. Fischer, Frankfurt/M. 1983, ISBN 3-596-23491-3 (Dokumentensammlung zur deutschen Politik seit Bismarcks Reichsgründung).
  • Deutsche Presse seit 1945. Scherz-Verlag, Bern 1965.
  • Rituale der Medienkommunikation. Gänge durch den Medienalltag. Guttandin & Hoppe 1983, ISBN 3-922140-18-1 (zusammen mit Claus-Dieter Rath).
  • Kitsch. Soziale und politische Aspekte einer Geschmacksfrage. List, München 1985, ISBN 3-471-78423-3.

Literatur[Bearbeiten]

  • Christian Weischer (Hrsg). Dialoge. Zehn Jahre Kornhaus-Seminar. Festschrift für Harry Pross zum 70. Lagrev Verlag, München 1993, ISBN 3-929879-21-2.
  • Günter Bentele: Harry Pross wurde 75. In: Publizistik. Bd. 44 (1999), Heft 1.
  • Roland Links (Hrsg.): Kurt Tucholsky-Preis für literarische Publizistik 2001 an Harry Pross. Kurt Tucholsky-Gesellschaft, Berlin 2001 (i.A. im Auftrag der Kurt Tucholsky-Gesellschaft).
  • Bernd Kramer (Hrsg.): Lob der Anarchie. Erfahrenes und Erlesenes; Essays über Camus, Gustav Landauer, Martin Buber, B. Traven, Erich Mühsam, Leo Tolstoi. Kramer Verlag, Berlin 2003, ISBN 3-87956-290-3 (erschien anlässlich von Harry Pross' 80. Geburtstag).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Harry Pross: Publizistik: Thesen zu einem Grundcolloquium. Luchterhand, Neuwied 1970, S. 129.
  2. verheiratet mit Ossip K. Flechtheim
  3. damaliger Kultur-Chef von Radio Bremen
  4. italienischer Politikwissenschaftler
  5. Herbert Spaich: Unmaßgebliche Bemerkungen zu zehn und mehr sentimentalen Reisen nach Weiler im Allgäu In: Christian Weischer (Hrsg.): Dialoge.